Sturm draußen vor Måloy

åWir schlafen in dieser Nacht wie die Murmeltiere, oder besser wie die Seehunde. Meine Fitbit kommt gar nicht mit dem Messen nach. Das Schiff schaukelte gewiss, laut Plan sollte es zweimal angehalten haben, aber ob das so war, können wir nicht sagen, wir schliefen ja.

Am nächsten Morgen gibt es ein Frühstücksbüffet, das dem Abendessen am Tag zuvor in nichts nachsteht. Wieder eine unbeschreibliche Vielfalt an kaltem Fisch, dann alles, was der Brite so am Morgen isst, allein acht verschiedene Marmeladen, Körbe von Brot und Brötchen, ein Durchlauftoaster zum Selbstbedienen, Tees, Kaffee aus der Maschine (wider Erwarten sind die Norweger bekannt für köstlichen Kaffee), Säfte, Smoothies, frisches Obst und Gemüse, … und zu allem Überfluss auch noch eine warme Theke, falls ich denn gleich am Morgen Lust auf eine warme Mahlzeit habe. Alles ist gekennzeichnet nach Allergenen, so dass auch ich als laktoseintolerante Reisende einen Überblick behalte. Einen Teil der Reste des Abends zuvor erkenne ich in veränderter Form wieder, etwas, was mich sehr beeindruckt. Offenbar wird hier wenig weggeworfen. Das Personal ist außerordentlich freundlich und zuvorkommend. Irgendwie schaffen wir es nicht, nach einem Teller aufzustehend und den Raum zu verlassen. Wenn das so weitergeht!

Die Durchsage meldet erst auf norwegisch, dann auf englisch und dann auf deutsch, dass wir nun in Måloy anhalten. Sie gibt Empfehlungen zum Landgang „wer ein wenig zur Übelkeit neigt, sollte diese Gelegenheit nutzen, denn der Aufenthalt an Land kann das Gleichgewicht stabilisieren helfen“, zur Kleidung „es könnte ein wenig kühl sein, daher sollten Sie auf geeignete Kleidung achten. Wer Spikes dabei hat, sollte sie benutzen, da es an einigen Stellen durchaus glatt sein könnte“, wohin wir uns wenden sollten „Måloy hat wie New York die Straßen numeriert. Daher empfehlen wir, die Straße Nummer 1 zu benutzen, so kommen sie leicht wieder zum Schiff. Wir bemühen uns darum, dass das sehr interessante Museum aufgeschlossen wird. Das können Sie besichtigen“ und zur Dauer „wir möchten Sie bitten, wieder rechtzeitig an Bord zu sein, denn unser Schiff wird Måloy um 14.40 verlassen, da um 15:00 unsere Liegezeit endet“. Nur zwischen den Zeilen schwingt mit, dass ein so langer Aufenthalt in Måloy eigentlich nicht geplant war und dass man die sichere Zeit im Hafen nutzen will, denn draußen ist es offenbar mehr als ungemütlich.

Wir tun, wie uns empfohlen wurde und ziehen uns ordentlich an, Spikes vom deutschen Kaffeeröster inclusive (die sind wirklich gut, nur falls jemand sie in der Hand gehalten haben sollte und sich überlegt hat, ob die was taugen). Beim Verlassen des Schiffs zeigen wir unsere Karte mit dem Strichcode vor und der Schiffscomputer registriert, dass wir draußen sind.

Wir stiefeln ein wenig umher. Es ist eine nette Kleinstadt, unten Mehrfamilienhäuer, oben am Hang Einfamilienhäuser. Parallel zum Hafen verläuft die Einkaufsmeile, wo es vor allem Läden zur Inneneinrichtung gibt – es scheint in einem Land, in dem so lange Dunkelheit herrscht, wichtig zu sein, dass man schön wohnt – eine Reihe von Cafes, ein hübscher Blumenladen und am Platz befindet sich ein winziger Supermarkt. Den betreten wir, weil ich immer neugierig bin auf Supermärkte und weil Herr W. sich mit sprudelndem Mineralwasser eindecken wollte, welches auf dem Schiff so gut wie unbezahlbar ist. Wir vergleichen Preise und stellen fest, dass hier das meiste deutlich teurer ist als bei uns in Deutschland. Wir staunen über Produkte, die wir nicht kennen wie den längs halbierten und tiefgefrosteten Schweinekopf, über lustige norwegische Wörter wie Pumpakärnor für Kürbiskerne und über eine Riesenpackung Pralinen der Marke Kong Haakon.

Wieder an Bord klärt man uns auf: Jetzt müssen wir losfahren, denn das Schiff kann nicht mehr im Hafen bleiben. Aber zumindest seien die Wellen nun nur mehr 5 Meter hoch anstelle der 13 Meter vor einigen Stunden.

Wir begeben uns in die Lounge, noch ist es ja ruhig. Einige Wellen kündigen an, dass es ruppiger werden könnte, Schneeflocken wirbeln und bleiben auf der Scheibe liegen. Wir fixieren den Horizont und fühlen uns gewappnet. Nach und nach werden die Menschen in den anderen Sesseln ein wenig ruhiger, keiner redet irgendwelches überflüssiges Zeug, was ja eigentlich ganz gut ist. Jemand steht auf und verlässt den Raum. Vorne brechen sich einzelne Wellen gischtend am Bug. Schweigend verschwindet ein weiteres Pärchen. Krachend fällt das Schiff in ein Wellental. Ich verspüre den dringenden Reflex, meine Blase zu entleeren. Also informiere ich Herrn W., dass ich nur mal kurz pinkeln gehe. Im Klo weiß ich plötzlich nicht mehr so genau, ob ich mich wirklich auf die Schüssel setzen möchte und entscheide mich spontan um. Vermutlich sollte ich nicht sitzen, sondern liegen. Also schwanke ich mühsam hinunter in unser Zimmer und lege mich nach erneutem Übergeben flach aufs Bett. Hier ist es ein wenig besser. Ich verbringe die folgenden Stunden zwischen Wachen und Dösen.

Ab jetzt muss ich aus Herrn W.s Sicht erzählen: Er bleibt noch viel länger, da er ja das Problem hat, dass er nicht nur seine eigenen Sachen dabei hat, sondern nun auch mein Zeug, vor allem den Fotoapparat, aber auch das Buch, die Lesebrille und so weiter. Er passt auf, dass bei den heftigen Bewegungen nichts wegfliegt oder kaputt geht. Nach und nach gehen die meisten Menschen aus der Lounge. Er und fünf andere harren aus. Entweder weil sie sich nicht vorstellen können, aufzustehen, oder weil es ihnen nicht so viel ausmacht. Die schweren Sessel fangen an umzustürzen und durch den Raum zu schießen. In einer kurzen Pause schafft er es, unseren Krempel zusammenzuraffen und nach unten zu kommen. Auf dem Weg nach unten begegnen ihm immer wieder Mitarbeiter der Hurtigruten mit Putzwagen. Auch er muss sich übergeben, ab jetzt liegen wir beide auf dem Bett. Die Stimme aus der Durchsage kommentiert das Ereignis, zunächst mit verharmlosenden und mutmachenden Phrasen, später eindeutiger, zuletzt nurmehr knapp, da die Sprecherin offenbar selbst sich am liebsten übergeben möchte. Irgendwann wird es ruhiger, denn das Schiff hat sich seine Fahrtrinne hinter Inseln gesucht, wo es ruhiger ist.

Als nach acht für unsere Gruppe die Essenszeit anbricht, wage ich mich hoch ins Restaurant. Eine Menge Tische sind nicht besetzt. Auch ich sitze allein, denn Herr W. zieht die waagrechte Lage noch vor. Von den drei Gängen will ich nur zwei und esse jeweils nur ein paar Happen. Bald ziehe ich mich wieder aufs Bett zurück. Wer weiß, was die Nacht noch bringt. …

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