Ans Ende der Welt, nach Mizen Head

Gleich nach dem Frühstück fahren wir los. Das Wetter ist großartig und der blaue Himmel spiegelt sich in den Buchten und Flussarmen, die sich hier ausbreiten bis zum Meer. Einen kurzen Besuch starten wir Cobh ab. Auf Irisch heißt sie An Cobh, was ausgesprochen wird wie „En Kof“. Diese Stadt hat einige Berühmtheit erlangt, war es doch der letzte Hafen, in dem die Titanik auf ihrer Jungfernfahrt vor Anker lag. Hier war sie noch heile, hier konnte man sich noch der Illusion ihrer Großartigkeit hingeben. Dementsprechend gibt es hier ein Titanicmuseum und in vielen Läden finden sich Bilder, Andenken und Klimbim zur Titanic. Cobh ist heute eine prosperierende Kleinstadt auf einer durch Kanäle vom Festland getrennten hügeligen Insel mit einer riesigen Kathedrale, die hoch über den kleinen bunten Häusern thront. Auf dem Hafen fahren unzählige Fährschiffe, es gibt hübsche kleine Geschäfte, hier kann man offenbar gut wohnen.

Nach diesem letzten Besuch der Zivilisation geht es weiter nach Westen zu den Rings. Im Auto haben wir noch das ungespülte Geschirr vom letzten Campingplatz (er wird uns auf ewig in Erinnerung bleiben als der Platz ohne Warmwasser an der lauten Straße), aber wir haben uns schon einen riesigen Campingplatz auf dem südlichsten der Rings ausgesucht, da sollte dieses Problem im Handumdrehen gelöst sein.

Die Rings sind 5 unterschiedlich große Landzungen, die weit in den atlantischen Ozean hinausragen, zerklüftet, naturnah, pittoresk. Für den Reisenden bedeutet ein Besuch der Rings viel Fahrerei, da die Landzungen nicht durch Brücken oder Fähren verbunden sind und teilweise auch recht gebirgig sind. Aber genau dafür sind wir ja hierher gefahren.

Die Landschaft wird ursprünglicher. Wir kommen an einen hübschen kleinen Hafen, Crookhaven, um den sich einige winzige Häuser drängen. Man ist auf Touristen eingestellt, eine kleine Gallerie, der Juwelier und die drei Lokale verraten es. Aber es ist herrlich entspannt. Vor der Bar stehen am Wasser einige Bänke, Leute sitzen draußen, der hauseigene Hund nimmt mit Laki Kontakt auf und zeigt ihr den winzigen Sandstrand. Wir bummeln ein wenig herum, aber dann zieht es uns weiter. Wir wollen zum Campingplatz.

Den Campingplatz finden wir leicht, denn vor uns fahren immer mehr französische Wohnmobile, riesige Schiffe sind das! Uns wird fast ein wenig bang. Doch der Platz ist groß und gut ausgestattet, das erkennen wir schon, bevor wir überhaupt an der Schranke stehen. Ich klettere raus, und öffne die Tür zur Rezeption – doch niemand ist da. Endlich kommt eine Frau mit Schürze und Putzeimer und erklärt mir, der Platz öffne erst in drei Tagen. Und die Franzosen? Ja, die seien eine geschlossene Gesellschaft, die den Platz jedes Jahr um diese Zeit buchten. Sorry. Doch in Mizen Head könne man auch frei stehen. „Aber das schmutzige Geschirr im Auto!“, will ich einwenden, lasse es aber, denn das interessiert diese Frau sicher kein bisschen.

Wir fahren die Landzunge ab bis ans Ende nach Mizen Head: ein Leuchtturm, ein Parkplatz und ein kleines Besucherzentrum, der südwestlichste Teil Irlands. Wir stellen das Auto möglichst waagrecht ab, denn hier wird es wohl oder übel über Nacht stehen. Dann laufen wir mit Laki vor zum Besucherzentrum. Es kostet Eintritt, und dieses Mal greift mein Alter nicht. Aber Laki darf mit rein. Hinter dem Besucherzentrum gibt es einen gut ausgebauten Pfad. Links fällt steil das Gelände ab zum Meer, rechts steigt es steinig an. Eine halbe Ewigkeit stehen wir und sehen der Gischt zu, wie sie sich an den Felsbrocken tosend bricht.

Dann kommt ein metallener Gitterrsteg, von dem aus wir unter unseren Füßen noch mehr weißes Wasser gischten sehen. Rechts öffnet sich überraschend der Fels und wir haben einen spektakulären Blick auf die nächsten Landzungen Bantry und Beara.

Endlich sind wir am Leuchtturm. Die Gebäude dazu sind zu einem winzigen Museum umfunktioniert, wo man sich über die Arbeit und das Leben der Leuchtturmwärter Anfang des 20. Jahrhunderts informieren kann. Herr W. und ich überlegen eine Weile, kommen dann aber überein, dass auch mit ganz, ganz vielen Büchern ein monatelanger Aufenthalt so weit weg von allem für uns nicht in Frage käme.

Vor dem Museum sitzt eine ältere Dame, mit dickem Anorak und Jogginghose. Sie ist mir schon die ganze Zeit aufgefallen. Sie scheint uns zu verfolgen. Eine Bettlerin? Wir gehen ganz nach vorne, wo auf dem allerletzten Felsen das Drehlicht steht. Vor uns nichts. Nichts. Nochmal nichts. An Amerika mag man kaum zu denken, so weit weg ist das sowohl von den Gedanken als auch von der Kilometerzahl her.

Wir treten den Rückweg an, zurück zum Besucherzentrum. Die alte Frau ist wieder da. Sie wartet, lächelnd. Sie kommt hinter uns her. Jetzt endlich wird uns klar, dass sie hier ist, damit am Tagesende niemand hinter dem Besucherzentrum eingeschlossen wird. Denn dann fahren die Mitarbeiter nach Hause und die Eingeschlossenen wären dazu verdammt, die Nacht an diesem unwirtlichen Ort zu verbringen. Tatsächlich ist das Besucherzentrum jetzt leer und wird hinter uns umgehend abgeschlossen. Wir waren die letzten Besucher dieses Tages.

Der Parkplatz leert sich ebenfalls zusehends und bald wird klar, dass fünf Wohnmobile hier über Nacht stehen bleiben. Ohne Strom, ohne Wasserzugang, ohne Müll, ohne Licht, ohne Internet. Dafür hat ein Fahrzeug, nämlich unseres, eine Menge ungespültes Geschirr an Bord. Also erhitze ich in dem einen schmutzigen Topf ein wenig Wasser, gebe Pril dazu und spüle.

Mit einem grandioseren Ausblick hat noch nie ein Mensch gespült.

Wir kochen aus den Beständen des Wohnmobils: Kartoffeln, Salat und die dreifache Versuchung aus Black Pudding, White Pudding und verwurstetem Speck. Gar nicht mal so schlecht!!!

Von innen nach außen: Whitepudding (aus Gerste gemacht, wie Grützwurst), Blackpudding (Blutwurst) und außen der Speck, den ich persönlich am wenigsten mochte.

Bald wird es dämmrig, dafür kommt ein kräftiger Wind auf. Ich gehe nochmal mit Laki raus. Direkt am Wegesrand wächst Knabenkraut. Auf den Weiden direkt am tosenden Meer stehen Rinder. Sie muhen uns an, Laki bellt zurück. Wir schlüpfen zurück ins windgeschützte Fahrzeug. Die Nacht senkt sich herab, doch drinnen komme ich wegen des Windes, der unentwegt am Fahrzeug rüttelt, lange nicht zur Ruhe.