Trondheim

Die Nacht war stürmisch, aber es gab keine weiteren unangenehmen Vorkommnisse. Beim Frühstück schauen wir uns um. Die Menschen im Speisesaal sehen überwiegend ein wenig mitgenommen aus, aber offenbar ist es bei ihnen wie bei uns: Essen geht schon wieder. So langsam finden wir uns ein auf dem Leben an Bord. Heute sollen wir nach Trondheim kommen, und zwar morgens. Vorher hält das Schiff schon an einigen anderen Häfen, aber jeweils nur kurze Zeit zum Einsteigen und Aussteigen, um Fracht zu laden und zu löschen und um Proviant zu bunkern und Müll und anderes zurückzulassen. Das Schiff funktioniert tatsächlich als Vielzweckverbindung zwischen Süd- und Nordnorwegen. Das merkt man immer deutlicher, je weiter man nach Norden kommt. In einem Buch wurde diese Route halb scherzhaft als Staatsstraße 1 bezeichnet. Die Norweger, die mit uns reisen erkennt man sofort. Sie schauen weitaus weniger begeistert aus dem Fenster, haben oft Kinderwagen und eine Menge Gepäck dabei und ziehen sich oft gar nicht weiter aus, weil sie ja in drei oder vier Stunden schon wieder aussteigen. Ich dagegen laufe hier in bequemer Kleidung herum mit Crocs an den Füßen. Doch können sie wie wir die Annehmlichkeiten der Seereise nutzen und sitzen mit Kind und Kegel im Restaurant dabei oder in der Bar.

Zurück zu Trondheim. Wir verlassen das Schiff noch in der Dunkelheit und stapfen im Schnee den Schildern SENTRUM nach. Vorbei am winterlichen Yachthafen über etliche Brücken kommen wir immer weiter in die Stadt. Es gibt riesige Hotelkomplexe großer Unternehmen und kleine Geschäfte, die ihren Eingang im Schnee mit flackernden Öllichtern markieren. Die Stadt zeigt Wohlstand und Fortschritt. Dass sie Universitätsstadt ist, macht sich ebenfalls positiv bemerkbar. Wir kommen vorbei an einem Vinmonopol, das ist ein Laden, in dem es ausschließlich Alkohol gibt. Viel Alkohol und jedweden Alkohol. Aber nicht immer! Die Öffnungszeiten sind stark reglementiert, natürlich ist jetzt am Morgen noch geschlossen, der Laden ist zudem vergittert wie bei uns in Deutschland ein Laden für Schusswaffen.

Um uns einen Überblick zu verschaffen, gehen wir zuerst auf einer hübschen alten Brücke über die Nidelva, den Fluss, der Trondheim in mehrfachen Schleifen durchzieht. Am Ufer stehen auf Stelzen farbige Holzhäuser, die früher den Kaufleuten gehörten, heute allerhand anderes Gewerbe und Szenelokale beherbergen. Auf der anderen Seite geht es steil bergan und hier sehen wir zum ersten Mal einen kostenlosen Lift  für Fahrradfahrer. An der unteren Station ist kurz erklärt, wie er benutzt wird. Man stellt sich knapp neben den Bordstein, stellt auf einem Drückknopf die Geschwindigkeit ein – es gibt Anfänger / Normal / Ambitioniert und dann noch  Notstop und man stellt den rechten Fuß an einen rot angemalten Keil. Der läuft dann auf einer Schiene bergaufwärts und schiebt den Fahrradfahrer vor sich her. Man muss wohl das rechte Bein steif halten und ein bisschen aufpassen, aber es scheint zu funktionieren. Jetzt im Winter verschwindet die gesamte Anlage jedoch im Schnee. Doch haben wir hier immer wieder Radfahrer gesehen, die den Schnee nicht fürchten. Eine junge Frau schmierte auf einem Fußgängerweg mit ihrem Mountainbike weg und landete mit Karacho auf dem Boden. Lachend stand sie auf und fuhr weiter. Eine Norwegerin eben.

Wir jedoch stapfen den Berg hoch zur Festung, denn von dort soll man die Stadt von oben betrachten können. Etliche Leute mit Kinderwägen und / oder Hunden kommen uns entgegen. Vor vielen Häusern und natürlich oben auf der Festung weht die norwegische Flagge. Die Norweger haben zu ihr ein weitaus ungezwungeneres Verhältnis als wir Deutsche zu unserer. Die Flagge zu schwenken oder zu hissen ist hier etwas, das man jederzeit tut und es wird als allgemein gültige Äußerung jedweden Gefühls gutgeheißen.

Da wir nicht allzu viel Zeit zur Verfügung haben, machen wir auf halber Strecke kehrt und steuern den Nidarosdom an, den Dom aus der Zeit im Mittelalter, als Trondheim Norwegens Hauptstadt war und Olav II König war. Er steht inmitten eines malerischen Friedhofs und wirkt von der Seite fast ein wenig russisch, die Front dagegen erinnert an französische Kathedralen. Mir gefällt die Seitenansicht besser. Hinein sind wir nicht gegangen, denn wir hätten im angrenzenden Shop Tickets für umgerechnet 12 Euro pro Person kaufen müssen, und das erschien uns für eine Kirche recht viel. Die im Shop erhältlichen Postkarten zeigen viel hohe graue Gotik.

Allmählich wird es Zeit, wieder zum Schiff zurück zu gehen. Wir wählen einen Weg entlang des Flusses hinter den alten Stelzenhäusern. Rechtzeitig zum Mittagessen sind wir da. Die Ausfahrt aus dem Fjord verfolgen wir gemütlich am Fenster. Immer wieder nimmt das Schiff neue Biegungen und nur auf dem Handy können wir auf Google verfolgen, ob das, woran wir gerade vorbei fahren, eine Insel oder eine Landzunge ist. Hier ist Ortskenntnis für einen Schiffskapitän das A und O. Was unsere Frau Kapitänin während des Sturmes in der vorausgegangenen Nacht geleistet hat, wird uns zunehmend klarer.

Am Nachmittag werden wir aufs Deck gerufen, es gibt Miesmuscheln zum Probieren. Sie sind so lecker, ich ergattere zwei Portionen. Der Schiffskoch hat beste Muscheln aus der Region gekauft und weder am Wein noch an Zitronenvierteln, Chilli, Ingwer, Knoblauch und Koriander gespart.

Kurz danach kommen wir an einem putzigen Leuchtturm vorbei. Die Reiseleiterin berichtet, dass in früheren Zeiten jeweils zwei Leuchtturmwärter mit ihren Familien – und einer Lehrerin! – darin wohnten. Da der Platz vom Turm bis zum Meeressaum nur wenige Zentimeter betrug, durften die Kinder nur aus dem Turm, wenn sie mit einer Leine um den Bauch am Turm festgebunden waren. Heute kann man den Turm während der Ferien mieten, ein sicher nicht ganz billiges Vergnügen.

Beim Abendessen sitzen wir wieder im Speisesaal und schauen hinaus in die dunkle Nacht.

 

 

Sturm draußen vor Måloy

åWir schlafen in dieser Nacht wie die Murmeltiere, oder besser wie die Seehunde. Meine Fitbit kommt gar nicht mit dem Messen nach. Das Schiff schaukelte gewiss, laut Plan sollte es zweimal angehalten haben, aber ob das so war, können wir nicht sagen, wir schliefen ja.

Am nächsten Morgen gibt es ein Frühstücksbüffet, das dem Abendessen am Tag zuvor in nichts nachsteht. Wieder eine unbeschreibliche Vielfalt an kaltem Fisch, dann alles, was der Brite so am Morgen isst, allein acht verschiedene Marmeladen, Körbe von Brot und Brötchen, ein Durchlauftoaster zum Selbstbedienen, Tees, Kaffee aus der Maschine (wider Erwarten sind die Norweger bekannt für köstlichen Kaffee), Säfte, Smoothies, frisches Obst und Gemüse, … und zu allem Überfluss auch noch eine warme Theke, falls ich denn gleich am Morgen Lust auf eine warme Mahlzeit habe. Alles ist gekennzeichnet nach Allergenen, so dass auch ich als laktoseintolerante Reisende einen Überblick behalte. Einen Teil der Reste des Abends zuvor erkenne ich in veränderter Form wieder, etwas, was mich sehr beeindruckt. Offenbar wird hier wenig weggeworfen. Das Personal ist außerordentlich freundlich und zuvorkommend. Irgendwie schaffen wir es nicht, nach einem Teller aufzustehend und den Raum zu verlassen. Wenn das so weitergeht!

Die Durchsage meldet erst auf norwegisch, dann auf englisch und dann auf deutsch, dass wir nun in Måloy anhalten. Sie gibt Empfehlungen zum Landgang „wer ein wenig zur Übelkeit neigt, sollte diese Gelegenheit nutzen, denn der Aufenthalt an Land kann das Gleichgewicht stabilisieren helfen“, zur Kleidung „es könnte ein wenig kühl sein, daher sollten Sie auf geeignete Kleidung achten. Wer Spikes dabei hat, sollte sie benutzen, da es an einigen Stellen durchaus glatt sein könnte“, wohin wir uns wenden sollten „Måloy hat wie New York die Straßen numeriert. Daher empfehlen wir, die Straße Nummer 1 zu benutzen, so kommen sie leicht wieder zum Schiff. Wir bemühen uns darum, dass das sehr interessante Museum aufgeschlossen wird. Das können Sie besichtigen“ und zur Dauer „wir möchten Sie bitten, wieder rechtzeitig an Bord zu sein, denn unser Schiff wird Måloy um 14.40 verlassen, da um 15:00 unsere Liegezeit endet“. Nur zwischen den Zeilen schwingt mit, dass ein so langer Aufenthalt in Måloy eigentlich nicht geplant war und dass man die sichere Zeit im Hafen nutzen will, denn draußen ist es offenbar mehr als ungemütlich.

Wir tun, wie uns empfohlen wurde und ziehen uns ordentlich an, Spikes vom deutschen Kaffeeröster inclusive (die sind wirklich gut, nur falls jemand sie in der Hand gehalten haben sollte und sich überlegt hat, ob die was taugen). Beim Verlassen des Schiffs zeigen wir unsere Karte mit dem Strichcode vor und der Schiffscomputer registriert, dass wir draußen sind.

Wir stiefeln ein wenig umher. Es ist eine nette Kleinstadt, unten Mehrfamilienhäuer, oben am Hang Einfamilienhäuser. Parallel zum Hafen verläuft die Einkaufsmeile, wo es vor allem Läden zur Inneneinrichtung gibt – es scheint in einem Land, in dem so lange Dunkelheit herrscht, wichtig zu sein, dass man schön wohnt – eine Reihe von Cafes, ein hübscher Blumenladen und am Platz befindet sich ein winziger Supermarkt. Den betreten wir, weil ich immer neugierig bin auf Supermärkte und weil Herr W. sich mit sprudelndem Mineralwasser eindecken wollte, welches auf dem Schiff so gut wie unbezahlbar ist. Wir vergleichen Preise und stellen fest, dass hier das meiste deutlich teurer ist als bei uns in Deutschland. Wir staunen über Produkte, die wir nicht kennen wie den längs halbierten und tiefgefrosteten Schweinekopf, über lustige norwegische Wörter wie Pumpakärnor für Kürbiskerne und über eine Riesenpackung Pralinen der Marke Kong Haakon.

Wieder an Bord klärt man uns auf: Jetzt müssen wir losfahren, denn das Schiff kann nicht mehr im Hafen bleiben. Aber zumindest seien die Wellen nun nur mehr 5 Meter hoch anstelle der 13 Meter vor einigen Stunden.

Wir begeben uns in die Lounge, noch ist es ja ruhig. Einige Wellen kündigen an, dass es ruppiger werden könnte, Schneeflocken wirbeln und bleiben auf der Scheibe liegen. Wir fixieren den Horizont und fühlen uns gewappnet. Nach und nach werden die Menschen in den anderen Sesseln ein wenig ruhiger, keiner redet irgendwelches überflüssiges Zeug, was ja eigentlich ganz gut ist. Jemand steht auf und verlässt den Raum. Vorne brechen sich einzelne Wellen gischtend am Bug. Schweigend verschwindet ein weiteres Pärchen. Krachend fällt das Schiff in ein Wellental. Ich verspüre den dringenden Reflex, meine Blase zu entleeren. Also informiere ich Herrn W., dass ich nur mal kurz pinkeln gehe. Im Klo weiß ich plötzlich nicht mehr so genau, ob ich mich wirklich auf die Schüssel setzen möchte und entscheide mich spontan um. Vermutlich sollte ich nicht sitzen, sondern liegen. Also schwanke ich mühsam hinunter in unser Zimmer und lege mich nach erneutem Übergeben flach aufs Bett. Hier ist es ein wenig besser. Ich verbringe die folgenden Stunden zwischen Wachen und Dösen.

Ab jetzt muss ich aus Herrn W.s Sicht erzählen: Er bleibt noch viel länger, da er ja das Problem hat, dass er nicht nur seine eigenen Sachen dabei hat, sondern nun auch mein Zeug, vor allem den Fotoapparat, aber auch das Buch, die Lesebrille und so weiter. Er passt auf, dass bei den heftigen Bewegungen nichts wegfliegt oder kaputt geht. Nach und nach gehen die meisten Menschen aus der Lounge. Er und fünf andere harren aus. Entweder weil sie sich nicht vorstellen können, aufzustehen, oder weil es ihnen nicht so viel ausmacht. Die schweren Sessel fangen an umzustürzen und durch den Raum zu schießen. In einer kurzen Pause schafft er es, unseren Krempel zusammenzuraffen und nach unten zu kommen. Auf dem Weg nach unten begegnen ihm immer wieder Mitarbeiter der Hurtigruten mit Putzwagen. Auch er muss sich übergeben, ab jetzt liegen wir beide auf dem Bett. Die Stimme aus der Durchsage kommentiert das Ereignis, zunächst mit verharmlosenden und mutmachenden Phrasen, später eindeutiger, zuletzt nurmehr knapp, da die Sprecherin offenbar selbst sich am liebsten übergeben möchte. Irgendwann wird es ruhiger, denn das Schiff hat sich seine Fahrtrinne hinter Inseln gesucht, wo es ruhiger ist.

Als nach acht für unsere Gruppe die Essenszeit anbricht, wage ich mich hoch ins Restaurant. Eine Menge Tische sind nicht besetzt. Auch ich sitze allein, denn Herr W. zieht die waagrechte Lage noch vor. Von den drei Gängen will ich nur zwei und esse jeweils nur ein paar Happen. Bald ziehe ich mich wieder aufs Bett zurück. Wer weiß, was die Nacht noch bringt. …

Hurtig, hurtig – ab in den Norden (zweiter Text – den ersten hat offenbar das Schiff verschluckt)!

Herr W. und ich haben eine Fahrt mit den Hurtigruten entlang der norwegischen Küste gebucht. Nord- und südgehend, das heißt 11 Tage. Jetzt im Winter soll es hier zwar überwiegend dunkel und auch recht kalt sein, andererseits locken die berühmten Polarlichter und die Sache ist finanziell einigermaßen machbar. Hurtigruten wirbt mit dem Slogan „Die schönste Seereise der Welt“, das muss man sich doch einmal gegönnt haben. Laki zieht indessen zu ihrem geliebten Hundesitter, enorme Futtervorräte im Gepäck.

Wir haben gepackt, ich habe uns übers Internet eingecheckt. Alles ist soweit erledigt, ein gemütlicher letzter Abend steht uns bevor, ehe die Reise am frühen Sonntagmorgen starten soll. Da ploppt auf meinem Handy der Messenger auf: Die Fluggesellschaft, die uns über Amsterdam nach Bergen bringen soll, meldet den Ausfall des zweiten Fluges. Es wird ein Ersatz angeboten, doch der ist indiskutabel, weil dieses Ersatzflugzeug erst landen soll, wenn die MS Spitsbergen, mit der wir fahren sollen, bereits in See gestochen ist. Wir rufen die Mitarbeiter von Hurtigruten an, doch die haben sich schon ins Wochenende begeben. Aus dem gemütlichen Abend ist unversehens eine kurze schlaflose Nacht geworden. …

Viel früher als geplant fährt Herrn W.s Auto in der sonntäglichen Dunkelheit in eine Kleinstadt in der Umgebung, ein Zug soll uns zu einem Bus bringen und der hat Frankfurt Flughafen als Ziel. Doch der angekündigte Zug ist nicht da, dafür ein anderer. Ich frage eine junge Frau, die bereits im Zug sitzt. „Vermutlich,“ meint sie gedehnt, „da gibt es dann einen Bus, ich hab sowas gehört. Doch, ich glaube schon. …“ Sei’s drum. Wir wuchten unser Gepäck hinein und steigen hinterher. Wie es weitergeht, werden wir dann schon sehen. Nach dem ganzen Durcheinander spielt meine Verdauung verrückt. Wir sitzen also in einem Zug, von dem wir nicht wirklich wissen, wohin er uns bringt und ich verbringe die Zeit auf dem Klo. Um es kurz zu machen: der Anschluss klappt. Es gibt wirklich einen Bus, der uns zum Terminal 1 bringt. Mit uns fahren überwiegend Mitarbeiter des Flughafens in ihrer Arbeitskleidung und tauschen sich beiläufig über den gestrigen Abend aus. Unser Bus passiert Schranke um Schranke, über dem Flugfeld schiebt sich zögernd die aufgehende Sonne in den Dunst.

In Terminal 2 befindet sich der Schalter unserer holländischen Fluggesellschaft. Wir machen uns auf erbitterte Diskussionen gefasst, doch das ist völlig unnötig. Der Angestellte übergibt uns sogleich Tickets für zwei Flüge mit der Lufthansa, die zwar später am Tag stattfinden und nicht über Amsterdam, sondern über Oslo gehen, doch wir kommen damit zeitlich hin. Dazu gibt es noch Gutscheine für Essen innerhalb des Flughafens. So einfach geht das!

Mit unserem Gepäck geht es zurück zu Terminal 1 zum Schalter der Lufthansa. Wieder einchecken, nach erneutem Umräumen mitten in der Halle die großen Koffer abgeben. Jetzt haben wir Zeit, die wir für Kaffee und ein Frühstück nutzen. Da wir nun müde werden (die Nacht war wirklich sehr kurz), beschließen wir wieder zum Terminal 2 zu fahren, weil wir die Besucherplattform aufsuchen wollen. Dort kann man draußen rumlaufen und den Flugzeugen beim Starten und Landen zugucken. Ein bisschen frische Luft täte jetzt gut. Doch es regnet Bindfäden und daher sparen wir uns die sechs Euro Ein- oder besser Austritt. Vor dem großen Fenster gibt es bequeme Sessel. Wir lümmeln ein wenig herum, und da ich nicht zur Ruhe komme, mache ich mich auf, Terminal 2 zu erkunden. Besonders begeistern mich zwei riesige Wandbilder hoch oben unter der Decke, die komplett aus Topfpflanzen bestehen und so eine Parklandschaft nachstellen.

Zurück in Terminal 1 lösen wir unseren zweiten Essensgutschein ein und machen uns bereit zum Einchecken. Da wir beide wahrlich keine Vielflieger sind, dauert das, weil wir allein bei der Handgepäck- und Personenkontrolle eine Reihe von Beanstandungen haben. Aber zumindest habe ich dieses Mal daran gedacht, mein Opinelmesserchen zu Hause zu lassen. Auf den letzten Drücker erreichen wir unser Gate und Herr W. erhält zu seiner Freude einen Platz am Notausgang mit mehr Beinfreiheit. Dafür muss er versprechen im Falle einer Notlandung dem Bordpersonal behilflich zu sein.

In Oslo müssen wir entgegen der Aussage des Frankfurter Personals zunächst komplett aus dem Landebereich heraus, durch die Passkontrolle, unsere Koffer am Rollband abholen und dann einen Stock höher wieder einchecken. Doch da das alles eine Weile dauert, ist unser Anschlussflug bereit zum Start. Wir kommen nicht mehr rein. Allmählich sind wir mit unserer Geduld am Ende, was der arme Mitarbeiter am Schalter zu spüren bekommt. Als er erfährt, dass wir eine Schiffreise im Anschluss haben, hängt er sich noch einmal ans Telefon, vergebens. Er bietet uns Flüge dreißig Minuten später an. Auch damit würden wir noch das Schiff erreichen. Mir wird klar, dass Flughäfen für derartige Fälle immer ein Ass – sprich einen Flug – im Ärmel haben. Notgedrungen nehmen wir an und verbringen nun auch im Osloer Flughafen eine kurze Zeit. Er ist kleiner, eindeutig skandinavisch gestaltet, mit viel Holz. Ich kaufe mir mit meinen in Deutschland gewechselten Kronen ein kleines Fläschchen Wasser. Für den Betrag, den ich hierfür entrichte, hätte ich woanders eine Flasche guten Sekt bekommen.

Wieder erhält Herr W. einen Platz an der Nottür, ich sitze viele Reihen hinter ihm. Aber das Schicksal meint es gut mit uns: vom Abheben bis zur Landung in Bergen scheint der Abendhimmel in der klaren Nachtluft in den wundervollsten Farben von rosa über violett und leuchtendblau bis purpur. Fürs erste sind wir vollkommen entschädigt.

Der Flughafen in Bergen ist noch kleiner und so finden wir rasch die Koffer und den Ausgang, wo der Bus abfahren soll. Doppelte Drehtüren führen nach draußen. Dort ist es dunkel, windig und kalt. Stockfinster. Stürmisch. Bitterkalt. Unverzüglich ziehen wir uns wieder nach drinnen zurück, wo auch andere mit großem Gepäck warten. Endlich rollt der Bus heran und Herr W. übernimmt das Gepäck, während ich mich um die Plätze kümmere. Um mich herum vernehme ich englisch, japanisch und breites bayerisch, letzteres am lautesten. Das kann ja heiter werden. Der Busfahrer steigt als letzter ein und macht uns als erstes unmissverständlich klar, dass jeder, der nicht angeschnallt ist, umgerechnet 160 Euro Strafe zahlt. Eiligst zerren alle Reisenden die Gurte unter ihren Hintern hervor und pfriemeln sie zusammen. Da Herr W. und ich für den Nachmittag eigentlich geplant hatten, uns Bergen anzusehen, schauen wir gebannt hinaus, um wenigstens noch einen kurzen Blick auf die Stadt zu erhaschen. Aber der Bus fährt unverzüglich in einen Tunnel, der mich an den St.-Gotthardstunnel erinnert. Als wir herauskommen, sind wir am Hafen.

Wieder gibt es einen Terminal, wieder wird uns das Gepäck abgenommen. Dafür erhalten wir einen Umschlag mit den Karten, die uns in den nächsten Tagen ausweisen werden und mit einigen Informationen. Wir queren die großzügige Halle, fahren mit der Rolltreppe hoch und steigen drüben Treppen wieder hinunter, eilen über einen windigen Vorplatz und sind im Schiff. Unser Zimmer ist wie gebucht in der Mitte des Schiffs, daher fensterlos. Doch haben wir ein großes Bett und alles ist modern und sauber, also bestens. Andere haben Stockbetten, erfahren wir später. Das Büffet ist bereits eröffnet und wir ahnen schon beim Essen, dass wir beim Heimflug unsere Mehrlast nicht in den Koffern, sondern auf den Hüften schleppen werden.

Ehe das Schiff ablegt, sind wir in unserer Kabine und liegen erschöpft in den Betten.