Die Wicklow Mountains

Dieser Blog wurde bereits einmal geschrieben. Vor einigen Wochen in Irland. Und als er gerade fertig war und abgeschickt werden sollte, schmierte der Laptop ab und die gesamte Geschichte verschwand im Orkus. Meine Laune sank weit unter den Nullpunkt und ich beschloss – aus Trotz und vor Wut – auf diesem Laptop erstmal gar keine Texte mehr zu verfassen. Mittlerweile bin ich wieder zu Hause und dort steht ein zuverlässiger PC, der nun täglich einen Beitrag verfassen wird:

Als wir von der Fähre herunter kommen, regnet es. Über das glänzende Pflaster werden wir Kurve um Kurve durch das Hafengelände geleitet. Wir halten uns südwärts, weil wir in die Wicklow Mountains wollen. Vorher müssen wir noch einkaufen und hoffen, entlang der Ausfallstraßen Dublins Supermärkte zu finden. Aber entweder wir sehen sie nicht oder es gibt schlicht keine. Endlich entdecke ich auf der rechten Seite ein Lidl im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Hauses. Das Problem ist jedoch, dass die Bebauung hier sehr eng ist und zum Supermarkt nur eine Tiefgarage gehört. Dort können wir mit dem Wohnmobil nicht hinein. Daher schlagen wir einen riesigen Bogen um das Wohngebiet und finden endlich hinter dem Lidl eine Bücherei mit einem kleinen Parkplatz. In der Bücherei sind noch viele Leser, die sich offenbar auf Prüfungen vorbereiten. Wir dagegen stellen das Auto ab und ich füttere Laki. Der Lidl-Markt übertrifft alle unsere Erwartungen. Es gibt Fleisch in ganz hervorragender Qualität, überaus günstig. Auch sonst ist er sehr gut sortiert und wir decken uns ein, soweit das mit einem Wohnmobil möglich ist. Weiter geht es zum Campingplatz. Die Landschaft wird hügeliger und im Schein der untergehenden Sonne flammen an den ansonsten kahlen Hängen unzählige Ginsterblüten auf. Im Gegensatz zu unserem mitteleuropäischen Ginster, der kleine zitronenfarbene Blüten hat, leuchten hier die Blüten fast walnussgroß und dottergelb. Es ist eine Augenweide. Offenbar ist er hier aber nicht viel wert. Man sieht, dass die Bauern und Hirten ihn brachial zurückschneiden. Endlich kommen wir an unserem Campingplatz an. Während Herr W. kocht, gehe ich mit Laki den Ort erkunden. Roundwood heißt er, und ich bin erfreut über die vielen inhabergeführten kleinen Geschäfte. Es gibt einen Bäcker, einen Metzger, einen Blumenladen, einen Fotografen, einen Friseur, einen winzigen Baumarkt, ein kleines Lebensmittelgeschäft und eine Reihe von Pubs. Einer davon, das Roundwood Inn, wird in sämtlichen Reiseführern gelobt, daher wollen wir am nächsten Abend dort essen. Da ich gerade vorbeikomme, gehe ich kurz rein um zu fragen, ob wir hier den Hund mit rein nehmen können. Zu meiner Überraschung prangt über den vielen Zapfhähnen eine kastenförmige Leuchtreklame, wie ich die aus dem Kneipen meiner Kindheit kenne – ASBACH URALT. Damit habe ich hier nun wirklich nicht gerechnet. Der Wirt blickt mich erwartungsvoll an, ich fasse mich und frage, ob wir morgen hierher mit Hund kommen könnten, weil wir hier essen wollen. Klar, kein Problem, wird mir beschieden. Zufrieden verlasse ich das Lokal, nicht ohne für Herrn W. kurz die Speisekarte zu fotografieren, damit er sich schon mal orientieren kann. Irish Stew gibt es – hmmm!

Am nächsten Morgen fahren wir weiter in die Wicklow Mountains hinein, wir wollen nach Glendalough. Das ist eine alte Klosterstätte aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, längst aufgegeben und verfallen, zur damaligen Zeit jedoch eines der wichtigsten religiösen und kulturellen Zentren Europas. Für uns ist das heute kaum mehr nachvollziehbar, dass so weit im Westen inmitten eines Mittelgebirges ein derartiger Hotspot war. Aber Irland ist eben eine Wiege des Christentums in Europa. Wir stellen das Auto auf dem Parkplatz eines Restaurants ab und gehen über einen kleinen Bach die paar Schritte. Die Steinruinen und der hohe runde Turm, den man schon von weitem sehen kann, liegen einsam inmitten des Friedhofs. Es gibt kein Tor, keinen Eintritt. Der Friedhof wird auch heute noch genutzt. Das sehen wir in Irland oft, dass uralte Gräber neben neuen Gräbern liegen, häufig ohne Blumenschmuck, die Grabsteine zweiseitig beschrieben, so dass man das gesuchte Grab auch von der anderen Seite finden kann. Auf den Grabsteinen steht das Sterbedatum und das Alter, welches der Betreffende erreicht hat. Es ist, als habe das Sterbedatum das Geburtsdatum ersetzt. In den Gräbern sind oft große Familien, manche Mitglieder werden ausführlich angeführt, andere nur unvollständig erwähnt als „sister“ oder „son“. Unsere deutschen rechten Winkel bei der Friedhofgestaltung sind den irischen Friedhöfen fremd. Gräber liegen, wo sie eben liegen. Wenn es keinen Weg mehr zwischen den Gräbern hindurch gibt, dann balanciert man halt auf den Begrenzungen.

Wir gehen weiter, entlang des Baches, bergan. Der Bach kommt aus zwei hintereinander gelagerten Wasserreservoirs, es gibt hier verschiedene Wanderwege. Wir entscheiden uns für einen Rundweg um beide Reservoirs, eine zwar recht lange, aber, wie wir meinen, für den Einstieg etwas anspruchslosere Tour. Der Heilige Kevin, der Begründer Glendaloughs, hatte hier seine Eremitenklause. Darüber hinaus gibt es aber noch Kevins Bett, Kevins Küche, und so weiter. Kevin wird hier verehrt, weit über das historisch Belegbare hinaus, bis hin zu Legenden, die sich in Ortsbezeichnungen spiegeln. Er muss in seiner Zeit einer der weisesten Männer des Kontinets gewesen sein. Wenn ich daran denke, was wir Lehrer heutzutage mit dem Namen Kevin verbinden. …

Es geht bergan, vorbei an einem Wasserfall.

Immer höher windet sich der Weg. Damit haben wir nicht gerechnet. Endlich finden wir uns ganz oben auf dem Berggrat wieder. Bohlenwege führen uns über Hochmoore. Mittlerweile treffen wir kaum noch andere Wanderer. Die zwei Proviantäpfel aus meinem Rucksack haben wir längst verspeist. Immer wieder nieselt es, doch die großartigen Ausblicke entschädigen für alles.

Wir fragen uns, wie wir auf die andere Seite der Stauseen kommen sollen, denn das Ende des Tales ist lange nicht sichtbar und noch immer steigt der Weg an. Endlich senkt er sich, irgendwann hören die Bohlen auf. Wir hoffen, dass es nun leichter wird, aber wir haben die Anstrengungen unterschätzt, die ein Abstieg über sehr unterschiedlich hohe Steinstufen bedeutet.

Am Ende, in einer unwirklich schönen kargen Landschaft, gibt es eine kleine Brücke über den Bach, dann geht es weiter bergab, immer wieder über Steine und Felsbrocken. Wir sind froh, dass es nicht wärmer ist, und dass der Himmel verhangen ist. Wie gut, dass ich einen Wanderstock dabei habe. Ich finde am Wegrand eine Banane, die schäle ich für Laki, damit zumindest sie ihre Energiereserven auffüllen kann. Wir passieren die erst in den 50er Jahren stillgelegte Miner’s Village, ein schon seit der Bronzezeit genutztes Bergwerk für Blei, Zink und Silber. Die Ruinen lassen ahnen, was für ein Lärm das gewesen sein muss, als mit Wasserkraft Gestein zermahlen und gesiebt wurde und welche Plackerei das für die Menschen bedeutet haben muss.

Endlich kommen wir auf die befestigte Straße und laufen die letzten Kilometer bis zum Auto. „Heute wird nichts mehr gelaufen!“, da sind wir uns einig. Doch wenn wir im Pub zum Irish Stew ein Bier trinken wollen – und ja, das wollen wir – dann ist es sinnvoll, das Auto auf dem Campingplatz abzustellen und zu Fuß zum Pub zu gehen. Leider erwartet uns dort eine böse Überraschung. Denn es ist heute ein anderer Wirt da, und der lässt bezüglich des Hundes zunächst gar nicht mit sich reden. Dass gestern der andere Wirt die Erlaubnis gegeben hat, quittiert er mit einem Schulterzucken. Wenn ich müde und hungrig und durstig bin, dann bin ich nicht besonders duldsam. Offenbar sieht das auch der Wirt und endlich dürfen wir mit Laki in den Nebenraum. Der Hund kringelt sich sogleich unter der Bank zusammen und wir erhalten Guinness, Craftbeer, Stew. Alles ausnahmslos lecker. Beim Bezahlen lobt dann der Wirt unseren Hund, meint aber gleichzeitig, dass er selbst zwei Hunde habe, aber niemals auf die Idee kommen würde, die mit in seinen Pub zu nehmen. In der Tat ist es in Irland völlig unüblich, einen Hund irgendwo hin mit zu nehmen, wie wir in den kommenden Wochen noch mehrfach erfahren.

Mit der nötigen Bettschwere gehen wir die paar Hundert Meter zum Campingplatz. Es fängt wieder an zu regnen, es schüttet, es hagelt. Ein Radrennen quert unsere Strecke, die Streckenposten sorgen in dem Wolkenbruch dafür, dass es keine Unfälle gibt. Kinder sind darunter. Die Radfahrer fahren ungerührt weiter. Wir merken, das Wetter in Irland, das ist eine Sache für sich.

Am nächsten Morgen dusche ich und versuche anschließend mit einer der verbleibenden Duschmarken einen Eimer mit heißem Wasser zu füllen, damit ich endlich Lakis Decke mit Erbrochenem säubern kann. Ich habe im Auto nämlich eine Camperwaschmaschine, was nichts anderes ist, als eine alte Plastiktrommel mit dicht schließendem Deckel. Dahinein kommen die Schmutzwäsche, warmes Wasser und das Waschmittel. Deckel drauf und losgefahren. Das Geholpere und die Kurverei ersetzen die Trommeldrehungen und am neuen Platz wird die Wäsche mit klarem Wasser gespült und aufgehängt (wenn es nicht gerade regnet, was in Irland nicht selbstverständlich ist). Leider ertappt mich die Besitzerin des Platzes dabei und ich finde mich in einer verzweifelten Diskussion wieder. Was soll ich machen? An diesem Campingplatz gibt es warmes Wasser wirklich nur ausschließlich in den Duschen. Doch dann merkt die Frau, dass ich tatsächlich nur Wasser abgefüllt habe und die Schmutzwäsche nicht in der Dusche gewaschen habe und lässt mich.

Wir packen alles ein, und weiter geht es.

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