NORDKAPP, wie es der Norweger schreibt

 

Ich sitze im Moment in der Cafeteria des Schiffes, das Mittagessen ist vorbei, es kehrt Ruhe ein. Durch die Schwingtür zur Küche klingen Besteckgeklapper und ABBAs „The winner takes it all“. Draußen ist es nahezu dunkel, Schneeflocken flitzen nahe am Fenster vorbei. Eine Durchsage kündigt erst auf norwegisch, dann auf englisch und zuletzt auf deutsch an, dass man auf Deck acht ganz oben jetzt gleich von den fähigsten Seeleuten des Schiffes gezeigt bekommt, wie man echte Seemannsknoten macht. Das Smartphone jedoch vermeldet, dass es jetzt um 14.00 Uhr im Rypefjord – 5° Celsius hat. Da zieht mich nichts nach draußen. Besser hier sitzen, Tee trinken und den Blog voranbringen. …

Für diesen 6. Tag unserer Reise haben Herr W. und ich uns auf den letzten Drücker entschlossen, an einer geführten Busreise vom Schiff zum Nordkapp und zurück teilzunehmen. Das ist nicht ganz billig, aber erstens wären wir anders dort nicht hingekommen, zweitens hat es sich definitiv gelohnt. Das Nordkap befindet sich auf der Insel Magerøya. Das Schiff legt in Honningsvåg an, was im Südosten der Insel liegt. Wir steigen kurz nach 11 Uhr aus, der Himmel ist am Horizont wundervoll violett gefärbt, über der gesamten Szenerie liegt blaues Licht. Außer einem kurzen Goldreflex zur Mittagsstunde wird sich daran nichts ändern. Der Himmel ist zu dieser Jahreszeit in diesen Breiten am späten Vormittag violett, Mittags kommt ein Schimmer goldorange hinzu, danach überwiegen wieder die rosa-violetten Töne, die zunehmend in Bläue übergehen, bis am frühen Nachmittag die Nacht kommt. Zur Wintersonnwende fehlt dann der orangene Anteil. Es ist nicht vollständig dunkel, aber die Sonne als Himmelskörper ist schlicht nicht da. Ich vermisse die Sonne jetzt nach ein paar Tagen schon schrecklich. Wie mag es den Menschen hier erst gehen? Nach zwei Monaten?

Am Hafengelände steht die erzene überlebensgroße Skulptur des Bernhardiners BAMSE, der in Kriegszeiten auf einem norwegischen Minensuchboot mitfuhr und dort als offizielles Besatzungsmitglied geführt wurde. Es hat dort nach Berichten der Seeleute die Moral an Bord entschieden gehoben, das Leben einzelner Mitglieder der Schiffsbesatzung gerettet und Streit geschlichtet. Er wurde nach seinem Tod in allen militärischen Ehren begraben, ihm zu Ehren findet alle zehn Jahre eine Gedenkfeier statt.

Wir steigen in den Bus und sogleich beginnt unser Reiseführer, uns in deutscher Sprache auf höchst unterhaltsame Weise zu berichten, was wir sehen können und wie die Dinge sich hier verhalten. Der Mann ist älter als wir, wettergegerbt und seinem Akkzent nach zweisprachig, norddeutsch und norwegisch. Die Fahrt dauert fast eine Dreiviertelstunde. Beim Hinaussehen entdecken wir einzelne Häuser, viel hügelige weiße Landschaft, Seen und Buchten. Dass es keine Bäume gibt liegt zum Einen an der nördlichen Lage, aber auch am Untergrund, der nach wenigen Zentimetern bereits felsig ist sowie an den Rentieren, die im Sommer hier grasen. Es gibt nämlich fünf samische Familien, die mit ihren Tieren winters weiter Richtung Russland ziehen, weil die Tiere dort leichter Futter finden. Hier am Nordkapp ist es nicht kalt genug und so kommt es immer wieder vor, dass der Schnee antaut und danach wieder zu Eis gefriert. Dieses Eis schließt die Pflanzen ein und macht sie den Rentieren nicht mehr zugänglich. Beim russischen Frost dagegen finden die Tiere immer etwas, wenn sie mit den Hufen im Schnee scharren. Im Frühling kommen die Samen wieder mit ihren 5000 bis 6000 Tieren, die dann allerdings so schwach sind, dass sie mit Booten auf die Insel gebracht werden müssen. Hier bekommen die Rentiere ihre Jungen, fressen sich gehörig Speck an und sind am Ende so stark, dass sie im Herbst ans Festland schwimmen können. Diese Rentiere sorgen durch ihren großen Hunger zuverlässig dafür, dass sich kein Baum und kein Strauch hier halten kann.

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So sieht es an der Nordkaphalle kurz nach 12 Uhr mittags aus.

Wir steigen aus dem Bus und nach den obligatorischen Fotos kommen wir alle erleichtert in die Halle. Hier gibt es ein Restaurant, Toiletten, einen riesigen Souvenirshop, in den Untergeschossen einen Vorführraum, ein thailändisches Museum (der König Thailands war hier und wollte sich auch beteiligen – jeder, wie er will) und einen Meditationsraum. Oben zeigt eine riesige Fensterfront nach Norden zum berühmten Globus aus Eisenbändern. Drinnen gibt es zwei riesige Trolle und einen Flügel, auf dem jeder spielen kann, der will. Ich widerstehe und erspare der Welt meine Version von „Ein Huhn, ein Huhn, das hat nicht viel zu tun, es legt nur jeden Tag ein Ei, und sonntags auch mal zwei! … „. Offenbar hat die Firma Parkert den Flügel gestiftet und es finden hier wohl auch gelegentlich Konzerte statt.

Wir packen uns ein, so gut es geht und wagen uns hinaus in die unwirtliche, windgepeitschte Dämmerung. Eine englischsprachige Dame spricht Herrn W. an, dass sie sich ein wenig unsicher fühle und er geleitet sie gentlemanlike nach vorne zum Globus. Ich komme hinterher und fotografiere.

Der Globus steht auf einem hohen Felsen, der sich steil und markant aus dem Meer erhebt und damit Ewigkeit und Unverrückbarkeit signalisiert. Der eigentlich nördlichste Punkt Europas ist jedoch eine unscheinbare Landzunge, die weiter westlich sich ins Meer schiebt. Aber die ist eben nicht so spektakulär.

Nach einem kurzen Besuch in der riesigen Cafeteria wird es Zeit, wieder in den Bus zu steigen, der uns zurück zum Hafen bringt. Beim Aussteigen spricht mich der Busfahrer, der vorher kein einziges Wort gesagt hat, halblaut auf deutsch an: „Kommen Sie wieder, im Sommer!“. – „Ja,“ sage ich erstaunt. Dann noch einmal „Ja.“

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