Von Trondheim nach Hause

Ab jetzt fotografiere ich die Sonne und das Licht, wo immer sie mir auf dem Schiff begegnen. Ich bin richtig süchtig danach.

Der letzte volle Seetag beginnt früh morgens mit einem dreieinhalbstündigen Stop in Trondheim. Hier sind wir ja zu Beginn unserer Reise schon gewesen, daher beschließen wir, uns weiter südwestlich zu halten, wo das neuere Trondheim liegt, wo es laut Stadtführer aber auch winzige Durchlässe zu anderen Straßen gibt, die zu klein für Stadtpläne sind. Auch wir finden nicht viele, sie sind offenbar wirklich winzig, ein ganz kleiner Platz, die „Vaterlandsveita“ bringt uns zum Schmunzeln. Es gibt offenbar in mehr Sprachen deutsche Lehnwörter, als es uns bewusst ist.

In Norwegen wohnen Königs in einem Holzhaus. Aber in was für einem! Stiftsgarden ist das größte Holzhaus Norwegens und der königliche Sitz in Trondheim. Es ist in Hufeisenform gebaut, und hat 140 Räume, die ineinander übergehen. Davor gibt es allerdings nichts, was auf verstärkte Sicherheitsmaßnahmen oder ein besonders ausgeprägtes Repräsentationsbedürfnis schließen lässt. Man kann direkt daran vorbei gehen, die rotweiße Kette ist in Norwegen oft vor Gebäuden gespannt, damit Dachlawinen oder herabstürzende Eiszapfen die Passanten nicht verletzen können. Ich vermute, dass man hineinschauen könnte, wenn man sich auf Zehenspitzen vor die Fenster stellt.

Der Marktplatz präsentiert sich als gigantische Großbaustelle, wo mittendrin die Olavsstatue, die eigentlich Zeiger einer riesigen Sonnenuhr ist, neben modernen Elementen zwischen Kranen und tiefen Erdlöchern steht, daneben gibt es moderne Einzelhandelsgeschäfte und Einkaufspassagen.

Eigentlich wären wir rasch weiter gegangen, wenn ich nicht vor einem der Häuser eine Hundebox gesehen hätte. Davon habe ich bereits im Internet gelesen, aber ich habe sie noch nie gesehen. Es scheint folgendermaßen zu funktionieren: Man meldet sich über eine App an und kann dann den Hund während des Einkaufs in die beheizte Box setzen. Es gibt Luftschlitze, die Rückwand ist halbtransparent. Außen wird digital die Innentemperatur angezeigt. Per App wird die Box geschlossen und der Hund ist darin sicher. Er kann einerseits nicht gestohlen werden, andererseits kann er auch nichts anstellen. Niemand kann ihm irgendwelches Futter zustecken, er ist abgeschirmt und kriegt doch mit, was draußen vor sich geht. Es war gerade kein Hund drinnen. Herr W. und ich haben beim Weitergehen noch eine Weile das Für und das Wider einer solchen Box erörtert. Dennoch sind wir beide der Ansicht, dass unsere Laki eine solche Box eher blöd finden würde.

Als wir zum Schiff zurück kommen, bin zumindest ich richtig durchgefroren. Denn trotz des Tageslichts sind die Temperaturen recht niedrig, so dass sogar Trondheims Yachthafen an manchen Stellen von Eis bedeckt ist. Aber es gibt ja bald warmes Mittagsbuffet, das gleicht Wärme- und Energieverluste rasch aus.

Schon während des Essens fährt die MS Spitsbergen weiter. Bis sie von Trondheim heraus wieder zum Norwegischen Meer kommt, muss sie den windungsreichen Trondheimfjord passieren. Da hier offenbar Luft- und Wassermassen verschiedener Temperaturen aufeinander treffen, gibt es atemberaubende Nebelschleier dicht über dem Wasser. Wir sitzen am Fenster, verdauen, halten ein Buch auf dem Schoß und genießen durch die großen Glasscheiben diesen letzten Reisetag.

Der wirklich allerletzte Tag beginnt morgens mit dem Aufräumen der Zimmer, wir sollen bis 9.00 Uhr die Koffer rausstellen und bis 10.00 die Kabine geräumt haben. Ab jetzt fühlen wir uns auf dem Schiff wie Gäste. Ohne eigenen Raum ist es irgendwie anders, obwohl wir gar nicht so viel Zeit darin verbracht haben. Wir sitzen am Fenster und schauen hinaus. Die Ortschaften häufen sich, es gibt mehr Straßen, mehr Masten, mehr Bäume. Mehrfamilienhäuser und ganze Wohnblocks kündigen Bergen an. Das Schiff legt an und nach alter Manier gucken wir, ob das Manöver klappt. Wieder wartet draußen ein Mann in gelber Weste, wieder stehen Gabelstapler bereit. Die Gangway wird runtergelassen und weil unser Schiff so niedrig ist, können unsere Passagiere nicht den normalen Weg zum Gebäude nehmen, sondern müssen über einen kleinen Platz laufen. Die Crew unseres Schiffes wird hier ausgewechselt und einige gehen noch vor den Passagieren raus. Sie waren jetzt zwei Wochen im Dienst und werden sich sicher auf die Freizeit freuen. Wir lassen allen anderen den Vortritt und gucken zu. Draußen auf dem Kai werden verpackte Paletten mit neuer Fracht bereit gestellt, die nun nordwärts verschifft wird. Zu unserem Erstaunen sehen wir dabei drei weiße Särge in durchsichtiger Plastikfolie. Wenn der Frühling kommt, kann man droben im Norden vermutlich auch wieder beerdigen.

Wir checken ein letztes Mal mit unserer Plastikkarte aus, der Computer gibt uns mit seiner künstlichen Stimme ein abschließendes „Good byyee!“. Wir holen unsere Koffer am Band, suchen den Bus, der zum Flughafen fährt. Ich kaufe am Flughafen in Bergen mit meiner Kreditkarte noch ein letztes Enkelgeschenk, dann wird es Zeit durch die Kontrollen zu gehen. Natürlich wird wieder alles beanstandet! Andere Leute kommen en passant durch, und wir kriegen jedes Teil auseinander genommen. Dieses Mal ist es das laktosefreie Milchpulver für den Kaffee, das ich im Rucksack habe. Rucksack und mein Körper müssen daher den Sprengstofftest bestehen, Computer und Kamera müssen ausgepackt und hergezeigt werden, die Fitbit an meinem Handgelenk löst ein Piepsen aus. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für diese Akribie und totalem Genervtsein.

Als wir in Amsterdam zwischenlanden, versichern wir uns sogleich, dass unser Gepäck durchgecheckt wird. Nun haben wir Zeit. Wie zu erwarten gibt es hier im Flughafen reichlich Tulpen und viel Käse. Ich berausche mich an der üppigen Farbenvielfalt der Blumen und kaufe Käse für zu Hause. Die Zeit bis zum Anschlussflug vertreiben wir uns mit dem ersten bezahlbaren Bier seit zwei Wochen. Ich lege eine angemessene Menge Euros auf den Tisch und wir bekommen zwei extrem heruntergekühlte Heinecken hingestellt. Passt.

Eine Durchsage sorgt direkt am Gate noch einmal für Bluthochdruck: Die Fluggesellschaft kündigt an, dass unser Flug überbucht sei und es werden Passagiere gesucht, die bereit sind, ihren Flug auf morgen zu verschieben, die Übernachtung gäbe es auf Kosten den Fluggesellschaft. Erstaunlicherweise melden sich einige Leute, so dass wir das Flugzeug wie geplant besteigen können.

Als wir in Frankfurt landen, ist es spät in der Nacht. Der Flughafen ist fast leer, alles zu. Ob die Busse noch fahren, wie wir es vorher im Fahrplan herausgesucht haben? Nach einiger Zeit finden wir die Haltestelle, aber alles ist sehr kryptisch und irgendwie nicht nachvollziehbar. Wir sind fast die einzigen Wartenden, es ist kalt und ungemütlich. Ich bin müde, hungrig, und eigentlich reicht es mir. Endlich kommt der Bus, auch der Anschlusszug fährt. Weit nach Mitternacht sind wir endlich zu Hause. Als wir uns hinlegen, schaukelt das Bett und die Wellen der Norwegischen See wiegen uns in den Schlaf.

Tage 9 / 10: Und es wurde Licht!

Die nächsten beiden Tage verbringen wir überwiegend an Bord. Als wir am Morgen des 9. Tages aufwachen, schalten wir wie immer als erstes den Fernseher im Zimmer an. Es gibt nämlich eine Frontkamera, von wo Tag und Nacht übertragen wird, wie es vor dem Schiff aussieht. Wenn das Schiff anlegt, sieht man auf dem Bildschirm ein Stück Kai, man sieht den Hafenarbeiter in seiner Warnweste dort stehen und warten, manchmal den Gabelstapler. Dann sieht man den orange bekleideten Matrosen an Bord, der manchmal lustlos Schnee schippt, dessen Aufgaben es aber auch ist, einen roten kleinen Sack an Land zu werfen, an dem ein Seil befestigt ist, das mit dem Schiffstau verbunden ist. Das Tau wird dann vom Hafenarbeiter am Poller befestigt. Mittlerweile haben wir das so oft gesehen, dass wir uns eine Meinung darüber bilden können, wann es gut geklappt hat und wann nicht. Einmal haben wir auch beobachtet, dass unser Schiff spätabends an den Kai einer Ortschaft fuhr, und als das Schiff nahe genug dran war, nur ein Päckchen rausgeworfen wurde, ehe es wieder weiterging. Da waren wir baff!!!

20190120_2334191283158813.jpg
So zeigte die Frontkamera die Einfahrt des Schiffes in Tromso kurz vor Mitternacht.

Doch an diesem Tag zeigt die Frontkamera ein etwas verändertes Bild. Man sieht nämlich etwas, obwohl wir auf dem offenen Meer sind, man erkennt die Wasserlinie am Horizont. Ich bin wie aufgedreht: Es wird heller! Tatsächlich ist aus der morgendlichen Dämmerung die Bläue gewichen und es kommen mehr Farben hinzu, so dass die Welt wieder ein wenig aussieht wie die Welt, die wir kennen.

Wir fahren durch atemberaubende Landschaften. Jetzt sehen wir auch die Lofoten, die wirklich unglaublich schön sind. Es gibt ganz enge Durchfahrten, wo das Schiff nur von wirklich fähigen Kapitänen durchgebracht werden kann. Es gibt Landschaft, viel Landschaft, unberührte Felsen, Berge, zunehmend auch Wälder. Gegen Mittag zeigt sich vor dem Schiff ein dicker orangener Balken, die Berge links und rechts sind teilweise rosa-orange überzogen.

Am Abend legen wir wieder in Svolvær an, wo ich vor einigen Tagen in der kalten Nachtluft das Nordlicht gesehen habe. Heute allerdings schneit es, an einen Blick in den Himmel ist nicht zu denken, wenn man sich nicht die Brillengläser zuschneien lassen will.

Jetzt geht es rasend schnell. Am 10. Tag kommt die Sonne mittags über den Horizont. Viele Leute stehen wie wir auf der 6. Ebene vor dem großen Panoramafenster und schauen, fotografieren und schauen. Auf dem Schiff wird es ganz still. Da die Sonne ganz tief steht, flutet sie den Raum völlig. „Kaum ist sie da, blendet sie schon wieder,“ sagt Herr W. halblaut scherzend, als wir den Raum wieder verlassen.

20190121_1148211957292488.jpg

Kurz vorher haben wir den Polarkreis überquert. Er ist auf einer kleinen Insel mit einem Globus aus Eisenbändern gekennzeichnet, ähnlich dem, den wir am Nordkap gesehen haben, nur viel kleiner. Wir stehen an Deck, um das Ereignis mitzuerleben. Als wir die imaginäre Linie überqueren, tutet unvermittelt das Schiffshorn direkt neben uns. Danach gibt es einen Esslöffel Lebertran für alle, da ich jedoch die ganze Zeit Tabletten mit Vitamin D gnommen habe, kann ich mir guten Gewissens erlauben, auf diese Gabe zu verzichten.

img_1933

Am Nachmittag kommen wir an den sieben Schwestern vorbei. Das sind Berge, die ziemlich genau parallel zueinander zur Küste hin stehen. Der Sage nach sind es sieben Trollschwestern, die auf der Flucht vor dem Vågekallen von den Lofoten waren. Er stellte ihnen nach, als sie nackt am Fjord tanzten. Dabei versäumten sie, sich vor dem Sonnenlicht zu verstecken und wurden zur Strafe in diese Berge verwandelt. Ewige Schönheiten, fürwahr!

img_1945

Am Abend haben wir einen kurzen Stopp in Brønnøysund. Wir steigen aus, uns ein wenig die Beine zu vertreten. In der kleinen Einkaufsstraße gibt es hübsche Geschäfte aller Art. Wie fast überall ist auch ein Laden dabei, in dem überwiegend gebrauchte Artikel und in kleinem Maß Antiquitäten verkauft werden. Herr W. ist klug genug, nicht zu oft mit mir in einen derartigen Laden hineinzugehen, da wir sonst Gefahr laufen würden, das Schiff zu versäumen. Wir kommen an einen zugefrorenen See, an dem es winterliche Spazierwege und wunderhübsche verschneite hölzerne Einfamilienhäuser gibt. Es wirkt skandinavisch, man könnte sich vorstellen hier zu leben, was am Nordkap für mich nur schwer denkbar gewesen wäre.

An diesem Abend verabschiedet sich nach dem Abendessen die Crew von uns mit einem Gläschen Sekt, da ein Teil der Mannschaft in Trondheim wechseln wird, aber auch, da ein Teil der Reisenden hier aussteigen wird. Uns wird schmerzlich bewusst, dass die Reise sich dem Ende zuneigt.

20190122_2156211084309075.jpg
Das ist nur der Teil der Besatzung, mit dem wir Reisende direkt zu tun hatten. Die Matrosen und Maschinisten sind nicht dabei. (Ich hoffe mal, sie bekamen auch Sekt!)

Kirkenes

Zuerst auf norwegisch – allmählich kommen wir ein wenig in die Sprache hinein -, dann auf englisch und zuletzt auf deutsch informiert uns die Reiseleitung per Durchsage, dass wir jetzt in Kirkenes ankommen. Es sei sehr kalt, minus 17° Celsius, wir sollen uns warm anziehen. Das tun wir. Wir tragen am Körper, was die großen Reisekoffer hergeben, und das ist eine Menge. Als wir aus dem Schiff treten, ist alles von Raureif überzogen und die Atemluft ist sogleich dabei, sich ebenfalls zu materialisieren. Zügig gehen wir am kleinen Empfangsgebäude vorbei und halten uns auf der verschneiten Straße gefühlt in Richtung Ortschaft. Die Autofahrer hier in Norwegen sind extrem zuvorkommend. Immer wenn wir etwas unentschlossen am Straßenrand stehen, hält ein Fahrzeug trotz der schneebedeckten Straßen an und der Fahrer winkt uns hinüber. Sie fahren hier sehr sicher bei Schnee, in jedem Gelände. Man muss aber auch sagen, dass die Autofahrer hier jedes Jahr mehrere Monate Zeit haben, das zu üben.

Vorbei geht es an einigen riesigen Kaufhäusern. Das finden wir erstaunlich, hat doch Kirkenes mit den umliegenden Dörfern gerade mal 5000 Einwohner. Danach kommen wir am Fischereihafen vorbei, wo sich Unmengen von Körben für den Krabbenfang stapeln. Die riesigen, bis zu 17 Kilogramm schweren Kamtschatkakrabben oder Königskrabben, die von Russland her eingewandert sind, müssen in großen Mengen gefischt werden, da sie jährlich an die 50 Kilometer weiter wandern, mittlerweile schon an den Lofoten sind, und als Allesfresser wirlich alle tierischen Bewohner des Meeres vertilgen, einschließlich ihrer eigenen Artgenossen. Das Wasser hinter den Fischkuttern ist hier teilweise gefroren, bisher haben wir noch kein gefrorenes Meer auf unserer Fahrt gesehen. Dafür sind die Hügel wieder dicht mit Bäumen bewachsen. Einerseits liegt Kirkenes nicht mehr im Einflussgebiet des wärmenden Golfstroms, sondern in dem der kalten Barentsee, daher das Eis. Andererseits sind wir wieder ein ganzes Stück weiter südlich, daher die Bäume.

 

Im Dorf kommen wir an der Kirche aus 1959 vorbei, aber auf dem Friedhof kratzen wir aus dem Schnee einen Grabstein frei, der über einem Mann steht, der 1877 geboren wurde und 1921 starb. So alte Gräber gibt es bei uns kaum. Die Straßenschilder sind sämtlich sowohl auf russisch als auch auf norwegisch. Die russische Grenze liegt nur wenige Kilometer entfernt. Außerdem gibt es hier besonders viele Finnen, da während einer Hungersnot im vorletzten Jahrhundert viele Finnen an die Küste kamen, weil es hier wegen der Fischerei immer noch zu essen gab.

Das neue Einkaufszentrum beherbergt eine Reihe von Einzelhandelsgeschäften, doch die Käufer scheinen zumindest an diesem Tag nicht sehr zahlreich zu sein, die Verkäuferinnen wirken extrem jung und sehr gelangweilt. Kirkenes hat einen Flughafen und daher auch eine Reihe von Hotels, eine Einkaufsstraße, in der ich Mitbringsel für die Enkel kaufe und natürlich auch eine Bibliothek. Mittlerweile gucken wir überall auf unserer Reise, ob wir eine sehen, und wir werden stets fündig.

20190119_111109-274125076.jpg
Die Haupteinkaufsstraße von Kirkenes

Zuletzt statten wir noch dem riesigen Supermarkt nahe des Hafens einen Besuchs ab und kaufen das Mineralwasser aus dem Sonderangebot. Man hat den Eindruck, dass sich die Mitarbeiter und die Kunden hier zahlenmäßig in etwa die Waage halten. Wird hier am Ende der Welt ein Supermarkt subventioniert?

Den Nachmittag verbringen wir zunächst in der Sauna und anschließend steigen wir in der Dunkelheit in einen der beiden beheizten Whirlpools auf dem Hinterdeck.

Seeeeehr schön!

Das feiern wir mit dem ersten Bier seit einer Woche.

Seeeeehr lecker!

 

Tromsø

Von den Lofoten kriegen wir wenig mit, weil wir sie in der Nacht durchfahren. Leider, denn sie sind höchstwahrscheinlich der spannendste Teil der Reise. Es gibt hier außer Svolvær noch fünf weitere Häfen. Am frühen Nachmittag erreichen wir Tromsø. Wir haben hier über vier Stunden Zeit. Die Hurtigruten bieten für den Aufenthalt eine ganze Reihe von geführten und begleiteten Touren an, doch wir haben im Vorfeld keine davon gebucht. Falls man tatsächlich unterwegs eine Tour buchen möchte, ist das auf dem Schiff noch sehr leicht möglich. Wir jedoch wollten uns erstmal ein Bild machen und stellen fest, dass wir die Aufenthalte auch ohne Tour überaus spannend finden, zumal wir körperlich fitt und gut zu Fuß sind.

Schon von Deck acht aus sehen wir die Stadt, die große Brücke, die die beiden Stadtteile überspannt und auf der dem Zentrum gegenüberliegenden Seite die berühmte Eismeerkathedrale. Die eigentliche Stadt liegt auf einer Insel, auf Tromsøya. Jetzt, um 14.00 Uhr, steht der Mond hoch am Himmel und die Dämmerung senkt sich bereits über das Land.

20190117_1430121647458842.jpg

Spikes unter die Füße und los gehts. Die Stadt ist groß und modern, es gibt vielfältige Einkaufsmöglichkeiten und wir gucken vor allem bei den Souvernirläden Schaufenster. Schöne Sachen gibt es da, nicht ganz billig, aber auch viel Klimbim. Die hübsche gelbe Domskirke ist leider geschlossen. Herr W. schafft es wieder, uns zur Bibliothek zu lotsen. Sie ist, wie es sich für eine Universitätsstadt gehört, riesig, gemütlich und modern. Die äußere Form ist ein Zwischending zwischen vierblättrigem Kleeblatt und gläsernem Pilzfuß. Innen dominieren Holz und Stahl. Gleich im Eingangsbereich stecken entlang einer langen Theke sämtliche wichtige Zeitungen des Landes und der Region und die vielen Leser sitzen auf Barhockern und informieren sich. Da die Universität hier außer Fischereiwesen und Aquaforschung auch samische Fächer anbietet, ist die Bibliothek in großen Bereichen mindestens zweisprachig, was aber schwer untertrieben ist, da allein das Norwegische mehrere Schriftsprachen hat und das Samische mehrere Hauptdialekte, die sich teils grundsätzlich voneinander unterscheiden. Das Schild am Eingang lässt den Fremden nur staunen:

Mittlerweile ist es völlig dunkel. Zur Eismeerkathedrale gäbe es einen Bus, der auch noch ziemlich häufig fährt, aber man kann natürlich auch über die Brücke gehen. Nach einem Stück unten am Wasser entlang kommen wir auf die Brücke. Der Gehweg ist voll zusammengetretenen Schnees, auf einer abgetrennten Spur überholen uns die Autos, ebenfalls im Schnee. Es ist dunkel, es zieht. Meine Handschuhe erfüllen ihren Zweck nicht mehr, zumal ich sie ständig ausziehe, um zu fotografieren. Die Luft ist schneidend kalt und wieder von dieser unwirklichen Klarheit, die mich auch jetzt nach einigen Tagen noch fassungslos macht.

Kaum verlassen wir die Brücke auf der anderen Seite, ist die Kälte nicht mehr ganz so beißend. Wir stehen am Fuß des kleinen Hügels, auf dem die Eismeerkathedrale steht. Wie viele andere neuen Gebäude in Norwegen sind die Baumaterialien vor allem Beton, Holz und Glas. Das berühmte Fenster, das wohl zweitgrößte Glasmosaik Europas, sieht man erst auf der Rückseite von außen. Wir zahlen umgerechnet 5 Euro Eintritt, weil wir die Kirche sehen wollen, wohl aber auch, weil wir uns unbedingt aufwärmen wollen (vor allem ich!!!). Leider sind drinnen gerade Handwerker zu Gange, sie mühen sich, eine riesige Leinwand vor dem Altarraum aufzustellen. Da sie zu zweit nicht weiterkommen, springen zuerst Herr W. und dann ich herbei und ziehen mit. Die Arbeiter berichten, dass die Leinwand für eine Filmvorführung am heutigen Abend bestimmt ist, da in Tromsø an diesen Tagen ein großes Filmfestival stattfindet und hier der preisgekrönte Film laufen soll. Als ich wieder warm genug bin, gehen wir auf die Rückseite der Kirche, um endlich das berühmte Mosaik anzusehen, das die Wiederkehr Jesu darstellen soll.

Zu Fuß zurück oder mit dem Bus? Tsching-Tschang-Tschoing geht auch noch in unserem Alter und so laufen wir (ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden den Fußweg favorisiert und nun gewonnen hat). Leider gibt es auf der Brücke eine Fahrradspur, die auch bei mehreren Zentimetern Schnee noch gut frequentiert ist. Auf der laufen wir nun. Das heißt hintereinander bleiben und gut aufpassen!

Drüben haben wir noch ein wenig Zeit, wir gehen in das ein oder andere Geschäft. Plötzlich ertönt Musik und als wir auf den Platz gehen wo sie her kommt, finden wir uns unversehens in einem Freiluftkino wieder. Bei Dunkelheit macht das Sinn, das ist auch bei uns in Deutschland so. Aber bei diesen Temperaturen? Auf einer Betontribüne gibt es unzählige Sitzkissen aus Tigerprintplüsch, gefüllt mit Styroporkügelchen. Darin sitzen Leute, die sich den kostenlos präsentierten Film ansehen. Daneben stehen zwei junge Leute in gelben Sicherheitswesten, die das Ganze im Auge behalten. Ein Energieversorger hat ein geheiztes aufblasbares durchsichtiges Iglu dazugestellt, darin unzählige Topfpflanzen, wo man von drinnen den Film verfolgen kann. Erst bin ich unschlüssig, aber dann gehen wir hineien und gucken Film.

Als es Zeit wird, an Bord zu gehen, machen wir uns auf und sind rechtzeitig zum Abendessen wieder im Speisesaal. Allmählich vermute ich, dass sie hier so leckeres Essen servieren, damit alle rechtzeitig wieder da sind!

 

Bodø und DAS Licht

Nach Trondheim kommen fünf Haltestellen, wo sich das Schiff aber nur jeweils wenige Minuten aufhält, einige davon verschlafen wir. Frühstück und Mittagsbüffet und als Höhepunkt das Abendessen markieren die Fixpunkte im Tagesablauf auf der Spitsbergen, und da es morgens schon recht lang dunkel ist, verdaddeln wir die Zeit dazwischen ein wenig. An Schiff ist eine Sauna mit zwei Jacuzzis auf dem Deck, was Herrn W. sehr freut. Außerdem finden immer wieder im Laufe des Tages kleine Vorträge über Themen da, die Reisende auf dieser Route beschäftigen könnten. Ich habe beispielsweise einen Vortrag über die Samen gehört, einen über Jagd und Fallensteller und einen über die Wikinger. Das Schiff wirbt mit einem Forschungs- und Bildungsauftrag, dem es unter Anderem auf diese Weise Genüge tut. Wie wir mittlerweile wissen, ist die MS Spitsbergen nicht ganzjährig auf dieser Route unterwegs, sondern wird auch auf Excoursionen eingesetzt.

Mittags um 12.30 legen wir in Bodø an, die Abfahrt ist für 15.00 geplant. Es ist noch hell, die Sonne strahlt sogar auf die Berge. Wir ziehen uns warm an und ziehen los. In den Ort sind es nur ein paar Minuten. Schnee liegt, die Straßen sind breit, es wird viel gebaut. Überall stehen Kranen, Lieferwagen. Schlechtwetter scheint die Baubranche hier bei anhaltenden Minus 5° Celsius nicht in Erwägung zu ziehen. Es gibt ein Einkaufszentrum, viele mehrstöckige Häuser. Wie wir erst später erfahren, haben die Deutschen Bodø im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, so dass wir hier eine komplett neue Stadt besichtigen. Herr W. weiß um meine Vorliebe für Büchereien und so guckt er auf jedem Stadtplan gleich mal, wie die hier so aussieht. Die Bibliothek von Bodø ist großartig: nagelneu, ausgestattet mit allem, hell, freundlich. Wegen der vollständigen Stirnholzparkettierung trauen wir uns nicht weiter hinein, denn unsere Spikes würden das Parkett sicher in Mitleidenschaft ziehen. Es wird gleich am Eingang darauf hingewiesen, dass sich in dieser Bibliothek große Bestände in samischer Literatur befinden. Hier finden wir auch einen Handzettel, dass die Stadt sich beworben hat zur Kulturhauptstadt 2024. Wir drücken ihr ganz fest die Daumen.

Bergan stoßen wir auf die Domkirche, ebenfalls völlig neu. Eigentlich hatten wir gehofft, hier in Norwegen auch Stabkirchen zu sehen, aber die wurden leider mehrheitlich abgerissen, es gibt im ganzen Land gerade mal noch zwei Dutzend, und die liegen nicht an unserer Strecke. Die Domkirche ist ebenfalls sehr neu, hat eine markante Gestaltung der Decke und als Kreuzwegbilder Teppiche an den Wänden.

img_1838

Als das Schiff um 15.00 wieder ablegt weiter nach Norden, hat sich bereits die Dämmerung über die Stadt gesenkt.

Immer wenn, wie jetzt, die MS Spitsbergen weiter ins offene Meer hinaus muss, wird die Fahrt unruhig. Was wir zunächst als Vorteil sahen, nämlich dass das Schiff klein ist, erweist sich nun als Nachteil. Es liegt weitaus weniger stabil im Wasser als ein riesiges Kreuzfahrtschiff. Aber wir nehmen Kurs auf die Lofoten, und die liegen weiter westwärts. Gebannt verfolgen wir auf den Bildschirmen, wie das Schiff sich in Fjorde hinein und zwischen Inseln hindurch schiebt, wo wir zunächst gar kein Durchkommen sahen. Leider ist es draußen dunkel. Bei Tageslicht muss diese Fahrtstrecke atemberaubend sein.

Um 21.00 legen wir für eine Stunde in Svolvær an. Schon bei der Einfahrt in den Hafen sehen wir hell erleuchtet in der Nacht die riesigen leeren Gestelle für den Stockfisch. Er wird hier gefangen und getrocknet und später unter dem Namen bacalao oder stoccafisso in die ganze Welt, vor allem nach Portugal oder Italien exportiert. Wir gehen an Deck und da macht uns ein Mitreisender auf die Möglichkeit hellgrüner Polarlichter hinter dem Berg aufmerksam. Da! Mit ein bisschen Phantasie ahnt man sie mehr als man sie sieht. Aber da ist etwas, tatsächlich. Das Polarlicht, Aurora Borealis, entsteht zwischen der Erdmagnetosphäre und der Atmosphäre, hoch oben. Und sichtbar sind diese Lichter nur im Winter hier hoch oben im Norden oder, entprechend, auf der Südhalbkugel.

Ich ziehe mich nun noch wärmer an, nehme mein Handy und gehe vom Schiff. Der kleine Ort liegt in der Nacht ruhig am Hafenbecken. Trotz der Kälte habe ich einen deutlichen Fischgeruch in der Nase. Es ist nahezu menschenleer. Die Luft ist von einer Klarheit, wie ich sie niemals zuvor sah. Es ist unwirklich, das Sehen strengt an, die Augen sind so klare Bilder nicht gewohnt. Ich entdecke wieder die hellgrünen Schleier, die feengleich hinter dem Berg erscheinen und gleich wieder vergehen, als hätten sie Angst, dass sie Schaden nehmen könnten, wenn sie sich zu deutlich manifestieren. Das komplett schwarze Bild meines Versuchs, den Zauber auf dem Handy einzufangen, habe ich umgehend gelöscht.

Ich wandle wie ein Hans-guck-in-die-Luft durch die schneebedeckten Straßen, immer auf der Hut, dass ich nicht ins Hafenbecken plumpse. Ich sehe die Lichter an vielen Stellen, mache mir aber nicht mehr die Mühe, sie festhalten zu wollen. Völlig verzaubert komme ich wieder auf das Schiff.

Als ich tags drauf an diesem Blog schreibe, sehe ich am Nebentisch zwei schweizer Damen, die auf ihren Handys Bilder austauschen und besprechen. Nach dem vergangenen Abend bin ich sofort wie elektrisiert, wenn ich grüne Schleier auf dunklem Hintergrund sehe. Ich spreche die Damen an und sie berichten mir bereitwillig, dass sie diese Reise nun schon zum wiederholten Male machen, winters und sommers. Doch das Polarlicht habe sie nicht losgelassen. Daher hätte eine der beiden dieses Mal für den Fotoapparat ein besonders lichtstarkes Objektiv für die Nacht gekauft und damit am Vorabend diese Bilder machen können. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit und ich muss es ihr neidlos lassen, die Bilder sind phantastisch geworden. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage, ob sie mir ein Bild aufs Handy schicken möge und ob ich es dann auch im Blog veröffentlichen dürfe. Sie stimmt beidem zu und nun kann ich diesen Text mit wirklich sensationellen Bildern aufwerten. Und diese Bilder fangen sehr gut das ein, was ich dort gesehen habe:

img-20190117-wa00011801010096.jpgimg-20190117-wa00021368042594.jpg

Dankeschön!

Trondheim

Die Nacht war stürmisch, aber es gab keine weiteren unangenehmen Vorkommnisse. Beim Frühstück schauen wir uns um. Die Menschen im Speisesaal sehen überwiegend ein wenig mitgenommen aus, aber offenbar ist es bei ihnen wie bei uns: Essen geht schon wieder. So langsam finden wir uns ein auf dem Leben an Bord. Heute sollen wir nach Trondheim kommen, und zwar morgens. Vorher hält das Schiff schon an einigen anderen Häfen, aber jeweils nur kurze Zeit zum Einsteigen und Aussteigen, um Fracht zu laden und zu löschen und um Proviant zu bunkern und Müll und anderes zurückzulassen. Das Schiff funktioniert tatsächlich als Vielzweckverbindung zwischen Süd- und Nordnorwegen. Das merkt man immer deutlicher, je weiter man nach Norden kommt. In einem Buch wurde diese Route halb scherzhaft als Staatsstraße 1 bezeichnet. Die Norweger, die mit uns reisen erkennt man sofort. Sie schauen weitaus weniger begeistert aus dem Fenster, haben oft Kinderwagen und eine Menge Gepäck dabei und ziehen sich oft gar nicht weiter aus, weil sie ja in drei oder vier Stunden schon wieder aussteigen. Ich dagegen laufe hier in bequemer Kleidung herum mit Crocs an den Füßen. Doch können sie wie wir die Annehmlichkeiten der Seereise nutzen und sitzen mit Kind und Kegel im Restaurant dabei oder in der Bar.

Zurück zu Trondheim. Wir verlassen das Schiff noch in der Dunkelheit und stapfen im Schnee den Schildern SENTRUM nach. Vorbei am winterlichen Yachthafen über etliche Brücken kommen wir immer weiter in die Stadt. Es gibt riesige Hotelkomplexe großer Unternehmen und kleine Geschäfte, die ihren Eingang im Schnee mit flackernden Öllichtern markieren. Die Stadt zeigt Wohlstand und Fortschritt. Dass sie Universitätsstadt ist, macht sich ebenfalls positiv bemerkbar. Wir kommen vorbei an einem Vinmonopol, das ist ein Laden, in dem es ausschließlich Alkohol gibt. Viel Alkohol und jedweden Alkohol. Aber nicht immer! Die Öffnungszeiten sind stark reglementiert, natürlich ist jetzt am Morgen noch geschlossen, der Laden ist zudem vergittert wie bei uns in Deutschland ein Laden für Schusswaffen.

Um uns einen Überblick zu verschaffen, gehen wir zuerst auf einer hübschen alten Brücke über die Nidelva, den Fluss, der Trondheim in mehrfachen Schleifen durchzieht. Am Ufer stehen auf Stelzen farbige Holzhäuser, die früher den Kaufleuten gehörten, heute allerhand anderes Gewerbe und Szenelokale beherbergen. Auf der anderen Seite geht es steil bergan und hier sehen wir zum ersten Mal einen kostenlosen Lift  für Fahrradfahrer. An der unteren Station ist kurz erklärt, wie er benutzt wird. Man stellt sich knapp neben den Bordstein, stellt auf einem Drückknopf die Geschwindigkeit ein – es gibt Anfänger / Normal / Ambitioniert und dann noch  Notstop und man stellt den rechten Fuß an einen rot angemalten Keil. Der läuft dann auf einer Schiene bergaufwärts und schiebt den Fahrradfahrer vor sich her. Man muss wohl das rechte Bein steif halten und ein bisschen aufpassen, aber es scheint zu funktionieren. Jetzt im Winter verschwindet die gesamte Anlage jedoch im Schnee. Doch haben wir hier immer wieder Radfahrer gesehen, die den Schnee nicht fürchten. Eine junge Frau schmierte auf einem Fußgängerweg mit ihrem Mountainbike weg und landete mit Karacho auf dem Boden. Lachend stand sie auf und fuhr weiter. Eine Norwegerin eben.

Wir jedoch stapfen den Berg hoch zur Festung, denn von dort soll man die Stadt von oben betrachten können. Etliche Leute mit Kinderwägen und / oder Hunden kommen uns entgegen. Vor vielen Häusern und natürlich oben auf der Festung weht die norwegische Flagge. Die Norweger haben zu ihr ein weitaus ungezwungeneres Verhältnis als wir Deutsche zu unserer. Die Flagge zu schwenken oder zu hissen ist hier etwas, das man jederzeit tut und es wird als allgemein gültige Äußerung jedweden Gefühls gutgeheißen.

Da wir nicht allzu viel Zeit zur Verfügung haben, machen wir auf halber Strecke kehrt und steuern den Nidarosdom an, den Dom aus der Zeit im Mittelalter, als Trondheim Norwegens Hauptstadt war und Olav II König war. Er steht inmitten eines malerischen Friedhofs und wirkt von der Seite fast ein wenig russisch, die Front dagegen erinnert an französische Kathedralen. Mir gefällt die Seitenansicht besser. Hinein sind wir nicht gegangen, denn wir hätten im angrenzenden Shop Tickets für umgerechnet 12 Euro pro Person kaufen müssen, und das erschien uns für eine Kirche recht viel. Die im Shop erhältlichen Postkarten zeigen viel hohe graue Gotik.

Allmählich wird es Zeit, wieder zum Schiff zurück zu gehen. Wir wählen einen Weg entlang des Flusses hinter den alten Stelzenhäusern. Rechtzeitig zum Mittagessen sind wir da. Die Ausfahrt aus dem Fjord verfolgen wir gemütlich am Fenster. Immer wieder nimmt das Schiff neue Biegungen und nur auf dem Handy können wir auf Google verfolgen, ob das, woran wir gerade vorbei fahren, eine Insel oder eine Landzunge ist. Hier ist Ortskenntnis für einen Schiffskapitän das A und O. Was unsere Frau Kapitänin während des Sturmes in der vorausgegangenen Nacht geleistet hat, wird uns zunehmend klarer.

Am Nachmittag werden wir aufs Deck gerufen, es gibt Miesmuscheln zum Probieren. Sie sind so lecker, ich ergattere zwei Portionen. Der Schiffskoch hat beste Muscheln aus der Region gekauft und weder am Wein noch an Zitronenvierteln, Chilli, Ingwer, Knoblauch und Koriander gespart.

Kurz danach kommen wir an einem putzigen Leuchtturm vorbei. Die Reiseleiterin berichtet, dass in früheren Zeiten jeweils zwei Leuchtturmwärter mit ihren Familien – und einer Lehrerin! – darin wohnten. Da der Platz vom Turm bis zum Meeressaum nur wenige Zentimeter betrug, durften die Kinder nur aus dem Turm, wenn sie mit einer Leine um den Bauch am Turm festgebunden waren. Heute kann man den Turm während der Ferien mieten, ein sicher nicht ganz billiges Vergnügen.

Beim Abendessen sitzen wir wieder im Speisesaal und schauen hinaus in die dunkle Nacht.

 

 

Sturm draußen vor Måloy

åWir schlafen in dieser Nacht wie die Murmeltiere, oder besser wie die Seehunde. Meine Fitbit kommt gar nicht mit dem Messen nach. Das Schiff schaukelte gewiss, laut Plan sollte es zweimal angehalten haben, aber ob das so war, können wir nicht sagen, wir schliefen ja.

Am nächsten Morgen gibt es ein Frühstücksbüffet, das dem Abendessen am Tag zuvor in nichts nachsteht. Wieder eine unbeschreibliche Vielfalt an kaltem Fisch, dann alles, was der Brite so am Morgen isst, allein acht verschiedene Marmeladen, Körbe von Brot und Brötchen, ein Durchlauftoaster zum Selbstbedienen, Tees, Kaffee aus der Maschine (wider Erwarten sind die Norweger bekannt für köstlichen Kaffee), Säfte, Smoothies, frisches Obst und Gemüse, … und zu allem Überfluss auch noch eine warme Theke, falls ich denn gleich am Morgen Lust auf eine warme Mahlzeit habe. Alles ist gekennzeichnet nach Allergenen, so dass auch ich als laktoseintolerante Reisende einen Überblick behalte. Einen Teil der Reste des Abends zuvor erkenne ich in veränderter Form wieder, etwas, was mich sehr beeindruckt. Offenbar wird hier wenig weggeworfen. Das Personal ist außerordentlich freundlich und zuvorkommend. Irgendwie schaffen wir es nicht, nach einem Teller aufzustehend und den Raum zu verlassen. Wenn das so weitergeht!

Die Durchsage meldet erst auf norwegisch, dann auf englisch und dann auf deutsch, dass wir nun in Måloy anhalten. Sie gibt Empfehlungen zum Landgang „wer ein wenig zur Übelkeit neigt, sollte diese Gelegenheit nutzen, denn der Aufenthalt an Land kann das Gleichgewicht stabilisieren helfen“, zur Kleidung „es könnte ein wenig kühl sein, daher sollten Sie auf geeignete Kleidung achten. Wer Spikes dabei hat, sollte sie benutzen, da es an einigen Stellen durchaus glatt sein könnte“, wohin wir uns wenden sollten „Måloy hat wie New York die Straßen numeriert. Daher empfehlen wir, die Straße Nummer 1 zu benutzen, so kommen sie leicht wieder zum Schiff. Wir bemühen uns darum, dass das sehr interessante Museum aufgeschlossen wird. Das können Sie besichtigen“ und zur Dauer „wir möchten Sie bitten, wieder rechtzeitig an Bord zu sein, denn unser Schiff wird Måloy um 14.40 verlassen, da um 15:00 unsere Liegezeit endet“. Nur zwischen den Zeilen schwingt mit, dass ein so langer Aufenthalt in Måloy eigentlich nicht geplant war und dass man die sichere Zeit im Hafen nutzen will, denn draußen ist es offenbar mehr als ungemütlich.

Wir tun, wie uns empfohlen wurde und ziehen uns ordentlich an, Spikes vom deutschen Kaffeeröster inclusive (die sind wirklich gut, nur falls jemand sie in der Hand gehalten haben sollte und sich überlegt hat, ob die was taugen). Beim Verlassen des Schiffs zeigen wir unsere Karte mit dem Strichcode vor und der Schiffscomputer registriert, dass wir draußen sind.

Wir stiefeln ein wenig umher. Es ist eine nette Kleinstadt, unten Mehrfamilienhäuer, oben am Hang Einfamilienhäuser. Parallel zum Hafen verläuft die Einkaufsmeile, wo es vor allem Läden zur Inneneinrichtung gibt – es scheint in einem Land, in dem so lange Dunkelheit herrscht, wichtig zu sein, dass man schön wohnt – eine Reihe von Cafes, ein hübscher Blumenladen und am Platz befindet sich ein winziger Supermarkt. Den betreten wir, weil ich immer neugierig bin auf Supermärkte und weil Herr W. sich mit sprudelndem Mineralwasser eindecken wollte, welches auf dem Schiff so gut wie unbezahlbar ist. Wir vergleichen Preise und stellen fest, dass hier das meiste deutlich teurer ist als bei uns in Deutschland. Wir staunen über Produkte, die wir nicht kennen wie den längs halbierten und tiefgefrosteten Schweinekopf, über lustige norwegische Wörter wie Pumpakärnor für Kürbiskerne und über eine Riesenpackung Pralinen der Marke Kong Haakon.

Wieder an Bord klärt man uns auf: Jetzt müssen wir losfahren, denn das Schiff kann nicht mehr im Hafen bleiben. Aber zumindest seien die Wellen nun nur mehr 5 Meter hoch anstelle der 13 Meter vor einigen Stunden.

Wir begeben uns in die Lounge, noch ist es ja ruhig. Einige Wellen kündigen an, dass es ruppiger werden könnte, Schneeflocken wirbeln und bleiben auf der Scheibe liegen. Wir fixieren den Horizont und fühlen uns gewappnet. Nach und nach werden die Menschen in den anderen Sesseln ein wenig ruhiger, keiner redet irgendwelches überflüssiges Zeug, was ja eigentlich ganz gut ist. Jemand steht auf und verlässt den Raum. Vorne brechen sich einzelne Wellen gischtend am Bug. Schweigend verschwindet ein weiteres Pärchen. Krachend fällt das Schiff in ein Wellental. Ich verspüre den dringenden Reflex, meine Blase zu entleeren. Also informiere ich Herrn W., dass ich nur mal kurz pinkeln gehe. Im Klo weiß ich plötzlich nicht mehr so genau, ob ich mich wirklich auf die Schüssel setzen möchte und entscheide mich spontan um. Vermutlich sollte ich nicht sitzen, sondern liegen. Also schwanke ich mühsam hinunter in unser Zimmer und lege mich nach erneutem Übergeben flach aufs Bett. Hier ist es ein wenig besser. Ich verbringe die folgenden Stunden zwischen Wachen und Dösen.

Ab jetzt muss ich aus Herrn W.s Sicht erzählen: Er bleibt noch viel länger, da er ja das Problem hat, dass er nicht nur seine eigenen Sachen dabei hat, sondern nun auch mein Zeug, vor allem den Fotoapparat, aber auch das Buch, die Lesebrille und so weiter. Er passt auf, dass bei den heftigen Bewegungen nichts wegfliegt oder kaputt geht. Nach und nach gehen die meisten Menschen aus der Lounge. Er und fünf andere harren aus. Entweder weil sie sich nicht vorstellen können, aufzustehen, oder weil es ihnen nicht so viel ausmacht. Die schweren Sessel fangen an umzustürzen und durch den Raum zu schießen. In einer kurzen Pause schafft er es, unseren Krempel zusammenzuraffen und nach unten zu kommen. Auf dem Weg nach unten begegnen ihm immer wieder Mitarbeiter der Hurtigruten mit Putzwagen. Auch er muss sich übergeben, ab jetzt liegen wir beide auf dem Bett. Die Stimme aus der Durchsage kommentiert das Ereignis, zunächst mit verharmlosenden und mutmachenden Phrasen, später eindeutiger, zuletzt nurmehr knapp, da die Sprecherin offenbar selbst sich am liebsten übergeben möchte. Irgendwann wird es ruhiger, denn das Schiff hat sich seine Fahrtrinne hinter Inseln gesucht, wo es ruhiger ist.

Als nach acht für unsere Gruppe die Essenszeit anbricht, wage ich mich hoch ins Restaurant. Eine Menge Tische sind nicht besetzt. Auch ich sitze allein, denn Herr W. zieht die waagrechte Lage noch vor. Von den drei Gängen will ich nur zwei und esse jeweils nur ein paar Happen. Bald ziehe ich mich wieder aufs Bett zurück. Wer weiß, was die Nacht noch bringt. …