Kreuz und quer durch Prag – mit Party am Schluss

Es ist Samstag. Samstag ist Markttag, das ist hier in Tschechien offenbar ganz genauso wie bei uns in Deutschland. Der Vermieter hat uns den Markt an den Moldauufern ans Herz gelegt, ich liebe Märkte, und wir wollten ohnehin auf die andere Moldauseite, so sind wir uns schnell einig. Gleich am Anfang des Markts gibt es Live-Musik. Herr W. freut sich und wir hören eine Weile zu. Laki verbringt unterdessen die Zeit damit, die Hunde anderer zuhörenden Hundeherrchen kennen zu lernen. Dann reiht sich Stand an Stand. Es gibt überwiegend Kulinarisches, und obwohl das Frühstück noch nicht lange her ist, wird ein bisschen Gebäck gekauft. Meine Freundin Vroni, die ihre Kindheit hier in Tschechien verbracht hat, hat uns schon Bilder von Leckereien geschickt, die unbedingt gekostet werden müssen. Wir gleichen ab und holen uns per Whatsapp ihren Segen. Und ja, Vroni hatte Recht. Das Zeug schmeckt göttlich!

Weil die Temperaturen immer noch in Kühlschranknähe sind, decken wir uns am Wurststand fürs morgige Frühstück ein. Dann geht es hoch zum Vyšehrad. Die so genannte Prager Hochburg ist eine ehemalige Burg auf einem der beiden Berge, die seit Jahrhunderten befestigt sind. Dazwischen liegen Prag und die Moldau. Der Fußweg dorthin windet sich in Serpentinen durch nach oben. Immer wieder lohnen schöne Ausblicke, leider ist es heute bewölkt. Ganz oben kann man hinunterschauen auf einen Mauerrest im Fels, hoch über der Moldau. Den nennt man Libussas Bad. Denn der Sage nach hat die Fürstin Libuše dort ihre zahlreichen Liebhaber empfangen und sie bei Nichtgefallen durch eine Mauerritze hinunter in die tosende Moldau geschubst. Jahrhunderte später dürfte das nicht mehr ins gängige Frauenbild gepasst haben. Oben gibt es eine große Kirche Sankt Peter und Paul, die man fast in der gesamten Stadt Prag sehen kann. Wieder kostet es Eintritt, wir verzichten. Daneben ist der berühmte Ehrenfriedhof aus dem 19. Jahrhundert. Viele hochrangige Personen Prags haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Wir binden Laki ans schmiedeeiserne Gitter und gehen hinein. Viele der Gräber sind monumentale Jugendstilhallen, teils wunderschön. Man kann anhand der Plastiken und Bilder sehr gut sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Auftraggeber und ihre jeweiligen Künstler mit dem Thema „Tod“ umgingen. Wir schlendern, entziffern, ich fotografiere, erst das Gebell der entrüsteten Laki beschleunigt unsere Schritte.

Als wir wieder unten ankommen, endet gerade der Markt auf unserer Moldauseite, also steigen wir in eine der Fähren und setzen über, zu unserem Erstaunen kostenlos. Drüben laufen wir die andere Marktseite ab und gelangen zu unserer Wohnung, wo wir Wurst in den Kühlschrank legen, uns einen Kaffee machen und weitere süße Stückchen verspeisen. Als wir aufgewärmt sind, ist es noch zu früh, um zum Abendessen zu gehen, also ziehen wir noch einmal los. Herr W. hat ein Areal auf dem Stadtplan ins Visier genommen, das er sich gerne ansehen würde. Mit mir klappt das leider ganz, ganz schlecht, daher landen wir in Malá Strana, einem Stadtteil auf unserer Moldauseite nördlich unseres Stadtteils. Es gibt zunächst pompöse Bürgerhäuser und auch Villen in Parks, später kleine niedliche Häuschen mit Bauerngärten. Unversehens sind wir an der Karlsbrücke. Jetzt dränge ich darauf, drüber zu laufen. Es sind zwar furchtbar viele Menschen da, ein Junggesellenabschied sorgt für ordentlich Radau, aber der Blick zurück auf den Hradschin ist wunderschön. Auf der Brücke gibt es insgesamt 30 steinerne Statuen, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Künstlern geschaffen wurden. Nicht alle sind gleich künstlerisch wertvoll, ein Teil stellt weltliche, der Großteil christliche Personen dar. An einer der mittleren Figuren sind unten zwei Bonzetafeln mit Bildern, eine Szene mit Hund und eine mit einer Frau, wohl die Muttergottes, die einem Brückensturz beiwohnen. Sowohl der Hund als auch die Frau sind so oft berührt worden, dass sie leuchtend glänzen. Auch jetzt drängen unzählige Leute dorthin und schicken sogar ihre Kinder vor, dass sie diese beiden Stellen berühren. Was der tiefere Sinn ist, bleibt uns unklar. Am Ende der Brücke gibt es eine Einheit mit der Heiligen Margarete, der Heiligen Barbara und der heiligen Elisabeth. Warum die Heilige Barbara so viel höher steht als die Heilige Margarete, werde ich mit meiner lieben Schwester wohl noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in alle Ruhe ausdiskutieren müssen. …

Drüben sind wir endlich in dem Gebiet, wo Herr W. eigentlich hin wollte. Es erstreckt sich zwischen Nationaltheater und Altstätter Ring. Wir verlaufen uns dann auch prompt, finden dadurch jedoch die Heilig-Kreuz-Rotunde in der Altstadt. Rotunden sind, wie der Name schon verheißt, Rundbauten, die aber über eine Apsis verfügen. Es gibt hier in Prag einige davon, schon am Vormittag haben wir am Vyšehrad die bedeutendste Rotunde zu Ehren des Heiligen Sankt Martin gesehen. Doch leider sind sie immer geschlossen, wenn wir kommen.

Mittlerweile ist es wieder sehr, sehr kalt. Finde ich zumindest. Und Hunger habe ich auch, daher wollen wir der Einfachheit halber geradewegs wieder zu unserem Lokal um die Ecke, zur Bulldog-Bar gehen. Dort findet jedoch eine geschlossene Veranstaltung statt und wir sind gezwungen, uns anderweitig umzusehen. Da Smíchov ein Stadtteil zum Wohnen ist, sollte das auch am Samstagabend möglich sein. Und wirklich finden wir gerade eine Straße weiter einen Club mit Bierausschank, kleiner Speisekarte und – heute Abend Livemusik!!! Wer mich kennt, der weiß, dass das zunächst einmal schwierig für mich ist, zumal an unserem Tisch viele junge Leute schon recht viel getrunken haben, die Instrumente in Spuckweite aufgebaut sind und ich mit Laki quasi im Laufgang der gehetzten Bedienung sitze. Aber, was soll ich sagen, es wird absolut großartig! Am Tisch sitzen Prager, Österreicher und eine Polin einmütig zusammen, Laki schlarwenzelt darunter herum, frisst den Müll und lässt sich dabei von allen streicheln. Das Bier kommt aus einer riesigen Brauerei eine Straße weiter, heißt Staropramen und schmeckt unerhört lecker, so dass ich hier nicht berichten möchte, wie viele Gläser am Ende auf Herrn W.s und meiner Rechnung stehen. Der Musiker ist ein (offenbar österreichischer) Alleinunterhalter mit Künstlernamen Bruce, der seinen Job richtig gut macht. Am Ende tanze ich mit einem Jungen, der nur wenig älter ist als mein Enkel, Laki gesellt sich schwanzwedelnd auf die Tanzfläche dazu.

Und bevor es richtig peinlich werden kann, sind wir schon wieder in unserem Appartment.

Und nein, Bilder gibt es keine.

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