Badefreuden

Nördlich von Burghausen gibt es ein so genanntes „Bäderdreieck“, Bad Füssing, Bad Griesbach und Bad Birnbach. Thermalquellen verhalfen im vergangenen Jahrhundert einem eigentlich armen Landstrich zu enormem Aufschwung.

Und seit Jahren schlummert in einer Schublade meiner Schwester ein Gutschein für zwei Personen zu einem vierstündigen Aufenthalt. Ich habe einen Badeanzug und Badeschlappen dabei (und bin frisch gewaxt), die Schwester steuert Bademantel und Handtücher bei und der studierende Neffe passt im Haus auf unsere insgesamt drei Hunde auf. Also nichts wie weg!

Wir sitzen im Auto und der Vollständigkeit halber zeigt das Navigationssystem den Weg. Aber nicht mit meiner Schwester! Unvermittelt biegt sie ab: „So ist es kürzer, das wird die Susi (ah, hier heißt sie Susi, nicht Steffi wie bei mir) gleich einsehen.“ Aber die Susi ist erstaunlich stur. Nachdrücklich bleibt sie bei ihrem Vorschlag zu wenden. Meine Schwester ist leicht ungehalten über diese dumme Streckenführung. Es geht einen Berg hoch, die Straße wird enger. Endlich löst sich das Rätsel: Die Schwester hatte von den drei Bädern das richtige eingegeben, aber das falsche im Kopf gehabt. Nach meiner gestrigen Fehlleistung beim Aussteigen aus dem Zug bin ich ganz erleichtert, dass nicht nur ich manchmal etwas benebelt im Kopf bin.

Als wir in Bad Füssing ankommen, habe ich Hunger und muss aufs Klo, wie sollte es auch anders sein. Auf die Schnelle versuchen wir, für mich eine Brezel zu organisieren. Leider kommen uns da zwei wundervolle Steppjacken in den Weg, die Größen passen uns. Zuletzt trugen wir Partnerlook in unserer Kindheit, damals wider Willen, ich immer in rot und sie immer in blau. Diese hier sind beide blau und toll verarbeitet. Wir probieren, ich zücke die neue Kreditkarte, wir bekommen den günstigeren Preis, und dann verlassen wir den Laden mit einer riesigen Tasche, aber ohne Brezel. Die kriegen wir in einem Café. Und das Problem mit meiner vollen Blase regle ich im Saunahof, kaum, dass wir drin sind.

Die Kartoffelsauna ist die erste, die wir finden. Dort ist es leer und wir breiten uns auf den Holzbänken aus. Leute kommen herein, noch welche, noch mehr. Wir schwitzen noch nicht einmal, da ist die Sauna so voll, dass die Heizkraft der Menschen fast ausgereicht hätte, um sie in Betrieb zu halten. Der Schwester wird es zu bunt, aber ich will bleiben, getreu meinem Vorsatz „Im Sabbatjahr mache ich Dinge, die ich noch nie gemacht habe“. Endlich kommt ein Mann in Bademeisterbekleidung herein und stellt ein Tablett mit winzigen weißen Schalen ab, ein Sandelholz-Meersalz-Peeling. Er gibt kurze Instruktion und überlässt uns dem weißen Gebrösel. Da wir zu zweit sind, bedenken wir auch den Rücken, ich achte sorgfältig darauf, jeden Zentimeter Haut mit Ausnahme der Gesichtshaut zu peelen. Später, nach dem Duschen ist meine Haut wundervoll zart. Wir statten dem warmen Sprudelbad im Innenhof einen Besuch ab, verbringen Zeit im Sole-Dampfbad, von dem ich mir Linderung meiner Erkältung erhoffe. Jetzt wollen wir etwas trinken. Wasser haben wir dabei, mehr als genug, aber es gibt ein Restaurant. Leider gibt es keine laktosefreie Milch. So bin ich gezwungen, statt des Kaffees ein kleines Bier zu trinken. Ich muss gestehen, ich habe schon größere Opfer gebracht. Die Schwester muss später noch Auto fahren, sie kriegt nur ein Heißgetränk.

Nun sind wir müde. Es gibt mehrere ganz unterschiedlich eingerichtete Ruheräume, alle sind recht voll. Da entdecken wir hoch unter dem Dach den Ruheraum mit Wasserbetten – zwei nebeneinander sind frei. Das Hinlegen gestaltet sich recht schwierig, da die Dinger wirklich schwappen. Auch muss man darauf achten, dass man so einigermaßen bedeckt liegt, was mit Bademantel schwierig ist. Die Schwester zieht die rosa-pinke Kapuze weit ins Gesicht, was sie ein wenig aussehen lässt wie einen geschmacksverirrten Sensenmann. Aber als wir dann endlich unsere Position gefunden haben, sinken wir fast zeitgleich in den Schlaf. Von unten strahlt Wärme, es ist weich und ruhig, wir wachen erst eine Stunde später wieder auf. Als wir dann im Klo nebeneinander vor dem Spiegel stehen, sehen wir beide um Jahrzehnte verjüngt aus.

Wir ziehen die Badeanzüge an und gehen durch einen Gang hinüber in die Therme. Die Menschen stehen unter freiem Himmel bis zum Hals im warmen Wasser, ein Mann hat einen altmodischen Hut auf, was sicher Sinn macht, wenn der Haarwuchs schwächelt. Wir sind ein bisschen unschlüssig, was wir da drin machen sollen, schwimmen soll man nicht, klärt mich die Schwester auf. Also zeigt sie mir, wie ich in der Wärme meinen Oberschenkelvordermuskel dehnen kann, das habe ihr bei Hüftschmerzen geholfen. Wir dehnen und giggeln und sind eindeutig die lautesten Leute im ganzen Pool. Plötzlich ertönt Musik aus dem Lautsprecher „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen, … ♪“. Alle Menschen drehen sich um und blicken auf eine kleine Brücke, die mir vorher noch nicht aufgefallen war. WASSERGYMNASTIK! Die Schwester setzt an zur Flucht, aber ich will bleiben, weil „im Sabbatjahr, …“, eben. Ein junger Bademeister erklimmt die Brücke und leitet an. Die Übungen sind einfach, vermutlich für ältere Leute konzipiert. Die Musik hat gewechselt zu „Wann wird es endlich wieder Sommer?“ und „Anita, Anita, Anita, …“. Wir kriegen hier unsere Kindheit musikalisch aufbereitet. Das hat den Vorteil, dass wir die Texte können. Und da die Schwester Musikerin ist, kann sie auch noch wirklich gut mitsingen. Mittlerweile gucken die Leute zu uns. Auch weil es immer so wundervoll spritzt, wenn wir die Übungen machen. Und peinlich sein, das fällt uns schon immer leicht.

pool water splash feet
Photo by Markus Spiske temporausch.com on Pexels.com

Als die Gymnastik vorbei ist, schaffen wir es punktgenau, geduscht und angezogen am Ausgang zu erscheinen.

Am nächsten Tag habe ich schlimmen Muskelkater.

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