Auf zur Insel!

In Irland gibt es jedes Wetter, jeden Tag.
In Irland gibt es keine Schlangen.
In Irland gibt es steile Küsten und viel grüne Landschaft.
In Irland fahren die Autos links.
In Irland gibt es keltische Relikte.
In Irland haben die Leute rote Haare.
In Irland tragen die Kinder Schuluniformen.
In Irland können alle Leute gut singen.
In Irland gibt es schwarzes und bitteres Bier.
In Irland gibt es Hammelfleisch und Kohl und ansonsten wenig schmackhaftes Essen.
In Irland gibt es kaum lactosefreie Produkte. …

… Soweit die Vorabinformationen. Man sieht schon, dass mein Halbwissen ausschließlich auf den gängigen Vorurteilen beruht. Also Wohnmobil gepackt, Herrn W. und auch Laki eingeladen, und los. Doch was braucht man für solch eine Reise? Ich entscheide mich aus Sicherheitsgründen für die warme doppelte Jacke, die schon am Nordkap mit dabei war und meinen alten dicken grünen wollenen Pullover, für zwei Paar Wanderschuhe, gerippte Leggings, dicke Socken und für nur wenige luftige Sachen. Als Herr W. zugibt, er habe seine Badehose dabei, lege ich zuletzt noch etwas halbherzig den Badeanzug dazu. Jetzt, nach einer knappen Woche Irlanderfahrung, kann ich sagen, dass ich den Badeanzug wohl getrost daheim hätte lassen können und dass ich mir hier mit allerbestem Gewissen einen weiteren dicken wollenen warmen Pullover kaufen werde.

Die Fahrt führt uns über Köln und Aachen durch ein kleines Stückchen Holland nach Belgien. Da Herr W. und ich bereits im vergangenen Jahr in Belgien gewesen sind, entscheiden wir uns, nördlich von Brügge in einem kleinen Landgasthof zu Abend zu essen und die Wirtsleute zu fragen, ob wir das Wohnmobil dort über Nacht auf dem Parkplatz lassen können. Obwohl wir beide vom Vorjahr ziemlich genau wissen, wo der Gasthof ist, wie es dort aussieht und wie man dorthin kommt, ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und wir kurven endlos durch das flache Polderland, entlang vieler Pappelreihen, Kanäle und Priele und auf der neuen mittlerweile gebauten vierspurigen Schnellstraße mehrfach hin und her. Für den verfahrenen Sprit hätten wir schon fast das Abendessen bekommen. Kleinmütig kehren wir nach Brügge zurück und stellen das Wohnmobil gleich neben einem wunderschönen Park in einer Sackgasse am Seitenstreifen ab. Das wird unser Nachtquartier. Wir füttern Laki und begeben uns in die nahe Innenstadt, um unsererseits zu Abend zu essen. Anfangs noch ein wenig ziellos, bei einsetzender Dunkelheit und beginnendem Nieselregen deutlich zügiger durchqueren wir die Stadt. Vor einer Kirche liegt auf einer Bank eingehüllt in eine Decke im Dunkeln ein schlafender Mensch. Wir gehen in gebührendem Abstand vorbei und entdecken mehr aus Zufall, dass unter der Decke nackte Füße herausschauen. Der wird sich den Tod holen, denke ich noch, da zeigt mir Herr W. die Wundmale Jesu auf den Füßen des Schlafenden. Ungläubig nähere ich mich und erkenne erstaunt, dass dies kein Mensch, sondern ein bronzenes Kunstwerk ist, das sich in der Dunkelheit so echt ausnimmt. Es flößt mir eine eigentümliche Scheu ein, näher zu kommen und zu fotografieren. Ich, die sonst alles in die Hand nimmt und befingert, bringe es nicht über mich, die Skulptur anzufassen.


Mit LadyGoogles Hilfe finden wir im mittlerweile strömenden Regen zurück zum Auto, essen noch ein paar Happen vom reichlichen Proviant und schlafen.

Nachts gehen mehrere Wolkenbrüche über uns herunter und früh am Morgen schnappe ich die unruhige Laki, die in den vergangenen Tagen ständig mit diffusen Verdauungsproblemen gekämpft hat und ziehe mit ihr in den Park. Er begleitet auf beiden Seiten einen Kanal und geht ringförmig um die gesamte Stadt. Baumriesen schießen ins Laub, das Gras sprießt unbeschreiblich grün, und außer mir sind nur andere Hundehalter und ein paar Frühsportler in der feuchten Kühle unterwegs. Da entdecke ich in einer Seitenstraße ein paar Buden. Markt wird aufgebaut! Zu so früher Stunde kann ich sogar mit dem Hund dorthin. Der Markt ist groß und das Angebot reichtlich. Bei solchen Gelegenheiten bedauere ich immer, mit dem Wohnmobil auf Wanderschaft zu sein und nicht aus den frischen saisonalen und regionalen Produkten ein Menü kochen zu können. Die Preise sind sehr günstig und die Produkte unschlagbar frisch.
Schon kurz vor dem Markt sind mir die Möven aufgefallen, die mit ihrem schrillen Geschrei einander ständig anmachen. Aber hier klingt das irgendwie anders. Da sehe ich ganz am Ende des Marktes einen Kleinlaster, von dem ein Mann und eine Frau Hühner, Gänse, Küken, Wachteln und eine Menge weiteren mir unbekannten Federviehs verkauft. Das was ich gehört habe, war das Krähen der Hähne, und nicht das Geschrei der Möven. Laki ist hin und weg. Gebannt starrt sie die Tiere in ihren Drahtkäfigen an. Ich glaube, sie wäre in diesem Moment durch keine noch so liebevolle Ansprache erreichbar gewesen.

Ein Ehepaar kauft Küken. Je fünf werden aus dem Drahtkäfig gehoben und in einen mit Luftlöchern versehenen Pappkarton gesetzt, der mit Sorgfalt verschnürt wird. Die Kunden bezahlen und gehen mit insgesamt vier Paketen zum Auto zurück. Ich stelle mir vor, wie sie nach Hause fahren und dort im Schuppen die Kartons öffnen, zusehen wie die Küken aus den Kartons herauskommen, wie die Kleinen sich allmählich in ihrer neuen Umgebung zurecht finden, wie die Eheleute den Tag über immer wieder mit zwei Tassen Tee dabei stehen und gucken, was sie da wohl für neue Mitbewohner haben. Über das Ende der Geschichte im Herbst mag ich mir noch keine Gedanken machen. Kurz bevor der Hagelwolkenbruch einsetzt, bin ich wieder am Auto.

Eine halbe Stunde später stapfen wir durch das viele Hageleis auf den Gehwegen zum Markt zurück. Wir erstehen fünf unglaublich leckere Plunderstückchen und kehren in einem schönen Cafe zu Tee und Kakao ein.

Derart gestärkt (und auf der Toilette entleert) steuern wir Calais an. Wir haben noch keine Tickets für die Überfahrt, denken aber, dass das kein Problem sein sollte. Die Route ist gut ausgeschildert und ein riesiger leerer Parkplatz vor dem Terminal zeigt uns, dass die letzte Fähre wohl vor kurzer Zeit abgelegt hat. Wir kaufen Tickets und Herr W. schlägt vor, dass wir uns in der uns verbleibenden Zeit Calais ansehen könnten. In diesen Dingen bin ich ein rechter Hasenfuß. Ich habe immer Angst, dass wir durch irgendeinen Umstand die Fähre versäumen könnten. Nur mit einigem Zureden schafft es Herr W. mich zu überzeugen.
Calais selbst ist wirklich ganz nah an der Ablegestelle und wir finden sogleich einen Parkplatz. Der Markt wird hier gerade abgebaut und auch hier streiten sich die Möven lautstark um jedes noch so kleine Fitzelchen Müll. Laki würde nur zu gerne mitmischen und ich bin sicher, dass sie trotz Leine das ein oder andere Stück erwischt. Am Ende des Platzes gibt es einen Kiosk, die FRITERIE CLAUDIA. Die Tür schließt nicht, weil zu viele Menschen anstehen. Da sind wir doch dabei. Mit großen Augen schauen wir gebannt zu, wie Claudia – wir nehmen an, dass sie so heißt, eine junge blonde Frau mit kräftigen bloßen Oberarmen – wie sie insgesamt drei Fritteusen, einen Schnellgrill, die Getränkeausgabe und die Kasse managt, wie sie mit allen Leuten freundlich und interessiert spricht, blitzschnell Mengen und Beträge im Kopf überschlägt und dabei noch flink und sauber arbeitet. Früher hätte man solch eine Frau „patent“ geheißen und sie wäre mehr als eine gute Partie gewesen. Als wir an der Reihe sind, helfen alle im Kiosk zusammen, so dass wir trotz der Sprachbarrieren kurz darauf eine riesige Menge goldgelber Pommes mit zwei verschiedenen Soßen im braunen Wachspapier haben. Draußen begrüßt uns ganz hoffnungsvoll die angebundene Laki und Herr W. und ich essen schweigend genießend. Das können sie hier. Man muss es ihnen einfach lassen.


Natürlich kommen wir rechtzeitig an die Fähre. Durch verschiedene Stationen werden wir von winkenden Männern entlang der vorgesehenen Spurlinien geleitet. Jetzt werden wir wegen des Hundes angehalten. Im Häuschen sitzt eine dunkelhaarige Dame mittleren Alters. Mit klopfendem Herzen lege ich die Papiere vor. Von meiner Tierärztin habe ich schon ein paar Schauergeschichten über diese Prozedur gehört und hoffe natürlich, dass bei uns nichts beanstandet wird. Die Dame in ihrer Box studiert mit unbewegtem Gesicht den Hundeausweis. Blättert um. Blättert zurück. Ich fühle mich wie damals, als ich als junge Frau die Grenze der DDR überquerte: man hat ein schlechtes Gewissen und weiß nicht warum. Endlich reicht sie mir ein ringförmiges Gerät durch das Fenster, ich solle Lakis Chip auslesen. Doch irgendwie kriege ich das nicht hin. Natürlich werde ich leicht panisch. Laki hat einen Chip. Das weiß ich. Da steht die Dame auf, kommt um das Häuschen herum zum Auto und verlangt, dass ich die Tür öffne. Ich öffne, Laki schießt heraus, freut sich, die Dame lächelt, streichelt den Hund, liest den Chip aus, vergleicht mit den Angaben im Ausweis und wünscht uns eine gute Reise.

Mein erleichtertes Herz plumpst in die Untiefen des Channels.

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