Sonntag in Prag, Montag, Dienstag, Mittwoch

Am nächsten Morgen ist das Wetter durchwachsen. Dennoch beschließen wir nach dem Frühstück, in etwas weiterem Bogen die Stadtteile Smichov und Mala Strana zu umrunden und so zum Hradschin zu kommen. Dabei erfreue ich mich immer wieder am Prager Pflaster. Es sind kleine würfelförmige Pflastersteine in hellem und mittlerem grau, die zu den unterschiedlichsten Ornamenten zusammengefügt sind. Alle paar Meter ändert sich das Muster. Herr W. und ich mutmaßen im Spaß, dass es im Prager Hochbauamt eine ganze Reihe von Pflasterkünstlern gibt, die nichts anderes tun, als solche Zierleisten zu entwerfen. Wir sind erstaunt, wie viele neue es gibt, bisweilen finden wir ein Muster, das wir schon kennen. Wir schließen Wetten ab, ob wir ein Muster schon gesehen haben und laufen auch mal Umwege um zu beweisen, dass der eine Recht und der andere Unrecht hat. Und das Tollste ist: Die Pflasterleger machen Fehler! Wenn ich einen solchen Fehler finde, rege ich mich furchtbar auf. Mein zwanghafter Anteil kann dann kaum weiterlaufen. Herr W. grinst sich dann eins und Laki weiß mal wieder nicht, was das Ganze soll.

Leider regnet es sich ein. Auch steckt uns der vergangene Abend noch in den Knochen. Irgendwie fühlen wir uns nicht … . Also kehren wir um zur Wohnung und beschließen, das Auto zu nehmen, was den Vorteil hat, dass wir Laki im Fahrzeug lassen können, während wir uns etwas ansehen. Gemäß der Vereinbarung versuchen wir den Vermieter auf dem Handy zu erreichen, damit er uns das Tor per Fernbedienung öffnet. Aber er geht nicht ran. Auch nach Minuten nicht. Das kann nur den einen Grund haben, dass die junge Familie im Kreissaal ist. Und tatsächlich erscheint kurz darauf die Mutter der jungen Frau und meint, sie sei ganz aufgeregt, das Baby komme, heute. Wir versprechen, die Daumen zu drücken, sie öffnet uns das Tor und wir fahren raus.

Das Navi führt uns durch Tunnel und später viele Serpentinen bergan. An einem kopfsteingepflasterten Platz stellen wir das Auto ab. Laki guckt dumm, aber bei dem Wetter haben wir kein schlechtes Gewissen, sie im Fahrzeug zu lassen. Wir passieren einen Torbogen und sind im Kloster Strahov, einem Prämonstratenserkloster. Herr W. weiß hier von einer weltbekannten Bibliothek, die wir uns ansehen möchten. Auch hier ist Eintritt zu entrichten, falls man fotografieren möchte, fällt ein zusätzliches Entgelt an. Mal sehen …

Es ist ein kleines Museum mit ein paar netten Exponaten im Vorraum. Das Besondere sind Vitrinen mit Kopien wertvoller Handschriften. Hingerissen bleibe ich stehen. Wie gerne würde ich meinen Schülern vermitteln, dass Schrift nicht nur etwas ist, was man in Windeseile aufs Papier bringt, damit irgendwer es liest. Ihnen zeigen, dass Schrift auch höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen kann, eine eigene Rhythmik hat, dass man sie in Blöcken anordnen kann, dass man Zeilen verbinden oder trennen kann, dass man einzelne Buchstaben durch Form oder aber auch Farbe hervorheben kann, dass ein Anfangsbuchstabe eines Absatzes oder gar einer Seite eine Aussage für sich haben kann! In meiner Kindheit gab es noch Schönschreibunterricht, zumal ich eine Klosterschule besuchte. Und je nach Lehrkraft wurden solche Dinge durchaus angesprochen und geübt. Wenn ich meinen Schülern dagegen Schriftnoten erteilen müsste, ohwehoweh!

Eine geöffnete Flügeltür zeigt den Philosophischen Bibliothekssaal. Hinein kann man nicht, es gibt ein Absperrband. Was für eine Bibliothek! Das Wort Bücherei kommt mir hier nicht mehr in den Sinn. Es ist eine Augenweide. Ein paar Meter weiter gibt eine andere Flügeltür den Blick auf den Theologischen Bibliothekssaal frei. Die Regale sind hier zweckmäßiger, doch ist die Decke noch viel kunstvoller gestaltet. Da alle Besucher fotografieren, tue auch ich mir keinen Zwang an, obwohl ich die Gebühr fürs Aufnehmen nicht entrichtet habe. Prompt bekomme ich eine Abmahnung von der Aufseherin. „IIICH??? Och nö. Ich hab doch nur mit meinem Handy. ….“ (Manches lernt die Grundschullehrerin auch von den Schülern.)

Draußen laufen wir durch Weinberge zum eigentlichen Hradschin, immer darauf bedacht, dass wir nicht am Auto vorbeikommen, wo Laki uns entdecken könnte. Vor dem St.-Veits-Dom gibt es eine Taschenkontrolle. Das hat uns ja gerade noch gefehlt! Natürlich habe ich mein Opinel-Messer wieder dabei. Herr W. bietet spontan seine Hilfe an und wir wollen unser Spielchen von Palermo wiederholen. Er nimmt das Messer und versteckt es in der Bepflanzung, so dass ich meine Tasche unbesorgt präsentieren kann. Dass die Kontrollen diesmal nicht so genau sind, wissen wir da noch nicht. Wir umrunden den Dom und bewundern die Wasserspeier, die gotischen Elemente, die Goldene Pforte. Als wir endlich hineinwollen, ist der Dom geschlossen. Pech.

Herr W. fühlt sich nicht gut. Ihm ist leicht übel. Daher ist uns das ganz recht, dass wir nicht in den Dom können. Wir verlassen das Areal, nicht ohne noch rasch nach dem versteckten Messer zu sehen. Aber irgend so ein Spitzbube hat Herrn W. beim Verstecken beobachtet und das Opinel geklaut. Nun sind wir um eine Erfahrung reicher und um ein Messer ärmer.

Laki freut sich ohne Ende, dass wir wieder da sind, begibt sich dann aber sogleich wieder in ihr Körbchen im Kofferraum. Wir fahren los. Auf dem Heimweg interpretieren wir die Anweisungen des Navis falsch und landen in einem Parkhaus. Glücklicherweise gibt es auch hier in Tschechien die Möglichkeit innerhalb der ersten Minuten nach der Einfahrt ohne Entgelt wieder aus einer Tiefgarage hinauszufahren. So kommen wir endlich in unserer kleinen Wohnung an. Wieder öffnet die Schwiegermutter des Vermieters das Tor und wir erfahren, das der kleine Milan geboren sei. Ein Sonntagskind. Gewicht und Größe werden genannt und die ersten Bilder werden stolz gezeigt. Da sind die Menschen doch überall auf der Welt gleich.

Und dies ist im Wesentlichen das Ende unseres Pragbesuchs. Ob es die Wurst vom Markt war, das Bier am Samstagabend, oder irgendeine Schmierinfektion: Zunächst Herr W. und tags drauf auch ich hüten das Bett. Wir sind sehr froh, dass wir eine kleine Wohnung haben und nicht nur ein Hotelzimmer. Als wir am Mittwoch nach Hause fahren, geht es Herrn W. schon wieder recht gut, ich döse noch etwas matt auf dem Beifahrersitz. Nur Laki, die hat es nicht abgekriegt. Aber die hat ja auch kein Bier getrunken.

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