Von Trondheim nach Hause

Ab jetzt fotografiere ich die Sonne und das Licht, wo immer sie mir auf dem Schiff begegnen. Ich bin richtig süchtig danach.

Der letzte volle Seetag beginnt früh morgens mit einem dreieinhalbstündigen Stop in Trondheim. Hier sind wir ja zu Beginn unserer Reise schon gewesen, daher beschließen wir, uns weiter südwestlich zu halten, wo das neuere Trondheim liegt, wo es laut Stadtführer aber auch winzige Durchlässe zu anderen Straßen gibt, die zu klein für Stadtpläne sind. Auch wir finden nicht viele, sie sind offenbar wirklich winzig, ein ganz kleiner Platz, die „Vaterlandsveita“ bringt uns zum Schmunzeln. Es gibt offenbar in mehr Sprachen deutsche Lehnwörter, als es uns bewusst ist.

In Norwegen wohnen Königs in einem Holzhaus. Aber in was für einem! Stiftsgarden ist das größte Holzhaus Norwegens und der königliche Sitz in Trondheim. Es ist in Hufeisenform gebaut, und hat 140 Räume, die ineinander übergehen. Davor gibt es allerdings nichts, was auf verstärkte Sicherheitsmaßnahmen oder ein besonders ausgeprägtes Repräsentationsbedürfnis schließen lässt. Man kann direkt daran vorbei gehen, die rotweiße Kette ist in Norwegen oft vor Gebäuden gespannt, damit Dachlawinen oder herabstürzende Eiszapfen die Passanten nicht verletzen können. Ich vermute, dass man hineinschauen könnte, wenn man sich auf Zehenspitzen vor die Fenster stellt.

Der Marktplatz präsentiert sich als gigantische Großbaustelle, wo mittendrin die Olavsstatue, die eigentlich Zeiger einer riesigen Sonnenuhr ist, neben modernen Elementen zwischen Kranen und tiefen Erdlöchern steht, daneben gibt es moderne Einzelhandelsgeschäfte und Einkaufspassagen.

Eigentlich wären wir rasch weiter gegangen, wenn ich nicht vor einem der Häuser eine Hundebox gesehen hätte. Davon habe ich bereits im Internet gelesen, aber ich habe sie noch nie gesehen. Es scheint folgendermaßen zu funktionieren: Man meldet sich über eine App an und kann dann den Hund während des Einkaufs in die beheizte Box setzen. Es gibt Luftschlitze, die Rückwand ist halbtransparent. Außen wird digital die Innentemperatur angezeigt. Per App wird die Box geschlossen und der Hund ist darin sicher. Er kann einerseits nicht gestohlen werden, andererseits kann er auch nichts anstellen. Niemand kann ihm irgendwelches Futter zustecken, er ist abgeschirmt und kriegt doch mit, was draußen vor sich geht. Es war gerade kein Hund drinnen. Herr W. und ich haben beim Weitergehen noch eine Weile das Für und das Wider einer solchen Box erörtert. Dennoch sind wir beide der Ansicht, dass unsere Laki eine solche Box eher blöd finden würde.

Als wir zum Schiff zurück kommen, bin zumindest ich richtig durchgefroren. Denn trotz des Tageslichts sind die Temperaturen recht niedrig, so dass sogar Trondheims Yachthafen an manchen Stellen von Eis bedeckt ist. Aber es gibt ja bald warmes Mittagsbuffet, das gleicht Wärme- und Energieverluste rasch aus.

Schon während des Essens fährt die MS Spitsbergen weiter. Bis sie von Trondheim heraus wieder zum Norwegischen Meer kommt, muss sie den windungsreichen Trondheimfjord passieren. Da hier offenbar Luft- und Wassermassen verschiedener Temperaturen aufeinander treffen, gibt es atemberaubende Nebelschleier dicht über dem Wasser. Wir sitzen am Fenster, verdauen, halten ein Buch auf dem Schoß und genießen durch die großen Glasscheiben diesen letzten Reisetag.

Der wirklich allerletzte Tag beginnt morgens mit dem Aufräumen der Zimmer, wir sollen bis 9.00 Uhr die Koffer rausstellen und bis 10.00 die Kabine geräumt haben. Ab jetzt fühlen wir uns auf dem Schiff wie Gäste. Ohne eigenen Raum ist es irgendwie anders, obwohl wir gar nicht so viel Zeit darin verbracht haben. Wir sitzen am Fenster und schauen hinaus. Die Ortschaften häufen sich, es gibt mehr Straßen, mehr Masten, mehr Bäume. Mehrfamilienhäuser und ganze Wohnblocks kündigen Bergen an. Das Schiff legt an und nach alter Manier gucken wir, ob das Manöver klappt. Wieder wartet draußen ein Mann in gelber Weste, wieder stehen Gabelstapler bereit. Die Gangway wird runtergelassen und weil unser Schiff so niedrig ist, können unsere Passagiere nicht den normalen Weg zum Gebäude nehmen, sondern müssen über einen kleinen Platz laufen. Die Crew unseres Schiffes wird hier ausgewechselt und einige gehen noch vor den Passagieren raus. Sie waren jetzt zwei Wochen im Dienst und werden sich sicher auf die Freizeit freuen. Wir lassen allen anderen den Vortritt und gucken zu. Draußen auf dem Kai werden verpackte Paletten mit neuer Fracht bereit gestellt, die nun nordwärts verschifft wird. Zu unserem Erstaunen sehen wir dabei drei weiße Särge in durchsichtiger Plastikfolie. Wenn der Frühling kommt, kann man droben im Norden vermutlich auch wieder beerdigen.

Wir checken ein letztes Mal mit unserer Plastikkarte aus, der Computer gibt uns mit seiner künstlichen Stimme ein abschließendes „Good byyee!“. Wir holen unsere Koffer am Band, suchen den Bus, der zum Flughafen fährt. Ich kaufe am Flughafen in Bergen mit meiner Kreditkarte noch ein letztes Enkelgeschenk, dann wird es Zeit durch die Kontrollen zu gehen. Natürlich wird wieder alles beanstandet! Andere Leute kommen en passant durch, und wir kriegen jedes Teil auseinander genommen. Dieses Mal ist es das laktosefreie Milchpulver für den Kaffee, das ich im Rucksack habe. Rucksack und mein Körper müssen daher den Sprengstofftest bestehen, Computer und Kamera müssen ausgepackt und hergezeigt werden, die Fitbit an meinem Handgelenk löst ein Piepsen aus. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für diese Akribie und totalem Genervtsein.

Als wir in Amsterdam zwischenlanden, versichern wir uns sogleich, dass unser Gepäck durchgecheckt wird. Nun haben wir Zeit. Wie zu erwarten gibt es hier im Flughafen reichlich Tulpen und viel Käse. Ich berausche mich an der üppigen Farbenvielfalt der Blumen und kaufe Käse für zu Hause. Die Zeit bis zum Anschlussflug vertreiben wir uns mit dem ersten bezahlbaren Bier seit zwei Wochen. Ich lege eine angemessene Menge Euros auf den Tisch und wir bekommen zwei extrem heruntergekühlte Heinecken hingestellt. Passt.

Eine Durchsage sorgt direkt am Gate noch einmal für Bluthochdruck: Die Fluggesellschaft kündigt an, dass unser Flug überbucht sei und es werden Passagiere gesucht, die bereit sind, ihren Flug auf morgen zu verschieben, die Übernachtung gäbe es auf Kosten den Fluggesellschaft. Erstaunlicherweise melden sich einige Leute, so dass wir das Flugzeug wie geplant besteigen können.

Als wir in Frankfurt landen, ist es spät in der Nacht. Der Flughafen ist fast leer, alles zu. Ob die Busse noch fahren, wie wir es vorher im Fahrplan herausgesucht haben? Nach einiger Zeit finden wir die Haltestelle, aber alles ist sehr kryptisch und irgendwie nicht nachvollziehbar. Wir sind fast die einzigen Wartenden, es ist kalt und ungemütlich. Ich bin müde, hungrig, und eigentlich reicht es mir. Endlich kommt der Bus, auch der Anschlusszug fährt. Weit nach Mitternacht sind wir endlich zu Hause. Als wir uns hinlegen, schaukelt das Bett und die Wellen der Norwegischen See wiegen uns in den Schlaf.

Trondheim

Die Nacht war stürmisch, aber es gab keine weiteren unangenehmen Vorkommnisse. Beim Frühstück schauen wir uns um. Die Menschen im Speisesaal sehen überwiegend ein wenig mitgenommen aus, aber offenbar ist es bei ihnen wie bei uns: Essen geht schon wieder. So langsam finden wir uns ein auf dem Leben an Bord. Heute sollen wir nach Trondheim kommen, und zwar morgens. Vorher hält das Schiff schon an einigen anderen Häfen, aber jeweils nur kurze Zeit zum Einsteigen und Aussteigen, um Fracht zu laden und zu löschen und um Proviant zu bunkern und Müll und anderes zurückzulassen. Das Schiff funktioniert tatsächlich als Vielzweckverbindung zwischen Süd- und Nordnorwegen. Das merkt man immer deutlicher, je weiter man nach Norden kommt. In einem Buch wurde diese Route halb scherzhaft als Staatsstraße 1 bezeichnet. Die Norweger, die mit uns reisen erkennt man sofort. Sie schauen weitaus weniger begeistert aus dem Fenster, haben oft Kinderwagen und eine Menge Gepäck dabei und ziehen sich oft gar nicht weiter aus, weil sie ja in drei oder vier Stunden schon wieder aussteigen. Ich dagegen laufe hier in bequemer Kleidung herum mit Crocs an den Füßen. Doch können sie wie wir die Annehmlichkeiten der Seereise nutzen und sitzen mit Kind und Kegel im Restaurant dabei oder in der Bar.

Zurück zu Trondheim. Wir verlassen das Schiff noch in der Dunkelheit und stapfen im Schnee den Schildern SENTRUM nach. Vorbei am winterlichen Yachthafen über etliche Brücken kommen wir immer weiter in die Stadt. Es gibt riesige Hotelkomplexe großer Unternehmen und kleine Geschäfte, die ihren Eingang im Schnee mit flackernden Öllichtern markieren. Die Stadt zeigt Wohlstand und Fortschritt. Dass sie Universitätsstadt ist, macht sich ebenfalls positiv bemerkbar. Wir kommen vorbei an einem Vinmonopol, das ist ein Laden, in dem es ausschließlich Alkohol gibt. Viel Alkohol und jedweden Alkohol. Aber nicht immer! Die Öffnungszeiten sind stark reglementiert, natürlich ist jetzt am Morgen noch geschlossen, der Laden ist zudem vergittert wie bei uns in Deutschland ein Laden für Schusswaffen.

Um uns einen Überblick zu verschaffen, gehen wir zuerst auf einer hübschen alten Brücke über die Nidelva, den Fluss, der Trondheim in mehrfachen Schleifen durchzieht. Am Ufer stehen auf Stelzen farbige Holzhäuser, die früher den Kaufleuten gehörten, heute allerhand anderes Gewerbe und Szenelokale beherbergen. Auf der anderen Seite geht es steil bergan und hier sehen wir zum ersten Mal einen kostenlosen Lift  für Fahrradfahrer. An der unteren Station ist kurz erklärt, wie er benutzt wird. Man stellt sich knapp neben den Bordstein, stellt auf einem Drückknopf die Geschwindigkeit ein – es gibt Anfänger / Normal / Ambitioniert und dann noch  Notstop und man stellt den rechten Fuß an einen rot angemalten Keil. Der läuft dann auf einer Schiene bergaufwärts und schiebt den Fahrradfahrer vor sich her. Man muss wohl das rechte Bein steif halten und ein bisschen aufpassen, aber es scheint zu funktionieren. Jetzt im Winter verschwindet die gesamte Anlage jedoch im Schnee. Doch haben wir hier immer wieder Radfahrer gesehen, die den Schnee nicht fürchten. Eine junge Frau schmierte auf einem Fußgängerweg mit ihrem Mountainbike weg und landete mit Karacho auf dem Boden. Lachend stand sie auf und fuhr weiter. Eine Norwegerin eben.

Wir jedoch stapfen den Berg hoch zur Festung, denn von dort soll man die Stadt von oben betrachten können. Etliche Leute mit Kinderwägen und / oder Hunden kommen uns entgegen. Vor vielen Häusern und natürlich oben auf der Festung weht die norwegische Flagge. Die Norweger haben zu ihr ein weitaus ungezwungeneres Verhältnis als wir Deutsche zu unserer. Die Flagge zu schwenken oder zu hissen ist hier etwas, das man jederzeit tut und es wird als allgemein gültige Äußerung jedweden Gefühls gutgeheißen.

Da wir nicht allzu viel Zeit zur Verfügung haben, machen wir auf halber Strecke kehrt und steuern den Nidarosdom an, den Dom aus der Zeit im Mittelalter, als Trondheim Norwegens Hauptstadt war und Olav II König war. Er steht inmitten eines malerischen Friedhofs und wirkt von der Seite fast ein wenig russisch, die Front dagegen erinnert an französische Kathedralen. Mir gefällt die Seitenansicht besser. Hinein sind wir nicht gegangen, denn wir hätten im angrenzenden Shop Tickets für umgerechnet 12 Euro pro Person kaufen müssen, und das erschien uns für eine Kirche recht viel. Die im Shop erhältlichen Postkarten zeigen viel hohe graue Gotik.

Allmählich wird es Zeit, wieder zum Schiff zurück zu gehen. Wir wählen einen Weg entlang des Flusses hinter den alten Stelzenhäusern. Rechtzeitig zum Mittagessen sind wir da. Die Ausfahrt aus dem Fjord verfolgen wir gemütlich am Fenster. Immer wieder nimmt das Schiff neue Biegungen und nur auf dem Handy können wir auf Google verfolgen, ob das, woran wir gerade vorbei fahren, eine Insel oder eine Landzunge ist. Hier ist Ortskenntnis für einen Schiffskapitän das A und O. Was unsere Frau Kapitänin während des Sturmes in der vorausgegangenen Nacht geleistet hat, wird uns zunehmend klarer.

Am Nachmittag werden wir aufs Deck gerufen, es gibt Miesmuscheln zum Probieren. Sie sind so lecker, ich ergattere zwei Portionen. Der Schiffskoch hat beste Muscheln aus der Region gekauft und weder am Wein noch an Zitronenvierteln, Chilli, Ingwer, Knoblauch und Koriander gespart.

Kurz danach kommen wir an einem putzigen Leuchtturm vorbei. Die Reiseleiterin berichtet, dass in früheren Zeiten jeweils zwei Leuchtturmwärter mit ihren Familien – und einer Lehrerin! – darin wohnten. Da der Platz vom Turm bis zum Meeressaum nur wenige Zentimeter betrug, durften die Kinder nur aus dem Turm, wenn sie mit einer Leine um den Bauch am Turm festgebunden waren. Heute kann man den Turm während der Ferien mieten, ein sicher nicht ganz billiges Vergnügen.

Beim Abendessen sitzen wir wieder im Speisesaal und schauen hinaus in die dunkle Nacht.