Hurtig, hurtig – ab in den Norden (zweiter Text – den ersten hat offenbar das Schiff verschluckt)!

Herr W. und ich haben eine Fahrt mit den Hurtigruten entlang der norwegischen Küste gebucht. Nord- und südgehend, das heißt 11 Tage. Jetzt im Winter soll es hier zwar überwiegend dunkel und auch recht kalt sein, andererseits locken die berühmten Polarlichter und die Sache ist finanziell einigermaßen machbar. Hurtigruten wirbt mit dem Slogan „Die schönste Seereise der Welt“, das muss man sich doch einmal gegönnt haben. Laki zieht indessen zu ihrem geliebten Hundesitter, enorme Futtervorräte im Gepäck.

Wir haben gepackt, ich habe uns übers Internet eingecheckt. Alles ist soweit erledigt, ein gemütlicher letzter Abend steht uns bevor, ehe die Reise am frühen Sonntagmorgen starten soll. Da ploppt auf meinem Handy der Messenger auf: Die Fluggesellschaft, die uns über Amsterdam nach Bergen bringen soll, meldet den Ausfall des zweiten Fluges. Es wird ein Ersatz angeboten, doch der ist indiskutabel, weil dieses Ersatzflugzeug erst landen soll, wenn die MS Spitsbergen, mit der wir fahren sollen, bereits in See gestochen ist. Wir rufen die Mitarbeiter von Hurtigruten an, doch die haben sich schon ins Wochenende begeben. Aus dem gemütlichen Abend ist unversehens eine kurze schlaflose Nacht geworden. …

Viel früher als geplant fährt Herrn W.s Auto in der sonntäglichen Dunkelheit in eine Kleinstadt in der Umgebung, ein Zug soll uns zu einem Bus bringen und der hat Frankfurt Flughafen als Ziel. Doch der angekündigte Zug ist nicht da, dafür ein anderer. Ich frage eine junge Frau, die bereits im Zug sitzt. „Vermutlich,“ meint sie gedehnt, „da gibt es dann einen Bus, ich hab sowas gehört. Doch, ich glaube schon. …“ Sei’s drum. Wir wuchten unser Gepäck hinein und steigen hinterher. Wie es weitergeht, werden wir dann schon sehen. Nach dem ganzen Durcheinander spielt meine Verdauung verrückt. Wir sitzen also in einem Zug, von dem wir nicht wirklich wissen, wohin er uns bringt und ich verbringe die Zeit auf dem Klo. Um es kurz zu machen: der Anschluss klappt. Es gibt wirklich einen Bus, der uns zum Terminal 1 bringt. Mit uns fahren überwiegend Mitarbeiter des Flughafens in ihrer Arbeitskleidung und tauschen sich beiläufig über den gestrigen Abend aus. Unser Bus passiert Schranke um Schranke, über dem Flugfeld schiebt sich zögernd die aufgehende Sonne in den Dunst.

In Terminal 2 befindet sich der Schalter unserer holländischen Fluggesellschaft. Wir machen uns auf erbitterte Diskussionen gefasst, doch das ist völlig unnötig. Der Angestellte übergibt uns sogleich Tickets für zwei Flüge mit der Lufthansa, die zwar später am Tag stattfinden und nicht über Amsterdam, sondern über Oslo gehen, doch wir kommen damit zeitlich hin. Dazu gibt es noch Gutscheine für Essen innerhalb des Flughafens. So einfach geht das!

Mit unserem Gepäck geht es zurück zu Terminal 1 zum Schalter der Lufthansa. Wieder einchecken, nach erneutem Umräumen mitten in der Halle die großen Koffer abgeben. Jetzt haben wir Zeit, die wir für Kaffee und ein Frühstück nutzen. Da wir nun müde werden (die Nacht war wirklich sehr kurz), beschließen wir wieder zum Terminal 2 zu fahren, weil wir die Besucherplattform aufsuchen wollen. Dort kann man draußen rumlaufen und den Flugzeugen beim Starten und Landen zugucken. Ein bisschen frische Luft täte jetzt gut. Doch es regnet Bindfäden und daher sparen wir uns die sechs Euro Ein- oder besser Austritt. Vor dem großen Fenster gibt es bequeme Sessel. Wir lümmeln ein wenig herum, und da ich nicht zur Ruhe komme, mache ich mich auf, Terminal 2 zu erkunden. Besonders begeistern mich zwei riesige Wandbilder hoch oben unter der Decke, die komplett aus Topfpflanzen bestehen und so eine Parklandschaft nachstellen.

Zurück in Terminal 1 lösen wir unseren zweiten Essensgutschein ein und machen uns bereit zum Einchecken. Da wir beide wahrlich keine Vielflieger sind, dauert das, weil wir allein bei der Handgepäck- und Personenkontrolle eine Reihe von Beanstandungen haben. Aber zumindest habe ich dieses Mal daran gedacht, mein Opinelmesserchen zu Hause zu lassen. Auf den letzten Drücker erreichen wir unser Gate und Herr W. erhält zu seiner Freude einen Platz am Notausgang mit mehr Beinfreiheit. Dafür muss er versprechen im Falle einer Notlandung dem Bordpersonal behilflich zu sein.

In Oslo müssen wir entgegen der Aussage des Frankfurter Personals zunächst komplett aus dem Landebereich heraus, durch die Passkontrolle, unsere Koffer am Rollband abholen und dann einen Stock höher wieder einchecken. Doch da das alles eine Weile dauert, ist unser Anschlussflug bereit zum Start. Wir kommen nicht mehr rein. Allmählich sind wir mit unserer Geduld am Ende, was der arme Mitarbeiter am Schalter zu spüren bekommt. Als er erfährt, dass wir eine Schiffreise im Anschluss haben, hängt er sich noch einmal ans Telefon, vergebens. Er bietet uns Flüge dreißig Minuten später an. Auch damit würden wir noch das Schiff erreichen. Mir wird klar, dass Flughäfen für derartige Fälle immer ein Ass – sprich einen Flug – im Ärmel haben. Notgedrungen nehmen wir an und verbringen nun auch im Osloer Flughafen eine kurze Zeit. Er ist kleiner, eindeutig skandinavisch gestaltet, mit viel Holz. Ich kaufe mir mit meinen in Deutschland gewechselten Kronen ein kleines Fläschchen Wasser. Für den Betrag, den ich hierfür entrichte, hätte ich woanders eine Flasche guten Sekt bekommen.

Wieder erhält Herr W. einen Platz an der Nottür, ich sitze viele Reihen hinter ihm. Aber das Schicksal meint es gut mit uns: vom Abheben bis zur Landung in Bergen scheint der Abendhimmel in der klaren Nachtluft in den wundervollsten Farben von rosa über violett und leuchtendblau bis purpur. Fürs erste sind wir vollkommen entschädigt.

Der Flughafen in Bergen ist noch kleiner und so finden wir rasch die Koffer und den Ausgang, wo der Bus abfahren soll. Doppelte Drehtüren führen nach draußen. Dort ist es dunkel, windig und kalt. Stockfinster. Stürmisch. Bitterkalt. Unverzüglich ziehen wir uns wieder nach drinnen zurück, wo auch andere mit großem Gepäck warten. Endlich rollt der Bus heran und Herr W. übernimmt das Gepäck, während ich mich um die Plätze kümmere. Um mich herum vernehme ich englisch, japanisch und breites bayerisch, letzteres am lautesten. Das kann ja heiter werden. Der Busfahrer steigt als letzter ein und macht uns als erstes unmissverständlich klar, dass jeder, der nicht angeschnallt ist, umgerechnet 160 Euro Strafe zahlt. Eiligst zerren alle Reisenden die Gurte unter ihren Hintern hervor und pfriemeln sie zusammen. Da Herr W. und ich für den Nachmittag eigentlich geplant hatten, uns Bergen anzusehen, schauen wir gebannt hinaus, um wenigstens noch einen kurzen Blick auf die Stadt zu erhaschen. Aber der Bus fährt unverzüglich in einen Tunnel, der mich an den St.-Gotthardstunnel erinnert. Als wir herauskommen, sind wir am Hafen.

Wieder gibt es einen Terminal, wieder wird uns das Gepäck abgenommen. Dafür erhalten wir einen Umschlag mit den Karten, die uns in den nächsten Tagen ausweisen werden und mit einigen Informationen. Wir queren die großzügige Halle, fahren mit der Rolltreppe hoch und steigen drüben Treppen wieder hinunter, eilen über einen windigen Vorplatz und sind im Schiff. Unser Zimmer ist wie gebucht in der Mitte des Schiffs, daher fensterlos. Doch haben wir ein großes Bett und alles ist modern und sauber, also bestens. Andere haben Stockbetten, erfahren wir später. Das Büffet ist bereits eröffnet und wir ahnen schon beim Essen, dass wir beim Heimflug unsere Mehrlast nicht in den Koffern, sondern auf den Hüften schleppen werden.

Ehe das Schiff ablegt, sind wir in unserer Kabine und liegen erschöpft in den Betten.