Von Trondheim nach Hause

Ab jetzt fotografiere ich die Sonne und das Licht, wo immer sie mir auf dem Schiff begegnen. Ich bin richtig süchtig danach.

Der letzte volle Seetag beginnt früh morgens mit einem dreieinhalbstündigen Stop in Trondheim. Hier sind wir ja zu Beginn unserer Reise schon gewesen, daher beschließen wir, uns weiter südwestlich zu halten, wo das neuere Trondheim liegt, wo es laut Stadtführer aber auch winzige Durchlässe zu anderen Straßen gibt, die zu klein für Stadtpläne sind. Auch wir finden nicht viele, sie sind offenbar wirklich winzig, ein ganz kleiner Platz, die „Vaterlandsveita“ bringt uns zum Schmunzeln. Es gibt offenbar in mehr Sprachen deutsche Lehnwörter, als es uns bewusst ist.

In Norwegen wohnen Königs in einem Holzhaus. Aber in was für einem! Stiftsgarden ist das größte Holzhaus Norwegens und der königliche Sitz in Trondheim. Es ist in Hufeisenform gebaut, und hat 140 Räume, die ineinander übergehen. Davor gibt es allerdings nichts, was auf verstärkte Sicherheitsmaßnahmen oder ein besonders ausgeprägtes Repräsentationsbedürfnis schließen lässt. Man kann direkt daran vorbei gehen, die rotweiße Kette ist in Norwegen oft vor Gebäuden gespannt, damit Dachlawinen oder herabstürzende Eiszapfen die Passanten nicht verletzen können. Ich vermute, dass man hineinschauen könnte, wenn man sich auf Zehenspitzen vor die Fenster stellt.

Der Marktplatz präsentiert sich als gigantische Großbaustelle, wo mittendrin die Olavsstatue, die eigentlich Zeiger einer riesigen Sonnenuhr ist, neben modernen Elementen zwischen Kranen und tiefen Erdlöchern steht, daneben gibt es moderne Einzelhandelsgeschäfte und Einkaufspassagen.

Eigentlich wären wir rasch weiter gegangen, wenn ich nicht vor einem der Häuser eine Hundebox gesehen hätte. Davon habe ich bereits im Internet gelesen, aber ich habe sie noch nie gesehen. Es scheint folgendermaßen zu funktionieren: Man meldet sich über eine App an und kann dann den Hund während des Einkaufs in die beheizte Box setzen. Es gibt Luftschlitze, die Rückwand ist halbtransparent. Außen wird digital die Innentemperatur angezeigt. Per App wird die Box geschlossen und der Hund ist darin sicher. Er kann einerseits nicht gestohlen werden, andererseits kann er auch nichts anstellen. Niemand kann ihm irgendwelches Futter zustecken, er ist abgeschirmt und kriegt doch mit, was draußen vor sich geht. Es war gerade kein Hund drinnen. Herr W. und ich haben beim Weitergehen noch eine Weile das Für und das Wider einer solchen Box erörtert. Dennoch sind wir beide der Ansicht, dass unsere Laki eine solche Box eher blöd finden würde.

Als wir zum Schiff zurück kommen, bin zumindest ich richtig durchgefroren. Denn trotz des Tageslichts sind die Temperaturen recht niedrig, so dass sogar Trondheims Yachthafen an manchen Stellen von Eis bedeckt ist. Aber es gibt ja bald warmes Mittagsbuffet, das gleicht Wärme- und Energieverluste rasch aus.

Schon während des Essens fährt die MS Spitsbergen weiter. Bis sie von Trondheim heraus wieder zum Norwegischen Meer kommt, muss sie den windungsreichen Trondheimfjord passieren. Da hier offenbar Luft- und Wassermassen verschiedener Temperaturen aufeinander treffen, gibt es atemberaubende Nebelschleier dicht über dem Wasser. Wir sitzen am Fenster, verdauen, halten ein Buch auf dem Schoß und genießen durch die großen Glasscheiben diesen letzten Reisetag.

Der wirklich allerletzte Tag beginnt morgens mit dem Aufräumen der Zimmer, wir sollen bis 9.00 Uhr die Koffer rausstellen und bis 10.00 die Kabine geräumt haben. Ab jetzt fühlen wir uns auf dem Schiff wie Gäste. Ohne eigenen Raum ist es irgendwie anders, obwohl wir gar nicht so viel Zeit darin verbracht haben. Wir sitzen am Fenster und schauen hinaus. Die Ortschaften häufen sich, es gibt mehr Straßen, mehr Masten, mehr Bäume. Mehrfamilienhäuser und ganze Wohnblocks kündigen Bergen an. Das Schiff legt an und nach alter Manier gucken wir, ob das Manöver klappt. Wieder wartet draußen ein Mann in gelber Weste, wieder stehen Gabelstapler bereit. Die Gangway wird runtergelassen und weil unser Schiff so niedrig ist, können unsere Passagiere nicht den normalen Weg zum Gebäude nehmen, sondern müssen über einen kleinen Platz laufen. Die Crew unseres Schiffes wird hier ausgewechselt und einige gehen noch vor den Passagieren raus. Sie waren jetzt zwei Wochen im Dienst und werden sich sicher auf die Freizeit freuen. Wir lassen allen anderen den Vortritt und gucken zu. Draußen auf dem Kai werden verpackte Paletten mit neuer Fracht bereit gestellt, die nun nordwärts verschifft wird. Zu unserem Erstaunen sehen wir dabei drei weiße Särge in durchsichtiger Plastikfolie. Wenn der Frühling kommt, kann man droben im Norden vermutlich auch wieder beerdigen.

Wir checken ein letztes Mal mit unserer Plastikkarte aus, der Computer gibt uns mit seiner künstlichen Stimme ein abschließendes „Good byyee!“. Wir holen unsere Koffer am Band, suchen den Bus, der zum Flughafen fährt. Ich kaufe am Flughafen in Bergen mit meiner Kreditkarte noch ein letztes Enkelgeschenk, dann wird es Zeit durch die Kontrollen zu gehen. Natürlich wird wieder alles beanstandet! Andere Leute kommen en passant durch, und wir kriegen jedes Teil auseinander genommen. Dieses Mal ist es das laktosefreie Milchpulver für den Kaffee, das ich im Rucksack habe. Rucksack und mein Körper müssen daher den Sprengstofftest bestehen, Computer und Kamera müssen ausgepackt und hergezeigt werden, die Fitbit an meinem Handgelenk löst ein Piepsen aus. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für diese Akribie und totalem Genervtsein.

Als wir in Amsterdam zwischenlanden, versichern wir uns sogleich, dass unser Gepäck durchgecheckt wird. Nun haben wir Zeit. Wie zu erwarten gibt es hier im Flughafen reichlich Tulpen und viel Käse. Ich berausche mich an der üppigen Farbenvielfalt der Blumen und kaufe Käse für zu Hause. Die Zeit bis zum Anschlussflug vertreiben wir uns mit dem ersten bezahlbaren Bier seit zwei Wochen. Ich lege eine angemessene Menge Euros auf den Tisch und wir bekommen zwei extrem heruntergekühlte Heinecken hingestellt. Passt.

Eine Durchsage sorgt direkt am Gate noch einmal für Bluthochdruck: Die Fluggesellschaft kündigt an, dass unser Flug überbucht sei und es werden Passagiere gesucht, die bereit sind, ihren Flug auf morgen zu verschieben, die Übernachtung gäbe es auf Kosten den Fluggesellschaft. Erstaunlicherweise melden sich einige Leute, so dass wir das Flugzeug wie geplant besteigen können.

Als wir in Frankfurt landen, ist es spät in der Nacht. Der Flughafen ist fast leer, alles zu. Ob die Busse noch fahren, wie wir es vorher im Fahrplan herausgesucht haben? Nach einiger Zeit finden wir die Haltestelle, aber alles ist sehr kryptisch und irgendwie nicht nachvollziehbar. Wir sind fast die einzigen Wartenden, es ist kalt und ungemütlich. Ich bin müde, hungrig, und eigentlich reicht es mir. Endlich kommt der Bus, auch der Anschlusszug fährt. Weit nach Mitternacht sind wir endlich zu Hause. Als wir uns hinlegen, schaukelt das Bett und die Wellen der Norwegischen See wiegen uns in den Schlaf.

Tage 9 / 10: Und es wurde Licht!

Die nächsten beiden Tage verbringen wir überwiegend an Bord. Als wir am Morgen des 9. Tages aufwachen, schalten wir wie immer als erstes den Fernseher im Zimmer an. Es gibt nämlich eine Frontkamera, von wo Tag und Nacht übertragen wird, wie es vor dem Schiff aussieht. Wenn das Schiff anlegt, sieht man auf dem Bildschirm ein Stück Kai, man sieht den Hafenarbeiter in seiner Warnweste dort stehen und warten, manchmal den Gabelstapler. Dann sieht man den orange bekleideten Matrosen an Bord, der manchmal lustlos Schnee schippt, dessen Aufgaben es aber auch ist, einen roten kleinen Sack an Land zu werfen, an dem ein Seil befestigt ist, das mit dem Schiffstau verbunden ist. Das Tau wird dann vom Hafenarbeiter am Poller befestigt. Mittlerweile haben wir das so oft gesehen, dass wir uns eine Meinung darüber bilden können, wann es gut geklappt hat und wann nicht. Einmal haben wir auch beobachtet, dass unser Schiff spätabends an den Kai einer Ortschaft fuhr, und als das Schiff nahe genug dran war, nur ein Päckchen rausgeworfen wurde, ehe es wieder weiterging. Da waren wir baff!!!

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So zeigte die Frontkamera die Einfahrt des Schiffes in Tromso kurz vor Mitternacht.

Doch an diesem Tag zeigt die Frontkamera ein etwas verändertes Bild. Man sieht nämlich etwas, obwohl wir auf dem offenen Meer sind, man erkennt die Wasserlinie am Horizont. Ich bin wie aufgedreht: Es wird heller! Tatsächlich ist aus der morgendlichen Dämmerung die Bläue gewichen und es kommen mehr Farben hinzu, so dass die Welt wieder ein wenig aussieht wie die Welt, die wir kennen.

Wir fahren durch atemberaubende Landschaften. Jetzt sehen wir auch die Lofoten, die wirklich unglaublich schön sind. Es gibt ganz enge Durchfahrten, wo das Schiff nur von wirklich fähigen Kapitänen durchgebracht werden kann. Es gibt Landschaft, viel Landschaft, unberührte Felsen, Berge, zunehmend auch Wälder. Gegen Mittag zeigt sich vor dem Schiff ein dicker orangener Balken, die Berge links und rechts sind teilweise rosa-orange überzogen.

Am Abend legen wir wieder in Svolvær an, wo ich vor einigen Tagen in der kalten Nachtluft das Nordlicht gesehen habe. Heute allerdings schneit es, an einen Blick in den Himmel ist nicht zu denken, wenn man sich nicht die Brillengläser zuschneien lassen will.

Jetzt geht es rasend schnell. Am 10. Tag kommt die Sonne mittags über den Horizont. Viele Leute stehen wie wir auf der 6. Ebene vor dem großen Panoramafenster und schauen, fotografieren und schauen. Auf dem Schiff wird es ganz still. Da die Sonne ganz tief steht, flutet sie den Raum völlig. „Kaum ist sie da, blendet sie schon wieder,“ sagt Herr W. halblaut scherzend, als wir den Raum wieder verlassen.

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Kurz vorher haben wir den Polarkreis überquert. Er ist auf einer kleinen Insel mit einem Globus aus Eisenbändern gekennzeichnet, ähnlich dem, den wir am Nordkap gesehen haben, nur viel kleiner. Wir stehen an Deck, um das Ereignis mitzuerleben. Als wir die imaginäre Linie überqueren, tutet unvermittelt das Schiffshorn direkt neben uns. Danach gibt es einen Esslöffel Lebertran für alle, da ich jedoch die ganze Zeit Tabletten mit Vitamin D gnommen habe, kann ich mir guten Gewissens erlauben, auf diese Gabe zu verzichten.

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Am Nachmittag kommen wir an den sieben Schwestern vorbei. Das sind Berge, die ziemlich genau parallel zueinander zur Küste hin stehen. Der Sage nach sind es sieben Trollschwestern, die auf der Flucht vor dem Vågekallen von den Lofoten waren. Er stellte ihnen nach, als sie nackt am Fjord tanzten. Dabei versäumten sie, sich vor dem Sonnenlicht zu verstecken und wurden zur Strafe in diese Berge verwandelt. Ewige Schönheiten, fürwahr!

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Am Abend haben wir einen kurzen Stopp in Brønnøysund. Wir steigen aus, uns ein wenig die Beine zu vertreten. In der kleinen Einkaufsstraße gibt es hübsche Geschäfte aller Art. Wie fast überall ist auch ein Laden dabei, in dem überwiegend gebrauchte Artikel und in kleinem Maß Antiquitäten verkauft werden. Herr W. ist klug genug, nicht zu oft mit mir in einen derartigen Laden hineinzugehen, da wir sonst Gefahr laufen würden, das Schiff zu versäumen. Wir kommen an einen zugefrorenen See, an dem es winterliche Spazierwege und wunderhübsche verschneite hölzerne Einfamilienhäuser gibt. Es wirkt skandinavisch, man könnte sich vorstellen hier zu leben, was am Nordkap für mich nur schwer denkbar gewesen wäre.

An diesem Abend verabschiedet sich nach dem Abendessen die Crew von uns mit einem Gläschen Sekt, da ein Teil der Mannschaft in Trondheim wechseln wird, aber auch, da ein Teil der Reisenden hier aussteigen wird. Uns wird schmerzlich bewusst, dass die Reise sich dem Ende zuneigt.

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Das ist nur der Teil der Besatzung, mit dem wir Reisende direkt zu tun hatten. Die Matrosen und Maschinisten sind nicht dabei. (Ich hoffe mal, sie bekamen auch Sekt!)

Hammerfest

Ab jetzt fahren wir wieder zurück. Das Schiff befindet sich nun auf der südgehenden Route, was allerdings bedeutet, dass wir erst einmal nach Norden fahren müssen. Da wir an vielen Sehenswürdigkeiten auf der nordgehenden Route während der Nacht vorbei gekommen sind und wir diese jetzt am Tag erleben werden, werden die beiden Touren nicht identisch sein. Ich allerdings freue mich, wenn ich ehrlich bin, am meisten auf die Sonne. Im Moment sehen wir sie den ganzen Tag nicht und ich hätte niemals gedacht, dass mir das so viel ausmachen würde.

Es geht vorbei am östlichsten Punkt Norwegens, Das Schiff stampft durch die Dunkelheit der Barentsee. Es befindet sich häufig weiter draußen im Meer und nur wenig hinter schützenden Inseln, entsprechend ruppig ist die Fahrt hier teilweise.

Nach dem Frühstück machen wir uns fertig, da wir am Vormittag in Hammerfest anlegen werden. Eingepackt wie die Eisbären stehen wir bereit. Durch das Fenster sehen wir eine verschneite Stadt im blauen Dauerdämmerlicht. Doch als wir hinaustreten, hat sich das klare Licht in einen Schneesturm verwandelt, der die nächste Zeit anhalten wird.

Gleich am Hafen befindet sich die Eisbärgesellschaft, die Polar Bear Society, der man auch als Ausländer beitreten kann. Die Leute in Hammerfest haben es überhaupt mit Eisbären. Es sollen hier gelegentlich welche durch die Straßen streifen, vor dem Rathaus gibt es eine Skulptur mit zwei Eisbären und an Werktagen soll es einen Laden geben, vor dem ein ausgestopfter und kahlgestreichelter Eisbär als Kundenstopper steht. Aber heute ist Sonntag.

Im dichten Schneetreiben kämpfen sich die Passagiere der MS Spitsbergen auf der Haupteinkaufsstraße voran. Herr W. und ich versuchen, ein wenig von den Leuten wegzukommen, und wenden uns in Richtung Hafen. Dort steht ein riesiges Veranstaltungszentrum, wo es einen Gebäudeeinschnitt gibt, der von unzähligen Säulen gestützt wird. Eine der Stützen ist einem Walknochen in Originalgröße nachempfunden. Im Dämmerlicht macht eine junge Familie mit Kinderwagen und Hund ihren Sonntagmittagspaziergang. Es wirkt alles ein bisschen surreal.

Hammerfest mit seinen 7000 Einwohneren gilt als die nördlichste Stadt der Welt, auf gleicher Höhe liegen die nördlichen Gebiete Sibiriens, der äußerste Punkt Alaskas und ein Teil Grönlands. Zwar haben mittlerweile formal auch andere Ortschaften den Stadtstatus, doch Hammerfest ist tatsächlich eine Stadt. Andere sind eher wichtigere Dörfer. Ihren Aufstieg erlebte die Stadt mit dem Walfang, dem Russlandhandel, dem Ausbau einer Trawlerflotte und heute auch dem Umschlag von Erdgas. Da die Stadt wie viele andere in Norwegen im 2. Weltkrieg vollständig zerstört wurde, besuchen wir hier das wiederaufgebaute Hammerfest.

Parallel zur Einkaufsstraße geht es in Richtung Kirche. Der Friedhof wirkt, als sei er in England aufgenommen. In dem dichten Schneetreiben verzichten wir darauf, zu gucken, was auf den Grabsteinen steht. Es ist mittlerweile fast Mittag, daher gehe ich davon aus, dass der Gottesdienst vorbei ist und dass wir in die Kirche hineinkönnen. Nicht ganz uneigennützig, denn draußen ist es so ungemütlich, dass ich überall reingegangen wäre, nur um mich abzuschütteln und aufzuwärmen. Innen ist diese Kirche sehr hübsch ausgestaltet, mit viel Holz, bemalten Paneelen und Schnitzereien. Auf der Rückseite der letzten Bankreihe sind Fächer angebracht, in denen viele Bilderbücher mit religiösem Inhalt stecken. Das haben wir hier oft gesehen, Beschäftigungen aller Art für die Kleinen, damit sie während des Gottesdienstes auch etwas haben. Leider stellt sich heraus, dass entgegen unserer Vermutungen der Gottesdienst nicht vorbei, sondern erst in Vorbereitung ist.

Wenn wir jetzt weitergingen, kämen wir in die sonntäglichen verschneiten Wohngebiete, daher halten wir uns wieder in Richtung Stadt. Natürlich finden wir die Bücherei. Sie ist direkt am Hafen und sieht durch die bodentiefen Fenster gut bestückt aus.

Zum Mittagessen gehen wir zurück ans Schiff. Der Nachmittag bleibt dunkel und stürmisch. Ich lese weiter in meinem Thriller „Woman in cabin 10“, den ich mir in meiner deutschen Bücherei ausgeliehen habe. Darin geht es um einen Mord auf einem Luxusschiff an der norwegischen Küste. Buch mit Leseprobe Macht Sinn, hab ich mir noch zu Hause gedacht. Das Buch nimmt allmählich Fahrt auf und es tut so richtig gut, beim Lesen drüber zu bleiben und in die wendungsreiche Handlung einzutauchen. Die verstörende und bedrückende Finsternis beim nachmittäglichen Blick aus dem Schiffsfenster tut ihr übriges. …

NORDKAPP, wie es der Norweger schreibt

 

Ich sitze im Moment in der Cafeteria des Schiffes, das Mittagessen ist vorbei, es kehrt Ruhe ein. Durch die Schwingtür zur Küche klingen Besteckgeklapper und ABBAs „The winner takes it all“. Draußen ist es nahezu dunkel, Schneeflocken flitzen nahe am Fenster vorbei. Eine Durchsage kündigt erst auf norwegisch, dann auf englisch und zuletzt auf deutsch an, dass man auf Deck acht ganz oben jetzt gleich von den fähigsten Seeleuten des Schiffes gezeigt bekommt, wie man echte Seemannsknoten macht. Das Smartphone jedoch vermeldet, dass es jetzt um 14.00 Uhr im Rypefjord – 5° Celsius hat. Da zieht mich nichts nach draußen. Besser hier sitzen, Tee trinken und den Blog voranbringen. …

Für diesen 6. Tag unserer Reise haben Herr W. und ich uns auf den letzten Drücker entschlossen, an einer geführten Busreise vom Schiff zum Nordkapp und zurück teilzunehmen. Das ist nicht ganz billig, aber erstens wären wir anders dort nicht hingekommen, zweitens hat es sich definitiv gelohnt. Das Nordkap befindet sich auf der Insel Magerøya. Das Schiff legt in Honningsvåg an, was im Südosten der Insel liegt. Wir steigen kurz nach 11 Uhr aus, der Himmel ist am Horizont wundervoll violett gefärbt, über der gesamten Szenerie liegt blaues Licht. Außer einem kurzen Goldreflex zur Mittagsstunde wird sich daran nichts ändern. Der Himmel ist zu dieser Jahreszeit in diesen Breiten am späten Vormittag violett, Mittags kommt ein Schimmer goldorange hinzu, danach überwiegen wieder die rosa-violetten Töne, die zunehmend in Bläue übergehen, bis am frühen Nachmittag die Nacht kommt. Zur Wintersonnwende fehlt dann der orangene Anteil. Es ist nicht vollständig dunkel, aber die Sonne als Himmelskörper ist schlicht nicht da. Ich vermisse die Sonne jetzt nach ein paar Tagen schon schrecklich. Wie mag es den Menschen hier erst gehen? Nach zwei Monaten?

Am Hafengelände steht die erzene überlebensgroße Skulptur des Bernhardiners BAMSE, der in Kriegszeiten auf einem norwegischen Minensuchboot mitfuhr und dort als offizielles Besatzungsmitglied geführt wurde. Es hat dort nach Berichten der Seeleute die Moral an Bord entschieden gehoben, das Leben einzelner Mitglieder der Schiffsbesatzung gerettet und Streit geschlichtet. Er wurde nach seinem Tod in allen militärischen Ehren begraben, ihm zu Ehren findet alle zehn Jahre eine Gedenkfeier statt.

Wir steigen in den Bus und sogleich beginnt unser Reiseführer, uns in deutscher Sprache auf höchst unterhaltsame Weise zu berichten, was wir sehen können und wie die Dinge sich hier verhalten. Der Mann ist älter als wir, wettergegerbt und seinem Akkzent nach zweisprachig, norddeutsch und norwegisch. Die Fahrt dauert fast eine Dreiviertelstunde. Beim Hinaussehen entdecken wir einzelne Häuser, viel hügelige weiße Landschaft, Seen und Buchten. Dass es keine Bäume gibt liegt zum Einen an der nördlichen Lage, aber auch am Untergrund, der nach wenigen Zentimetern bereits felsig ist sowie an den Rentieren, die im Sommer hier grasen. Es gibt nämlich fünf samische Familien, die mit ihren Tieren winters weiter Richtung Russland ziehen, weil die Tiere dort leichter Futter finden. Hier am Nordkapp ist es nicht kalt genug und so kommt es immer wieder vor, dass der Schnee antaut und danach wieder zu Eis gefriert. Dieses Eis schließt die Pflanzen ein und macht sie den Rentieren nicht mehr zugänglich. Beim russischen Frost dagegen finden die Tiere immer etwas, wenn sie mit den Hufen im Schnee scharren. Im Frühling kommen die Samen wieder mit ihren 5000 bis 6000 Tieren, die dann allerdings so schwach sind, dass sie mit Booten auf die Insel gebracht werden müssen. Hier bekommen die Rentiere ihre Jungen, fressen sich gehörig Speck an und sind am Ende so stark, dass sie im Herbst ans Festland schwimmen können. Diese Rentiere sorgen durch ihren großen Hunger zuverlässig dafür, dass sich kein Baum und kein Strauch hier halten kann.

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So sieht es an der Nordkaphalle kurz nach 12 Uhr mittags aus.

Wir steigen aus dem Bus und nach den obligatorischen Fotos kommen wir alle erleichtert in die Halle. Hier gibt es ein Restaurant, Toiletten, einen riesigen Souvenirshop, in den Untergeschossen einen Vorführraum, ein thailändisches Museum (der König Thailands war hier und wollte sich auch beteiligen – jeder, wie er will) und einen Meditationsraum. Oben zeigt eine riesige Fensterfront nach Norden zum berühmten Globus aus Eisenbändern. Drinnen gibt es zwei riesige Trolle und einen Flügel, auf dem jeder spielen kann, der will. Ich widerstehe und erspare der Welt meine Version von „Ein Huhn, ein Huhn, das hat nicht viel zu tun, es legt nur jeden Tag ein Ei, und sonntags auch mal zwei! … „. Offenbar hat die Firma Parkert den Flügel gestiftet und es finden hier wohl auch gelegentlich Konzerte statt.

Wir packen uns ein, so gut es geht und wagen uns hinaus in die unwirtliche, windgepeitschte Dämmerung. Eine englischsprachige Dame spricht Herrn W. an, dass sie sich ein wenig unsicher fühle und er geleitet sie gentlemanlike nach vorne zum Globus. Ich komme hinterher und fotografiere.

Der Globus steht auf einem hohen Felsen, der sich steil und markant aus dem Meer erhebt und damit Ewigkeit und Unverrückbarkeit signalisiert. Der eigentlich nördlichste Punkt Europas ist jedoch eine unscheinbare Landzunge, die weiter westlich sich ins Meer schiebt. Aber die ist eben nicht so spektakulär.

Nach einem kurzen Besuch in der riesigen Cafeteria wird es Zeit, wieder in den Bus zu steigen, der uns zurück zum Hafen bringt. Beim Aussteigen spricht mich der Busfahrer, der vorher kein einziges Wort gesagt hat, halblaut auf deutsch an: „Kommen Sie wieder, im Sommer!“. – „Ja,“ sage ich erstaunt. Dann noch einmal „Ja.“

Tromsø

Von den Lofoten kriegen wir wenig mit, weil wir sie in der Nacht durchfahren. Leider, denn sie sind höchstwahrscheinlich der spannendste Teil der Reise. Es gibt hier außer Svolvær noch fünf weitere Häfen. Am frühen Nachmittag erreichen wir Tromsø. Wir haben hier über vier Stunden Zeit. Die Hurtigruten bieten für den Aufenthalt eine ganze Reihe von geführten und begleiteten Touren an, doch wir haben im Vorfeld keine davon gebucht. Falls man tatsächlich unterwegs eine Tour buchen möchte, ist das auf dem Schiff noch sehr leicht möglich. Wir jedoch wollten uns erstmal ein Bild machen und stellen fest, dass wir die Aufenthalte auch ohne Tour überaus spannend finden, zumal wir körperlich fitt und gut zu Fuß sind.

Schon von Deck acht aus sehen wir die Stadt, die große Brücke, die die beiden Stadtteile überspannt und auf der dem Zentrum gegenüberliegenden Seite die berühmte Eismeerkathedrale. Die eigentliche Stadt liegt auf einer Insel, auf Tromsøya. Jetzt, um 14.00 Uhr, steht der Mond hoch am Himmel und die Dämmerung senkt sich bereits über das Land.

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Spikes unter die Füße und los gehts. Die Stadt ist groß und modern, es gibt vielfältige Einkaufsmöglichkeiten und wir gucken vor allem bei den Souvernirläden Schaufenster. Schöne Sachen gibt es da, nicht ganz billig, aber auch viel Klimbim. Die hübsche gelbe Domskirke ist leider geschlossen. Herr W. schafft es wieder, uns zur Bibliothek zu lotsen. Sie ist, wie es sich für eine Universitätsstadt gehört, riesig, gemütlich und modern. Die äußere Form ist ein Zwischending zwischen vierblättrigem Kleeblatt und gläsernem Pilzfuß. Innen dominieren Holz und Stahl. Gleich im Eingangsbereich stecken entlang einer langen Theke sämtliche wichtige Zeitungen des Landes und der Region und die vielen Leser sitzen auf Barhockern und informieren sich. Da die Universität hier außer Fischereiwesen und Aquaforschung auch samische Fächer anbietet, ist die Bibliothek in großen Bereichen mindestens zweisprachig, was aber schwer untertrieben ist, da allein das Norwegische mehrere Schriftsprachen hat und das Samische mehrere Hauptdialekte, die sich teils grundsätzlich voneinander unterscheiden. Das Schild am Eingang lässt den Fremden nur staunen:

Mittlerweile ist es völlig dunkel. Zur Eismeerkathedrale gäbe es einen Bus, der auch noch ziemlich häufig fährt, aber man kann natürlich auch über die Brücke gehen. Nach einem Stück unten am Wasser entlang kommen wir auf die Brücke. Der Gehweg ist voll zusammengetretenen Schnees, auf einer abgetrennten Spur überholen uns die Autos, ebenfalls im Schnee. Es ist dunkel, es zieht. Meine Handschuhe erfüllen ihren Zweck nicht mehr, zumal ich sie ständig ausziehe, um zu fotografieren. Die Luft ist schneidend kalt und wieder von dieser unwirklichen Klarheit, die mich auch jetzt nach einigen Tagen noch fassungslos macht.

Kaum verlassen wir die Brücke auf der anderen Seite, ist die Kälte nicht mehr ganz so beißend. Wir stehen am Fuß des kleinen Hügels, auf dem die Eismeerkathedrale steht. Wie viele andere neuen Gebäude in Norwegen sind die Baumaterialien vor allem Beton, Holz und Glas. Das berühmte Fenster, das wohl zweitgrößte Glasmosaik Europas, sieht man erst auf der Rückseite von außen. Wir zahlen umgerechnet 5 Euro Eintritt, weil wir die Kirche sehen wollen, wohl aber auch, weil wir uns unbedingt aufwärmen wollen (vor allem ich!!!). Leider sind drinnen gerade Handwerker zu Gange, sie mühen sich, eine riesige Leinwand vor dem Altarraum aufzustellen. Da sie zu zweit nicht weiterkommen, springen zuerst Herr W. und dann ich herbei und ziehen mit. Die Arbeiter berichten, dass die Leinwand für eine Filmvorführung am heutigen Abend bestimmt ist, da in Tromsø an diesen Tagen ein großes Filmfestival stattfindet und hier der preisgekrönte Film laufen soll. Als ich wieder warm genug bin, gehen wir auf die Rückseite der Kirche, um endlich das berühmte Mosaik anzusehen, das die Wiederkehr Jesu darstellen soll.

Zu Fuß zurück oder mit dem Bus? Tsching-Tschang-Tschoing geht auch noch in unserem Alter und so laufen wir (ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden den Fußweg favorisiert und nun gewonnen hat). Leider gibt es auf der Brücke eine Fahrradspur, die auch bei mehreren Zentimetern Schnee noch gut frequentiert ist. Auf der laufen wir nun. Das heißt hintereinander bleiben und gut aufpassen!

Drüben haben wir noch ein wenig Zeit, wir gehen in das ein oder andere Geschäft. Plötzlich ertönt Musik und als wir auf den Platz gehen wo sie her kommt, finden wir uns unversehens in einem Freiluftkino wieder. Bei Dunkelheit macht das Sinn, das ist auch bei uns in Deutschland so. Aber bei diesen Temperaturen? Auf einer Betontribüne gibt es unzählige Sitzkissen aus Tigerprintplüsch, gefüllt mit Styroporkügelchen. Darin sitzen Leute, die sich den kostenlos präsentierten Film ansehen. Daneben stehen zwei junge Leute in gelben Sicherheitswesten, die das Ganze im Auge behalten. Ein Energieversorger hat ein geheiztes aufblasbares durchsichtiges Iglu dazugestellt, darin unzählige Topfpflanzen, wo man von drinnen den Film verfolgen kann. Erst bin ich unschlüssig, aber dann gehen wir hineien und gucken Film.

Als es Zeit wird, an Bord zu gehen, machen wir uns auf und sind rechtzeitig zum Abendessen wieder im Speisesaal. Allmählich vermute ich, dass sie hier so leckeres Essen servieren, damit alle rechtzeitig wieder da sind!

 

Bodø und DAS Licht

Nach Trondheim kommen fünf Haltestellen, wo sich das Schiff aber nur jeweils wenige Minuten aufhält, einige davon verschlafen wir. Frühstück und Mittagsbüffet und als Höhepunkt das Abendessen markieren die Fixpunkte im Tagesablauf auf der Spitsbergen, und da es morgens schon recht lang dunkel ist, verdaddeln wir die Zeit dazwischen ein wenig. An Schiff ist eine Sauna mit zwei Jacuzzis auf dem Deck, was Herrn W. sehr freut. Außerdem finden immer wieder im Laufe des Tages kleine Vorträge über Themen da, die Reisende auf dieser Route beschäftigen könnten. Ich habe beispielsweise einen Vortrag über die Samen gehört, einen über Jagd und Fallensteller und einen über die Wikinger. Das Schiff wirbt mit einem Forschungs- und Bildungsauftrag, dem es unter Anderem auf diese Weise Genüge tut. Wie wir mittlerweile wissen, ist die MS Spitsbergen nicht ganzjährig auf dieser Route unterwegs, sondern wird auch auf Excoursionen eingesetzt.

Mittags um 12.30 legen wir in Bodø an, die Abfahrt ist für 15.00 geplant. Es ist noch hell, die Sonne strahlt sogar auf die Berge. Wir ziehen uns warm an und ziehen los. In den Ort sind es nur ein paar Minuten. Schnee liegt, die Straßen sind breit, es wird viel gebaut. Überall stehen Kranen, Lieferwagen. Schlechtwetter scheint die Baubranche hier bei anhaltenden Minus 5° Celsius nicht in Erwägung zu ziehen. Es gibt ein Einkaufszentrum, viele mehrstöckige Häuser. Wie wir erst später erfahren, haben die Deutschen Bodø im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, so dass wir hier eine komplett neue Stadt besichtigen. Herr W. weiß um meine Vorliebe für Büchereien und so guckt er auf jedem Stadtplan gleich mal, wie die hier so aussieht. Die Bibliothek von Bodø ist großartig: nagelneu, ausgestattet mit allem, hell, freundlich. Wegen der vollständigen Stirnholzparkettierung trauen wir uns nicht weiter hinein, denn unsere Spikes würden das Parkett sicher in Mitleidenschaft ziehen. Es wird gleich am Eingang darauf hingewiesen, dass sich in dieser Bibliothek große Bestände in samischer Literatur befinden. Hier finden wir auch einen Handzettel, dass die Stadt sich beworben hat zur Kulturhauptstadt 2024. Wir drücken ihr ganz fest die Daumen.

Bergan stoßen wir auf die Domkirche, ebenfalls völlig neu. Eigentlich hatten wir gehofft, hier in Norwegen auch Stabkirchen zu sehen, aber die wurden leider mehrheitlich abgerissen, es gibt im ganzen Land gerade mal noch zwei Dutzend, und die liegen nicht an unserer Strecke. Die Domkirche ist ebenfalls sehr neu, hat eine markante Gestaltung der Decke und als Kreuzwegbilder Teppiche an den Wänden.

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Als das Schiff um 15.00 wieder ablegt weiter nach Norden, hat sich bereits die Dämmerung über die Stadt gesenkt.

Immer wenn, wie jetzt, die MS Spitsbergen weiter ins offene Meer hinaus muss, wird die Fahrt unruhig. Was wir zunächst als Vorteil sahen, nämlich dass das Schiff klein ist, erweist sich nun als Nachteil. Es liegt weitaus weniger stabil im Wasser als ein riesiges Kreuzfahrtschiff. Aber wir nehmen Kurs auf die Lofoten, und die liegen weiter westwärts. Gebannt verfolgen wir auf den Bildschirmen, wie das Schiff sich in Fjorde hinein und zwischen Inseln hindurch schiebt, wo wir zunächst gar kein Durchkommen sahen. Leider ist es draußen dunkel. Bei Tageslicht muss diese Fahrtstrecke atemberaubend sein.

Um 21.00 legen wir für eine Stunde in Svolvær an. Schon bei der Einfahrt in den Hafen sehen wir hell erleuchtet in der Nacht die riesigen leeren Gestelle für den Stockfisch. Er wird hier gefangen und getrocknet und später unter dem Namen bacalao oder stoccafisso in die ganze Welt, vor allem nach Portugal oder Italien exportiert. Wir gehen an Deck und da macht uns ein Mitreisender auf die Möglichkeit hellgrüner Polarlichter hinter dem Berg aufmerksam. Da! Mit ein bisschen Phantasie ahnt man sie mehr als man sie sieht. Aber da ist etwas, tatsächlich. Das Polarlicht, Aurora Borealis, entsteht zwischen der Erdmagnetosphäre und der Atmosphäre, hoch oben. Und sichtbar sind diese Lichter nur im Winter hier hoch oben im Norden oder, entprechend, auf der Südhalbkugel.

Ich ziehe mich nun noch wärmer an, nehme mein Handy und gehe vom Schiff. Der kleine Ort liegt in der Nacht ruhig am Hafenbecken. Trotz der Kälte habe ich einen deutlichen Fischgeruch in der Nase. Es ist nahezu menschenleer. Die Luft ist von einer Klarheit, wie ich sie niemals zuvor sah. Es ist unwirklich, das Sehen strengt an, die Augen sind so klare Bilder nicht gewohnt. Ich entdecke wieder die hellgrünen Schleier, die feengleich hinter dem Berg erscheinen und gleich wieder vergehen, als hätten sie Angst, dass sie Schaden nehmen könnten, wenn sie sich zu deutlich manifestieren. Das komplett schwarze Bild meines Versuchs, den Zauber auf dem Handy einzufangen, habe ich umgehend gelöscht.

Ich wandle wie ein Hans-guck-in-die-Luft durch die schneebedeckten Straßen, immer auf der Hut, dass ich nicht ins Hafenbecken plumpse. Ich sehe die Lichter an vielen Stellen, mache mir aber nicht mehr die Mühe, sie festhalten zu wollen. Völlig verzaubert komme ich wieder auf das Schiff.

Als ich tags drauf an diesem Blog schreibe, sehe ich am Nebentisch zwei schweizer Damen, die auf ihren Handys Bilder austauschen und besprechen. Nach dem vergangenen Abend bin ich sofort wie elektrisiert, wenn ich grüne Schleier auf dunklem Hintergrund sehe. Ich spreche die Damen an und sie berichten mir bereitwillig, dass sie diese Reise nun schon zum wiederholten Male machen, winters und sommers. Doch das Polarlicht habe sie nicht losgelassen. Daher hätte eine der beiden dieses Mal für den Fotoapparat ein besonders lichtstarkes Objektiv für die Nacht gekauft und damit am Vorabend diese Bilder machen können. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit und ich muss es ihr neidlos lassen, die Bilder sind phantastisch geworden. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage, ob sie mir ein Bild aufs Handy schicken möge und ob ich es dann auch im Blog veröffentlichen dürfe. Sie stimmt beidem zu und nun kann ich diesen Text mit wirklich sensationellen Bildern aufwerten. Und diese Bilder fangen sehr gut das ein, was ich dort gesehen habe:

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Dankeschön!

Trondheim

Die Nacht war stürmisch, aber es gab keine weiteren unangenehmen Vorkommnisse. Beim Frühstück schauen wir uns um. Die Menschen im Speisesaal sehen überwiegend ein wenig mitgenommen aus, aber offenbar ist es bei ihnen wie bei uns: Essen geht schon wieder. So langsam finden wir uns ein auf dem Leben an Bord. Heute sollen wir nach Trondheim kommen, und zwar morgens. Vorher hält das Schiff schon an einigen anderen Häfen, aber jeweils nur kurze Zeit zum Einsteigen und Aussteigen, um Fracht zu laden und zu löschen und um Proviant zu bunkern und Müll und anderes zurückzulassen. Das Schiff funktioniert tatsächlich als Vielzweckverbindung zwischen Süd- und Nordnorwegen. Das merkt man immer deutlicher, je weiter man nach Norden kommt. In einem Buch wurde diese Route halb scherzhaft als Staatsstraße 1 bezeichnet. Die Norweger, die mit uns reisen erkennt man sofort. Sie schauen weitaus weniger begeistert aus dem Fenster, haben oft Kinderwagen und eine Menge Gepäck dabei und ziehen sich oft gar nicht weiter aus, weil sie ja in drei oder vier Stunden schon wieder aussteigen. Ich dagegen laufe hier in bequemer Kleidung herum mit Crocs an den Füßen. Doch können sie wie wir die Annehmlichkeiten der Seereise nutzen und sitzen mit Kind und Kegel im Restaurant dabei oder in der Bar.

Zurück zu Trondheim. Wir verlassen das Schiff noch in der Dunkelheit und stapfen im Schnee den Schildern SENTRUM nach. Vorbei am winterlichen Yachthafen über etliche Brücken kommen wir immer weiter in die Stadt. Es gibt riesige Hotelkomplexe großer Unternehmen und kleine Geschäfte, die ihren Eingang im Schnee mit flackernden Öllichtern markieren. Die Stadt zeigt Wohlstand und Fortschritt. Dass sie Universitätsstadt ist, macht sich ebenfalls positiv bemerkbar. Wir kommen vorbei an einem Vinmonopol, das ist ein Laden, in dem es ausschließlich Alkohol gibt. Viel Alkohol und jedweden Alkohol. Aber nicht immer! Die Öffnungszeiten sind stark reglementiert, natürlich ist jetzt am Morgen noch geschlossen, der Laden ist zudem vergittert wie bei uns in Deutschland ein Laden für Schusswaffen.

Um uns einen Überblick zu verschaffen, gehen wir zuerst auf einer hübschen alten Brücke über die Nidelva, den Fluss, der Trondheim in mehrfachen Schleifen durchzieht. Am Ufer stehen auf Stelzen farbige Holzhäuser, die früher den Kaufleuten gehörten, heute allerhand anderes Gewerbe und Szenelokale beherbergen. Auf der anderen Seite geht es steil bergan und hier sehen wir zum ersten Mal einen kostenlosen Lift  für Fahrradfahrer. An der unteren Station ist kurz erklärt, wie er benutzt wird. Man stellt sich knapp neben den Bordstein, stellt auf einem Drückknopf die Geschwindigkeit ein – es gibt Anfänger / Normal / Ambitioniert und dann noch  Notstop und man stellt den rechten Fuß an einen rot angemalten Keil. Der läuft dann auf einer Schiene bergaufwärts und schiebt den Fahrradfahrer vor sich her. Man muss wohl das rechte Bein steif halten und ein bisschen aufpassen, aber es scheint zu funktionieren. Jetzt im Winter verschwindet die gesamte Anlage jedoch im Schnee. Doch haben wir hier immer wieder Radfahrer gesehen, die den Schnee nicht fürchten. Eine junge Frau schmierte auf einem Fußgängerweg mit ihrem Mountainbike weg und landete mit Karacho auf dem Boden. Lachend stand sie auf und fuhr weiter. Eine Norwegerin eben.

Wir jedoch stapfen den Berg hoch zur Festung, denn von dort soll man die Stadt von oben betrachten können. Etliche Leute mit Kinderwägen und / oder Hunden kommen uns entgegen. Vor vielen Häusern und natürlich oben auf der Festung weht die norwegische Flagge. Die Norweger haben zu ihr ein weitaus ungezwungeneres Verhältnis als wir Deutsche zu unserer. Die Flagge zu schwenken oder zu hissen ist hier etwas, das man jederzeit tut und es wird als allgemein gültige Äußerung jedweden Gefühls gutgeheißen.

Da wir nicht allzu viel Zeit zur Verfügung haben, machen wir auf halber Strecke kehrt und steuern den Nidarosdom an, den Dom aus der Zeit im Mittelalter, als Trondheim Norwegens Hauptstadt war und Olav II König war. Er steht inmitten eines malerischen Friedhofs und wirkt von der Seite fast ein wenig russisch, die Front dagegen erinnert an französische Kathedralen. Mir gefällt die Seitenansicht besser. Hinein sind wir nicht gegangen, denn wir hätten im angrenzenden Shop Tickets für umgerechnet 12 Euro pro Person kaufen müssen, und das erschien uns für eine Kirche recht viel. Die im Shop erhältlichen Postkarten zeigen viel hohe graue Gotik.

Allmählich wird es Zeit, wieder zum Schiff zurück zu gehen. Wir wählen einen Weg entlang des Flusses hinter den alten Stelzenhäusern. Rechtzeitig zum Mittagessen sind wir da. Die Ausfahrt aus dem Fjord verfolgen wir gemütlich am Fenster. Immer wieder nimmt das Schiff neue Biegungen und nur auf dem Handy können wir auf Google verfolgen, ob das, woran wir gerade vorbei fahren, eine Insel oder eine Landzunge ist. Hier ist Ortskenntnis für einen Schiffskapitän das A und O. Was unsere Frau Kapitänin während des Sturmes in der vorausgegangenen Nacht geleistet hat, wird uns zunehmend klarer.

Am Nachmittag werden wir aufs Deck gerufen, es gibt Miesmuscheln zum Probieren. Sie sind so lecker, ich ergattere zwei Portionen. Der Schiffskoch hat beste Muscheln aus der Region gekauft und weder am Wein noch an Zitronenvierteln, Chilli, Ingwer, Knoblauch und Koriander gespart.

Kurz danach kommen wir an einem putzigen Leuchtturm vorbei. Die Reiseleiterin berichtet, dass in früheren Zeiten jeweils zwei Leuchtturmwärter mit ihren Familien – und einer Lehrerin! – darin wohnten. Da der Platz vom Turm bis zum Meeressaum nur wenige Zentimeter betrug, durften die Kinder nur aus dem Turm, wenn sie mit einer Leine um den Bauch am Turm festgebunden waren. Heute kann man den Turm während der Ferien mieten, ein sicher nicht ganz billiges Vergnügen.

Beim Abendessen sitzen wir wieder im Speisesaal und schauen hinaus in die dunkle Nacht.