Wales

Wir überqueren den Severn über eine riesige Brücke, der Fluss darunter erinnert mich in seiner Breite an die Girondemündung, er ist ein wenig wie ein eigener Meeresarm. So wie wir jedoch festen Boden unter den Rädern haben, zeigen Schilder durch Zweisprachigkeit, dass wir uns nun in Wales befinden, außer Englisch wird hier gleichberechtigt auch Walisisch gesprochen. Ansonsten ändert sich zunächst wenig, doch nach und nach wird es ländlicher, die Bewaldung nimmt zu und vor allem die Rhododrendronbüsche blühen allerorten, in allen verfügbaren Farben, innerhalb und außerhalb von Gärten. Es ist, als sei der Rhododendron die heimliche Symbolpflanze von Wales. Die Route führt uns entlang lieblicher kleiner Flussläufe, über kahle Höhenzüge und durch kleine Dörfer und Städtchen. Einmal halten wir an, da wir Laki Auslauf geben wollen, aber auch, weil wir eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank essen und uns anhand der Karte für einen Platz für die Nacht entscheiden wollen. Viele Campingplatze haben hier noch nicht offen oder sie akzeptieren keine Hunde, da ist die Auswahl nicht so groß. Unsere Wahl fällt auf einin Platz einige Kilometer vor Caernarfon, von dem aus der Mount Snowdon und der umliegende Nationalpark leicht erreicht werden können. Er liegt an einer kleinen Straße, mal rechts und mal links begleitet von einer Schmalspureisenbahn. Auf dem Hof ist kein Campingplatz erkennbar, es gibt lediglich einige Garagen und technische Gebäude. Wir klingeln, es kommt eine rotbrünette Dame mittleren Alters und erkennbar schlechter Laune heraus, die nicht nur innerlich giftet, weil wir so spät kommen und sie schon keine Lust mehr hat, jetzt abends um fünf neue Gäste aufzunehmen. Wir fragen dennoch dies und das und allmählich kehrt ihre Professionalität zurück uns sie erklärt uns, wie der Platz funktioniert und wie wir in den Genuss der Sehenswürdigkeiten in der Umgebung kommen. Von ihr lerne ich auch, dass Caernarfon so ähnlich ausgesprochen wird wie CERNOOFEN. Muss walisisch sein, oder so. Wir begleichen sogleich unsere Rechnung für die nächsten Tage, damit wir ihr nicht nochmal auf die Nerven gehen müssen.
Um auf den Platz zu kommen, müssen wir über eine winzige Brücke, die über die Schmalspurschienen führt. Unser zugeteilter Platz liegt auf Rasen, wir sind weit und breit die einzigen Nutzer, doch Strom ist gleich daneben, eine Wasserstelle gibt es auch, am nahen Horizont erstreckt sich eine beeindruckende kahle Bergkette, in Spuckweite plätschert ein idyllischer kleiner Wasserlauf. Herr W. kocht das Abendessen, ich erkunde mit Laki den Platz und die Umgebung. Die Architekten von „Mein wundschöner naturnaher Garten“ wären überfordert gewesen, wenn sie dergleichen hätten realisieren sollen. Das Gras ist unbeschreiblich grün und gleichmäßig, das Wasser des Bächleins sprudelt glasklar, selbst die Steine auf seinem Grund liegen perfekt zufällig angeordnet. An der Weide hängt im letzten Abendsonnenschein eine Brettschaukel an langen Hanfseilen, Trollblumen leuchten dottergelb im Schatten. Es IST perfekt.

Am nächsten Morgen, nach einer bitterkalten Nacht, genehmigen Laki und ich uns ein ausführlicheres Gassi und stellen dabei fest, das das Bächlein zu einem ganzen System gehört, dass auf der anderen Seite die Schafweiden beginnen, aber auch, dass es auf dem Campingplatz ganze riesige Bereiche voller gesplitteter Parzellen gibt, die alle mit einförmigen parallel stehenden Wohnwägen vollgestellt sind. Da sind wir doch über unseren Rasenplatz weit ab vom Schuss froh.
Wir wollen das Areal um den Mount Snowden erkunden und fahren dafür nach Llanberis. Gleich am Ortseingang gibt es einen großen Parkplatz, wo unser Wohnmobil gut steht, während wir wandern. Der Ort selbst ist touristisch gut erschlossen, besonders die vielen Läden für Bergsteigerausrüstung fallen auf. Es gibt einige Cafes und Pubs, die heben wir uns für später auf. Erst geht es zur Zahnradbahnstation. Man kann auf den Mount Snowden alpin steigen, diese Routen gelten als sehr anspruchsvoll. Es gibt aber auch Wanderwege, die ein Stück in die Höhe führen und es gibt die Zahnradbahn, wo sowohl Bahnen mit Dampf als auch welche mit Dieselbetrieb fahren. Wir erkundigen uns, erkennen aber gleich, dass das für uns nichts ist, denn es werden keine Hunde mitgenommen, nur Blinden- und Assistenzhunde. Und Laki ist zwar prima, aber so weit ist sie nun doch nicht. Bleibt also nur das Wandern. Wir finden einen Einstieg, der uns erst auf einer Straße durch die Siedlung von Llanberis führt. Uns fällt auf, dass vor vielen der kleinen Häuser sogenannte „Gärten des Grauens“ angelegt sind, entweder Kiesflächen voll mit Müll, oder welche mit einer unsäglichen Horde von Gartenszwergen und anderem keramischem Kitsch. Offenbar leiden bei einigen Menschen die gärtnerischen Ambitionen, je großartiger die Natur ringsum ist. Nach einem Viehgitter sind wir am Berg. Um uns herum öffnet sich das Land, auf Schotterwegen kommen wir durch viel Weideland. Wir steigen über Viehzäune, hüpfen über Bäche, überqueren einmal die Schienen der Zahnradbahn. Wenn Schafe in der Nähe sind, zur Zeit sind es auch viele niedliche Jungtiere, muss Laki an die Leine, sonst läuft sie frei. Immer enger wird das Tal, wir kommen an einigen aufgegebenen Höfen vorbei, bis wir endlich an einem Tor stehen, das zu Privatbesitz gehört. Da kehren wir um.

Die Sonne steht hoch, allmählich werden wir durstig. Da sehen wir unweit etwas im Gras brennen. Auch auf der anderen Wegseite steigt eine Rauchsäule hoch. Wir schauen nach, und tatsächlich, das Gras brennt. Was tun? Austrampeln hilft fürs Erste, aber ob das sicher ist? Wasser muss her, aber hier gibt es keines. Mutig wie wir sind, ziehen wir nacheinander blank und löschen das gefährliche Feuer allein durch die Kraft unseres Urinstrahls. Welch ein Hochgefühl! Rückwirkend ist uns natürlich klar, dass das Feuer bei der Gesamtfeuchtigkeit auch so irgendwann ausgegangen wäre, und dass es hier entlang der Dampfbahn durch herabfallende Kohlestückchen ständig brennen muss. Trotzdem – wer kann schon von sich behaupten, dass er an einem walisischen Berg ein Feuer ausgepinkelt hat? Wir schon!
Zurück in Llanberis stellen wir fest, dass alle Cafes geschlossen haben und dass der Pub keine Hunde duldet. Da bleibt uns nur das Fish-and-Chips-Schnellrestaurant. Laki darf mit rein, wir haben einen Tisch für uns, die Portion ist riesig und wirklich günstig und total lecker. Ich komme mit einer jungen Mutter am Nachbartisch ins Gespräch und wieder verstehen wir uns auf Anhieb. Laki ist der Star des Lokals und wird von allen Anwesenden mit viel Lob bedacht.

Da wir noch einkaufen wollen, fahren wir die paar Kilometer nach Caernarfon. Die kleinen Geschäfte haben zwar schon zu, aber wir laufen um die riesige Burganlage herum, entlang des aufgrund der Ebbe fast leeren Flusslaufs mit seinen im Schlick liegenden Booten, entlang der Mündung. Die Sonne scheint, überall wehen Fahnen mit den roten walisischen Drachen und die Stimmung ist wunderschön.

Allein, wir finden keinen Supermarkt. Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir einen riesigen Morrissons-Markt, der alles hat, was das Herz begehrt. Mit aufgestockten Vorräten geht es zurück zum Campingplatz, denn morgen wollen wir nach Irland aufbrechen.
Dafür muss man über zwei Inseln, zuerst über eine enge Meeresstraße nach Anglesay und von dort aus auf die Insel Holyhead. Als wir in Holyhead ankommen, schüttet es wie aus Kübeln. Der Zugang zur Fähre ist weitaus unspektakulärer als der in Calais. Herr W. bleibt im Auto und ich laufe mit übergezogener Kapuze nach vorne, um herauszufinden, wo es die Tickets gibt. Kein Schild, nichts hilft. Ich frage einige Motorradfahrer, die ungerührt im Regen neben ihren Fahrzeugen ausharren. Ich muss nach drüben, über die Spuren der ankommenden Fahrzeuge, dort gibt es einen Terminal. Drinnen sind eine Menge Sitzschalen aus undefinierbarem rosa Plastik, hinter einigen Holzschaltern warten Mitarbeiter. Ich bekomme ein paar Fragen zum Fahrzeug gestellt – vom Hund will der Mann im Gegensatz zu dem in Calais überhaupt nichts wissen – zahle mit Kreditkarte und erhalte ein formloses Ticket. Damit eile ich zurück zur Schlange der wartenden Autos. Es regnet immer noch, bis zur Abfahrt ist es noch eine Stunde. Da Laki danach mindestens zwei Stunden allein im Fahrzeug bleiben muss, gehe ich mit ihr nochmal raus. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, ich laufe im Wesentlichen die Schlange der wartenden Autos rauf und runter. Ein junger Mann schickt mich weg, denn dort vorne seien seine Mitarbeiter mit einem „dog on work“, der solle nicht von meiner Laki abgelenkt werden. Ich bin versucht, gerade nun mich weiterhin hier rumzutreiben, einfach nur um zu gucken, was passiert, wenn Laki solch einen Arbeitshund ein bisschen aufmischt, doch dann füge ich mich und nehme Laki mit ins Auto.
Endlich werden wir herangewunken und reihen uns ein in die Schlange derer, die aufs Schiff fahren. Zu unserer Überraschung wird genau bei uns ein neues Deck angefahren und wir kommen als einzige GANZ vor. Herr W. traut sich erst gar nicht, sich mittig vorne hin zu stellen, da ermuntert ihn der blonde Mann in der gelben Jacke in bestem Deutsch, er soll mal ruhig nicht so zurückhaltend sein, es sei schon richtig, ganz nach vorne solle er. Das tun wir dann auch. Dieses Mal überprüfen wir Laki und das Auto noch viel sorgfältiger. Halsband, Haltüchlein, alles kommt sicher weg, wieder gehen wir unauffällig raus und begeben uns nach oben.

Diese Fähre ist noch luxuriöser als die erste. Chrom, poliertes Holz, Intarsien, Glas in allen Farben; das ist nicht nur eine Lounge, sondern das Foyer eines Luxushotels. Während Herr W. die Fahrt der letzten Stunden sacken lässt, gehe ich auf dem Schiff umher und sehe mich um. Im Laden kann wieder mit Euro bezahlt werden, was ich sogleich ausprobiere, es gibt mehrere Restaurants, einen Kinderspielbereich, eine Spielhölle mit einarmigen Banditen, die stets alle belegt sind, lange Flure mit Teppichbelag. Erst gegen Abend laufen wir in den engen Hafen Dublins ein, es ertönt die Ansage, dass die Fahrzeugbesitzer zu ihren Autos zurück dürfen. Wir sind gespannt, aber dieses Mal scheint Laki trotz der langen Zeit allein keinen Unfug getrieben zu haben. Vielleicht hat der nette blonde Mann mit der gelben Weste sie ja auf deutsch beruhigt.

Südengland

Bei der Überfahrt muss Laki im Auto bleiben. Wir haben einen Platz an der Seite des Laderaums bekommen, ziemlich weit vorne im Unterdeck, neben uns mehrere Laster. Beim Aussteigen aus dem Auto bemühen wir uns, möglichst wenig Aufhebens zu machen und gehen so beiläufig wie möglich einfach raus, sperren ab und steigen die Treppen zu den oberen Decks der Fähre hoch. Es gibt oben mehrere Aufenthaltsebenen, die oberste der Luxusklasse – ja, auch auf Fähren sind die Passagiere in Klassen aufgeteilt – aber die darunter ist für einfache Leute wie uns. Wir ergattern einen Platz an einem Tisch fast vorne, wo wir sowohl nach vorne als auch zur Seite Fenster haben. Überall Teppichboden und Glanz und Chrom. Es hätte auch ein Casino sein können. Beherrscht wird der Raum von einer runden großen Bar und viele der Passagiere nutzen sofort die Möglichkeit, hier englische Speisen und vor allem Getränke zu bekommen. Wir verzichten vorerst, da sich unser Vermögen in Englischen Pfund auf gerade mal sechseinhalb Pfund und fünfzehn Pennies beschränkt, welche ich noch zu Hause in der Schublade gefunden habe. Die riesige Klappe zum Unterdeck schließt sich, die Motorgeräusche werden lauter und wir legen wegen des Winds mit einiger Verspätung ab. Frankreich entschwindet nach hinten und vor uns öffnet sich der Kanal. Als wellengangerprobte Hurtigrutenfahrer nehmen wir die Dünung kaum war, aber am Nebentisch gibt eine Frau unter der fürsorglichen Anteilnahme ihres Mannes alles von sich, was sie in sich hat. Nach einiger Zeit zeigt sich am Horizont vor uns eine weiße Linie und beim Näherkommen erkennen wir durch die getönte Scheibe die Kreidefelsen Dovers.

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Endlich ertönt per Lautsprecher die Aufforderung, dass die Autofahrer zu ihren Fahrzeugen zurückkehren sollen. Unten im Laderaum ist es laut und warm, Neonröhren erhellen die Szenerie. Laki freut sich ein Loch in den Bauch, als wir ins Auto zurück kommen. Sie war jetzt gut eineinhalb Stunden allein, das ist für sie eigentlich keine besondere Leistung, in Pompeij hat sie viel länger auf uns warten müssen. Die eigentliche Ausfahrt dauert dann noch einmal einige Zeit, da die Passagiere der ersten Klasse nicht nur einen tolleren Aufenthaltsraum erhalten, sondern auch bevorzugte Ausfahrt. Die Fährlinien wissen, wie man Geld machen kann. Dann kommen Fahrräder, PKW, zuletzt Kleinlaster, Wohnmobile und LKW. Endlich rollen wir auf britischen Boden. LINKS FAHREN heißt ab jetzt unser Mantra, das wir uns vor jedem Start vorbeten. Das ist eigentlich nicht schwierig, aber bei jedem Kreisel – und davon gibt es hier sehr, sehr viele – und vor allem auf vierspurigen Straßen gerate ich immer wieder durcheinander, obwohl ich im Moment nur die Beifahrerin bin. Dass auf der Autobahn uns ein Fahrzeug rechts überholt, kann ich kaum verkraften. An einem Rastplatz halten wir schon nach kurzer Zeit an, da ich Laki die Gelegenheit geben möchte, sich zu entleeren. Neben uns ist ein englischer PKW, die älteren Leute sind aufgelöst, hat doch der Junior sich während der Fahrt übergeben und die Rückbank und den Fußraum und alles, was dort lag mit seinem Mageninhalt bedacht. Wir bieten ihnen unsere Küchenrolle an, doch sie meinen, sie kämen zurecht. Ich bin von mir begeistert, wie souverän ich dieses erste Gespräch mit „den Einheimischen“ hier bewältigt habe. Als die Leute weiterfahren, liegt neben dem Mülleimer der völlig verschmutzte Kindersitz. So kann man es auch machen. Laki nutzt ihren ersten Spaziergang auf englischem Boden, um Unmassen von Gras hektisch in sich reinzuwürgen. Eigentlich hätte ich da schon stutzig werden müssen. Doch in meinem Unverstand serviere ich ihr noch gleich ihr Abendessen, Fisch gibt es heute. Wir fahren weiter und kurz danach ertönen hinter uns die Würgegeräusche, die jeden Hundehalter auffahren lassen: Laki hat Gras, Fisch und alle Magensäfte in einem Schwall auf den Hundeteppich erbrochen. Darin komische rote Stofffetzen. Wie ich später erkenne, hat sie in ihrem Stress auf der Fähre ihr putziges rotes Halstüchlein, welches wir ihr im Herbst in Agrigent gekauft hatten, zur Hälfte aufgefressen. Also halten wir nochmal an, schütteln das Hundekissen aus, nötigen Laki zu einem weiteren Spaziergang, packen den Hundeteppich in einen der bewährten Swirl-Müllbeutel und fahren wieder weiter. Unser Ziel ist es, London südlich zu umfahren und erst dahinter einen Rastplatz zu finden. Unsere Wahl fällt auf einen kleinen Platz namens Morn Hill, nur wenig vor Winchester. Kurz vor 20 Uhr kommen wir an, erhalten den vorletzten freien Platz und bereiten ein Abendessen aus den Vorräten. Laki erhält eine symbolische Miniportion, bis ihre Verdauung wieder normal ist. Am nächsten Morgen gehe ich mit ihr auf den Hundespazierplatz, der Teil des Campingplatzes ist, und wir treffen eine Frau meines Alters mit ihrem Dackel. Frauchen und Hunde mögen einander und wieder stelle ich mit Genugtuunng fest, dass mein Englisch, das nun wirklich nicht das Beste ist, hier im Süden hervorragend verstanden wird, dass mir die Wörter aus dem Unbewussten nur so zufliegen und dass ich tatsächlich in der fremden Sprache kommunizieren kann fast wie in meiner eigenen. Gespräche beginnen hier IMMER mit dem Wetter, das entweder großartig ist – Engländer und vor allem Iren merken das an mit einem Stolz, als hätten sie dieses großartige Wetter eigenhändig hervorgebracht – oder es ist ziemlich schlecht/kalt/beides, woraufhin mit großer Zuversicht auf das demnächst bessere Wetter verwiesen wird. In unserem Fall geht es dann weiter über unseren Hund, der in der Regel als „wellbehaved“ gelobt wird. Dann entscheidet sich, ob mehr Themen angeschnitten werden. Meistens nicht, aber wenn, dann erfährt man wirklich eine Menge, kann auch Fragen stellen und bekommt seinerseits Fragen gestellt. Wenn wir mit Stellplatznachbarn in ein auch nur oberflächliches Gespräch kommen, werden wir bei der Abreise verabschiedet, als würden wir uns als die weltbesten Freunde trennen. Gewöhnungsbedürftig, das alles, aber wenn man sich drauf eingestellt hat, funktioniert es.
Wir wollen uns Winchester ansehen, es gibt hier eine Kathedrale, die in den Reiseführern gelobt wird. Doch zu meinem Entzücken ist hier auch Trödelmarkt! Wir gehen gemeinsam die Hauptstraße hoch, es wird viel altes Zeug angeboten, Händler aus der Umgebung stellen aber auch Antiquitäten raus. Herr W. sitzt auf einem Sessel Probe. Dieser Mann passt in jeder Hinsicht hervorragend in das gute Stück und der Händler wittert seine Chance. Er würde den Sessel auch auf den Kontinent liefern. Wir lehnen ab. Denn der geforderte Preis entspricht auch ohne die versprochene Lieferung in keinster Weise der Qualität.

Die gotische Kathedrale steht inmitten eines typisch englischen Friedhofs gleich neben der Hauptstraße. Schon hier ist das Gras deutlich grüner und saftiger als in Deutschland, sind die Pflanzen größer und kräftiger und die Bäume höher und stärker. Laki wartet widerwillig am Zaun und wir gehen hinein. Da Sonntag ist, ist der Besuch kostenlos. Beim Hineingehen nimmt es mir fast den Atem. Die Orgel spielt noch, da der Gottesdienst gerade geendet hat, die hohen Räume, die überreichen Verzierungen, der Duft der Lilien, all das übt eine Wirkung auf mich aus, der ich mich kaum entziehen kann. Wie benommen schreite ich nach vorne. Erst da fallen mir die Fliesen auf, sie sind quadratisch, rot-beige bemalt, sehr alt und ihre Muster ändern sich alle paar Meter. Im hinteren Teil gibt es eine kleine Plakette, die dem Taucher William the Diver gewidmet ist, der um die Jahrhundertwende jahrzehntelang unter dieser Kirche die mit Moorwasser volllaufenden Hohlräume in einem alten Taucheranzug erkundet und Stück für Stück mit Betonsäcken unterfüttert hat. Wenn sie gedurft hätten, hätten die Einwohner hier ihn ganz gewiss heiliggesprochen.

Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir an einem Straßenmusiker vorbei, der neben sich eine programmierbare Puppe am Schlagzeug hat und vor sich einen kleinen elektronisch gesteuerten Hund vor dem Hut fürs Trinkgeld. Er selbst spielt Gitarre und die Musik ist wirklich gut. Das Besondere ist, dass sowohl der Schlagzeuger als auch der schwanzwedelnde Hund mit Leuchten versehene Skelette sind. Britischer Humor eben.

Ich hebe eine kleine Menge Britischer Pfund von meinem Konto ab, damit wir zumindest kleine Beträge begleichen können, größere Summen wie Campingplatzgebühren und Benzinkosten lassen sich hier sowieso leicht mit Kreditkarte begleichen. Mit Hilfe von Google finden wir einen Supermarkt, der auch heute am Sonntag offen hat. Das Angebot ist gut, leider gibt es keine lactosefreien Produkte, worauf ich angewiesen bin, aber ich habe noch einige Vorräte im Auto. Aber erste Eindrücke sind: Es gibt viel vorfabriziertes Essen, an Süßigkeiten herrscht kein Mangel, Fleisch ist fast unanständig billig, Bier und anderer Alkohol dagegen unverhältnismäßig teuer, das günstigste Bier kommt aus Italien!!!! Viele der einkaufenden Leute im Laden sind übergewichtig und ernähren sich offenbar recht ungesund, es gibt hier eine breite erkennbare Unterschicht. Wir kaufen ein fürs nächste Abendessen, beladen das Auto und fahren weiter in Richtung Salisbury.

Dort ergattern wir mit einem kleinen Trick einen Parkplatz mitten im Stadtzentrum und unterhalten uns kurz mit den dort an zwei Bänken lagernden Obdachlosen. Das passiert uns auf den Reisen immer wieder. Denn die Obdachlosen haben in der Regel Hunde, meist sogar recht gut erzogene. Da haben wir mit Laki immer ein Thema und vor allem Herr W. hat immer schnell einen Draht zu ihnen. Dabei erfährt man häufig ganz interessante Dinge, hier stellt sich beispielsweise heraus, dass zwei der Obdachlosen etwas zurückliegend deutsche Wurzeln haben.

Aber eigentlich wollen wir zur Kathedrale. Sowohl ich als auch Herr W. waren vor vielen Jahren schon mal dort, aber ich mag es, alten Erinnerungen neue Erfahrungen entgegenzusetzen und die alten Erinnerungen gegebenenfalls zu revidieren. Wieder liegt die wundervolle Kirche mitten im Grünen, leider kostet sie Eintritt. Doch der Zutritt zum Kreuzgang ist frei. Von dort gelangt man in einen lichtdurchfluteten achteckigen wunderschön verzierten hohen Raum. Erst ist uns gar nicht ganz klar, was das für ein Raum ist. Ringsum ist ein Fries mit alttestamentarischen Geschichten, die Decke ist kunstvoll als Rippengewölbe gestaltet, die Fenster sind hell und mit Mustern übersät, der Fußboden wieder mit bemalten rotbraunen Fliesen belegt. Interessant ist ein Zelt in der Mitte des Raumes, beim Ein- und beim Ausgang jeweils bewacht von einer Dame im amtlichen Kostüm. Wir stellen uns an, eigentlich ohne zu wissen, warum. Drinnen ist hinter einer Glasscheibe, angestrahlt von speziellen Scheinwerfern ein Originalexemplar der Magna Carta. Ich bin fassungslos. Die Wärterin neben mir meint freundlich, ich solle nur gucken, nicht fotografieren, das sei dem Papier nicht förderlich, Fotos könne ich draußen von der Kopie machen, was ich dann auch tue.

Die Magna Carta. Man hat uns in der Schule damit gequält und so wirklich habe ich damals im pubertären Alter nicht kapiert, was sie bedeutet. Heute erscheint sie auch mir als ein Meilenstein der historisch-politischen Entwicklung des Abendlands. Sie schränkt verbindlich die Willkür des Herrschers ein und bindet auch ihn an Rechte und Gesetze. Bis zur Idee von der Gleichheit alleer vor dem Gesetz ist es zwar noch ein weiter Weg, aber eine Sensation dürfte sie damals und für lange Zeit allemal gewesen sein.

Wir fahren weiter Richtung Stonehenge. Auch hier sind sowohl Herr W. als auch ich schon vor langer Zeit gewesen. Doch heute ist die gesamte Anlage touristisch voll erschlossen: ein großer kostenloser Parkplatz liegt vor dem riesigen Besucherzentrum, wo ein für uns unverhältnismäßig hohes Eintrittsgeld erhoben wird, der Steinkreis ist verborgen hinter hohen Mauern. Herr W. und ich sind uns einig, wir erhalten uns jeweils unsere Erinnerungen aus der Vergangenheit und verzichten.

Gleich ein paar Meilen weiter ist ein hübscher Campingplatz, und bei zunehmend besser werdendem Wetter checken wir ein. Unsere Essenvorräte können wir aufheben, da heute Lesley auf einer riesigen von unten mit Holzkohle beheizten Platte kocht. Dabei hat sie vieles vorbereitet und breitet dieses mit einem Spatel rasch auf der Platte aus, schiebt es wieder zusammen, wendet und gibt es auf unsere mitgebrachten Teller. Es kostet pro Person 10 Pfund, das Geld spendet sie für ihre Arbeit mit Flüchtlingen. Das Essen ist würzig, teils vegan oder vegetarisch, deutlich asiatisch inspiriert und sehr lecker. Später kommen wir mit Lesley ins Gespräch und lernen dabei eine kluge, weltoffene, hilfsbereite und sehr warmherzige Frau kennen.

Müde fallen wir ins Bett. Am nächsten Morgen unternehme ich mit Laki einen langen Spaziergang durch die typisch südenglische Landschaft hinter dem Campingplatz. Fasane, Kühe, und Schwäne fordern Laki heraus. Was bin ich froh, dass sie so gut folgt. Endlich normalisiert sich auch ihre Verdauung.

Weiter geht es nach Wales.

Auf zur Insel!

In Irland gibt es jedes Wetter, jeden Tag.
In Irland gibt es keine Schlangen.
In Irland gibt es steile Küsten und viel grüne Landschaft.
In Irland fahren die Autos links.
In Irland gibt es keltische Relikte.
In Irland haben die Leute rote Haare.
In Irland tragen die Kinder Schuluniformen.
In Irland können alle Leute gut singen.
In Irland gibt es schwarzes und bitteres Bier.
In Irland gibt es Hammelfleisch und Kohl und ansonsten wenig schmackhaftes Essen.
In Irland gibt es kaum lactosefreie Produkte. …

… Soweit die Vorabinformationen. Man sieht schon, dass mein Halbwissen ausschließlich auf den gängigen Vorurteilen beruht. Also Wohnmobil gepackt, Herrn W. und auch Laki eingeladen, und los. Doch was braucht man für solch eine Reise? Ich entscheide mich aus Sicherheitsgründen für die warme doppelte Jacke, die schon am Nordkap mit dabei war und meinen alten dicken grünen wollenen Pullover, für zwei Paar Wanderschuhe, gerippte Leggings, dicke Socken und für nur wenige luftige Sachen. Als Herr W. zugibt, er habe seine Badehose dabei, lege ich zuletzt noch etwas halbherzig den Badeanzug dazu. Jetzt, nach einer knappen Woche Irlanderfahrung, kann ich sagen, dass ich den Badeanzug wohl getrost daheim hätte lassen können und dass ich mir hier mit allerbestem Gewissen einen weiteren dicken wollenen warmen Pullover kaufen werde.

Die Fahrt führt uns über Köln und Aachen durch ein kleines Stückchen Holland nach Belgien. Da Herr W. und ich bereits im vergangenen Jahr in Belgien gewesen sind, entscheiden wir uns, nördlich von Brügge in einem kleinen Landgasthof zu Abend zu essen und die Wirtsleute zu fragen, ob wir das Wohnmobil dort über Nacht auf dem Parkplatz lassen können. Obwohl wir beide vom Vorjahr ziemlich genau wissen, wo der Gasthof ist, wie es dort aussieht und wie man dorthin kommt, ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und wir kurven endlos durch das flache Polderland, entlang vieler Pappelreihen, Kanäle und Priele und auf der neuen mittlerweile gebauten vierspurigen Schnellstraße mehrfach hin und her. Für den verfahrenen Sprit hätten wir schon fast das Abendessen bekommen. Kleinmütig kehren wir nach Brügge zurück und stellen das Wohnmobil gleich neben einem wunderschönen Park in einer Sackgasse am Seitenstreifen ab. Das wird unser Nachtquartier. Wir füttern Laki und begeben uns in die nahe Innenstadt, um unsererseits zu Abend zu essen. Anfangs noch ein wenig ziellos, bei einsetzender Dunkelheit und beginnendem Nieselregen deutlich zügiger durchqueren wir die Stadt. Vor einer Kirche liegt auf einer Bank eingehüllt in eine Decke im Dunkeln ein schlafender Mensch. Wir gehen in gebührendem Abstand vorbei und entdecken mehr aus Zufall, dass unter der Decke nackte Füße herausschauen. Der wird sich den Tod holen, denke ich noch, da zeigt mir Herr W. die Wundmale Jesu auf den Füßen des Schlafenden. Ungläubig nähere ich mich und erkenne erstaunt, dass dies kein Mensch, sondern ein bronzenes Kunstwerk ist, das sich in der Dunkelheit so echt ausnimmt. Es flößt mir eine eigentümliche Scheu ein, näher zu kommen und zu fotografieren. Ich, die sonst alles in die Hand nimmt und befingert, bringe es nicht über mich, die Skulptur anzufassen.


Mit LadyGoogles Hilfe finden wir im mittlerweile strömenden Regen zurück zum Auto, essen noch ein paar Happen vom reichlichen Proviant und schlafen.

Nachts gehen mehrere Wolkenbrüche über uns herunter und früh am Morgen schnappe ich die unruhige Laki, die in den vergangenen Tagen ständig mit diffusen Verdauungsproblemen gekämpft hat und ziehe mit ihr in den Park. Er begleitet auf beiden Seiten einen Kanal und geht ringförmig um die gesamte Stadt. Baumriesen schießen ins Laub, das Gras sprießt unbeschreiblich grün, und außer mir sind nur andere Hundehalter und ein paar Frühsportler in der feuchten Kühle unterwegs. Da entdecke ich in einer Seitenstraße ein paar Buden. Markt wird aufgebaut! Zu so früher Stunde kann ich sogar mit dem Hund dorthin. Der Markt ist groß und das Angebot reichtlich. Bei solchen Gelegenheiten bedauere ich immer, mit dem Wohnmobil auf Wanderschaft zu sein und nicht aus den frischen saisonalen und regionalen Produkten ein Menü kochen zu können. Die Preise sind sehr günstig und die Produkte unschlagbar frisch.
Schon kurz vor dem Markt sind mir die Möven aufgefallen, die mit ihrem schrillen Geschrei einander ständig anmachen. Aber hier klingt das irgendwie anders. Da sehe ich ganz am Ende des Marktes einen Kleinlaster, von dem ein Mann und eine Frau Hühner, Gänse, Küken, Wachteln und eine Menge weiteren mir unbekannten Federviehs verkauft. Das was ich gehört habe, war das Krähen der Hähne, und nicht das Geschrei der Möven. Laki ist hin und weg. Gebannt starrt sie die Tiere in ihren Drahtkäfigen an. Ich glaube, sie wäre in diesem Moment durch keine noch so liebevolle Ansprache erreichbar gewesen.

Ein Ehepaar kauft Küken. Je fünf werden aus dem Drahtkäfig gehoben und in einen mit Luftlöchern versehenen Pappkarton gesetzt, der mit Sorgfalt verschnürt wird. Die Kunden bezahlen und gehen mit insgesamt vier Paketen zum Auto zurück. Ich stelle mir vor, wie sie nach Hause fahren und dort im Schuppen die Kartons öffnen, zusehen wie die Küken aus den Kartons herauskommen, wie die Kleinen sich allmählich in ihrer neuen Umgebung zurecht finden, wie die Eheleute den Tag über immer wieder mit zwei Tassen Tee dabei stehen und gucken, was sie da wohl für neue Mitbewohner haben. Über das Ende der Geschichte im Herbst mag ich mir noch keine Gedanken machen. Kurz bevor der Hagelwolkenbruch einsetzt, bin ich wieder am Auto.

Eine halbe Stunde später stapfen wir durch das viele Hageleis auf den Gehwegen zum Markt zurück. Wir erstehen fünf unglaublich leckere Plunderstückchen und kehren in einem schönen Cafe zu Tee und Kakao ein.

Derart gestärkt (und auf der Toilette entleert) steuern wir Calais an. Wir haben noch keine Tickets für die Überfahrt, denken aber, dass das kein Problem sein sollte. Die Route ist gut ausgeschildert und ein riesiger leerer Parkplatz vor dem Terminal zeigt uns, dass die letzte Fähre wohl vor kurzer Zeit abgelegt hat. Wir kaufen Tickets und Herr W. schlägt vor, dass wir uns in der uns verbleibenden Zeit Calais ansehen könnten. In diesen Dingen bin ich ein rechter Hasenfuß. Ich habe immer Angst, dass wir durch irgendeinen Umstand die Fähre versäumen könnten. Nur mit einigem Zureden schafft es Herr W. mich zu überzeugen.
Calais selbst ist wirklich ganz nah an der Ablegestelle und wir finden sogleich einen Parkplatz. Der Markt wird hier gerade abgebaut und auch hier streiten sich die Möven lautstark um jedes noch so kleine Fitzelchen Müll. Laki würde nur zu gerne mitmischen und ich bin sicher, dass sie trotz Leine das ein oder andere Stück erwischt. Am Ende des Platzes gibt es einen Kiosk, die FRITERIE CLAUDIA. Die Tür schließt nicht, weil zu viele Menschen anstehen. Da sind wir doch dabei. Mit großen Augen schauen wir gebannt zu, wie Claudia – wir nehmen an, dass sie so heißt, eine junge blonde Frau mit kräftigen bloßen Oberarmen – wie sie insgesamt drei Fritteusen, einen Schnellgrill, die Getränkeausgabe und die Kasse managt, wie sie mit allen Leuten freundlich und interessiert spricht, blitzschnell Mengen und Beträge im Kopf überschlägt und dabei noch flink und sauber arbeitet. Früher hätte man solch eine Frau „patent“ geheißen und sie wäre mehr als eine gute Partie gewesen. Als wir an der Reihe sind, helfen alle im Kiosk zusammen, so dass wir trotz der Sprachbarrieren kurz darauf eine riesige Menge goldgelber Pommes mit zwei verschiedenen Soßen im braunen Wachspapier haben. Draußen begrüßt uns ganz hoffnungsvoll die angebundene Laki und Herr W. und ich essen schweigend genießend. Das können sie hier. Man muss es ihnen einfach lassen.


Natürlich kommen wir rechtzeitig an die Fähre. Durch verschiedene Stationen werden wir von winkenden Männern entlang der vorgesehenen Spurlinien geleitet. Jetzt werden wir wegen des Hundes angehalten. Im Häuschen sitzt eine dunkelhaarige Dame mittleren Alters. Mit klopfendem Herzen lege ich die Papiere vor. Von meiner Tierärztin habe ich schon ein paar Schauergeschichten über diese Prozedur gehört und hoffe natürlich, dass bei uns nichts beanstandet wird. Die Dame in ihrer Box studiert mit unbewegtem Gesicht den Hundeausweis. Blättert um. Blättert zurück. Ich fühle mich wie damals, als ich als junge Frau die Grenze der DDR überquerte: man hat ein schlechtes Gewissen und weiß nicht warum. Endlich reicht sie mir ein ringförmiges Gerät durch das Fenster, ich solle Lakis Chip auslesen. Doch irgendwie kriege ich das nicht hin. Natürlich werde ich leicht panisch. Laki hat einen Chip. Das weiß ich. Da steht die Dame auf, kommt um das Häuschen herum zum Auto und verlangt, dass ich die Tür öffne. Ich öffne, Laki schießt heraus, freut sich, die Dame lächelt, streichelt den Hund, liest den Chip aus, vergleicht mit den Angaben im Ausweis und wünscht uns eine gute Reise.

Mein erleichtertes Herz plumpst in die Untiefen des Channels.