Berlin – immer eine Reise wert!

Tochter, Schwiegersohn und der eineinhalbjährige Enkel wohnen in Berlin und ich sehe sie leider viel zu selten. Daher darf Laki für drei Nächte zu ihrem Lieblingshundesitter, das Futter gebe ich in Tupperdosen vorportioniert und vorgefrostet mit. Das Wohnmobil bleibt hier, denn ich fahre mit dem Zug.

Mein Koffer ist groß und schwer, denn ich habe außer meinen eigenen paar Habseligkeiten Unmengen von Geschenken, Mitbringseln und Dingen, die der Tochter gehören und die schon zu lange bei mir rumliegen. Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen angesichts meines Gepäcks, wuchtet dann jedoch behände alles in den 5. Stock. Klar, dass der Dreikäsehoch begeistert zuschaut, als wir den Koffer öffnen. Schnell entdeckt er, dass die mitgebrachten hölzernen Tiere nicht nur auf Rollen nachgezogen werden können, sondern dass sie auch Salti machen können. Den Abend verbringen wir, indem wir die Holztiere schubsen und dem quietschenden Jungen ebenfalls auf dem Teppich zum Salto zu verhelfen.

Am nächsten Morgen kündigt die Tochter an, sie wolle zum Waxing, da gebe es einen netten Laden gerade ein paar Meter weiter. Ich bin im Sabbatjahr. Im Sabbatjahr riskiere ich Dinge, die ich bisher noch nicht gemacht habe. Beim Waxing war ich noch nie, also gehe ich mit. Die junge Brasilianerin öffnet lachend die Tür und bittet uns, noch kurz zu warten. Auf dem kleinen Tischchen liegt die Liste der Behandlungen, die hier im Angebot sind und die jeweiligen Preise dazu. Allein für die Beine gibt es die unterschiedlichsten Kombinationen und für die Bikinizone auch. Auf der Liste stehen auch Angebote für Männer. Das Bartwaxing ist darunter. Allein beim Lesen bekommen wir Respekt vor dem Mut desjenigen, der dies wagt. Ich bin als erste dran und verkünde umgehend, dass dies mein erstes Mal sei. „Kein Problem,“ meint sie „ich erkläre dir alles.“ Ok, ich werde offenbar hier geduzt, aber das fühlt sich in Ordnung an. Ich solle meine Jeans ausziehen und hier warten, gegen die Kälte solle ich mich vorerst zudecken. Als sie wiederkommt und ich mich nicht zugedeckt habe, lacht sie. Die Deutschen seien eben halbe Wikinger. Sie verteilt ein wenig braune warme Masse mit dem Spatel an meinem Puls und zieht dies dann nach dem Erkalten mit einem Ruck ab. Das tut überhaupt nicht weh, ist aber kein Wunder, da habe ich ja auch keine Haare. Nun wird es ernst. Locker plaudernd geht es an meinen dichten Pelz. Aber die Frau versteht ihr Handwerk und nach kaum fünf Minuten bin ich nahezu schmerzfrei all die Haare los, über die ich mich schon seit Jahrzehnten geärgert habe. Da muss man erst so alt werden, bis man endlich die Kontrolle über seinen Haarwuchs übernimmt. Schon beim Aufstehen weiß ich, dass ich das ab jetzt regelmäßig machen werde. Während die Tochter sich enthaaren lässt, warte ich lesend und gucke, wer da außer uns sonst noch so kommt. Ich bin erstaunt, denn es sind Frauen jeden Alters und jeden Aussehens. Fast schäme ich mich, dass ich im Vorfeld vermutet habe, das wären nur bestimmte Frauen, nur solche … , welche sich einem Waxing unterzögen.

Nach dem Mittagsschlaf des Enkels fahren wir mit dem Bus nach Moabit in die Arminiusmarkthalle. Es ist mehr ein Foodmarket denn ein Markt, daher hat er auch am Samstagnachmittag geöffnet. Es gibt italienische, asiatische und auch kanadische Spezialitäten. Letzteres probieren wir. In einem aufgesägten rotweißen VW T2 werden Pommes mit Gravy – einer dicken Soße – bedeckt und drüber kommt je nach Wunsch Käse, Sauerkraut, Fleisch, oder Wurst, oder auch alles zusammen. Dazu gibt es panierte und frittierte, mit Puderzucker überstäubte und Ahornsirup begossene Käsewürfel. Die sind unglaublich köstlich. Dazu trinken wir ein Berliner Craftbeer. Sehr, sehr lecker! An diesem Abend brauchen wir kein warmes Abendessen!

Der nächste Tag ist diesig. Daher gönnen wir uns ein ausgiebiges Frühstück. Erst spät ziehen wir uns an und fahren nach Kreuzberg. Wir gucken Schaufenster und als der erste Hunger aufkommt, suchen wir uns ein Lokal. Der Schwiegersohn wünscht sich Kuchen, uns anderen ist eher nach etwas Deftigem zu Mute. Ein russisches Lokal zieht uns an und nachdem die Tochter drinnen geguckt hat, verkündet sie uns draußen Wartenden: „Wir können rein, es ist Platz, das Essen sieht lecker aus und die haben sogar ein Spielzimmer!“ Drinnen ist es warm und sehr gemütlich. Eigentlich bin ich froh, dass ich den unsäglichen Tapeten und dem altmodischen Mobiliar meiner Kindheit entflohen bin. Hier feiert es fröhliche Urstände. Trotzdem wirkt es heimelig und irgendwie passend. Leider haben sie keinen Kuchen. Aber das merken wir erst, als wir die Speisekarten vor uns haben. Doch wir Frauen kommen mit einem Vorspeisenteller und diversen gefüllten Teigtaschen voll auf unsere Kosten.

Als ich am Kanal mit dem Enkel später Schwäne gucke, gehen die beiden anderen in einen Donut-Laden und kommen mit einem kleinen Karton für vier wieder heraus. Die Menschenschlange vor dem Laden reicht bis auf die Straße, und das sei immer so, versichert man mir.

An diesem Abend zaubert der Schwiegersohn aus allem, was das Gemüsefach hergibt einen absolut delikaten orientalischen Auflauf. Und Donuts gibt es ja auch noch.

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