Bergfest

Das erste Schulhalbjahr ist vorbei. Ein Schulhalbjahr, bei dem ich nicht Lehrerin war, sondern einfach nur ICH. Für mich heißt das, dass auch die Hälfte meines Sabbaticals vorüber ist. Ich finde, ich habe mich wacker geschlagen, viel erlebt, ganz schön viele Entscheidungen getroffen, eine Menge Pläne für die Zukunft gemacht.

Zu Beginn des freien Jahres gab ich mich noch dem Gefühl hin, alles oder zumindest sehr vieles sei offen, die nähere und auch die weitere Zukunft lägen vor mir wie die Straßen einer Fächerstadt, ich stünde am Zentrum und könnte diesen oder auch einen anderen Weg einschlagen, die einander gegenüberliegenden Richtungen stünden mir frei, ich müsste nur einfach losgehen. Das gleiche Gefühl hatte ich auch direkt nach dem Abitur, alles war offen, ich und mein Leben waren voller Möglichkeiten.

Tatsächlich war das damals vor über 40 Jahren eine Illusion, ist es auch jetzt mit knapp 60 gewesen. So wirklich frei ist man niemals. Auch zu Beginn des Sabbaticals hatte ich insgeheim eine Menge schon entschieden, gab mich nur nach außen völlig offen, einfach weil ich verliebt war in diesen Zustand des Offenseins und glaubte, dadurch seiner habhaft werden zu können.

Um es nun konkret zu machen: Dieses Sabbatical sollte ein Reisejahr werden, die Koordinaten „Europa bis an die Grenzen“ hatte ich bereits festgelegt und daran hat sich auch bislang nichts geändert. Darüber hinaus gab und gibt es auch den Plan, eine frühere Beziehung, die nach Jahrzehnten kläglich gescheitert war, nun auch endlich dinglich zu beenden. Ich wollte mein Leben entrümpeln und mir wieder zu eigen machen.

Es hat erstaunlich lange gedauert, wenn ich ehrlich bin, bis vor einigen Wochen, bis ich damit ernsthaft begonnen habe. Die Initialzündung gab nicht Marie Kondo mit ihren Aufräumvideos, sondern einfach der Umstand, dass es bei mir eben nun genau so weit war. Ich begann mit einer Schublade unter dem Schreibtisch, darin hunderte von Briefen, Zetteln, Postkarten. Ganz viele von lieben Menschen, einige von Leuten, an die ich mich nur vage erinnere und auch solche von Leuten, die aus gutem Grund keine Rolle mehr in meinem Leben spielen. Ich sichtete und sortierte, schmiss weg und packte fort. Der Papiermüll quoll über und ich merkte, dass ich das Ende eines Fadens gefunden hatte, der weit mehr nach sich zog als eine leere Schublade und einen vollen Papierkorb. Erst spät in der Nacht kam ich zur Ruhe. Während der Schulzeit wäre ich nie an diesen Punkt gelangt, weil ich im Kopf an ganz anderen Stellen gewesen wäre. Für Kehrtwenden braucht man einen freien Kopf.

Ordner leeren, Papier schreddern, Fach um Fach nehme ich mir vor. Ebay, Recyclinghof, Sozialstation. Das Wohnmobil wird umfunktioniert zu einem Fortschafffahrzeug. Da müssen wir durch, das Wohnmobil und ich.

Ich treffe auch Entscheidungen bezüglich der Wohnung, in der ich lebe. Bestätige, DASS ich hier leben will und entwickle Visionen zum WIE. Beginne, meinen finanziellen Rahmen zu checken und seine Grenzen auszuloten. Ich erobere mir die Herrschaft über mein Leben zurück. Das neue Lebensjahrzehnt, das in wenigen Wochen startet, ist dafür ein guter Zeitpunkt, finde ich.

Nicht mehr lang, und der Frühling ruft wieder nach neuen Reisen. Irland heißt dann das Ziel. Herr W. und ich und Laki freuen uns schon und können es kaum mehr erwarten. Aber bis dahin – Ramadama!!!