Südengland

Bei der Überfahrt muss Laki im Auto bleiben. Wir haben einen Platz an der Seite des Laderaums bekommen, ziemlich weit vorne im Unterdeck, neben uns mehrere Laster. Beim Aussteigen aus dem Auto bemühen wir uns, möglichst wenig Aufhebens zu machen und gehen so beiläufig wie möglich einfach raus, sperren ab und steigen die Treppen zu den oberen Decks der Fähre hoch. Es gibt oben mehrere Aufenthaltsebenen, die oberste der Luxusklasse – ja, auch auf Fähren sind die Passagiere in Klassen aufgeteilt – aber die darunter ist für einfache Leute wie uns. Wir ergattern einen Platz an einem Tisch fast vorne, wo wir sowohl nach vorne als auch zur Seite Fenster haben. Überall Teppichboden und Glanz und Chrom. Es hätte auch ein Casino sein können. Beherrscht wird der Raum von einer runden großen Bar und viele der Passagiere nutzen sofort die Möglichkeit, hier englische Speisen und vor allem Getränke zu bekommen. Wir verzichten vorerst, da sich unser Vermögen in Englischen Pfund auf gerade mal sechseinhalb Pfund und fünfzehn Pennies beschränkt, welche ich noch zu Hause in der Schublade gefunden habe. Die riesige Klappe zum Unterdeck schließt sich, die Motorgeräusche werden lauter und wir legen wegen des Winds mit einiger Verspätung ab. Frankreich entschwindet nach hinten und vor uns öffnet sich der Kanal. Als wellengangerprobte Hurtigrutenfahrer nehmen wir die Dünung kaum war, aber am Nebentisch gibt eine Frau unter der fürsorglichen Anteilnahme ihres Mannes alles von sich, was sie in sich hat. Nach einiger Zeit zeigt sich am Horizont vor uns eine weiße Linie und beim Näherkommen erkennen wir durch die getönte Scheibe die Kreidefelsen Dovers.

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Endlich ertönt per Lautsprecher die Aufforderung, dass die Autofahrer zu ihren Fahrzeugen zurückkehren sollen. Unten im Laderaum ist es laut und warm, Neonröhren erhellen die Szenerie. Laki freut sich ein Loch in den Bauch, als wir ins Auto zurück kommen. Sie war jetzt gut eineinhalb Stunden allein, das ist für sie eigentlich keine besondere Leistung, in Pompeij hat sie viel länger auf uns warten müssen. Die eigentliche Ausfahrt dauert dann noch einmal einige Zeit, da die Passagiere der ersten Klasse nicht nur einen tolleren Aufenthaltsraum erhalten, sondern auch bevorzugte Ausfahrt. Die Fährlinien wissen, wie man Geld machen kann. Dann kommen Fahrräder, PKW, zuletzt Kleinlaster, Wohnmobile und LKW. Endlich rollen wir auf britischen Boden. LINKS FAHREN heißt ab jetzt unser Mantra, das wir uns vor jedem Start vorbeten. Das ist eigentlich nicht schwierig, aber bei jedem Kreisel – und davon gibt es hier sehr, sehr viele – und vor allem auf vierspurigen Straßen gerate ich immer wieder durcheinander, obwohl ich im Moment nur die Beifahrerin bin. Dass auf der Autobahn uns ein Fahrzeug rechts überholt, kann ich kaum verkraften. An einem Rastplatz halten wir schon nach kurzer Zeit an, da ich Laki die Gelegenheit geben möchte, sich zu entleeren. Neben uns ist ein englischer PKW, die älteren Leute sind aufgelöst, hat doch der Junior sich während der Fahrt übergeben und die Rückbank und den Fußraum und alles, was dort lag mit seinem Mageninhalt bedacht. Wir bieten ihnen unsere Küchenrolle an, doch sie meinen, sie kämen zurecht. Ich bin von mir begeistert, wie souverän ich dieses erste Gespräch mit „den Einheimischen“ hier bewältigt habe. Als die Leute weiterfahren, liegt neben dem Mülleimer der völlig verschmutzte Kindersitz. So kann man es auch machen. Laki nutzt ihren ersten Spaziergang auf englischem Boden, um Unmassen von Gras hektisch in sich reinzuwürgen. Eigentlich hätte ich da schon stutzig werden müssen. Doch in meinem Unverstand serviere ich ihr noch gleich ihr Abendessen, Fisch gibt es heute. Wir fahren weiter und kurz danach ertönen hinter uns die Würgegeräusche, die jeden Hundehalter auffahren lassen: Laki hat Gras, Fisch und alle Magensäfte in einem Schwall auf den Hundeteppich erbrochen. Darin komische rote Stofffetzen. Wie ich später erkenne, hat sie in ihrem Stress auf der Fähre ihr putziges rotes Halstüchlein, welches wir ihr im Herbst in Agrigent gekauft hatten, zur Hälfte aufgefressen. Also halten wir nochmal an, schütteln das Hundekissen aus, nötigen Laki zu einem weiteren Spaziergang, packen den Hundeteppich in einen der bewährten Swirl-Müllbeutel und fahren wieder weiter. Unser Ziel ist es, London südlich zu umfahren und erst dahinter einen Rastplatz zu finden. Unsere Wahl fällt auf einen kleinen Platz namens Morn Hill, nur wenig vor Winchester. Kurz vor 20 Uhr kommen wir an, erhalten den vorletzten freien Platz und bereiten ein Abendessen aus den Vorräten. Laki erhält eine symbolische Miniportion, bis ihre Verdauung wieder normal ist. Am nächsten Morgen gehe ich mit ihr auf den Hundespazierplatz, der Teil des Campingplatzes ist, und wir treffen eine Frau meines Alters mit ihrem Dackel. Frauchen und Hunde mögen einander und wieder stelle ich mit Genugtuunng fest, dass mein Englisch, das nun wirklich nicht das Beste ist, hier im Süden hervorragend verstanden wird, dass mir die Wörter aus dem Unbewussten nur so zufliegen und dass ich tatsächlich in der fremden Sprache kommunizieren kann fast wie in meiner eigenen. Gespräche beginnen hier IMMER mit dem Wetter, das entweder großartig ist – Engländer und vor allem Iren merken das an mit einem Stolz, als hätten sie dieses großartige Wetter eigenhändig hervorgebracht – oder es ist ziemlich schlecht/kalt/beides, woraufhin mit großer Zuversicht auf das demnächst bessere Wetter verwiesen wird. In unserem Fall geht es dann weiter über unseren Hund, der in der Regel als „wellbehaved“ gelobt wird. Dann entscheidet sich, ob mehr Themen angeschnitten werden. Meistens nicht, aber wenn, dann erfährt man wirklich eine Menge, kann auch Fragen stellen und bekommt seinerseits Fragen gestellt. Wenn wir mit Stellplatznachbarn in ein auch nur oberflächliches Gespräch kommen, werden wir bei der Abreise verabschiedet, als würden wir uns als die weltbesten Freunde trennen. Gewöhnungsbedürftig, das alles, aber wenn man sich drauf eingestellt hat, funktioniert es.
Wir wollen uns Winchester ansehen, es gibt hier eine Kathedrale, die in den Reiseführern gelobt wird. Doch zu meinem Entzücken ist hier auch Trödelmarkt! Wir gehen gemeinsam die Hauptstraße hoch, es wird viel altes Zeug angeboten, Händler aus der Umgebung stellen aber auch Antiquitäten raus. Herr W. sitzt auf einem Sessel Probe. Dieser Mann passt in jeder Hinsicht hervorragend in das gute Stück und der Händler wittert seine Chance. Er würde den Sessel auch auf den Kontinent liefern. Wir lehnen ab. Denn der geforderte Preis entspricht auch ohne die versprochene Lieferung in keinster Weise der Qualität.

Die gotische Kathedrale steht inmitten eines typisch englischen Friedhofs gleich neben der Hauptstraße. Schon hier ist das Gras deutlich grüner und saftiger als in Deutschland, sind die Pflanzen größer und kräftiger und die Bäume höher und stärker. Laki wartet widerwillig am Zaun und wir gehen hinein. Da Sonntag ist, ist der Besuch kostenlos. Beim Hineingehen nimmt es mir fast den Atem. Die Orgel spielt noch, da der Gottesdienst gerade geendet hat, die hohen Räume, die überreichen Verzierungen, der Duft der Lilien, all das übt eine Wirkung auf mich aus, der ich mich kaum entziehen kann. Wie benommen schreite ich nach vorne. Erst da fallen mir die Fliesen auf, sie sind quadratisch, rot-beige bemalt, sehr alt und ihre Muster ändern sich alle paar Meter. Im hinteren Teil gibt es eine kleine Plakette, die dem Taucher William the Diver gewidmet ist, der um die Jahrhundertwende jahrzehntelang unter dieser Kirche die mit Moorwasser volllaufenden Hohlräume in einem alten Taucheranzug erkundet und Stück für Stück mit Betonsäcken unterfüttert hat. Wenn sie gedurft hätten, hätten die Einwohner hier ihn ganz gewiss heiliggesprochen.

Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir an einem Straßenmusiker vorbei, der neben sich eine programmierbare Puppe am Schlagzeug hat und vor sich einen kleinen elektronisch gesteuerten Hund vor dem Hut fürs Trinkgeld. Er selbst spielt Gitarre und die Musik ist wirklich gut. Das Besondere ist, dass sowohl der Schlagzeuger als auch der schwanzwedelnde Hund mit Leuchten versehene Skelette sind. Britischer Humor eben.

Ich hebe eine kleine Menge Britischer Pfund von meinem Konto ab, damit wir zumindest kleine Beträge begleichen können, größere Summen wie Campingplatzgebühren und Benzinkosten lassen sich hier sowieso leicht mit Kreditkarte begleichen. Mit Hilfe von Google finden wir einen Supermarkt, der auch heute am Sonntag offen hat. Das Angebot ist gut, leider gibt es keine lactosefreien Produkte, worauf ich angewiesen bin, aber ich habe noch einige Vorräte im Auto. Aber erste Eindrücke sind: Es gibt viel vorfabriziertes Essen, an Süßigkeiten herrscht kein Mangel, Fleisch ist fast unanständig billig, Bier und anderer Alkohol dagegen unverhältnismäßig teuer, das günstigste Bier kommt aus Italien!!!! Viele der einkaufenden Leute im Laden sind übergewichtig und ernähren sich offenbar recht ungesund, es gibt hier eine breite erkennbare Unterschicht. Wir kaufen ein fürs nächste Abendessen, beladen das Auto und fahren weiter in Richtung Salisbury.

Dort ergattern wir mit einem kleinen Trick einen Parkplatz mitten im Stadtzentrum und unterhalten uns kurz mit den dort an zwei Bänken lagernden Obdachlosen. Das passiert uns auf den Reisen immer wieder. Denn die Obdachlosen haben in der Regel Hunde, meist sogar recht gut erzogene. Da haben wir mit Laki immer ein Thema und vor allem Herr W. hat immer schnell einen Draht zu ihnen. Dabei erfährt man häufig ganz interessante Dinge, hier stellt sich beispielsweise heraus, dass zwei der Obdachlosen etwas zurückliegend deutsche Wurzeln haben.

Aber eigentlich wollen wir zur Kathedrale. Sowohl ich als auch Herr W. waren vor vielen Jahren schon mal dort, aber ich mag es, alten Erinnerungen neue Erfahrungen entgegenzusetzen und die alten Erinnerungen gegebenenfalls zu revidieren. Wieder liegt die wundervolle Kirche mitten im Grünen, leider kostet sie Eintritt. Doch der Zutritt zum Kreuzgang ist frei. Von dort gelangt man in einen lichtdurchfluteten achteckigen wunderschön verzierten hohen Raum. Erst ist uns gar nicht ganz klar, was das für ein Raum ist. Ringsum ist ein Fries mit alttestamentarischen Geschichten, die Decke ist kunstvoll als Rippengewölbe gestaltet, die Fenster sind hell und mit Mustern übersät, der Fußboden wieder mit bemalten rotbraunen Fliesen belegt. Interessant ist ein Zelt in der Mitte des Raumes, beim Ein- und beim Ausgang jeweils bewacht von einer Dame im amtlichen Kostüm. Wir stellen uns an, eigentlich ohne zu wissen, warum. Drinnen ist hinter einer Glasscheibe, angestrahlt von speziellen Scheinwerfern ein Originalexemplar der Magna Carta. Ich bin fassungslos. Die Wärterin neben mir meint freundlich, ich solle nur gucken, nicht fotografieren, das sei dem Papier nicht förderlich, Fotos könne ich draußen von der Kopie machen, was ich dann auch tue.

Die Magna Carta. Man hat uns in der Schule damit gequält und so wirklich habe ich damals im pubertären Alter nicht kapiert, was sie bedeutet. Heute erscheint sie auch mir als ein Meilenstein der historisch-politischen Entwicklung des Abendlands. Sie schränkt verbindlich die Willkür des Herrschers ein und bindet auch ihn an Rechte und Gesetze. Bis zur Idee von der Gleichheit alleer vor dem Gesetz ist es zwar noch ein weiter Weg, aber eine Sensation dürfte sie damals und für lange Zeit allemal gewesen sein.

Wir fahren weiter Richtung Stonehenge. Auch hier sind sowohl Herr W. als auch ich schon vor langer Zeit gewesen. Doch heute ist die gesamte Anlage touristisch voll erschlossen: ein großer kostenloser Parkplatz liegt vor dem riesigen Besucherzentrum, wo ein für uns unverhältnismäßig hohes Eintrittsgeld erhoben wird, der Steinkreis ist verborgen hinter hohen Mauern. Herr W. und ich sind uns einig, wir erhalten uns jeweils unsere Erinnerungen aus der Vergangenheit und verzichten.

Gleich ein paar Meilen weiter ist ein hübscher Campingplatz, und bei zunehmend besser werdendem Wetter checken wir ein. Unsere Essenvorräte können wir aufheben, da heute Lesley auf einer riesigen von unten mit Holzkohle beheizten Platte kocht. Dabei hat sie vieles vorbereitet und breitet dieses mit einem Spatel rasch auf der Platte aus, schiebt es wieder zusammen, wendet und gibt es auf unsere mitgebrachten Teller. Es kostet pro Person 10 Pfund, das Geld spendet sie für ihre Arbeit mit Flüchtlingen. Das Essen ist würzig, teils vegan oder vegetarisch, deutlich asiatisch inspiriert und sehr lecker. Später kommen wir mit Lesley ins Gespräch und lernen dabei eine kluge, weltoffene, hilfsbereite und sehr warmherzige Frau kennen.

Müde fallen wir ins Bett. Am nächsten Morgen unternehme ich mit Laki einen langen Spaziergang durch die typisch südenglische Landschaft hinter dem Campingplatz. Fasane, Kühe, und Schwäne fordern Laki heraus. Was bin ich froh, dass sie so gut folgt. Endlich normalisiert sich auch ihre Verdauung.

Weiter geht es nach Wales.