Hammerfest

Ab jetzt fahren wir wieder zurück. Das Schiff befindet sich nun auf der südgehenden Route, was allerdings bedeutet, dass wir erst einmal nach Norden fahren müssen. Da wir an vielen Sehenswürdigkeiten auf der nordgehenden Route während der Nacht vorbei gekommen sind und wir diese jetzt am Tag erleben werden, werden die beiden Touren nicht identisch sein. Ich allerdings freue mich, wenn ich ehrlich bin, am meisten auf die Sonne. Im Moment sehen wir sie den ganzen Tag nicht und ich hätte niemals gedacht, dass mir das so viel ausmachen würde.

Es geht vorbei am östlichsten Punkt Norwegens, Das Schiff stampft durch die Dunkelheit der Barentsee. Es befindet sich häufig weiter draußen im Meer und nur wenig hinter schützenden Inseln, entsprechend ruppig ist die Fahrt hier teilweise.

Nach dem Frühstück machen wir uns fertig, da wir am Vormittag in Hammerfest anlegen werden. Eingepackt wie die Eisbären stehen wir bereit. Durch das Fenster sehen wir eine verschneite Stadt im blauen Dauerdämmerlicht. Doch als wir hinaustreten, hat sich das klare Licht in einen Schneesturm verwandelt, der die nächste Zeit anhalten wird.

Gleich am Hafen befindet sich die Eisbärgesellschaft, die Polar Bear Society, der man auch als Ausländer beitreten kann. Die Leute in Hammerfest haben es überhaupt mit Eisbären. Es sollen hier gelegentlich welche durch die Straßen streifen, vor dem Rathaus gibt es eine Skulptur mit zwei Eisbären und an Werktagen soll es einen Laden geben, vor dem ein ausgestopfter und kahlgestreichelter Eisbär als Kundenstopper steht. Aber heute ist Sonntag.

Im dichten Schneetreiben kämpfen sich die Passagiere der MS Spitsbergen auf der Haupteinkaufsstraße voran. Herr W. und ich versuchen, ein wenig von den Leuten wegzukommen, und wenden uns in Richtung Hafen. Dort steht ein riesiges Veranstaltungszentrum, wo es einen Gebäudeeinschnitt gibt, der von unzähligen Säulen gestützt wird. Eine der Stützen ist einem Walknochen in Originalgröße nachempfunden. Im Dämmerlicht macht eine junge Familie mit Kinderwagen und Hund ihren Sonntagmittagspaziergang. Es wirkt alles ein bisschen surreal.

Hammerfest mit seinen 7000 Einwohneren gilt als die nördlichste Stadt der Welt, auf gleicher Höhe liegen die nördlichen Gebiete Sibiriens, der äußerste Punkt Alaskas und ein Teil Grönlands. Zwar haben mittlerweile formal auch andere Ortschaften den Stadtstatus, doch Hammerfest ist tatsächlich eine Stadt. Andere sind eher wichtigere Dörfer. Ihren Aufstieg erlebte die Stadt mit dem Walfang, dem Russlandhandel, dem Ausbau einer Trawlerflotte und heute auch dem Umschlag von Erdgas. Da die Stadt wie viele andere in Norwegen im 2. Weltkrieg vollständig zerstört wurde, besuchen wir hier das wiederaufgebaute Hammerfest.

Parallel zur Einkaufsstraße geht es in Richtung Kirche. Der Friedhof wirkt, als sei er in England aufgenommen. In dem dichten Schneetreiben verzichten wir darauf, zu gucken, was auf den Grabsteinen steht. Es ist mittlerweile fast Mittag, daher gehe ich davon aus, dass der Gottesdienst vorbei ist und dass wir in die Kirche hineinkönnen. Nicht ganz uneigennützig, denn draußen ist es so ungemütlich, dass ich überall reingegangen wäre, nur um mich abzuschütteln und aufzuwärmen. Innen ist diese Kirche sehr hübsch ausgestaltet, mit viel Holz, bemalten Paneelen und Schnitzereien. Auf der Rückseite der letzten Bankreihe sind Fächer angebracht, in denen viele Bilderbücher mit religiösem Inhalt stecken. Das haben wir hier oft gesehen, Beschäftigungen aller Art für die Kleinen, damit sie während des Gottesdienstes auch etwas haben. Leider stellt sich heraus, dass entgegen unserer Vermutungen der Gottesdienst nicht vorbei, sondern erst in Vorbereitung ist.

Wenn wir jetzt weitergingen, kämen wir in die sonntäglichen verschneiten Wohngebiete, daher halten wir uns wieder in Richtung Stadt. Natürlich finden wir die Bücherei. Sie ist direkt am Hafen und sieht durch die bodentiefen Fenster gut bestückt aus.

Zum Mittagessen gehen wir zurück ans Schiff. Der Nachmittag bleibt dunkel und stürmisch. Ich lese weiter in meinem Thriller „Woman in cabin 10“, den ich mir in meiner deutschen Bücherei ausgeliehen habe. Darin geht es um einen Mord auf einem Luxusschiff an der norwegischen Küste. Buch mit Leseprobe Macht Sinn, hab ich mir noch zu Hause gedacht. Das Buch nimmt allmählich Fahrt auf und es tut so richtig gut, beim Lesen drüber zu bleiben und in die wendungsreiche Handlung einzutauchen. Die verstörende und bedrückende Finsternis beim nachmittäglichen Blick aus dem Schiffsfenster tut ihr übriges. …

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