Tage 9 / 10: Und es wurde Licht!

Die nächsten beiden Tage verbringen wir überwiegend an Bord. Als wir am Morgen des 9. Tages aufwachen, schalten wir wie immer als erstes den Fernseher im Zimmer an. Es gibt nämlich eine Frontkamera, von wo Tag und Nacht übertragen wird, wie es vor dem Schiff aussieht. Wenn das Schiff anlegt, sieht man auf dem Bildschirm ein Stück Kai, man sieht den Hafenarbeiter in seiner Warnweste dort stehen und warten, manchmal den Gabelstapler. Dann sieht man den orange bekleideten Matrosen an Bord, der manchmal lustlos Schnee schippt, dessen Aufgaben es aber auch ist, einen roten kleinen Sack an Land zu werfen, an dem ein Seil befestigt ist, das mit dem Schiffstau verbunden ist. Das Tau wird dann vom Hafenarbeiter am Poller befestigt. Mittlerweile haben wir das so oft gesehen, dass wir uns eine Meinung darüber bilden können, wann es gut geklappt hat und wann nicht. Einmal haben wir auch beobachtet, dass unser Schiff spätabends an den Kai einer Ortschaft fuhr, und als das Schiff nahe genug dran war, nur ein Päckchen rausgeworfen wurde, ehe es wieder weiterging. Da waren wir baff!!!

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So zeigte die Frontkamera die Einfahrt des Schiffes in Tromso kurz vor Mitternacht.

Doch an diesem Tag zeigt die Frontkamera ein etwas verändertes Bild. Man sieht nämlich etwas, obwohl wir auf dem offenen Meer sind, man erkennt die Wasserlinie am Horizont. Ich bin wie aufgedreht: Es wird heller! Tatsächlich ist aus der morgendlichen Dämmerung die Bläue gewichen und es kommen mehr Farben hinzu, so dass die Welt wieder ein wenig aussieht wie die Welt, die wir kennen.

Wir fahren durch atemberaubende Landschaften. Jetzt sehen wir auch die Lofoten, die wirklich unglaublich schön sind. Es gibt ganz enge Durchfahrten, wo das Schiff nur von wirklich fähigen Kapitänen durchgebracht werden kann. Es gibt Landschaft, viel Landschaft, unberührte Felsen, Berge, zunehmend auch Wälder. Gegen Mittag zeigt sich vor dem Schiff ein dicker orangener Balken, die Berge links und rechts sind teilweise rosa-orange überzogen.

Am Abend legen wir wieder in Svolvær an, wo ich vor einigen Tagen in der kalten Nachtluft das Nordlicht gesehen habe. Heute allerdings schneit es, an einen Blick in den Himmel ist nicht zu denken, wenn man sich nicht die Brillengläser zuschneien lassen will.

Jetzt geht es rasend schnell. Am 10. Tag kommt die Sonne mittags über den Horizont. Viele Leute stehen wie wir auf der 6. Ebene vor dem großen Panoramafenster und schauen, fotografieren und schauen. Auf dem Schiff wird es ganz still. Da die Sonne ganz tief steht, flutet sie den Raum völlig. „Kaum ist sie da, blendet sie schon wieder,“ sagt Herr W. halblaut scherzend, als wir den Raum wieder verlassen.

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Kurz vorher haben wir den Polarkreis überquert. Er ist auf einer kleinen Insel mit einem Globus aus Eisenbändern gekennzeichnet, ähnlich dem, den wir am Nordkap gesehen haben, nur viel kleiner. Wir stehen an Deck, um das Ereignis mitzuerleben. Als wir die imaginäre Linie überqueren, tutet unvermittelt das Schiffshorn direkt neben uns. Danach gibt es einen Esslöffel Lebertran für alle, da ich jedoch die ganze Zeit Tabletten mit Vitamin D gnommen habe, kann ich mir guten Gewissens erlauben, auf diese Gabe zu verzichten.

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Am Nachmittag kommen wir an den sieben Schwestern vorbei. Das sind Berge, die ziemlich genau parallel zueinander zur Küste hin stehen. Der Sage nach sind es sieben Trollschwestern, die auf der Flucht vor dem Vågekallen von den Lofoten waren. Er stellte ihnen nach, als sie nackt am Fjord tanzten. Dabei versäumten sie, sich vor dem Sonnenlicht zu verstecken und wurden zur Strafe in diese Berge verwandelt. Ewige Schönheiten, fürwahr!

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Am Abend haben wir einen kurzen Stopp in Brønnøysund. Wir steigen aus, uns ein wenig die Beine zu vertreten. In der kleinen Einkaufsstraße gibt es hübsche Geschäfte aller Art. Wie fast überall ist auch ein Laden dabei, in dem überwiegend gebrauchte Artikel und in kleinem Maß Antiquitäten verkauft werden. Herr W. ist klug genug, nicht zu oft mit mir in einen derartigen Laden hineinzugehen, da wir sonst Gefahr laufen würden, das Schiff zu versäumen. Wir kommen an einen zugefrorenen See, an dem es winterliche Spazierwege und wunderhübsche verschneite hölzerne Einfamilienhäuser gibt. Es wirkt skandinavisch, man könnte sich vorstellen hier zu leben, was am Nordkap für mich nur schwer denkbar gewesen wäre.

An diesem Abend verabschiedet sich nach dem Abendessen die Crew von uns mit einem Gläschen Sekt, da ein Teil der Mannschaft in Trondheim wechseln wird, aber auch, da ein Teil der Reisenden hier aussteigen wird. Uns wird schmerzlich bewusst, dass die Reise sich dem Ende zuneigt.

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Das ist nur der Teil der Besatzung, mit dem wir Reisende direkt zu tun hatten. Die Matrosen und Maschinisten sind nicht dabei. (Ich hoffe mal, sie bekamen auch Sekt!)

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