Auf zur Insel!

In Irland gibt es jedes Wetter, jeden Tag.
In Irland gibt es keine Schlangen.
In Irland gibt es steile Küsten und viel grüne Landschaft.
In Irland fahren die Autos links.
In Irland gibt es keltische Relikte.
In Irland haben die Leute rote Haare.
In Irland tragen die Kinder Schuluniformen.
In Irland können alle Leute gut singen.
In Irland gibt es schwarzes und bitteres Bier.
In Irland gibt es Hammelfleisch und Kohl und ansonsten wenig schmackhaftes Essen.
In Irland gibt es kaum lactosefreie Produkte. …

… Soweit die Vorabinformationen. Man sieht schon, dass mein Halbwissen ausschließlich auf den gängigen Vorurteilen beruht. Also Wohnmobil gepackt, Herrn W. und auch Laki eingeladen, und los. Doch was braucht man für solch eine Reise? Ich entscheide mich aus Sicherheitsgründen für die warme doppelte Jacke, die schon am Nordkap mit dabei war und meinen alten dicken grünen wollenen Pullover, für zwei Paar Wanderschuhe, gerippte Leggings, dicke Socken und für nur wenige luftige Sachen. Als Herr W. zugibt, er habe seine Badehose dabei, lege ich zuletzt noch etwas halbherzig den Badeanzug dazu. Jetzt, nach einer knappen Woche Irlanderfahrung, kann ich sagen, dass ich den Badeanzug wohl getrost daheim hätte lassen können und dass ich mir hier mit allerbestem Gewissen einen weiteren dicken wollenen warmen Pullover kaufen werde.

Die Fahrt führt uns über Köln und Aachen durch ein kleines Stückchen Holland nach Belgien. Da Herr W. und ich bereits im vergangenen Jahr in Belgien gewesen sind, entscheiden wir uns, nördlich von Brügge in einem kleinen Landgasthof zu Abend zu essen und die Wirtsleute zu fragen, ob wir das Wohnmobil dort über Nacht auf dem Parkplatz lassen können. Obwohl wir beide vom Vorjahr ziemlich genau wissen, wo der Gasthof ist, wie es dort aussieht und wie man dorthin kommt, ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und wir kurven endlos durch das flache Polderland, entlang vieler Pappelreihen, Kanäle und Priele und auf der neuen mittlerweile gebauten vierspurigen Schnellstraße mehrfach hin und her. Für den verfahrenen Sprit hätten wir schon fast das Abendessen bekommen. Kleinmütig kehren wir nach Brügge zurück und stellen das Wohnmobil gleich neben einem wunderschönen Park in einer Sackgasse am Seitenstreifen ab. Das wird unser Nachtquartier. Wir füttern Laki und begeben uns in die nahe Innenstadt, um unsererseits zu Abend zu essen. Anfangs noch ein wenig ziellos, bei einsetzender Dunkelheit und beginnendem Nieselregen deutlich zügiger durchqueren wir die Stadt. Vor einer Kirche liegt auf einer Bank eingehüllt in eine Decke im Dunkeln ein schlafender Mensch. Wir gehen in gebührendem Abstand vorbei und entdecken mehr aus Zufall, dass unter der Decke nackte Füße herausschauen. Der wird sich den Tod holen, denke ich noch, da zeigt mir Herr W. die Wundmale Jesu auf den Füßen des Schlafenden. Ungläubig nähere ich mich und erkenne erstaunt, dass dies kein Mensch, sondern ein bronzenes Kunstwerk ist, das sich in der Dunkelheit so echt ausnimmt. Es flößt mir eine eigentümliche Scheu ein, näher zu kommen und zu fotografieren. Ich, die sonst alles in die Hand nimmt und befingert, bringe es nicht über mich, die Skulptur anzufassen.


Mit LadyGoogles Hilfe finden wir im mittlerweile strömenden Regen zurück zum Auto, essen noch ein paar Happen vom reichlichen Proviant und schlafen.

Nachts gehen mehrere Wolkenbrüche über uns herunter und früh am Morgen schnappe ich die unruhige Laki, die in den vergangenen Tagen ständig mit diffusen Verdauungsproblemen gekämpft hat und ziehe mit ihr in den Park. Er begleitet auf beiden Seiten einen Kanal und geht ringförmig um die gesamte Stadt. Baumriesen schießen ins Laub, das Gras sprießt unbeschreiblich grün, und außer mir sind nur andere Hundehalter und ein paar Frühsportler in der feuchten Kühle unterwegs. Da entdecke ich in einer Seitenstraße ein paar Buden. Markt wird aufgebaut! Zu so früher Stunde kann ich sogar mit dem Hund dorthin. Der Markt ist groß und das Angebot reichtlich. Bei solchen Gelegenheiten bedauere ich immer, mit dem Wohnmobil auf Wanderschaft zu sein und nicht aus den frischen saisonalen und regionalen Produkten ein Menü kochen zu können. Die Preise sind sehr günstig und die Produkte unschlagbar frisch.
Schon kurz vor dem Markt sind mir die Möven aufgefallen, die mit ihrem schrillen Geschrei einander ständig anmachen. Aber hier klingt das irgendwie anders. Da sehe ich ganz am Ende des Marktes einen Kleinlaster, von dem ein Mann und eine Frau Hühner, Gänse, Küken, Wachteln und eine Menge weiteren mir unbekannten Federviehs verkauft. Das was ich gehört habe, war das Krähen der Hähne, und nicht das Geschrei der Möven. Laki ist hin und weg. Gebannt starrt sie die Tiere in ihren Drahtkäfigen an. Ich glaube, sie wäre in diesem Moment durch keine noch so liebevolle Ansprache erreichbar gewesen.

Ein Ehepaar kauft Küken. Je fünf werden aus dem Drahtkäfig gehoben und in einen mit Luftlöchern versehenen Pappkarton gesetzt, der mit Sorgfalt verschnürt wird. Die Kunden bezahlen und gehen mit insgesamt vier Paketen zum Auto zurück. Ich stelle mir vor, wie sie nach Hause fahren und dort im Schuppen die Kartons öffnen, zusehen wie die Küken aus den Kartons herauskommen, wie die Kleinen sich allmählich in ihrer neuen Umgebung zurecht finden, wie die Eheleute den Tag über immer wieder mit zwei Tassen Tee dabei stehen und gucken, was sie da wohl für neue Mitbewohner haben. Über das Ende der Geschichte im Herbst mag ich mir noch keine Gedanken machen. Kurz bevor der Hagelwolkenbruch einsetzt, bin ich wieder am Auto.

Eine halbe Stunde später stapfen wir durch das viele Hageleis auf den Gehwegen zum Markt zurück. Wir erstehen fünf unglaublich leckere Plunderstückchen und kehren in einem schönen Cafe zu Tee und Kakao ein.

Derart gestärkt (und auf der Toilette entleert) steuern wir Calais an. Wir haben noch keine Tickets für die Überfahrt, denken aber, dass das kein Problem sein sollte. Die Route ist gut ausgeschildert und ein riesiger leerer Parkplatz vor dem Terminal zeigt uns, dass die letzte Fähre wohl vor kurzer Zeit abgelegt hat. Wir kaufen Tickets und Herr W. schlägt vor, dass wir uns in der uns verbleibenden Zeit Calais ansehen könnten. In diesen Dingen bin ich ein rechter Hasenfuß. Ich habe immer Angst, dass wir durch irgendeinen Umstand die Fähre versäumen könnten. Nur mit einigem Zureden schafft es Herr W. mich zu überzeugen.
Calais selbst ist wirklich ganz nah an der Ablegestelle und wir finden sogleich einen Parkplatz. Der Markt wird hier gerade abgebaut und auch hier streiten sich die Möven lautstark um jedes noch so kleine Fitzelchen Müll. Laki würde nur zu gerne mitmischen und ich bin sicher, dass sie trotz Leine das ein oder andere Stück erwischt. Am Ende des Platzes gibt es einen Kiosk, die FRITERIE CLAUDIA. Die Tür schließt nicht, weil zu viele Menschen anstehen. Da sind wir doch dabei. Mit großen Augen schauen wir gebannt zu, wie Claudia – wir nehmen an, dass sie so heißt, eine junge blonde Frau mit kräftigen bloßen Oberarmen – wie sie insgesamt drei Fritteusen, einen Schnellgrill, die Getränkeausgabe und die Kasse managt, wie sie mit allen Leuten freundlich und interessiert spricht, blitzschnell Mengen und Beträge im Kopf überschlägt und dabei noch flink und sauber arbeitet. Früher hätte man solch eine Frau „patent“ geheißen und sie wäre mehr als eine gute Partie gewesen. Als wir an der Reihe sind, helfen alle im Kiosk zusammen, so dass wir trotz der Sprachbarrieren kurz darauf eine riesige Menge goldgelber Pommes mit zwei verschiedenen Soßen im braunen Wachspapier haben. Draußen begrüßt uns ganz hoffnungsvoll die angebundene Laki und Herr W. und ich essen schweigend genießend. Das können sie hier. Man muss es ihnen einfach lassen.


Natürlich kommen wir rechtzeitig an die Fähre. Durch verschiedene Stationen werden wir von winkenden Männern entlang der vorgesehenen Spurlinien geleitet. Jetzt werden wir wegen des Hundes angehalten. Im Häuschen sitzt eine dunkelhaarige Dame mittleren Alters. Mit klopfendem Herzen lege ich die Papiere vor. Von meiner Tierärztin habe ich schon ein paar Schauergeschichten über diese Prozedur gehört und hoffe natürlich, dass bei uns nichts beanstandet wird. Die Dame in ihrer Box studiert mit unbewegtem Gesicht den Hundeausweis. Blättert um. Blättert zurück. Ich fühle mich wie damals, als ich als junge Frau die Grenze der DDR überquerte: man hat ein schlechtes Gewissen und weiß nicht warum. Endlich reicht sie mir ein ringförmiges Gerät durch das Fenster, ich solle Lakis Chip auslesen. Doch irgendwie kriege ich das nicht hin. Natürlich werde ich leicht panisch. Laki hat einen Chip. Das weiß ich. Da steht die Dame auf, kommt um das Häuschen herum zum Auto und verlangt, dass ich die Tür öffne. Ich öffne, Laki schießt heraus, freut sich, die Dame lächelt, streichelt den Hund, liest den Chip aus, vergleicht mit den Angaben im Ausweis und wünscht uns eine gute Reise.

Mein erleichtertes Herz plumpst in die Untiefen des Channels.

Sonntag in Prag, Montag, Dienstag, Mittwoch

Am nächsten Morgen ist das Wetter durchwachsen. Dennoch beschließen wir nach dem Frühstück, in etwas weiterem Bogen die Stadtteile Smichov und Mala Strana zu umrunden und so zum Hradschin zu kommen. Dabei erfreue ich mich immer wieder am Prager Pflaster. Es sind kleine würfelförmige Pflastersteine in hellem und mittlerem grau, die zu den unterschiedlichsten Ornamenten zusammengefügt sind. Alle paar Meter ändert sich das Muster. Herr W. und ich mutmaßen im Spaß, dass es im Prager Hochbauamt eine ganze Reihe von Pflasterkünstlern gibt, die nichts anderes tun, als solche Zierleisten zu entwerfen. Wir sind erstaunt, wie viele neue es gibt, bisweilen finden wir ein Muster, das wir schon kennen. Wir schließen Wetten ab, ob wir ein Muster schon gesehen haben und laufen auch mal Umwege um zu beweisen, dass der eine Recht und der andere Unrecht hat. Und das Tollste ist: Die Pflasterleger machen Fehler! Wenn ich einen solchen Fehler finde, rege ich mich furchtbar auf. Mein zwanghafter Anteil kann dann kaum weiterlaufen. Herr W. grinst sich dann eins und Laki weiß mal wieder nicht, was das Ganze soll.

Leider regnet es sich ein. Auch steckt uns der vergangene Abend noch in den Knochen. Irgendwie fühlen wir uns nicht … . Also kehren wir um zur Wohnung und beschließen, das Auto zu nehmen, was den Vorteil hat, dass wir Laki im Fahrzeug lassen können, während wir uns etwas ansehen. Gemäß der Vereinbarung versuchen wir den Vermieter auf dem Handy zu erreichen, damit er uns das Tor per Fernbedienung öffnet. Aber er geht nicht ran. Auch nach Minuten nicht. Das kann nur den einen Grund haben, dass die junge Familie im Kreissaal ist. Und tatsächlich erscheint kurz darauf die Mutter der jungen Frau und meint, sie sei ganz aufgeregt, das Baby komme, heute. Wir versprechen, die Daumen zu drücken, sie öffnet uns das Tor und wir fahren raus.

Das Navi führt uns durch Tunnel und später viele Serpentinen bergan. An einem kopfsteingepflasterten Platz stellen wir das Auto ab. Laki guckt dumm, aber bei dem Wetter haben wir kein schlechtes Gewissen, sie im Fahrzeug zu lassen. Wir passieren einen Torbogen und sind im Kloster Strahov, einem Prämonstratenserkloster. Herr W. weiß hier von einer weltbekannten Bibliothek, die wir uns ansehen möchten. Auch hier ist Eintritt zu entrichten, falls man fotografieren möchte, fällt ein zusätzliches Entgelt an. Mal sehen …

Es ist ein kleines Museum mit ein paar netten Exponaten im Vorraum. Das Besondere sind Vitrinen mit Kopien wertvoller Handschriften. Hingerissen bleibe ich stehen. Wie gerne würde ich meinen Schülern vermitteln, dass Schrift nicht nur etwas ist, was man in Windeseile aufs Papier bringt, damit irgendwer es liest. Ihnen zeigen, dass Schrift auch höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen kann, eine eigene Rhythmik hat, dass man sie in Blöcken anordnen kann, dass man Zeilen verbinden oder trennen kann, dass man einzelne Buchstaben durch Form oder aber auch Farbe hervorheben kann, dass ein Anfangsbuchstabe eines Absatzes oder gar einer Seite eine Aussage für sich haben kann! In meiner Kindheit gab es noch Schönschreibunterricht, zumal ich eine Klosterschule besuchte. Und je nach Lehrkraft wurden solche Dinge durchaus angesprochen und geübt. Wenn ich meinen Schülern dagegen Schriftnoten erteilen müsste, ohwehoweh!

Eine geöffnete Flügeltür zeigt den Philosophischen Bibliothekssaal. Hinein kann man nicht, es gibt ein Absperrband. Was für eine Bibliothek! Das Wort Bücherei kommt mir hier nicht mehr in den Sinn. Es ist eine Augenweide. Ein paar Meter weiter gibt eine andere Flügeltür den Blick auf den Theologischen Bibliothekssaal frei. Die Regale sind hier zweckmäßiger, doch ist die Decke noch viel kunstvoller gestaltet. Da alle Besucher fotografieren, tue auch ich mir keinen Zwang an, obwohl ich die Gebühr fürs Aufnehmen nicht entrichtet habe. Prompt bekomme ich eine Abmahnung von der Aufseherin. „IIICH??? Och nö. Ich hab doch nur mit meinem Handy. ….“ (Manches lernt die Grundschullehrerin auch von den Schülern.)

Draußen laufen wir durch Weinberge zum eigentlichen Hradschin, immer darauf bedacht, dass wir nicht am Auto vorbeikommen, wo Laki uns entdecken könnte. Vor dem St.-Veits-Dom gibt es eine Taschenkontrolle. Das hat uns ja gerade noch gefehlt! Natürlich habe ich mein Opinel-Messer wieder dabei. Herr W. bietet spontan seine Hilfe an und wir wollen unser Spielchen von Palermo wiederholen. Er nimmt das Messer und versteckt es in der Bepflanzung, so dass ich meine Tasche unbesorgt präsentieren kann. Dass die Kontrollen diesmal nicht so genau sind, wissen wir da noch nicht. Wir umrunden den Dom und bewundern die Wasserspeier, die gotischen Elemente, die Goldene Pforte. Als wir endlich hineinwollen, ist der Dom geschlossen. Pech.

Herr W. fühlt sich nicht gut. Ihm ist leicht übel. Daher ist uns das ganz recht, dass wir nicht in den Dom können. Wir verlassen das Areal, nicht ohne noch rasch nach dem versteckten Messer zu sehen. Aber irgend so ein Spitzbube hat Herrn W. beim Verstecken beobachtet und das Opinel geklaut. Nun sind wir um eine Erfahrung reicher und um ein Messer ärmer.

Laki freut sich ohne Ende, dass wir wieder da sind, begibt sich dann aber sogleich wieder in ihr Körbchen im Kofferraum. Wir fahren los. Auf dem Heimweg interpretieren wir die Anweisungen des Navis falsch und landen in einem Parkhaus. Glücklicherweise gibt es auch hier in Tschechien die Möglichkeit innerhalb der ersten Minuten nach der Einfahrt ohne Entgelt wieder aus einer Tiefgarage hinauszufahren. So kommen wir endlich in unserer kleinen Wohnung an. Wieder öffnet die Schwiegermutter des Vermieters das Tor und wir erfahren, das der kleine Milan geboren sei. Ein Sonntagskind. Gewicht und Größe werden genannt und die ersten Bilder werden stolz gezeigt. Da sind die Menschen doch überall auf der Welt gleich.

Und dies ist im Wesentlichen das Ende unseres Pragbesuchs. Ob es die Wurst vom Markt war, das Bier am Samstagabend, oder irgendeine Schmierinfektion: Zunächst Herr W. und tags drauf auch ich hüten das Bett. Wir sind sehr froh, dass wir eine kleine Wohnung haben und nicht nur ein Hotelzimmer. Als wir am Mittwoch nach Hause fahren, geht es Herrn W. schon wieder recht gut, ich döse noch etwas matt auf dem Beifahrersitz. Nur Laki, die hat es nicht abgekriegt. Aber die hat ja auch kein Bier getrunken.

Kreuz und quer durch Prag – mit Party am Schluss

Es ist Samstag. Samstag ist Markttag, das ist hier in Tschechien offenbar ganz genauso wie bei uns in Deutschland. Der Vermieter hat uns den Markt an den Moldauufern ans Herz gelegt, ich liebe Märkte, und wir wollten ohnehin auf die andere Moldauseite, so sind wir uns schnell einig. Gleich am Anfang des Markts gibt es Live-Musik. Herr W. freut sich und wir hören eine Weile zu. Laki verbringt unterdessen die Zeit damit, die Hunde anderer zuhörenden Hundeherrchen kennen zu lernen. Dann reiht sich Stand an Stand. Es gibt überwiegend Kulinarisches, und obwohl das Frühstück noch nicht lange her ist, wird ein bisschen Gebäck gekauft. Meine Freundin Vroni, die ihre Kindheit hier in Tschechien verbracht hat, hat uns schon Bilder von Leckereien geschickt, die unbedingt gekostet werden müssen. Wir gleichen ab und holen uns per Whatsapp ihren Segen. Und ja, Vroni hatte Recht. Das Zeug schmeckt göttlich!

Weil die Temperaturen immer noch in Kühlschranknähe sind, decken wir uns am Wurststand fürs morgige Frühstück ein. Dann geht es hoch zum Vyšehrad. Die so genannte Prager Hochburg ist eine ehemalige Burg auf einem der beiden Berge, die seit Jahrhunderten befestigt sind. Dazwischen liegen Prag und die Moldau. Der Fußweg dorthin windet sich in Serpentinen durch nach oben. Immer wieder lohnen schöne Ausblicke, leider ist es heute bewölkt. Ganz oben kann man hinunterschauen auf einen Mauerrest im Fels, hoch über der Moldau. Den nennt man Libussas Bad. Denn der Sage nach hat die Fürstin Libuše dort ihre zahlreichen Liebhaber empfangen und sie bei Nichtgefallen durch eine Mauerritze hinunter in die tosende Moldau geschubst. Jahrhunderte später dürfte das nicht mehr ins gängige Frauenbild gepasst haben. Oben gibt es eine große Kirche Sankt Peter und Paul, die man fast in der gesamten Stadt Prag sehen kann. Wieder kostet es Eintritt, wir verzichten. Daneben ist der berühmte Ehrenfriedhof aus dem 19. Jahrhundert. Viele hochrangige Personen Prags haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Wir binden Laki ans schmiedeeiserne Gitter und gehen hinein. Viele der Gräber sind monumentale Jugendstilhallen, teils wunderschön. Man kann anhand der Plastiken und Bilder sehr gut sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Auftraggeber und ihre jeweiligen Künstler mit dem Thema „Tod“ umgingen. Wir schlendern, entziffern, ich fotografiere, erst das Gebell der entrüsteten Laki beschleunigt unsere Schritte.

Als wir wieder unten ankommen, endet gerade der Markt auf unserer Moldauseite, also steigen wir in eine der Fähren und setzen über, zu unserem Erstaunen kostenlos. Drüben laufen wir die andere Marktseite ab und gelangen zu unserer Wohnung, wo wir Wurst in den Kühlschrank legen, uns einen Kaffee machen und weitere süße Stückchen verspeisen. Als wir aufgewärmt sind, ist es noch zu früh, um zum Abendessen zu gehen, also ziehen wir noch einmal los. Herr W. hat ein Areal auf dem Stadtplan ins Visier genommen, das er sich gerne ansehen würde. Mit mir klappt das leider ganz, ganz schlecht, daher landen wir in Malá Strana, einem Stadtteil auf unserer Moldauseite nördlich unseres Stadtteils. Es gibt zunächst pompöse Bürgerhäuser und auch Villen in Parks, später kleine niedliche Häuschen mit Bauerngärten. Unversehens sind wir an der Karlsbrücke. Jetzt dränge ich darauf, drüber zu laufen. Es sind zwar furchtbar viele Menschen da, ein Junggesellenabschied sorgt für ordentlich Radau, aber der Blick zurück auf den Hradschin ist wunderschön. Auf der Brücke gibt es insgesamt 30 steinerne Statuen, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Künstlern geschaffen wurden. Nicht alle sind gleich künstlerisch wertvoll, ein Teil stellt weltliche, der Großteil christliche Personen dar. An einer der mittleren Figuren sind unten zwei Bonzetafeln mit Bildern, eine Szene mit Hund und eine mit einer Frau, wohl die Muttergottes, die einem Brückensturz beiwohnen. Sowohl der Hund als auch die Frau sind so oft berührt worden, dass sie leuchtend glänzen. Auch jetzt drängen unzählige Leute dorthin und schicken sogar ihre Kinder vor, dass sie diese beiden Stellen berühren. Was der tiefere Sinn ist, bleibt uns unklar. Am Ende der Brücke gibt es eine Einheit mit der Heiligen Margarete, der Heiligen Barbara und der heiligen Elisabeth. Warum die Heilige Barbara so viel höher steht als die Heilige Margarete, werde ich mit meiner lieben Schwester wohl noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in alle Ruhe ausdiskutieren müssen. …

Drüben sind wir endlich in dem Gebiet, wo Herr W. eigentlich hin wollte. Es erstreckt sich zwischen Nationaltheater und Altstätter Ring. Wir verlaufen uns dann auch prompt, finden dadurch jedoch die Heilig-Kreuz-Rotunde in der Altstadt. Rotunden sind, wie der Name schon verheißt, Rundbauten, die aber über eine Apsis verfügen. Es gibt hier in Prag einige davon, schon am Vormittag haben wir am Vyšehrad die bedeutendste Rotunde zu Ehren des Heiligen Sankt Martin gesehen. Doch leider sind sie immer geschlossen, wenn wir kommen.

Mittlerweile ist es wieder sehr, sehr kalt. Finde ich zumindest. Und Hunger habe ich auch, daher wollen wir der Einfachheit halber geradewegs wieder zu unserem Lokal um die Ecke, zur Bulldog-Bar gehen. Dort findet jedoch eine geschlossene Veranstaltung statt und wir sind gezwungen, uns anderweitig umzusehen. Da Smíchov ein Stadtteil zum Wohnen ist, sollte das auch am Samstagabend möglich sein. Und wirklich finden wir gerade eine Straße weiter einen Club mit Bierausschank, kleiner Speisekarte und – heute Abend Livemusik!!! Wer mich kennt, der weiß, dass das zunächst einmal schwierig für mich ist, zumal an unserem Tisch viele junge Leute schon recht viel getrunken haben, die Instrumente in Spuckweite aufgebaut sind und ich mit Laki quasi im Laufgang der gehetzten Bedienung sitze. Aber, was soll ich sagen, es wird absolut großartig! Am Tisch sitzen Prager, Österreicher und eine Polin einmütig zusammen, Laki schlarwenzelt darunter herum, frisst den Müll und lässt sich dabei von allen streicheln. Das Bier kommt aus einer riesigen Brauerei eine Straße weiter, heißt Staropramen und schmeckt unerhört lecker, so dass ich hier nicht berichten möchte, wie viele Gläser am Ende auf Herrn W.s und meiner Rechnung stehen. Der Musiker ist ein (offenbar österreichischer) Alleinunterhalter mit Künstlernamen Bruce, der seinen Job richtig gut macht. Am Ende tanze ich mit einem Jungen, der nur wenig älter ist als mein Enkel, Laki gesellt sich schwanzwedelnd auf die Tanzfläche dazu.

Und bevor es richtig peinlich werden kann, sind wir schon wieder in unserem Appartment.

Und nein, Bilder gibt es keine.

So kalt ist Prag, so voll – und so schön!

Am nächsten Morgen versuche ich mit Laki einen Ort zum Gassigehen zu finden, was ziemlich einfach ist. Denn gleich um die Ecke gibt es einen kleinen hübschen Park, mit vier großen Bäumen an den Ecken, einem schmiedeeisernen Zaun rings herum, Rosen an Rankgittern, Tulpenbeeten, dem obligatorischen Gusseisernen Brunnen mit Bären und Bärentöter. Dort gibt es einen Weg außen herum und Hundebesitzer kommen und gehen. Laki tut, was von ihr erwartet wird und ist nun frei, die Bekanntschaft von Chicco zu machen, der sie einfach große Klasse findet. Ich spreche das junge Herrchen an, Stepan, und er erzählt mir, dass er gerade versuche Deutsch zu lernen und ich gestehe ihm, dass ich heilfroh bin, nicht Tschechisch lernen zu müssen, eine Sprache, die mir allein vom Schriftbild so unverständlich wie chinesisch erscheint. „Da, zum Beispiel,“ ich deute auf ein Schild über einem Ladenlokal, „das Wort in der Mitte, was ist das? Diese Schwälbchen, Stäbchen, Ringlein – wie soll man das aussprechen?“ img-20190413-wa00001685883637.jpeg

Stepan spricht es mir vor, es klingt ungefähr wie „Tutschznjiaakuo“ und meint, das heiße PINGUIN. (… Na klar, sieht doch jeder!!!! …) Ab jetzt finde ich mich damit ab, dass diese Sprache ganz offensichtlich sehr hochstehend und überaus komplex ist. Aber nicht jeder muss alles können. Und ich werde diese Sprache in den paar Tagen hier ganz gewiss nicht lernen.

Auf dem Weg zurück in die Wohnung finde ich einen gut sortierten Supermarkt, die wichtigsten Wertstoffcontainer und ein Restaurant ZUR BULLDOGGE mit recht ansehnlicher Speisekarte und vier verschiedenen Zapfhähnen. In der Wohnung frühstücken wir erstmal ausgiebig, denn wir sind mit einer Kühltasche angereist und können auf löslichen Kaffee, Tee, selbstgemachte Marmelade, Butter, Brot und Käse zurückgreifen. Die Wohnung verfügt über die wichtigsten Küchenutensilien und einen Tisch mit Stühlen.

Da ich schon am Abend vorher nicht wirklich warm war, ziehe ich mich heute noch ein ganzes Stück wärmer an, alles, was so möglich ist. Gegen die mit Sorgfalt zurechtgemachten Tschechinnen falle ich da zwar deutlich ab, aber erstens bin ich Deutsche (und die laufen in fremden Ländern sowieso immer rum wie schlecht verbundene Finger. Nur Engländerinnen sind schlimmer.) Zweitens bin ich über 60 – ja, ich habe es in der Zwischenzeit geschafft – und da muss ich stylingmäßig nicht mehr mit den 30-jährigen mithalten. Und drittens ist eine Blasenentzündung das Letzte, was ich im Leben noch mal haben möchte.

Auch Herr W., der eigentlich nie friert, zieht einen Pullover unter den Anorak, Laki muss mal wieder so bleiben wie sie ist. Und so ziehen wir los. Erst geht es ein Stück runter zur Moldau und dann entlang des Wassers. Wir entdecken weitere Parks, alle klein, aber auf ihre Art jeder ein Kleinod. Alle haben an den Ecken große dominante Bäume mit tief hängenden Ästen, eine Buche, eine Eiche, … aber auch mir gänzlich unbekannte Bäume. Hier in Prag haben die Städteplaner immer wieder an die Stelle, an der eine Straße rechtwinklig auf den Fluss stößt, eine Grünanlage gestaltet. Häufig ist ein Denkmal für irgendeine damals wichtig erscheinende Person die Legitimation. Aber heute, weit über 100 Jahre später, ist das ein Glücksfall, denn so blieben städtebauliche Filetstücke frei und geben der Stadt gerade jetzt im Frühjahr eine Stimmung von Aufbrechen und Üppigkeit. Repräsentative Stadthäuser säumen die Straßen, Jugendstil in seiner prachtvollsten Form, aber auch Neorenaissance und Neoklassizismus, alles aufs Feinste renoviert. Ich fotografiere Details der Häuser bis Herr W. und Laki einfach ohne mich weiter gehen und ich hinterherrennen muss.

Am Wasser gibt es Schleusen, Inseln, Seitenarme, Stufen, Wehre. Denn die Moldau ist zwar breit, aber ziemlich flach. Und deswegen muss es jeweils in Ufernähe eine Möglichkeit geben, dass die vielen Ausflugsschiffe die Hürden nehmen. An der Insel Kampa hat sich beispielsweise ein Seitenarm der Moldau in einen Wildbach verwandelt, es gibt dort eine Mühle.

Laki findet Freunde um Freunde und ich fange langsam an zu frieren. Wir überqueren eine Brücke und kommen der Altstadt immer näher.

Leider sind wir nicht die Einzigen. Obwohl weder Wochenende noch Feiertag und – mit Verlaub – saukalt: Es sind unheimlich viele Leute aus aller Herren Länder hier, die ganz genau das Gleiche sehen wollen wie wir. Und zu allem Überfluss haben Händler ihre Chancen erkannt und mehr als genutzt. Herrn W. frustriert das. Er erinnert ein kleines Plätzchen an der Moldau, darauf ein Smetana-Denkmal, wo er früher einsam mit dem Komponisten Zwiesprache hielt. Heute sitzt Smetana auf seinem Denkmal inmitten eines italienischen Eiscafes, Leute machen sich einen Spaß daraus, sich möglichst effekthascherisch daneben zu platzieren und ein vermeintlich originelles Foto zu kreieren, wo Smetana zur lächerlichen Staffage verkommen muss. Alte Arkaden sind bis zum letzten Millimeter an Händler für Nepp aus Fernost vermietet. An der Karlsbrücke setzt ein Mann  einer jungen Asiatin zwei rosa gefärbten Tauben auf den Arm, klaubt ihr gleichzeitig in Windeseile ihr Handy aus der Hand und macht ein Bild von der ängstlich blickenden Dame mit den zwei Tauben in den Händen – gegen Entgelt versteht sich. Auch den jüdischen Friedhof können wir nicht besuchen. Eigentlich war uns das schon im Vornherein klar, wir haben ja einen Hund dabei, und Hunde dürfen nun mal nicht auf Friedhöfe, egal ob jüdisch oder christlich. Aber hier nähern wir uns und werden schon beim Anblick verwiesen. Dass wir hätten Eintritt bezahlen müssen, finde ich einfach unpassend. Auch alle Kirchen verlangen Eintritt. In meinen Augen widerspricht das dem allerersten Anliegen der Kirchen, offen zu sein für die, die kommen wollen.

Mittlerweile bin ich so kalt, dass wir ein Cafe zum Aufwärmen suchen. Danach steuern wir den Altstädter Ring an. Auch hier gibt es viele Buden, denn ein Ostermarkt hat die freie Fläche eingenommen. Da dies nur vorübergehend sein dürfte, mag es noch hingehen. Es werden wie überall in der Stadt Trdelník hergestellt, das ist ein slowakisches Gebäck, bei dem Teig über Holzstangen gewunden wird und über offenem Feuer gebacken wird. Danach wird die gesamte Rolle mit Zucker, Zimt, Nuss oder Mandel bestreut und in Stücke geschnitten. Ganz unhistorisch füllen die Händler hier aber noch Cremes, Nutella oder Eis in die Teigringe. Auch Prager Schinken wird am offenen Feuer gebraten und in Stücken verkauft. Als ich fotografiere, fährt mich der Koch an, dass ich den Schinken ins Bild nehmen dürfe, aber nicht ihn, den Koch. Ich habe ein bisschen das Gefühl, den Menschen hier in der Stadt geht es genauso wie mir: Es ist etwas viel für uns alle.

Die Leute sammeln sich an der Rathausuhr, denn gleich ist es 14 Uhr und dann fangen die Figuren sich an zu drehen. Wir ergattern einen Platz, von dem wir gut sehen und wo Laki nicht stört, und wohnen bewegt dem kurzen Schauspiel bei. Es ist eine Uhr, die aus mehreren Teilen gestaltet wurde, und deren verschiedene Scheiben Zeit und Datum anzeigen und wo Christus und Apostel sowie Allegorien sich zur vollen Stunde bewegen. Geschaffen wurde sie in einer Jahrzehnte dauernden Epoche nach 1410.

Ganz nebenbei gucke ich natürlich auch Schaufenster. Alle international bekannten Marken sind hier mit eigenen Stores vertreten, die wie überall auf der Welt große Ladenfläche mit sparsamem Angebot und gelangweilten Verkäufern oder Verkäuferinnen beherbergen. Daneben gibt es unglaublich viele Läden für Süßigkeiten, wo ich zwar nie naschen würde, aber den Fotoapparat kaum still halten kann und es gibt ganz viele Spielwarengeschäfte.

Bei einer Passage bleibt Herr W. plötzlich stehen. Er kennt sie, aus dem Fernsehen. Es ist die Passage, in der 1989 während der sogenannten „samtenen Revolution“ Menschen zusammengeprügelt wurden, obwohl eigentlich schon alles entschieden war. Heute ist die Passage zugebaut und Teil eines Hotels. Doch gibt es einen Teil, der offen zugänglich ist, wo man Bilder von dem furchtbaren Ereignis sehen kann. Draußen gibt es eine Plakette, Passanten haben einen Strauß Narzissen dahinter geklemmt.

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Mir reicht es. So kalt war ich schon ewig nicht mehr. Wir eilen uns, dass wir nach Hause kommen. Heute Abend essen wir in dem Bulldog-Restaurant bei unserem Apartment gleich um die Ecke. Es ist eine kunterbunte Sportbar mit riesigen Sprungschi an der Decke und einem Großbildfernseher im Nebenzimmer, die Bedienung ist supernett, wir erhalten einen tollen Platz und Herr W. versucht sich an einem „Schweineknie“, wie hier die Ofenhaxe übersetzt wird.

So müde bin ich schon lange nicht mehr ins Bett gefallen!

Reise nach Prag

Herr W. hat ein paar Tage Urlaub genommen, wir haben eine winzige Wohnung in Smichov, einem Ortsteil auf der Prager Kleinseite gemietet und packen das Auto, was in diesem Fall bedeutet, dass alles auf die Rückbank kommt. Laki liegt schon längst in ihrem Körbchen im offenen Kofferraum – sicherheitshalber, denn die Angst, nicht mitzudürfen, ist unermesslich groß. Das Wohnmobil hingegen muss noch zu Hause warten, im Moment ist es dafür einfach zu kalt.

Es macht Spaß, gemeinsam diese neue Route durch die Oberpfalz an die deutsche Grenze zu fahren. Es gibt zunehmend weniger Bebauung, dafür immer mehr abwechslungsreiche grünende Landschaft. Da der CD-Player aus unerfindlichem Grund die eingeschobene CD nicht will, singen wir uns gegenseitig Smetanas Moldau vor und geraten über die Passage nach dem wiederholten ersten Motiv in Meinungsverschiedenheit. Herr W. setzt zu schmetternden Fanfaren an, ich ergehe mich in harmonischen Verschiebungen. Die Grenze überqueren wir beiläufig, dabei ändert sich die Farbe der Autobahnbeschilderung von blau in grün und die Ortsbezeichnungen werden unaussprechlich. Wie ich später gelesen habe, haben die „Schwälbchen“ und „Stäbchen“ über den Buchstaben jeweils lautverändernde Bedeutung, l, m und noch andere können auch Vokale sein, ein u kann statt eines Stäbchens auch einen Kringel haben, … wie gut, dass ich hier nicht Rechtschreibung unterrichten muss!

Dank des Navis finden wir die Adresse ziemlich schnell. Wir rufen vom Handy aus den Vermieter an, und er öffnet für uns das schmiedeeiserne Tor. Dahinter bekommt das Auto einen Parkplatz auf dem Innenhof und wir regeln im Büro des Vermieters alles Erforderliche. Ich bin erstaunt, wie gut der junge Mann Englisch spricht, viel besser als ich. Er erzählt, dass er auch einen Hund habe, dass seine Frau dieser Tage das erste Kind erwarte, erklärt uns die Schließanlage, gibt uns Ratschläge zum Abheben am Geldautomaten und Tipps für die kommenden Tage. Stolz verweist er darauf, dass er im Haus eine winzige Craftbeerbrauerei mit Ausschank betreibe. Da rennt er bei mir natürlich offene Türen ein. Das kleine Appartment erweist sich für unsere Zwecke als perfekt. Wir räumen notdürftig ein und ziehen los. Die Craftbeerbrauerei heben wir uns für später auf, jetzt haben wir erst mal Hunger und sind auf der Suche nach Schweinernem in Knödelbegleitung.

Entlang der Moldau geht es schon in der Dunkelheit nach Norden zur Jirásku°v most (das Programm gibt die korrekte Schreibweise nicht her. Das Ringlein muss über dem u sein, nicht danach. Ich merke schon, Tschechen sind eine Minderheit und nicht genügend repräsentiert.) Von dieser Brücke aus haben wir einen ersten Blick sowohl auf das tanzende Haus von Gehry, auf die Nationaloper und vor allem auf die Karlsbrücke.

brown and black concrete bridge during night
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Drüben auf der anderen Moldauseite zieht es uns in kleine Gässchen. Statt des sagenhaften Golems toben und lärmen Dutzende von Halbwüchsigen, die die Bierkneipe wechseln. Wir versuchen ihnen aus dem Weg zu gehen, da wir nicht wissen, wie Laki das findet. Herr W. erinnert von einem früheren Besuch das U Fleku° (wieder das Ringleinproblem), eine Institution für authentisches Pragerisches Essen und Trinken. Doch dort schüttelt man den Kopf, als man Laki sieht, daher kehren wir um. Unweit finden wir eine nette Gaststätte, die noch Essen serviert und den Hund akzeptiert. Hier gibt es unzählige alte Plattenspieler, die Wände sind mit Schelllackplatten geschmückt, die Stereoanlage gibt einen 70er-Jahre-Hit nach dem nächsten wieder. Der Schweinebraten ist schon ausgegangen, dafür ist das Gulasch noch da. Viel Soße, einige Brocken recht durchwachsenes Schweinernes, extrem saugfähige Knödelscheiben, zwei gut gehopfte Biere aus PLZEN (so schreibt man hier Pilsen) – alles gerät wieder ins Lot. Als wir zurück auf die Straße kommen, ist immer noch viel junges Volk unterwegs, das das Lokal wechselt. Doch dieses Mal sind die Leute freundlich. Ein Pärchen hat einen Hund dabei, und der junge Rüde Eddi findet Gefallen an Laki und sie an ihm. Gemeinsam toben sie zwischen den Menschen über die Straße und haben ihren Spaß. Wieder sprechen die Leute hervorragend Englisch. Was uns hier auffällt und sich in den nächsten Tagen mehr als bestätigen soll, ist, dass die Prager ein sehr ungezwungenes Verhältnis zu Hunden haben und die Hunde allesamt gut sozialisiert sind. Die meisten laufen gar ohne Leine. Es klappt wunderbar.

Da wir uns ein gutes Stück von unserer Unterkunft entfernt haben, müssen wir nun noch fast eine halbe Stunde laufen. Müde und ziemlich erschöpft fallen wir in die Betten.

 

Bergfest

Das erste Schulhalbjahr ist vorbei. Ein Schulhalbjahr, bei dem ich nicht Lehrerin war, sondern einfach nur ICH. Für mich heißt das, dass auch die Hälfte meines Sabbaticals vorüber ist. Ich finde, ich habe mich wacker geschlagen, viel erlebt, ganz schön viele Entscheidungen getroffen, eine Menge Pläne für die Zukunft gemacht.

Zu Beginn des freien Jahres gab ich mich noch dem Gefühl hin, alles oder zumindest sehr vieles sei offen, die nähere und auch die weitere Zukunft lägen vor mir wie die Straßen einer Fächerstadt, ich stünde am Zentrum und könnte diesen oder auch einen anderen Weg einschlagen, die einander gegenüberliegenden Richtungen stünden mir frei, ich müsste nur einfach losgehen. Das gleiche Gefühl hatte ich auch direkt nach dem Abitur, alles war offen, ich und mein Leben waren voller Möglichkeiten.

Tatsächlich war das damals vor über 40 Jahren eine Illusion, ist es auch jetzt mit knapp 60 gewesen. So wirklich frei ist man niemals. Auch zu Beginn des Sabbaticals hatte ich insgeheim eine Menge schon entschieden, gab mich nur nach außen völlig offen, einfach weil ich verliebt war in diesen Zustand des Offenseins und glaubte, dadurch seiner habhaft werden zu können.

Um es nun konkret zu machen: Dieses Sabbatical sollte ein Reisejahr werden, die Koordinaten „Europa bis an die Grenzen“ hatte ich bereits festgelegt und daran hat sich auch bislang nichts geändert. Darüber hinaus gab und gibt es auch den Plan, eine frühere Beziehung, die nach Jahrzehnten kläglich gescheitert war, nun auch endlich dinglich zu beenden. Ich wollte mein Leben entrümpeln und mir wieder zu eigen machen.

Es hat erstaunlich lange gedauert, wenn ich ehrlich bin, bis vor einigen Wochen, bis ich damit ernsthaft begonnen habe. Die Initialzündung gab nicht Marie Kondo mit ihren Aufräumvideos, sondern einfach der Umstand, dass es bei mir eben nun genau so weit war. Ich begann mit einer Schublade unter dem Schreibtisch, darin hunderte von Briefen, Zetteln, Postkarten. Ganz viele von lieben Menschen, einige von Leuten, an die ich mich nur vage erinnere und auch solche von Leuten, die aus gutem Grund keine Rolle mehr in meinem Leben spielen. Ich sichtete und sortierte, schmiss weg und packte fort. Der Papiermüll quoll über und ich merkte, dass ich das Ende eines Fadens gefunden hatte, der weit mehr nach sich zog als eine leere Schublade und einen vollen Papierkorb. Erst spät in der Nacht kam ich zur Ruhe. Während der Schulzeit wäre ich nie an diesen Punkt gelangt, weil ich im Kopf an ganz anderen Stellen gewesen wäre. Für Kehrtwenden braucht man einen freien Kopf.

Ordner leeren, Papier schreddern, Fach um Fach nehme ich mir vor. Ebay, Recyclinghof, Sozialstation. Das Wohnmobil wird umfunktioniert zu einem Fortschafffahrzeug. Da müssen wir durch, das Wohnmobil und ich.

Ich treffe auch Entscheidungen bezüglich der Wohnung, in der ich lebe. Bestätige, DASS ich hier leben will und entwickle Visionen zum WIE. Beginne, meinen finanziellen Rahmen zu checken und seine Grenzen auszuloten. Ich erobere mir die Herrschaft über mein Leben zurück. Das neue Lebensjahrzehnt, das in wenigen Wochen startet, ist dafür ein guter Zeitpunkt, finde ich.

Nicht mehr lang, und der Frühling ruft wieder nach neuen Reisen. Irland heißt dann das Ziel. Herr W. und ich und Laki freuen uns schon und können es kaum mehr erwarten. Aber bis dahin – Ramadama!!!