Wales

Wir überqueren den Severn über eine riesige Brücke, der Fluss darunter erinnert mich in seiner Breite an die Girondemündung, er ist ein wenig wie ein eigener Meeresarm. So wie wir jedoch festen Boden unter den Rädern haben, zeigen Schilder durch Zweisprachigkeit, dass wir uns nun in Wales befinden, außer Englisch wird hier gleichberechtigt auch Walisisch gesprochen. Ansonsten ändert sich zunächst wenig, doch nach und nach wird es ländlicher, die Bewaldung nimmt zu und vor allem die Rhododrendronbüsche blühen allerorten, in allen verfügbaren Farben, innerhalb und außerhalb von Gärten. Es ist, als sei der Rhododendron die heimliche Symbolpflanze von Wales. Die Route führt uns entlang lieblicher kleiner Flussläufe, über kahle Höhenzüge und durch kleine Dörfer und Städtchen. Einmal halten wir an, da wir Laki Auslauf geben wollen, aber auch, weil wir eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank essen und uns anhand der Karte für einen Platz für die Nacht entscheiden wollen. Viele Campingplatze haben hier noch nicht offen oder sie akzeptieren keine Hunde, da ist die Auswahl nicht so groß. Unsere Wahl fällt auf einin Platz einige Kilometer vor Caernarfon, von dem aus der Mount Snowdon und der umliegende Nationalpark leicht erreicht werden können. Er liegt an einer kleinen Straße, mal rechts und mal links begleitet von einer Schmalspureisenbahn. Auf dem Hof ist kein Campingplatz erkennbar, es gibt lediglich einige Garagen und technische Gebäude. Wir klingeln, es kommt eine rotbrünette Dame mittleren Alters und erkennbar schlechter Laune heraus, die nicht nur innerlich giftet, weil wir so spät kommen und sie schon keine Lust mehr hat, jetzt abends um fünf neue Gäste aufzunehmen. Wir fragen dennoch dies und das und allmählich kehrt ihre Professionalität zurück uns sie erklärt uns, wie der Platz funktioniert und wie wir in den Genuss der Sehenswürdigkeiten in der Umgebung kommen. Von ihr lerne ich auch, dass Caernarfon so ähnlich ausgesprochen wird wie CERNOOFEN. Muss walisisch sein, oder so. Wir begleichen sogleich unsere Rechnung für die nächsten Tage, damit wir ihr nicht nochmal auf die Nerven gehen müssen.
Um auf den Platz zu kommen, müssen wir über eine winzige Brücke, die über die Schmalspurschienen führt. Unser zugeteilter Platz liegt auf Rasen, wir sind weit und breit die einzigen Nutzer, doch Strom ist gleich daneben, eine Wasserstelle gibt es auch, am nahen Horizont erstreckt sich eine beeindruckende kahle Bergkette, in Spuckweite plätschert ein idyllischer kleiner Wasserlauf. Herr W. kocht das Abendessen, ich erkunde mit Laki den Platz und die Umgebung. Die Architekten von „Mein wundschöner naturnaher Garten“ wären überfordert gewesen, wenn sie dergleichen hätten realisieren sollen. Das Gras ist unbeschreiblich grün und gleichmäßig, das Wasser des Bächleins sprudelt glasklar, selbst die Steine auf seinem Grund liegen perfekt zufällig angeordnet. An der Weide hängt im letzten Abendsonnenschein eine Brettschaukel an langen Hanfseilen, Trollblumen leuchten dottergelb im Schatten. Es IST perfekt.

Am nächsten Morgen, nach einer bitterkalten Nacht, genehmigen Laki und ich uns ein ausführlicheres Gassi und stellen dabei fest, das das Bächlein zu einem ganzen System gehört, dass auf der anderen Seite die Schafweiden beginnen, aber auch, dass es auf dem Campingplatz ganze riesige Bereiche voller gesplitteter Parzellen gibt, die alle mit einförmigen parallel stehenden Wohnwägen vollgestellt sind. Da sind wir doch über unseren Rasenplatz weit ab vom Schuss froh.
Wir wollen das Areal um den Mount Snowden erkunden und fahren dafür nach Llanberis. Gleich am Ortseingang gibt es einen großen Parkplatz, wo unser Wohnmobil gut steht, während wir wandern. Der Ort selbst ist touristisch gut erschlossen, besonders die vielen Läden für Bergsteigerausrüstung fallen auf. Es gibt einige Cafes und Pubs, die heben wir uns für später auf. Erst geht es zur Zahnradbahnstation. Man kann auf den Mount Snowden alpin steigen, diese Routen gelten als sehr anspruchsvoll. Es gibt aber auch Wanderwege, die ein Stück in die Höhe führen und es gibt die Zahnradbahn, wo sowohl Bahnen mit Dampf als auch welche mit Dieselbetrieb fahren. Wir erkundigen uns, erkennen aber gleich, dass das für uns nichts ist, denn es werden keine Hunde mitgenommen, nur Blinden- und Assistenzhunde. Und Laki ist zwar prima, aber so weit ist sie nun doch nicht. Bleibt also nur das Wandern. Wir finden einen Einstieg, der uns erst auf einer Straße durch die Siedlung von Llanberis führt. Uns fällt auf, dass vor vielen der kleinen Häuser sogenannte „Gärten des Grauens“ angelegt sind, entweder Kiesflächen voll mit Müll, oder welche mit einer unsäglichen Horde von Gartenszwergen und anderem keramischem Kitsch. Offenbar leiden bei einigen Menschen die gärtnerischen Ambitionen, je großartiger die Natur ringsum ist. Nach einem Viehgitter sind wir am Berg. Um uns herum öffnet sich das Land, auf Schotterwegen kommen wir durch viel Weideland. Wir steigen über Viehzäune, hüpfen über Bäche, überqueren einmal die Schienen der Zahnradbahn. Wenn Schafe in der Nähe sind, zur Zeit sind es auch viele niedliche Jungtiere, muss Laki an die Leine, sonst läuft sie frei. Immer enger wird das Tal, wir kommen an einigen aufgegebenen Höfen vorbei, bis wir endlich an einem Tor stehen, das zu Privatbesitz gehört. Da kehren wir um.

Die Sonne steht hoch, allmählich werden wir durstig. Da sehen wir unweit etwas im Gras brennen. Auch auf der anderen Wegseite steigt eine Rauchsäule hoch. Wir schauen nach, und tatsächlich, das Gras brennt. Was tun? Austrampeln hilft fürs Erste, aber ob das sicher ist? Wasser muss her, aber hier gibt es keines. Mutig wie wir sind, ziehen wir nacheinander blank und löschen das gefährliche Feuer allein durch die Kraft unseres Urinstrahls. Welch ein Hochgefühl! Rückwirkend ist uns natürlich klar, dass das Feuer bei der Gesamtfeuchtigkeit auch so irgendwann ausgegangen wäre, und dass es hier entlang der Dampfbahn durch herabfallende Kohlestückchen ständig brennen muss. Trotzdem – wer kann schon von sich behaupten, dass er an einem walisischen Berg ein Feuer ausgepinkelt hat? Wir schon!
Zurück in Llanberis stellen wir fest, dass alle Cafes geschlossen haben und dass der Pub keine Hunde duldet. Da bleibt uns nur das Fish-and-Chips-Schnellrestaurant. Laki darf mit rein, wir haben einen Tisch für uns, die Portion ist riesig und wirklich günstig und total lecker. Ich komme mit einer jungen Mutter am Nachbartisch ins Gespräch und wieder verstehen wir uns auf Anhieb. Laki ist der Star des Lokals und wird von allen Anwesenden mit viel Lob bedacht.

Da wir noch einkaufen wollen, fahren wir die paar Kilometer nach Caernarfon. Die kleinen Geschäfte haben zwar schon zu, aber wir laufen um die riesige Burganlage herum, entlang des aufgrund der Ebbe fast leeren Flusslaufs mit seinen im Schlick liegenden Booten, entlang der Mündung. Die Sonne scheint, überall wehen Fahnen mit den roten walisischen Drachen und die Stimmung ist wunderschön.

Allein, wir finden keinen Supermarkt. Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir einen riesigen Morrissons-Markt, der alles hat, was das Herz begehrt. Mit aufgestockten Vorräten geht es zurück zum Campingplatz, denn morgen wollen wir nach Irland aufbrechen.
Dafür muss man über zwei Inseln, zuerst über eine enge Meeresstraße nach Anglesay und von dort aus auf die Insel Holyhead. Als wir in Holyhead ankommen, schüttet es wie aus Kübeln. Der Zugang zur Fähre ist weitaus unspektakulärer als der in Calais. Herr W. bleibt im Auto und ich laufe mit übergezogener Kapuze nach vorne, um herauszufinden, wo es die Tickets gibt. Kein Schild, nichts hilft. Ich frage einige Motorradfahrer, die ungerührt im Regen neben ihren Fahrzeugen ausharren. Ich muss nach drüben, über die Spuren der ankommenden Fahrzeuge, dort gibt es einen Terminal. Drinnen sind eine Menge Sitzschalen aus undefinierbarem rosa Plastik, hinter einigen Holzschaltern warten Mitarbeiter. Ich bekomme ein paar Fragen zum Fahrzeug gestellt – vom Hund will der Mann im Gegensatz zu dem in Calais überhaupt nichts wissen – zahle mit Kreditkarte und erhalte ein formloses Ticket. Damit eile ich zurück zur Schlange der wartenden Autos. Es regnet immer noch, bis zur Abfahrt ist es noch eine Stunde. Da Laki danach mindestens zwei Stunden allein im Fahrzeug bleiben muss, gehe ich mit ihr nochmal raus. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, ich laufe im Wesentlichen die Schlange der wartenden Autos rauf und runter. Ein junger Mann schickt mich weg, denn dort vorne seien seine Mitarbeiter mit einem „dog on work“, der solle nicht von meiner Laki abgelenkt werden. Ich bin versucht, gerade nun mich weiterhin hier rumzutreiben, einfach nur um zu gucken, was passiert, wenn Laki solch einen Arbeitshund ein bisschen aufmischt, doch dann füge ich mich und nehme Laki mit ins Auto.
Endlich werden wir herangewunken und reihen uns ein in die Schlange derer, die aufs Schiff fahren. Zu unserer Überraschung wird genau bei uns ein neues Deck angefahren und wir kommen als einzige GANZ vor. Herr W. traut sich erst gar nicht, sich mittig vorne hin zu stellen, da ermuntert ihn der blonde Mann in der gelben Jacke in bestem Deutsch, er soll mal ruhig nicht so zurückhaltend sein, es sei schon richtig, ganz nach vorne solle er. Das tun wir dann auch. Dieses Mal überprüfen wir Laki und das Auto noch viel sorgfältiger. Halsband, Haltüchlein, alles kommt sicher weg, wieder gehen wir unauffällig raus und begeben uns nach oben.

Diese Fähre ist noch luxuriöser als die erste. Chrom, poliertes Holz, Intarsien, Glas in allen Farben; das ist nicht nur eine Lounge, sondern das Foyer eines Luxushotels. Während Herr W. die Fahrt der letzten Stunden sacken lässt, gehe ich auf dem Schiff umher und sehe mich um. Im Laden kann wieder mit Euro bezahlt werden, was ich sogleich ausprobiere, es gibt mehrere Restaurants, einen Kinderspielbereich, eine Spielhölle mit einarmigen Banditen, die stets alle belegt sind, lange Flure mit Teppichbelag. Erst gegen Abend laufen wir in den engen Hafen Dublins ein, es ertönt die Ansage, dass die Fahrzeugbesitzer zu ihren Autos zurück dürfen. Wir sind gespannt, aber dieses Mal scheint Laki trotz der langen Zeit allein keinen Unfug getrieben zu haben. Vielleicht hat der nette blonde Mann mit der gelben Weste sie ja auf deutsch beruhigt.