Bodø und DAS Licht

Nach Trondheim kommen fünf Haltestellen, wo sich das Schiff aber nur jeweils wenige Minuten aufhält, einige davon verschlafen wir. Frühstück und Mittagsbüffet und als Höhepunkt das Abendessen markieren die Fixpunkte im Tagesablauf auf der Spitsbergen, und da es morgens schon recht lang dunkel ist, verdaddeln wir die Zeit dazwischen ein wenig. An Schiff ist eine Sauna mit zwei Jacuzzis auf dem Deck, was Herrn W. sehr freut. Außerdem finden immer wieder im Laufe des Tages kleine Vorträge über Themen da, die Reisende auf dieser Route beschäftigen könnten. Ich habe beispielsweise einen Vortrag über die Samen gehört, einen über Jagd und Fallensteller und einen über die Wikinger. Das Schiff wirbt mit einem Forschungs- und Bildungsauftrag, dem es unter Anderem auf diese Weise Genüge tut. Wie wir mittlerweile wissen, ist die MS Spitsbergen nicht ganzjährig auf dieser Route unterwegs, sondern wird auch auf Excoursionen eingesetzt.

Mittags um 12.30 legen wir in Bodø an, die Abfahrt ist für 15.00 geplant. Es ist noch hell, die Sonne strahlt sogar auf die Berge. Wir ziehen uns warm an und ziehen los. In den Ort sind es nur ein paar Minuten. Schnee liegt, die Straßen sind breit, es wird viel gebaut. Überall stehen Kranen, Lieferwagen. Schlechtwetter scheint die Baubranche hier bei anhaltenden Minus 5° Celsius nicht in Erwägung zu ziehen. Es gibt ein Einkaufszentrum, viele mehrstöckige Häuser. Wie wir erst später erfahren, haben die Deutschen Bodø im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, so dass wir hier eine komplett neue Stadt besichtigen. Herr W. weiß um meine Vorliebe für Büchereien und so guckt er auf jedem Stadtplan gleich mal, wie die hier so aussieht. Die Bibliothek von Bodø ist großartig: nagelneu, ausgestattet mit allem, hell, freundlich. Wegen der vollständigen Stirnholzparkettierung trauen wir uns nicht weiter hinein, denn unsere Spikes würden das Parkett sicher in Mitleidenschaft ziehen. Es wird gleich am Eingang darauf hingewiesen, dass sich in dieser Bibliothek große Bestände in samischer Literatur befinden. Hier finden wir auch einen Handzettel, dass die Stadt sich beworben hat zur Kulturhauptstadt 2024. Wir drücken ihr ganz fest die Daumen.

Bergan stoßen wir auf die Domkirche, ebenfalls völlig neu. Eigentlich hatten wir gehofft, hier in Norwegen auch Stabkirchen zu sehen, aber die wurden leider mehrheitlich abgerissen, es gibt im ganzen Land gerade mal noch zwei Dutzend, und die liegen nicht an unserer Strecke. Die Domkirche ist ebenfalls sehr neu, hat eine markante Gestaltung der Decke und als Kreuzwegbilder Teppiche an den Wänden.

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Als das Schiff um 15.00 wieder ablegt weiter nach Norden, hat sich bereits die Dämmerung über die Stadt gesenkt.

Immer wenn, wie jetzt, die MS Spitsbergen weiter ins offene Meer hinaus muss, wird die Fahrt unruhig. Was wir zunächst als Vorteil sahen, nämlich dass das Schiff klein ist, erweist sich nun als Nachteil. Es liegt weitaus weniger stabil im Wasser als ein riesiges Kreuzfahrtschiff. Aber wir nehmen Kurs auf die Lofoten, und die liegen weiter westwärts. Gebannt verfolgen wir auf den Bildschirmen, wie das Schiff sich in Fjorde hinein und zwischen Inseln hindurch schiebt, wo wir zunächst gar kein Durchkommen sahen. Leider ist es draußen dunkel. Bei Tageslicht muss diese Fahrtstrecke atemberaubend sein.

Um 21.00 legen wir für eine Stunde in Svolvær an. Schon bei der Einfahrt in den Hafen sehen wir hell erleuchtet in der Nacht die riesigen leeren Gestelle für den Stockfisch. Er wird hier gefangen und getrocknet und später unter dem Namen bacalao oder stoccafisso in die ganze Welt, vor allem nach Portugal oder Italien exportiert. Wir gehen an Deck und da macht uns ein Mitreisender auf die Möglichkeit hellgrüner Polarlichter hinter dem Berg aufmerksam. Da! Mit ein bisschen Phantasie ahnt man sie mehr als man sie sieht. Aber da ist etwas, tatsächlich. Das Polarlicht, Aurora Borealis, entsteht zwischen der Erdmagnetosphäre und der Atmosphäre, hoch oben. Und sichtbar sind diese Lichter nur im Winter hier hoch oben im Norden oder, entprechend, auf der Südhalbkugel.

Ich ziehe mich nun noch wärmer an, nehme mein Handy und gehe vom Schiff. Der kleine Ort liegt in der Nacht ruhig am Hafenbecken. Trotz der Kälte habe ich einen deutlichen Fischgeruch in der Nase. Es ist nahezu menschenleer. Die Luft ist von einer Klarheit, wie ich sie niemals zuvor sah. Es ist unwirklich, das Sehen strengt an, die Augen sind so klare Bilder nicht gewohnt. Ich entdecke wieder die hellgrünen Schleier, die feengleich hinter dem Berg erscheinen und gleich wieder vergehen, als hätten sie Angst, dass sie Schaden nehmen könnten, wenn sie sich zu deutlich manifestieren. Das komplett schwarze Bild meines Versuchs, den Zauber auf dem Handy einzufangen, habe ich umgehend gelöscht.

Ich wandle wie ein Hans-guck-in-die-Luft durch die schneebedeckten Straßen, immer auf der Hut, dass ich nicht ins Hafenbecken plumpse. Ich sehe die Lichter an vielen Stellen, mache mir aber nicht mehr die Mühe, sie festhalten zu wollen. Völlig verzaubert komme ich wieder auf das Schiff.

Als ich tags drauf an diesem Blog schreibe, sehe ich am Nebentisch zwei schweizer Damen, die auf ihren Handys Bilder austauschen und besprechen. Nach dem vergangenen Abend bin ich sofort wie elektrisiert, wenn ich grüne Schleier auf dunklem Hintergrund sehe. Ich spreche die Damen an und sie berichten mir bereitwillig, dass sie diese Reise nun schon zum wiederholten Male machen, winters und sommers. Doch das Polarlicht habe sie nicht losgelassen. Daher hätte eine der beiden dieses Mal für den Fotoapparat ein besonders lichtstarkes Objektiv für die Nacht gekauft und damit am Vorabend diese Bilder machen können. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit und ich muss es ihr neidlos lassen, die Bilder sind phantastisch geworden. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage, ob sie mir ein Bild aufs Handy schicken möge und ob ich es dann auch im Blog veröffentlichen dürfe. Sie stimmt beidem zu und nun kann ich diesen Text mit wirklich sensationellen Bildern aufwerten. Und diese Bilder fangen sehr gut das ein, was ich dort gesehen habe:

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Dankeschön!