Auf dem Weg in den Advent

Die Schwester in Burghausen kocht gern und gut und es gibt für jeden Tag einen vorher festgelegten Speiseplan. Auf dem Wochenmarkt wird regional eingekauft und ich habe meine Freude an den für mich ungewöhnlichen Speisen und fast noch mehr freue ich mich am bayerischen Zungenschlag der Händler. Mittags komme ich hier mal wieder zu Gulasch mit Mehlklößen und Gurkensalat, zu Karthäuserklößen mit Weinschaumsoße, aber auch zu neuen Gerichten wie Hähnchen mit rotem Camarguereis und Gorgonzolasoße oder Fisch mit Meerrettichsabayone.

Den Ausgleich bilden lange Spaziergänge mit den Hunden entlang der Salzach oder oben auf der Burg. Diese Burg ist  mit 1051 Metern die nachgewiesen längste Burganlage der Welt, nur irgendwo in Indien gibt es ein Fort, das ist länger, aber das ist eben keine Burg. Von der Burg kann man hinüber sehen nach Österreich oder hinunter auf den dahinter liegenden Wöhrsee. Überhaupt, Österreich, es ist hier allgegenwärtig. Man fährt eben zum Einkaufen hinüber, zum Spaziergang und natürlich zum Tanken, was sich wirklich lohnt. Wenn früher in Burghausen Kinder geboren wurden, bekamen sie schon im Krankenhaus einen Kinderausweis, weil man oft mehrmals die Woche aus irgendwelchen Gründen die Grenze überquerte. Heute merkt man die Grenze nicht wirklich, man weiß es eben beim Überqueren der Salzach. Das Burghausener Jazzvestival ist weit über die Grenzen bekannt. Dass Burghausen durch die Wackerwerke eine recht wohlhabende Stadt ist, zeigt sich an vielen Kleinigkeiten, die hier optimal funktionieren. Diese Dinge fallen nur jemandem auf, der es auch anders kennt. Doch auch hier im südöstlichen Zipfel Bayerns ist Vetternwirtschaft und Gschaftlhuberei von Großkopferten der Bremsstein im Getriebe, also doch keine heile Welt.

Apropos „Heile Welt“: Aus Hochburg, einem nahen winzigen Weiler in Österreich kommt Franz Xaver Gruber, dessen Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ vor genau 200 Jahren am 24. Dezember 1818 uraufgeführt wurde. Damals waren die Zeiten schwer, der Landstrich arm, aber man hoffte auch. All das spiegelt sich im Lied wieder und dürfte mit der Grund für die rasche weltweite Verbreitung sein. Burghausen hat einen Wettbewerb ausgerufen, ein gutes Preisgeld ausgelobt und zusammen mit einigen Professoren aus dem In- und Ausland die drei Sieger ermittelt.

Film zum Stille-Nacht-Wettbewerb der Stadt Burghausen

Heute sollen die Stücke der drei Gewinner vorgestellt werden, dafür haben wir schon vorher kostenlose Platzkarten für die Kirche St. Jakob geholt. Warm eingepackt sitzen meine Schwester und ich im vorderen Teil der Kirche und lauschen den unterschiedlichen Darbietungen. Ein Chor singt das 8-strophige Originallied, Kinder führen ein kleines Stück über die Verbreitung des Liedes auf, der Bürgermeister spricht, zweiter und erster Gewinner werden vorgestellt. Dann kommt der Orgelteil. Wo schon die Orgel als Instrument aufgrund ihrer Möglichkeiten große Klangvielfalt verspricht, kommt nun die sehr unterschiedliche Interpretation dazu. Das Thema wird vielfältig variiert, mal als Fuge, mal als orientalisches Bild, mal völlig modern. Es ist nicht immer leicht, das veränderte Thema zu finden, aber mit einigem Hineinhören möglich.

Laki und ich fahren mit dem Zug wieder heim. In der Nacht hat es hier geschneit und ich sitze am Fenster und löffle die Suppe, die mir die Schwester in die Thermoskanne gefüllt hat. Draußen weiß, im Kopf noch die Klangvielfalt der Orgelmusik, vor mir die dampfende Köstlichkeit – ja, so kann sich die Adventszeit anlassen.

Beim Umsteigen in Mühldorf ergibt sich eine Verspätung. Ob ich nun den Anschluss in München noch kriege, können mir auch die Zugbegleiter nicht sagen. Ich soll rennen, sie wünschen mir Glück. Das ist leichter gesagt als getan, denn der Koffer ist jetzt noch schwerer als bei der Hinreise, der Hund ist störrisch, weil er sein warmes Plätzchen im letzten Zug nur ungern aufgegeben hat und die Strecke innerhalb des Bahnhofs ist weit und holperig. Mit rasselndem Atem komme ich am wartenden Anschlusszug an und brauche eine ganze Weile, bis ich mich auf meinem neuen Sitzplatz erneut eingerichtet habe.

Kurz vor meiner Heimatstadt stehe ich mit Hund und meinem unmäßigen Gepäck an der Tür. Ich will ja nicht, dass ich wieder den Ausstieg übersehe. Ich erkenne eine 12 Kilometer davor liegende Gemeinde am Kirchturm wieder und rechne schon aus, welchen Bus ich zu meiner Wohnung noch kriegen könnte. Der Zug hält an und steht. Eine Weile steht er, aber das kennt man ja. Stellwerk, entgegenkommende Züge, Weiche, irgendsoetwas. Eine Durchsage kündigt an, der Zug komme nicht in meine Heimatstadt „wegen Personenschadens im Hauptbahnhof“, man könne aber hier nicht aussteigen, da der Bahnsteig hier zu kurz sei, der Schaffner werde das Zugende wechseln und zurückfahren. Die Orte die er anfahren will, kenne ich und blitzschnell wird mir klar, dass das ein Umweg von mindestens 150 Kilometern werden wird, und dass dann immer noch nicht klar ist, wie ich nach Hause komme. Den Gesichtern der Mitreisenden sehe ich an, dass sie ähnliche Überlegungen anstellen. Verzweiflung, Panik, Wut und beginnendes Aufbegehren lese ich darin. Und tatsächlich werden erste Stimmen laut. So beginnt eine Meuterei, denke ich noch. Es wird turbulent, überall wird telefoniert, Menschen quetschen sich aneinander vorbei. Der Unmut kommt wohl auch bei Zugführern und Zugbegleitern an.

Endlich kommt eine weitere Durchsage, man könne doch aussteigen, wenn man ausschließlich die Tür in Wagen 25 benutze. Jetzt ordnet sich das Chaos und eine große Menschenschlange setzt sich mit Gepäck in Bewegung, ich und Koffer und Hund mittendrin. Bei einsetzender Dunkelheit stehen wir Gestrandeten auf dem kleinen Bahnhofsvorplatz, ein ebenfalls gestoppter Regionalzug hat die Zahl der Leute auf einige Dutzend anwachsen lassen. Unvermittelt sind wir zu einer kleinen Schicksalsgemeinschaft geworden und da heißt es zusammenhalten. Der nächste Bus kommt in eineinhalb Stunden. Auf den warten wir nicht. Daher schließen wir uns zu taxitauglichen Grüppchen zusammen und telefonieren. Ein junger blonder Mann nimmt die Sache in die Hand, mit von der Partie sind ein Pendler, der heim zu Frau und Kind will, eine ältere Dame, die sich um die anfallenden Kosten sorgt und ich mit  dem schwarzen Hund.

Endlich kündigt sich das Taxi an, doch der Fahrer finde den Bahnhof nicht. Wir Wartenden schauen uns an, Fragezeichen im Blick. Na gut, dann laufen wir eben dem Taxi entgegen, er warte an der Tankstelle, dessen rotgelbes Schild wir in der Dunkelheit leuchten sehen. Als wir endlich ankommen, mault der Taxifahrer, dass der Hund nicht angegeben worden sei am Telefon, er möge Hunde nicht, wegen der Fussel. Aber nun bin ich so weit, dass ich auf derartige Empfindlichkeiten keine Rücksicht mehr nehme. Und außerdem sind das Haare, keine Fussel. Wenn schon, dann richtig! Ich quetsche mich wortlos auf den Beifahrersitz und Laki inspiziert unterdessen haarend den Fußraum nach Krümeln.

Hier ist es warm, das Taxi kommt im Feierabendverkehr langsam, aber stetig vorwärts. Wir Reisende unterhalten uns. Dabei erzählt der junge blonde Mann von seinem letzten Auftrag in Hamburg. Ich vermute erst, dass er als Model arbeitet, aber er singt. Er habe schon in früher Jugend mit Erlaubnis seiner Eltern immer mal wieder Filmchen bei YouTube eingestellt und dann sei Sony auf ihn aufmerksam geworden, er sei von denen zu einem längeren Workshop für Songwriting in Nashville geschickt worden und habe später einen Vertrag von Sony bekommen. Ich bin spontan beeindruckt und google später seinen Namen Mika Setzer. Und in der Tat hat der Junge was drauf, wenn es auch nicht das ist, was ich so höre.

Am Heimatbahnhof zahlen wir jeder 6 Euro und ich sehe beim Aussteigen aus dem Taxi in der Dunkelheit schon den Bus, der mich und Laki nach Hause bringen wird.

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