So kalt ist Prag, so voll – und so schön!

Am nächsten Morgen versuche ich mit Laki einen Ort zum Gassigehen zu finden, was ziemlich einfach ist. Denn gleich um die Ecke gibt es einen kleinen hübschen Park, mit vier großen Bäumen an den Ecken, einem schmiedeeisernen Zaun rings herum, Rosen an Rankgittern, Tulpenbeeten, dem obligatorischen Gusseisernen Brunnen mit Bären und Bärentöter. Dort gibt es einen Weg außen herum und Hundebesitzer kommen und gehen. Laki tut, was von ihr erwartet wird und ist nun frei, die Bekanntschaft von Chicco zu machen, der sie einfach große Klasse findet. Ich spreche das junge Herrchen an, Stepan, und er erzählt mir, dass er gerade versuche Deutsch zu lernen und ich gestehe ihm, dass ich heilfroh bin, nicht Tschechisch lernen zu müssen, eine Sprache, die mir allein vom Schriftbild so unverständlich wie chinesisch erscheint. „Da, zum Beispiel,“ ich deute auf ein Schild über einem Ladenlokal, „das Wort in der Mitte, was ist das? Diese Schwälbchen, Stäbchen, Ringlein – wie soll man das aussprechen?“ img-20190413-wa00001685883637.jpeg

Stepan spricht es mir vor, es klingt ungefähr wie „Tutschznjiaakuo“ und meint, das heiße PINGUIN. (… Na klar, sieht doch jeder!!!! …) Ab jetzt finde ich mich damit ab, dass diese Sprache ganz offensichtlich sehr hochstehend und überaus komplex ist. Aber nicht jeder muss alles können. Und ich werde diese Sprache in den paar Tagen hier ganz gewiss nicht lernen.

Auf dem Weg zurück in die Wohnung finde ich einen gut sortierten Supermarkt, die wichtigsten Wertstoffcontainer und ein Restaurant ZUR BULLDOGGE mit recht ansehnlicher Speisekarte und vier verschiedenen Zapfhähnen. In der Wohnung frühstücken wir erstmal ausgiebig, denn wir sind mit einer Kühltasche angereist und können auf löslichen Kaffee, Tee, selbstgemachte Marmelade, Butter, Brot und Käse zurückgreifen. Die Wohnung verfügt über die wichtigsten Küchenutensilien und einen Tisch mit Stühlen.

Da ich schon am Abend vorher nicht wirklich warm war, ziehe ich mich heute noch ein ganzes Stück wärmer an, alles, was so möglich ist. Gegen die mit Sorgfalt zurechtgemachten Tschechinnen falle ich da zwar deutlich ab, aber erstens bin ich Deutsche (und die laufen in fremden Ländern sowieso immer rum wie schlecht verbundene Finger. Nur Engländerinnen sind schlimmer.) Zweitens bin ich über 60 – ja, ich habe es in der Zwischenzeit geschafft – und da muss ich stylingmäßig nicht mehr mit den 30-jährigen mithalten. Und drittens ist eine Blasenentzündung das Letzte, was ich im Leben noch mal haben möchte.

Auch Herr W., der eigentlich nie friert, zieht einen Pullover unter den Anorak, Laki muss mal wieder so bleiben wie sie ist. Und so ziehen wir los. Erst geht es ein Stück runter zur Moldau und dann entlang des Wassers. Wir entdecken weitere Parks, alle klein, aber auf ihre Art jeder ein Kleinod. Alle haben an den Ecken große dominante Bäume mit tief hängenden Ästen, eine Buche, eine Eiche, … aber auch mir gänzlich unbekannte Bäume. Hier in Prag haben die Städteplaner immer wieder an die Stelle, an der eine Straße rechtwinklig auf den Fluss stößt, eine Grünanlage gestaltet. Häufig ist ein Denkmal für irgendeine damals wichtig erscheinende Person die Legitimation. Aber heute, weit über 100 Jahre später, ist das ein Glücksfall, denn so blieben städtebauliche Filetstücke frei und geben der Stadt gerade jetzt im Frühjahr eine Stimmung von Aufbrechen und Üppigkeit. Repräsentative Stadthäuser säumen die Straßen, Jugendstil in seiner prachtvollsten Form, aber auch Neorenaissance und Neoklassizismus, alles aufs Feinste renoviert. Ich fotografiere Details der Häuser bis Herr W. und Laki einfach ohne mich weiter gehen und ich hinterherrennen muss.

Am Wasser gibt es Schleusen, Inseln, Seitenarme, Stufen, Wehre. Denn die Moldau ist zwar breit, aber ziemlich flach. Und deswegen muss es jeweils in Ufernähe eine Möglichkeit geben, dass die vielen Ausflugsschiffe die Hürden nehmen. An der Insel Kampa hat sich beispielsweise ein Seitenarm der Moldau in einen Wildbach verwandelt, es gibt dort eine Mühle.

Laki findet Freunde um Freunde und ich fange langsam an zu frieren. Wir überqueren eine Brücke und kommen der Altstadt immer näher.

Leider sind wir nicht die Einzigen. Obwohl weder Wochenende noch Feiertag und – mit Verlaub – saukalt: Es sind unheimlich viele Leute aus aller Herren Länder hier, die ganz genau das Gleiche sehen wollen wie wir. Und zu allem Überfluss haben Händler ihre Chancen erkannt und mehr als genutzt. Herrn W. frustriert das. Er erinnert ein kleines Plätzchen an der Moldau, darauf ein Smetana-Denkmal, wo er früher einsam mit dem Komponisten Zwiesprache hielt. Heute sitzt Smetana auf seinem Denkmal inmitten eines italienischen Eiscafes, Leute machen sich einen Spaß daraus, sich möglichst effekthascherisch daneben zu platzieren und ein vermeintlich originelles Foto zu kreieren, wo Smetana zur lächerlichen Staffage verkommen muss. Alte Arkaden sind bis zum letzten Millimeter an Händler für Nepp aus Fernost vermietet. An der Karlsbrücke setzt ein Mann  einer jungen Asiatin zwei rosa gefärbten Tauben auf den Arm, klaubt ihr gleichzeitig in Windeseile ihr Handy aus der Hand und macht ein Bild von der ängstlich blickenden Dame mit den zwei Tauben in den Händen – gegen Entgelt versteht sich. Auch den jüdischen Friedhof können wir nicht besuchen. Eigentlich war uns das schon im Vornherein klar, wir haben ja einen Hund dabei, und Hunde dürfen nun mal nicht auf Friedhöfe, egal ob jüdisch oder christlich. Aber hier nähern wir uns und werden schon beim Anblick verwiesen. Dass wir hätten Eintritt bezahlen müssen, finde ich einfach unpassend. Auch alle Kirchen verlangen Eintritt. In meinen Augen widerspricht das dem allerersten Anliegen der Kirchen, offen zu sein für die, die kommen wollen.

Mittlerweile bin ich so kalt, dass wir ein Cafe zum Aufwärmen suchen. Danach steuern wir den Altstädter Ring an. Auch hier gibt es viele Buden, denn ein Ostermarkt hat die freie Fläche eingenommen. Da dies nur vorübergehend sein dürfte, mag es noch hingehen. Es werden wie überall in der Stadt Trdelník hergestellt, das ist ein slowakisches Gebäck, bei dem Teig über Holzstangen gewunden wird und über offenem Feuer gebacken wird. Danach wird die gesamte Rolle mit Zucker, Zimt, Nuss oder Mandel bestreut und in Stücke geschnitten. Ganz unhistorisch füllen die Händler hier aber noch Cremes, Nutella oder Eis in die Teigringe. Auch Prager Schinken wird am offenen Feuer gebraten und in Stücken verkauft. Als ich fotografiere, fährt mich der Koch an, dass ich den Schinken ins Bild nehmen dürfe, aber nicht ihn, den Koch. Ich habe ein bisschen das Gefühl, den Menschen hier in der Stadt geht es genauso wie mir: Es ist etwas viel für uns alle.

Die Leute sammeln sich an der Rathausuhr, denn gleich ist es 14 Uhr und dann fangen die Figuren sich an zu drehen. Wir ergattern einen Platz, von dem wir gut sehen und wo Laki nicht stört, und wohnen bewegt dem kurzen Schauspiel bei. Es ist eine Uhr, die aus mehreren Teilen gestaltet wurde, und deren verschiedene Scheiben Zeit und Datum anzeigen und wo Christus und Apostel sowie Allegorien sich zur vollen Stunde bewegen. Geschaffen wurde sie in einer Jahrzehnte dauernden Epoche nach 1410.

Ganz nebenbei gucke ich natürlich auch Schaufenster. Alle international bekannten Marken sind hier mit eigenen Stores vertreten, die wie überall auf der Welt große Ladenfläche mit sparsamem Angebot und gelangweilten Verkäufern oder Verkäuferinnen beherbergen. Daneben gibt es unglaublich viele Läden für Süßigkeiten, wo ich zwar nie naschen würde, aber den Fotoapparat kaum still halten kann und es gibt ganz viele Spielwarengeschäfte.

Bei einer Passage bleibt Herr W. plötzlich stehen. Er kennt sie, aus dem Fernsehen. Es ist die Passage, in der 1989 während der sogenannten „samtenen Revolution“ Menschen zusammengeprügelt wurden, obwohl eigentlich schon alles entschieden war. Heute ist die Passage zugebaut und Teil eines Hotels. Doch gibt es einen Teil, der offen zugänglich ist, wo man Bilder von dem furchtbaren Ereignis sehen kann. Draußen gibt es eine Plakette, Passanten haben einen Strauß Narzissen dahinter geklemmt.

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Mir reicht es. So kalt war ich schon ewig nicht mehr. Wir eilen uns, dass wir nach Hause kommen. Heute Abend essen wir in dem Bulldog-Restaurant bei unserem Apartment gleich um die Ecke. Es ist eine kunterbunte Sportbar mit riesigen Sprungschi an der Decke und einem Großbildfernseher im Nebenzimmer, die Bedienung ist supernett, wir erhalten einen tollen Platz und Herr W. versucht sich an einem „Schweineknie“, wie hier die Ofenhaxe übersetzt wird.

So müde bin ich schon lange nicht mehr ins Bett gefallen!

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