Kreuz und quer durch Prag – mit Party am Schluss

Es ist Samstag. Samstag ist Markttag, das ist hier in Tschechien offenbar ganz genauso wie bei uns in Deutschland. Der Vermieter hat uns den Markt an den Moldauufern ans Herz gelegt, ich liebe Märkte, und wir wollten ohnehin auf die andere Moldauseite, so sind wir uns schnell einig. Gleich am Anfang des Markts gibt es Live-Musik. Herr W. freut sich und wir hören eine Weile zu. Laki verbringt unterdessen die Zeit damit, die Hunde anderer zuhörenden Hundeherrchen kennen zu lernen. Dann reiht sich Stand an Stand. Es gibt überwiegend Kulinarisches, und obwohl das Frühstück noch nicht lange her ist, wird ein bisschen Gebäck gekauft. Meine Freundin Vroni, die ihre Kindheit hier in Tschechien verbracht hat, hat uns schon Bilder von Leckereien geschickt, die unbedingt gekostet werden müssen. Wir gleichen ab und holen uns per Whatsapp ihren Segen. Und ja, Vroni hatte Recht. Das Zeug schmeckt göttlich!

Weil die Temperaturen immer noch in Kühlschranknähe sind, decken wir uns am Wurststand fürs morgige Frühstück ein. Dann geht es hoch zum Vyšehrad. Die so genannte Prager Hochburg ist eine ehemalige Burg auf einem der beiden Berge, die seit Jahrhunderten befestigt sind. Dazwischen liegen Prag und die Moldau. Der Fußweg dorthin windet sich in Serpentinen durch nach oben. Immer wieder lohnen schöne Ausblicke, leider ist es heute bewölkt. Ganz oben kann man hinunterschauen auf einen Mauerrest im Fels, hoch über der Moldau. Den nennt man Libussas Bad. Denn der Sage nach hat die Fürstin Libuše dort ihre zahlreichen Liebhaber empfangen und sie bei Nichtgefallen durch eine Mauerritze hinunter in die tosende Moldau geschubst. Jahrhunderte später dürfte das nicht mehr ins gängige Frauenbild gepasst haben. Oben gibt es eine große Kirche Sankt Peter und Paul, die man fast in der gesamten Stadt Prag sehen kann. Wieder kostet es Eintritt, wir verzichten. Daneben ist der berühmte Ehrenfriedhof aus dem 19. Jahrhundert. Viele hochrangige Personen Prags haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Wir binden Laki ans schmiedeeiserne Gitter und gehen hinein. Viele der Gräber sind monumentale Jugendstilhallen, teils wunderschön. Man kann anhand der Plastiken und Bilder sehr gut sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Auftraggeber und ihre jeweiligen Künstler mit dem Thema „Tod“ umgingen. Wir schlendern, entziffern, ich fotografiere, erst das Gebell der entrüsteten Laki beschleunigt unsere Schritte.

Als wir wieder unten ankommen, endet gerade der Markt auf unserer Moldauseite, also steigen wir in eine der Fähren und setzen über, zu unserem Erstaunen kostenlos. Drüben laufen wir die andere Marktseite ab und gelangen zu unserer Wohnung, wo wir Wurst in den Kühlschrank legen, uns einen Kaffee machen und weitere süße Stückchen verspeisen. Als wir aufgewärmt sind, ist es noch zu früh, um zum Abendessen zu gehen, also ziehen wir noch einmal los. Herr W. hat ein Areal auf dem Stadtplan ins Visier genommen, das er sich gerne ansehen würde. Mit mir klappt das leider ganz, ganz schlecht, daher landen wir in Malá Strana, einem Stadtteil auf unserer Moldauseite nördlich unseres Stadtteils. Es gibt zunächst pompöse Bürgerhäuser und auch Villen in Parks, später kleine niedliche Häuschen mit Bauerngärten. Unversehens sind wir an der Karlsbrücke. Jetzt dränge ich darauf, drüber zu laufen. Es sind zwar furchtbar viele Menschen da, ein Junggesellenabschied sorgt für ordentlich Radau, aber der Blick zurück auf den Hradschin ist wunderschön. Auf der Brücke gibt es insgesamt 30 steinerne Statuen, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Künstlern geschaffen wurden. Nicht alle sind gleich künstlerisch wertvoll, ein Teil stellt weltliche, der Großteil christliche Personen dar. An einer der mittleren Figuren sind unten zwei Bonzetafeln mit Bildern, eine Szene mit Hund und eine mit einer Frau, wohl die Muttergottes, die einem Brückensturz beiwohnen. Sowohl der Hund als auch die Frau sind so oft berührt worden, dass sie leuchtend glänzen. Auch jetzt drängen unzählige Leute dorthin und schicken sogar ihre Kinder vor, dass sie diese beiden Stellen berühren. Was der tiefere Sinn ist, bleibt uns unklar. Am Ende der Brücke gibt es eine Einheit mit der Heiligen Margarete, der Heiligen Barbara und der heiligen Elisabeth. Warum die Heilige Barbara so viel höher steht als die Heilige Margarete, werde ich mit meiner lieben Schwester wohl noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in alle Ruhe ausdiskutieren müssen. …

Drüben sind wir endlich in dem Gebiet, wo Herr W. eigentlich hin wollte. Es erstreckt sich zwischen Nationaltheater und Altstätter Ring. Wir verlaufen uns dann auch prompt, finden dadurch jedoch die Heilig-Kreuz-Rotunde in der Altstadt. Rotunden sind, wie der Name schon verheißt, Rundbauten, die aber über eine Apsis verfügen. Es gibt hier in Prag einige davon, schon am Vormittag haben wir am Vyšehrad die bedeutendste Rotunde zu Ehren des Heiligen Sankt Martin gesehen. Doch leider sind sie immer geschlossen, wenn wir kommen.

Mittlerweile ist es wieder sehr, sehr kalt. Finde ich zumindest. Und Hunger habe ich auch, daher wollen wir der Einfachheit halber geradewegs wieder zu unserem Lokal um die Ecke, zur Bulldog-Bar gehen. Dort findet jedoch eine geschlossene Veranstaltung statt und wir sind gezwungen, uns anderweitig umzusehen. Da Smíchov ein Stadtteil zum Wohnen ist, sollte das auch am Samstagabend möglich sein. Und wirklich finden wir gerade eine Straße weiter einen Club mit Bierausschank, kleiner Speisekarte und – heute Abend Livemusik!!! Wer mich kennt, der weiß, dass das zunächst einmal schwierig für mich ist, zumal an unserem Tisch viele junge Leute schon recht viel getrunken haben, die Instrumente in Spuckweite aufgebaut sind und ich mit Laki quasi im Laufgang der gehetzten Bedienung sitze. Aber, was soll ich sagen, es wird absolut großartig! Am Tisch sitzen Prager, Österreicher und eine Polin einmütig zusammen, Laki schlarwenzelt darunter herum, frisst den Müll und lässt sich dabei von allen streicheln. Das Bier kommt aus einer riesigen Brauerei eine Straße weiter, heißt Staropramen und schmeckt unerhört lecker, so dass ich hier nicht berichten möchte, wie viele Gläser am Ende auf Herrn W.s und meiner Rechnung stehen. Der Musiker ist ein (offenbar österreichischer) Alleinunterhalter mit Künstlernamen Bruce, der seinen Job richtig gut macht. Am Ende tanze ich mit einem Jungen, der nur wenig älter ist als mein Enkel, Laki gesellt sich schwanzwedelnd auf die Tanzfläche dazu.

Und bevor es richtig peinlich werden kann, sind wir schon wieder in unserem Appartment.

Und nein, Bilder gibt es keine.

So kalt ist Prag, so voll – und so schön!

Am nächsten Morgen versuche ich mit Laki einen Ort zum Gassigehen zu finden, was ziemlich einfach ist. Denn gleich um die Ecke gibt es einen kleinen hübschen Park, mit vier großen Bäumen an den Ecken, einem schmiedeeisernen Zaun rings herum, Rosen an Rankgittern, Tulpenbeeten, dem obligatorischen Gusseisernen Brunnen mit Bären und Bärentöter. Dort gibt es einen Weg außen herum und Hundebesitzer kommen und gehen. Laki tut, was von ihr erwartet wird und ist nun frei, die Bekanntschaft von Chicco zu machen, der sie einfach große Klasse findet. Ich spreche das junge Herrchen an, Stepan, und er erzählt mir, dass er gerade versuche Deutsch zu lernen und ich gestehe ihm, dass ich heilfroh bin, nicht Tschechisch lernen zu müssen, eine Sprache, die mir allein vom Schriftbild so unverständlich wie chinesisch erscheint. „Da, zum Beispiel,“ ich deute auf ein Schild über einem Ladenlokal, „das Wort in der Mitte, was ist das? Diese Schwälbchen, Stäbchen, Ringlein – wie soll man das aussprechen?“ img-20190413-wa00001685883637.jpeg

Stepan spricht es mir vor, es klingt ungefähr wie „Tutschznjiaakuo“ und meint, das heiße PINGUIN. (… Na klar, sieht doch jeder!!!! …) Ab jetzt finde ich mich damit ab, dass diese Sprache ganz offensichtlich sehr hochstehend und überaus komplex ist. Aber nicht jeder muss alles können. Und ich werde diese Sprache in den paar Tagen hier ganz gewiss nicht lernen.

Auf dem Weg zurück in die Wohnung finde ich einen gut sortierten Supermarkt, die wichtigsten Wertstoffcontainer und ein Restaurant ZUR BULLDOGGE mit recht ansehnlicher Speisekarte und vier verschiedenen Zapfhähnen. In der Wohnung frühstücken wir erstmal ausgiebig, denn wir sind mit einer Kühltasche angereist und können auf löslichen Kaffee, Tee, selbstgemachte Marmelade, Butter, Brot und Käse zurückgreifen. Die Wohnung verfügt über die wichtigsten Küchenutensilien und einen Tisch mit Stühlen.

Da ich schon am Abend vorher nicht wirklich warm war, ziehe ich mich heute noch ein ganzes Stück wärmer an, alles, was so möglich ist. Gegen die mit Sorgfalt zurechtgemachten Tschechinnen falle ich da zwar deutlich ab, aber erstens bin ich Deutsche (und die laufen in fremden Ländern sowieso immer rum wie schlecht verbundene Finger. Nur Engländerinnen sind schlimmer.) Zweitens bin ich über 60 – ja, ich habe es in der Zwischenzeit geschafft – und da muss ich stylingmäßig nicht mehr mit den 30-jährigen mithalten. Und drittens ist eine Blasenentzündung das Letzte, was ich im Leben noch mal haben möchte.

Auch Herr W., der eigentlich nie friert, zieht einen Pullover unter den Anorak, Laki muss mal wieder so bleiben wie sie ist. Und so ziehen wir los. Erst geht es ein Stück runter zur Moldau und dann entlang des Wassers. Wir entdecken weitere Parks, alle klein, aber auf ihre Art jeder ein Kleinod. Alle haben an den Ecken große dominante Bäume mit tief hängenden Ästen, eine Buche, eine Eiche, … aber auch mir gänzlich unbekannte Bäume. Hier in Prag haben die Städteplaner immer wieder an die Stelle, an der eine Straße rechtwinklig auf den Fluss stößt, eine Grünanlage gestaltet. Häufig ist ein Denkmal für irgendeine damals wichtig erscheinende Person die Legitimation. Aber heute, weit über 100 Jahre später, ist das ein Glücksfall, denn so blieben städtebauliche Filetstücke frei und geben der Stadt gerade jetzt im Frühjahr eine Stimmung von Aufbrechen und Üppigkeit. Repräsentative Stadthäuser säumen die Straßen, Jugendstil in seiner prachtvollsten Form, aber auch Neorenaissance und Neoklassizismus, alles aufs Feinste renoviert. Ich fotografiere Details der Häuser bis Herr W. und Laki einfach ohne mich weiter gehen und ich hinterherrennen muss.

Am Wasser gibt es Schleusen, Inseln, Seitenarme, Stufen, Wehre. Denn die Moldau ist zwar breit, aber ziemlich flach. Und deswegen muss es jeweils in Ufernähe eine Möglichkeit geben, dass die vielen Ausflugsschiffe die Hürden nehmen. An der Insel Kampa hat sich beispielsweise ein Seitenarm der Moldau in einen Wildbach verwandelt, es gibt dort eine Mühle.

Laki findet Freunde um Freunde und ich fange langsam an zu frieren. Wir überqueren eine Brücke und kommen der Altstadt immer näher.

Leider sind wir nicht die Einzigen. Obwohl weder Wochenende noch Feiertag und – mit Verlaub – saukalt: Es sind unheimlich viele Leute aus aller Herren Länder hier, die ganz genau das Gleiche sehen wollen wie wir. Und zu allem Überfluss haben Händler ihre Chancen erkannt und mehr als genutzt. Herrn W. frustriert das. Er erinnert ein kleines Plätzchen an der Moldau, darauf ein Smetana-Denkmal, wo er früher einsam mit dem Komponisten Zwiesprache hielt. Heute sitzt Smetana auf seinem Denkmal inmitten eines italienischen Eiscafes, Leute machen sich einen Spaß daraus, sich möglichst effekthascherisch daneben zu platzieren und ein vermeintlich originelles Foto zu kreieren, wo Smetana zur lächerlichen Staffage verkommen muss. Alte Arkaden sind bis zum letzten Millimeter an Händler für Nepp aus Fernost vermietet. An der Karlsbrücke setzt ein Mann  einer jungen Asiatin zwei rosa gefärbten Tauben auf den Arm, klaubt ihr gleichzeitig in Windeseile ihr Handy aus der Hand und macht ein Bild von der ängstlich blickenden Dame mit den zwei Tauben in den Händen – gegen Entgelt versteht sich. Auch den jüdischen Friedhof können wir nicht besuchen. Eigentlich war uns das schon im Vornherein klar, wir haben ja einen Hund dabei, und Hunde dürfen nun mal nicht auf Friedhöfe, egal ob jüdisch oder christlich. Aber hier nähern wir uns und werden schon beim Anblick verwiesen. Dass wir hätten Eintritt bezahlen müssen, finde ich einfach unpassend. Auch alle Kirchen verlangen Eintritt. In meinen Augen widerspricht das dem allerersten Anliegen der Kirchen, offen zu sein für die, die kommen wollen.

Mittlerweile bin ich so kalt, dass wir ein Cafe zum Aufwärmen suchen. Danach steuern wir den Altstädter Ring an. Auch hier gibt es viele Buden, denn ein Ostermarkt hat die freie Fläche eingenommen. Da dies nur vorübergehend sein dürfte, mag es noch hingehen. Es werden wie überall in der Stadt Trdelník hergestellt, das ist ein slowakisches Gebäck, bei dem Teig über Holzstangen gewunden wird und über offenem Feuer gebacken wird. Danach wird die gesamte Rolle mit Zucker, Zimt, Nuss oder Mandel bestreut und in Stücke geschnitten. Ganz unhistorisch füllen die Händler hier aber noch Cremes, Nutella oder Eis in die Teigringe. Auch Prager Schinken wird am offenen Feuer gebraten und in Stücken verkauft. Als ich fotografiere, fährt mich der Koch an, dass ich den Schinken ins Bild nehmen dürfe, aber nicht ihn, den Koch. Ich habe ein bisschen das Gefühl, den Menschen hier in der Stadt geht es genauso wie mir: Es ist etwas viel für uns alle.

Die Leute sammeln sich an der Rathausuhr, denn gleich ist es 14 Uhr und dann fangen die Figuren sich an zu drehen. Wir ergattern einen Platz, von dem wir gut sehen und wo Laki nicht stört, und wohnen bewegt dem kurzen Schauspiel bei. Es ist eine Uhr, die aus mehreren Teilen gestaltet wurde, und deren verschiedene Scheiben Zeit und Datum anzeigen und wo Christus und Apostel sowie Allegorien sich zur vollen Stunde bewegen. Geschaffen wurde sie in einer Jahrzehnte dauernden Epoche nach 1410.

Ganz nebenbei gucke ich natürlich auch Schaufenster. Alle international bekannten Marken sind hier mit eigenen Stores vertreten, die wie überall auf der Welt große Ladenfläche mit sparsamem Angebot und gelangweilten Verkäufern oder Verkäuferinnen beherbergen. Daneben gibt es unglaublich viele Läden für Süßigkeiten, wo ich zwar nie naschen würde, aber den Fotoapparat kaum still halten kann und es gibt ganz viele Spielwarengeschäfte.

Bei einer Passage bleibt Herr W. plötzlich stehen. Er kennt sie, aus dem Fernsehen. Es ist die Passage, in der 1989 während der sogenannten „samtenen Revolution“ Menschen zusammengeprügelt wurden, obwohl eigentlich schon alles entschieden war. Heute ist die Passage zugebaut und Teil eines Hotels. Doch gibt es einen Teil, der offen zugänglich ist, wo man Bilder von dem furchtbaren Ereignis sehen kann. Draußen gibt es eine Plakette, Passanten haben einen Strauß Narzissen dahinter geklemmt.

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Mir reicht es. So kalt war ich schon ewig nicht mehr. Wir eilen uns, dass wir nach Hause kommen. Heute Abend essen wir in dem Bulldog-Restaurant bei unserem Apartment gleich um die Ecke. Es ist eine kunterbunte Sportbar mit riesigen Sprungschi an der Decke und einem Großbildfernseher im Nebenzimmer, die Bedienung ist supernett, wir erhalten einen tollen Platz und Herr W. versucht sich an einem „Schweineknie“, wie hier die Ofenhaxe übersetzt wird.

So müde bin ich schon lange nicht mehr ins Bett gefallen!

Reise nach Prag

Herr W. hat ein paar Tage Urlaub genommen, wir haben eine winzige Wohnung in Smichov, einem Ortsteil auf der Prager Kleinseite gemietet und packen das Auto, was in diesem Fall bedeutet, dass alles auf die Rückbank kommt. Laki liegt schon längst in ihrem Körbchen im offenen Kofferraum – sicherheitshalber, denn die Angst, nicht mitzudürfen, ist unermesslich groß. Das Wohnmobil hingegen muss noch zu Hause warten, im Moment ist es dafür einfach zu kalt.

Es macht Spaß, gemeinsam diese neue Route durch die Oberpfalz an die deutsche Grenze zu fahren. Es gibt zunehmend weniger Bebauung, dafür immer mehr abwechslungsreiche grünende Landschaft. Da der CD-Player aus unerfindlichem Grund die eingeschobene CD nicht will, singen wir uns gegenseitig Smetanas Moldau vor und geraten über die Passage nach dem wiederholten ersten Motiv in Meinungsverschiedenheit. Herr W. setzt zu schmetternden Fanfaren an, ich ergehe mich in harmonischen Verschiebungen. Die Grenze überqueren wir beiläufig, dabei ändert sich die Farbe der Autobahnbeschilderung von blau in grün und die Ortsbezeichnungen werden unaussprechlich. Wie ich später gelesen habe, haben die „Schwälbchen“ und „Stäbchen“ über den Buchstaben jeweils lautverändernde Bedeutung, l, m und noch andere können auch Vokale sein, ein u kann statt eines Stäbchens auch einen Kringel haben, … wie gut, dass ich hier nicht Rechtschreibung unterrichten muss!

Dank des Navis finden wir die Adresse ziemlich schnell. Wir rufen vom Handy aus den Vermieter an, und er öffnet für uns das schmiedeeiserne Tor. Dahinter bekommt das Auto einen Parkplatz auf dem Innenhof und wir regeln im Büro des Vermieters alles Erforderliche. Ich bin erstaunt, wie gut der junge Mann Englisch spricht, viel besser als ich. Er erzählt, dass er auch einen Hund habe, dass seine Frau dieser Tage das erste Kind erwarte, erklärt uns die Schließanlage, gibt uns Ratschläge zum Abheben am Geldautomaten und Tipps für die kommenden Tage. Stolz verweist er darauf, dass er im Haus eine winzige Craftbeerbrauerei mit Ausschank betreibe. Da rennt er bei mir natürlich offene Türen ein. Das kleine Appartment erweist sich für unsere Zwecke als perfekt. Wir räumen notdürftig ein und ziehen los. Die Craftbeerbrauerei heben wir uns für später auf, jetzt haben wir erst mal Hunger und sind auf der Suche nach Schweinernem in Knödelbegleitung.

Entlang der Moldau geht es schon in der Dunkelheit nach Norden zur Jirásku°v most (das Programm gibt die korrekte Schreibweise nicht her. Das Ringlein muss über dem u sein, nicht danach. Ich merke schon, Tschechen sind eine Minderheit und nicht genügend repräsentiert.) Von dieser Brücke aus haben wir einen ersten Blick sowohl auf das tanzende Haus von Gehry, auf die Nationaloper und vor allem auf die Karlsbrücke.

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Drüben auf der anderen Moldauseite zieht es uns in kleine Gässchen. Statt des sagenhaften Golems toben und lärmen Dutzende von Halbwüchsigen, die die Bierkneipe wechseln. Wir versuchen ihnen aus dem Weg zu gehen, da wir nicht wissen, wie Laki das findet. Herr W. erinnert von einem früheren Besuch das U Fleku° (wieder das Ringleinproblem), eine Institution für authentisches Pragerisches Essen und Trinken. Doch dort schüttelt man den Kopf, als man Laki sieht, daher kehren wir um. Unweit finden wir eine nette Gaststätte, die noch Essen serviert und den Hund akzeptiert. Hier gibt es unzählige alte Plattenspieler, die Wände sind mit Schelllackplatten geschmückt, die Stereoanlage gibt einen 70er-Jahre-Hit nach dem nächsten wieder. Der Schweinebraten ist schon ausgegangen, dafür ist das Gulasch noch da. Viel Soße, einige Brocken recht durchwachsenes Schweinernes, extrem saugfähige Knödelscheiben, zwei gut gehopfte Biere aus PLZEN (so schreibt man hier Pilsen) – alles gerät wieder ins Lot. Als wir zurück auf die Straße kommen, ist immer noch viel junges Volk unterwegs, das das Lokal wechselt. Doch dieses Mal sind die Leute freundlich. Ein Pärchen hat einen Hund dabei, und der junge Rüde Eddi findet Gefallen an Laki und sie an ihm. Gemeinsam toben sie zwischen den Menschen über die Straße und haben ihren Spaß. Wieder sprechen die Leute hervorragend Englisch. Was uns hier auffällt und sich in den nächsten Tagen mehr als bestätigen soll, ist, dass die Prager ein sehr ungezwungenes Verhältnis zu Hunden haben und die Hunde allesamt gut sozialisiert sind. Die meisten laufen gar ohne Leine. Es klappt wunderbar.

Da wir uns ein gutes Stück von unserer Unterkunft entfernt haben, müssen wir nun noch fast eine halbe Stunde laufen. Müde und ziemlich erschöpft fallen wir in die Betten.

 

Bergfest

Das erste Schulhalbjahr ist vorbei. Ein Schulhalbjahr, bei dem ich nicht Lehrerin war, sondern einfach nur ICH. Für mich heißt das, dass auch die Hälfte meines Sabbaticals vorüber ist. Ich finde, ich habe mich wacker geschlagen, viel erlebt, ganz schön viele Entscheidungen getroffen, eine Menge Pläne für die Zukunft gemacht.

Zu Beginn des freien Jahres gab ich mich noch dem Gefühl hin, alles oder zumindest sehr vieles sei offen, die nähere und auch die weitere Zukunft lägen vor mir wie die Straßen einer Fächerstadt, ich stünde am Zentrum und könnte diesen oder auch einen anderen Weg einschlagen, die einander gegenüberliegenden Richtungen stünden mir frei, ich müsste nur einfach losgehen. Das gleiche Gefühl hatte ich auch direkt nach dem Abitur, alles war offen, ich und mein Leben waren voller Möglichkeiten.

Tatsächlich war das damals vor über 40 Jahren eine Illusion, ist es auch jetzt mit knapp 60 gewesen. So wirklich frei ist man niemals. Auch zu Beginn des Sabbaticals hatte ich insgeheim eine Menge schon entschieden, gab mich nur nach außen völlig offen, einfach weil ich verliebt war in diesen Zustand des Offenseins und glaubte, dadurch seiner habhaft werden zu können.

Um es nun konkret zu machen: Dieses Sabbatical sollte ein Reisejahr werden, die Koordinaten „Europa bis an die Grenzen“ hatte ich bereits festgelegt und daran hat sich auch bislang nichts geändert. Darüber hinaus gab und gibt es auch den Plan, eine frühere Beziehung, die nach Jahrzehnten kläglich gescheitert war, nun auch endlich dinglich zu beenden. Ich wollte mein Leben entrümpeln und mir wieder zu eigen machen.

Es hat erstaunlich lange gedauert, wenn ich ehrlich bin, bis vor einigen Wochen, bis ich damit ernsthaft begonnen habe. Die Initialzündung gab nicht Marie Kondo mit ihren Aufräumvideos, sondern einfach der Umstand, dass es bei mir eben nun genau so weit war. Ich begann mit einer Schublade unter dem Schreibtisch, darin hunderte von Briefen, Zetteln, Postkarten. Ganz viele von lieben Menschen, einige von Leuten, an die ich mich nur vage erinnere und auch solche von Leuten, die aus gutem Grund keine Rolle mehr in meinem Leben spielen. Ich sichtete und sortierte, schmiss weg und packte fort. Der Papiermüll quoll über und ich merkte, dass ich das Ende eines Fadens gefunden hatte, der weit mehr nach sich zog als eine leere Schublade und einen vollen Papierkorb. Erst spät in der Nacht kam ich zur Ruhe. Während der Schulzeit wäre ich nie an diesen Punkt gelangt, weil ich im Kopf an ganz anderen Stellen gewesen wäre. Für Kehrtwenden braucht man einen freien Kopf.

Ordner leeren, Papier schreddern, Fach um Fach nehme ich mir vor. Ebay, Recyclinghof, Sozialstation. Das Wohnmobil wird umfunktioniert zu einem Fortschafffahrzeug. Da müssen wir durch, das Wohnmobil und ich.

Ich treffe auch Entscheidungen bezüglich der Wohnung, in der ich lebe. Bestätige, DASS ich hier leben will und entwickle Visionen zum WIE. Beginne, meinen finanziellen Rahmen zu checken und seine Grenzen auszuloten. Ich erobere mir die Herrschaft über mein Leben zurück. Das neue Lebensjahrzehnt, das in wenigen Wochen startet, ist dafür ein guter Zeitpunkt, finde ich.

Nicht mehr lang, und der Frühling ruft wieder nach neuen Reisen. Irland heißt dann das Ziel. Herr W. und ich und Laki freuen uns schon und können es kaum mehr erwarten. Aber bis dahin – Ramadama!!!

Von Trondheim nach Hause

Ab jetzt fotografiere ich die Sonne und das Licht, wo immer sie mir auf dem Schiff begegnen. Ich bin richtig süchtig danach.

Der letzte volle Seetag beginnt früh morgens mit einem dreieinhalbstündigen Stop in Trondheim. Hier sind wir ja zu Beginn unserer Reise schon gewesen, daher beschließen wir, uns weiter südwestlich zu halten, wo das neuere Trondheim liegt, wo es laut Stadtführer aber auch winzige Durchlässe zu anderen Straßen gibt, die zu klein für Stadtpläne sind. Auch wir finden nicht viele, sie sind offenbar wirklich winzig, ein ganz kleiner Platz, die „Vaterlandsveita“ bringt uns zum Schmunzeln. Es gibt offenbar in mehr Sprachen deutsche Lehnwörter, als es uns bewusst ist.

In Norwegen wohnen Königs in einem Holzhaus. Aber in was für einem! Stiftsgarden ist das größte Holzhaus Norwegens und der königliche Sitz in Trondheim. Es ist in Hufeisenform gebaut, und hat 140 Räume, die ineinander übergehen. Davor gibt es allerdings nichts, was auf verstärkte Sicherheitsmaßnahmen oder ein besonders ausgeprägtes Repräsentationsbedürfnis schließen lässt. Man kann direkt daran vorbei gehen, die rotweiße Kette ist in Norwegen oft vor Gebäuden gespannt, damit Dachlawinen oder herabstürzende Eiszapfen die Passanten nicht verletzen können. Ich vermute, dass man hineinschauen könnte, wenn man sich auf Zehenspitzen vor die Fenster stellt.

Der Marktplatz präsentiert sich als gigantische Großbaustelle, wo mittendrin die Olavsstatue, die eigentlich Zeiger einer riesigen Sonnenuhr ist, neben modernen Elementen zwischen Kranen und tiefen Erdlöchern steht, daneben gibt es moderne Einzelhandelsgeschäfte und Einkaufspassagen.

Eigentlich wären wir rasch weiter gegangen, wenn ich nicht vor einem der Häuser eine Hundebox gesehen hätte. Davon habe ich bereits im Internet gelesen, aber ich habe sie noch nie gesehen. Es scheint folgendermaßen zu funktionieren: Man meldet sich über eine App an und kann dann den Hund während des Einkaufs in die beheizte Box setzen. Es gibt Luftschlitze, die Rückwand ist halbtransparent. Außen wird digital die Innentemperatur angezeigt. Per App wird die Box geschlossen und der Hund ist darin sicher. Er kann einerseits nicht gestohlen werden, andererseits kann er auch nichts anstellen. Niemand kann ihm irgendwelches Futter zustecken, er ist abgeschirmt und kriegt doch mit, was draußen vor sich geht. Es war gerade kein Hund drinnen. Herr W. und ich haben beim Weitergehen noch eine Weile das Für und das Wider einer solchen Box erörtert. Dennoch sind wir beide der Ansicht, dass unsere Laki eine solche Box eher blöd finden würde.

Als wir zum Schiff zurück kommen, bin zumindest ich richtig durchgefroren. Denn trotz des Tageslichts sind die Temperaturen recht niedrig, so dass sogar Trondheims Yachthafen an manchen Stellen von Eis bedeckt ist. Aber es gibt ja bald warmes Mittagsbuffet, das gleicht Wärme- und Energieverluste rasch aus.

Schon während des Essens fährt die MS Spitsbergen weiter. Bis sie von Trondheim heraus wieder zum Norwegischen Meer kommt, muss sie den windungsreichen Trondheimfjord passieren. Da hier offenbar Luft- und Wassermassen verschiedener Temperaturen aufeinander treffen, gibt es atemberaubende Nebelschleier dicht über dem Wasser. Wir sitzen am Fenster, verdauen, halten ein Buch auf dem Schoß und genießen durch die großen Glasscheiben diesen letzten Reisetag.

Der wirklich allerletzte Tag beginnt morgens mit dem Aufräumen der Zimmer, wir sollen bis 9.00 Uhr die Koffer rausstellen und bis 10.00 die Kabine geräumt haben. Ab jetzt fühlen wir uns auf dem Schiff wie Gäste. Ohne eigenen Raum ist es irgendwie anders, obwohl wir gar nicht so viel Zeit darin verbracht haben. Wir sitzen am Fenster und schauen hinaus. Die Ortschaften häufen sich, es gibt mehr Straßen, mehr Masten, mehr Bäume. Mehrfamilienhäuser und ganze Wohnblocks kündigen Bergen an. Das Schiff legt an und nach alter Manier gucken wir, ob das Manöver klappt. Wieder wartet draußen ein Mann in gelber Weste, wieder stehen Gabelstapler bereit. Die Gangway wird runtergelassen und weil unser Schiff so niedrig ist, können unsere Passagiere nicht den normalen Weg zum Gebäude nehmen, sondern müssen über einen kleinen Platz laufen. Die Crew unseres Schiffes wird hier ausgewechselt und einige gehen noch vor den Passagieren raus. Sie waren jetzt zwei Wochen im Dienst und werden sich sicher auf die Freizeit freuen. Wir lassen allen anderen den Vortritt und gucken zu. Draußen auf dem Kai werden verpackte Paletten mit neuer Fracht bereit gestellt, die nun nordwärts verschifft wird. Zu unserem Erstaunen sehen wir dabei drei weiße Särge in durchsichtiger Plastikfolie. Wenn der Frühling kommt, kann man droben im Norden vermutlich auch wieder beerdigen.

Wir checken ein letztes Mal mit unserer Plastikkarte aus, der Computer gibt uns mit seiner künstlichen Stimme ein abschließendes „Good byyee!“. Wir holen unsere Koffer am Band, suchen den Bus, der zum Flughafen fährt. Ich kaufe am Flughafen in Bergen mit meiner Kreditkarte noch ein letztes Enkelgeschenk, dann wird es Zeit durch die Kontrollen zu gehen. Natürlich wird wieder alles beanstandet! Andere Leute kommen en passant durch, und wir kriegen jedes Teil auseinander genommen. Dieses Mal ist es das laktosefreie Milchpulver für den Kaffee, das ich im Rucksack habe. Rucksack und mein Körper müssen daher den Sprengstofftest bestehen, Computer und Kamera müssen ausgepackt und hergezeigt werden, die Fitbit an meinem Handgelenk löst ein Piepsen aus. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für diese Akribie und totalem Genervtsein.

Als wir in Amsterdam zwischenlanden, versichern wir uns sogleich, dass unser Gepäck durchgecheckt wird. Nun haben wir Zeit. Wie zu erwarten gibt es hier im Flughafen reichlich Tulpen und viel Käse. Ich berausche mich an der üppigen Farbenvielfalt der Blumen und kaufe Käse für zu Hause. Die Zeit bis zum Anschlussflug vertreiben wir uns mit dem ersten bezahlbaren Bier seit zwei Wochen. Ich lege eine angemessene Menge Euros auf den Tisch und wir bekommen zwei extrem heruntergekühlte Heinecken hingestellt. Passt.

Eine Durchsage sorgt direkt am Gate noch einmal für Bluthochdruck: Die Fluggesellschaft kündigt an, dass unser Flug überbucht sei und es werden Passagiere gesucht, die bereit sind, ihren Flug auf morgen zu verschieben, die Übernachtung gäbe es auf Kosten den Fluggesellschaft. Erstaunlicherweise melden sich einige Leute, so dass wir das Flugzeug wie geplant besteigen können.

Als wir in Frankfurt landen, ist es spät in der Nacht. Der Flughafen ist fast leer, alles zu. Ob die Busse noch fahren, wie wir es vorher im Fahrplan herausgesucht haben? Nach einiger Zeit finden wir die Haltestelle, aber alles ist sehr kryptisch und irgendwie nicht nachvollziehbar. Wir sind fast die einzigen Wartenden, es ist kalt und ungemütlich. Ich bin müde, hungrig, und eigentlich reicht es mir. Endlich kommt der Bus, auch der Anschlusszug fährt. Weit nach Mitternacht sind wir endlich zu Hause. Als wir uns hinlegen, schaukelt das Bett und die Wellen der Norwegischen See wiegen uns in den Schlaf.

Tage 9 / 10: Und es wurde Licht!

Die nächsten beiden Tage verbringen wir überwiegend an Bord. Als wir am Morgen des 9. Tages aufwachen, schalten wir wie immer als erstes den Fernseher im Zimmer an. Es gibt nämlich eine Frontkamera, von wo Tag und Nacht übertragen wird, wie es vor dem Schiff aussieht. Wenn das Schiff anlegt, sieht man auf dem Bildschirm ein Stück Kai, man sieht den Hafenarbeiter in seiner Warnweste dort stehen und warten, manchmal den Gabelstapler. Dann sieht man den orange bekleideten Matrosen an Bord, der manchmal lustlos Schnee schippt, dessen Aufgaben es aber auch ist, einen roten kleinen Sack an Land zu werfen, an dem ein Seil befestigt ist, das mit dem Schiffstau verbunden ist. Das Tau wird dann vom Hafenarbeiter am Poller befestigt. Mittlerweile haben wir das so oft gesehen, dass wir uns eine Meinung darüber bilden können, wann es gut geklappt hat und wann nicht. Einmal haben wir auch beobachtet, dass unser Schiff spätabends an den Kai einer Ortschaft fuhr, und als das Schiff nahe genug dran war, nur ein Päckchen rausgeworfen wurde, ehe es wieder weiterging. Da waren wir baff!!!

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So zeigte die Frontkamera die Einfahrt des Schiffes in Tromso kurz vor Mitternacht.

Doch an diesem Tag zeigt die Frontkamera ein etwas verändertes Bild. Man sieht nämlich etwas, obwohl wir auf dem offenen Meer sind, man erkennt die Wasserlinie am Horizont. Ich bin wie aufgedreht: Es wird heller! Tatsächlich ist aus der morgendlichen Dämmerung die Bläue gewichen und es kommen mehr Farben hinzu, so dass die Welt wieder ein wenig aussieht wie die Welt, die wir kennen.

Wir fahren durch atemberaubende Landschaften. Jetzt sehen wir auch die Lofoten, die wirklich unglaublich schön sind. Es gibt ganz enge Durchfahrten, wo das Schiff nur von wirklich fähigen Kapitänen durchgebracht werden kann. Es gibt Landschaft, viel Landschaft, unberührte Felsen, Berge, zunehmend auch Wälder. Gegen Mittag zeigt sich vor dem Schiff ein dicker orangener Balken, die Berge links und rechts sind teilweise rosa-orange überzogen.

Am Abend legen wir wieder in Svolvær an, wo ich vor einigen Tagen in der kalten Nachtluft das Nordlicht gesehen habe. Heute allerdings schneit es, an einen Blick in den Himmel ist nicht zu denken, wenn man sich nicht die Brillengläser zuschneien lassen will.

Jetzt geht es rasend schnell. Am 10. Tag kommt die Sonne mittags über den Horizont. Viele Leute stehen wie wir auf der 6. Ebene vor dem großen Panoramafenster und schauen, fotografieren und schauen. Auf dem Schiff wird es ganz still. Da die Sonne ganz tief steht, flutet sie den Raum völlig. „Kaum ist sie da, blendet sie schon wieder,“ sagt Herr W. halblaut scherzend, als wir den Raum wieder verlassen.

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Kurz vorher haben wir den Polarkreis überquert. Er ist auf einer kleinen Insel mit einem Globus aus Eisenbändern gekennzeichnet, ähnlich dem, den wir am Nordkap gesehen haben, nur viel kleiner. Wir stehen an Deck, um das Ereignis mitzuerleben. Als wir die imaginäre Linie überqueren, tutet unvermittelt das Schiffshorn direkt neben uns. Danach gibt es einen Esslöffel Lebertran für alle, da ich jedoch die ganze Zeit Tabletten mit Vitamin D gnommen habe, kann ich mir guten Gewissens erlauben, auf diese Gabe zu verzichten.

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Am Nachmittag kommen wir an den sieben Schwestern vorbei. Das sind Berge, die ziemlich genau parallel zueinander zur Küste hin stehen. Der Sage nach sind es sieben Trollschwestern, die auf der Flucht vor dem Vågekallen von den Lofoten waren. Er stellte ihnen nach, als sie nackt am Fjord tanzten. Dabei versäumten sie, sich vor dem Sonnenlicht zu verstecken und wurden zur Strafe in diese Berge verwandelt. Ewige Schönheiten, fürwahr!

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Am Abend haben wir einen kurzen Stopp in Brønnøysund. Wir steigen aus, uns ein wenig die Beine zu vertreten. In der kleinen Einkaufsstraße gibt es hübsche Geschäfte aller Art. Wie fast überall ist auch ein Laden dabei, in dem überwiegend gebrauchte Artikel und in kleinem Maß Antiquitäten verkauft werden. Herr W. ist klug genug, nicht zu oft mit mir in einen derartigen Laden hineinzugehen, da wir sonst Gefahr laufen würden, das Schiff zu versäumen. Wir kommen an einen zugefrorenen See, an dem es winterliche Spazierwege und wunderhübsche verschneite hölzerne Einfamilienhäuser gibt. Es wirkt skandinavisch, man könnte sich vorstellen hier zu leben, was am Nordkap für mich nur schwer denkbar gewesen wäre.

An diesem Abend verabschiedet sich nach dem Abendessen die Crew von uns mit einem Gläschen Sekt, da ein Teil der Mannschaft in Trondheim wechseln wird, aber auch, da ein Teil der Reisenden hier aussteigen wird. Uns wird schmerzlich bewusst, dass die Reise sich dem Ende zuneigt.

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Das ist nur der Teil der Besatzung, mit dem wir Reisende direkt zu tun hatten. Die Matrosen und Maschinisten sind nicht dabei. (Ich hoffe mal, sie bekamen auch Sekt!)

Hammerfest

Ab jetzt fahren wir wieder zurück. Das Schiff befindet sich nun auf der südgehenden Route, was allerdings bedeutet, dass wir erst einmal nach Norden fahren müssen. Da wir an vielen Sehenswürdigkeiten auf der nordgehenden Route während der Nacht vorbei gekommen sind und wir diese jetzt am Tag erleben werden, werden die beiden Touren nicht identisch sein. Ich allerdings freue mich, wenn ich ehrlich bin, am meisten auf die Sonne. Im Moment sehen wir sie den ganzen Tag nicht und ich hätte niemals gedacht, dass mir das so viel ausmachen würde.

Es geht vorbei am östlichsten Punkt Norwegens, Das Schiff stampft durch die Dunkelheit der Barentsee. Es befindet sich häufig weiter draußen im Meer und nur wenig hinter schützenden Inseln, entsprechend ruppig ist die Fahrt hier teilweise.

Nach dem Frühstück machen wir uns fertig, da wir am Vormittag in Hammerfest anlegen werden. Eingepackt wie die Eisbären stehen wir bereit. Durch das Fenster sehen wir eine verschneite Stadt im blauen Dauerdämmerlicht. Doch als wir hinaustreten, hat sich das klare Licht in einen Schneesturm verwandelt, der die nächste Zeit anhalten wird.

Gleich am Hafen befindet sich die Eisbärgesellschaft, die Polar Bear Society, der man auch als Ausländer beitreten kann. Die Leute in Hammerfest haben es überhaupt mit Eisbären. Es sollen hier gelegentlich welche durch die Straßen streifen, vor dem Rathaus gibt es eine Skulptur mit zwei Eisbären und an Werktagen soll es einen Laden geben, vor dem ein ausgestopfter und kahlgestreichelter Eisbär als Kundenstopper steht. Aber heute ist Sonntag.

Im dichten Schneetreiben kämpfen sich die Passagiere der MS Spitsbergen auf der Haupteinkaufsstraße voran. Herr W. und ich versuchen, ein wenig von den Leuten wegzukommen, und wenden uns in Richtung Hafen. Dort steht ein riesiges Veranstaltungszentrum, wo es einen Gebäudeeinschnitt gibt, der von unzähligen Säulen gestützt wird. Eine der Stützen ist einem Walknochen in Originalgröße nachempfunden. Im Dämmerlicht macht eine junge Familie mit Kinderwagen und Hund ihren Sonntagmittagspaziergang. Es wirkt alles ein bisschen surreal.

Hammerfest mit seinen 7000 Einwohneren gilt als die nördlichste Stadt der Welt, auf gleicher Höhe liegen die nördlichen Gebiete Sibiriens, der äußerste Punkt Alaskas und ein Teil Grönlands. Zwar haben mittlerweile formal auch andere Ortschaften den Stadtstatus, doch Hammerfest ist tatsächlich eine Stadt. Andere sind eher wichtigere Dörfer. Ihren Aufstieg erlebte die Stadt mit dem Walfang, dem Russlandhandel, dem Ausbau einer Trawlerflotte und heute auch dem Umschlag von Erdgas. Da die Stadt wie viele andere in Norwegen im 2. Weltkrieg vollständig zerstört wurde, besuchen wir hier das wiederaufgebaute Hammerfest.

Parallel zur Einkaufsstraße geht es in Richtung Kirche. Der Friedhof wirkt, als sei er in England aufgenommen. In dem dichten Schneetreiben verzichten wir darauf, zu gucken, was auf den Grabsteinen steht. Es ist mittlerweile fast Mittag, daher gehe ich davon aus, dass der Gottesdienst vorbei ist und dass wir in die Kirche hineinkönnen. Nicht ganz uneigennützig, denn draußen ist es so ungemütlich, dass ich überall reingegangen wäre, nur um mich abzuschütteln und aufzuwärmen. Innen ist diese Kirche sehr hübsch ausgestaltet, mit viel Holz, bemalten Paneelen und Schnitzereien. Auf der Rückseite der letzten Bankreihe sind Fächer angebracht, in denen viele Bilderbücher mit religiösem Inhalt stecken. Das haben wir hier oft gesehen, Beschäftigungen aller Art für die Kleinen, damit sie während des Gottesdienstes auch etwas haben. Leider stellt sich heraus, dass entgegen unserer Vermutungen der Gottesdienst nicht vorbei, sondern erst in Vorbereitung ist.

Wenn wir jetzt weitergingen, kämen wir in die sonntäglichen verschneiten Wohngebiete, daher halten wir uns wieder in Richtung Stadt. Natürlich finden wir die Bücherei. Sie ist direkt am Hafen und sieht durch die bodentiefen Fenster gut bestückt aus.

Zum Mittagessen gehen wir zurück ans Schiff. Der Nachmittag bleibt dunkel und stürmisch. Ich lese weiter in meinem Thriller „Woman in cabin 10“, den ich mir in meiner deutschen Bücherei ausgeliehen habe. Darin geht es um einen Mord auf einem Luxusschiff an der norwegischen Küste. Buch mit Leseprobe Macht Sinn, hab ich mir noch zu Hause gedacht. Das Buch nimmt allmählich Fahrt auf und es tut so richtig gut, beim Lesen drüber zu bleiben und in die wendungsreiche Handlung einzutauchen. Die verstörende und bedrückende Finsternis beim nachmittäglichen Blick aus dem Schiffsfenster tut ihr übriges. …