Heimwärts – nach Hause.

Heute wollen wir bis Südtirol kommen. Dort plant Herr W. für eine Geburtstagsfeier den Zug nach Deutschland zu nehmen, während ich noch eine Nacht bei meiner Schwester in Schlanders bleiben möchte. Sie postet die ganze Zeit so tolle Fotos von den Wanderungen dort und ich hab Lust, einen Tag dabei zu sein. Also fahren wir zeitig los, das Auto vollgepackt mit allem, was wir mit nach Hause nehmen wollen und tanken noch einmal in Ostia. Die Straße nach Rom gefällt uns, es gibt drei Fahrspuren, die durch jeweils eine Reihe Schirmpinien getrennt werden. Herr W. ist hin und weg: solche Alleen kennzeichnen für ihn Rom.

Von Rom selbst kriegen wir wieder nur die ganz große Umgehung mit. Weiter nach Norden, durch die Toskana, die Poebene geht es. Herr W. fährt und ich gucke raus. Später hören wir die CDs „Gebrauchsanweisung für Italien“, gelesen von Ulrich Tukur, die ich mir vor der Reise noch in unserer Stadtbibliothek ausgeliehen hatte. Jetzt, am Ende der fünf Wochen, können wir vieles, was wir da hören entweder schmunzelnd abnicken oder aber auch kontrovers kommentieren.

Draußen wird es immer trüber. Wo ist er nur hin, unser sizilianischer Sommer?! Beiläufig gucke ich auf dem Handy nach der Wetterprognose und erfahre, dass Südtirol morgen mit anhaltendem und überaus ergiebigem Regen zu rechnen hat. Auch die anderen Wetterportale sprechen die gleiche Sprache. Also sage ich der Schwester ab – für einen Regentag muss ich nicht in Südtirol sein – und Herr W. und ich planen, so weit nach Norden zu fahren, wie es uns sinnvoll erscheint. Es wird dunkel und fängt an zu tröpfeln. Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren auf einer Reise den Stellplatz in Klausen / Chiuso kennen gelernt habe und den in Ordnung fand. Wir verlassen die Autobahn und Herr W. hält vor dem Campingplatz an, zu dem der Stellplatz gehört. Ich gehe rein und werde zum ersten Mal seit Wochen wieder auf deutsch begrüßt. Nachdem alles geregelt ist, fragt die junge Dame am Tresen, wo wir her kämen und als ich „Sizilien“ sage, macht sie eine erschrecktes Gesicht und fragt, ob das nicht alles ganz furchtbar gewesen sei, mit den Unwettern. Da erst wird mir bewusst, dass offenbar ganz Italien Bilder gesehen hat von Starkregen und Stürmen in Sizilien, und dass wir, die wir tatsächlich im betreffenden Zeitraum dort gewesen sind, wie durch ein Wunder davon nichts mitbekommen haben. Was sie und ich noch nicht wissen ist, dass Italien die eigentlichen furchtbaren Katastrophen dieses Herbstes erst einige Tage nach unserem Gespräch erwarten wird.  Aber da wird unsere kleine Reisegruppe bereits wohlbehalten im trockenen Deutschland sein.

Herr W. und ich schnappen uns den Hund und gehen zum ersten Mal auf dieser Reise warm eingepackt und mit Schirm bewaffnet in den Ort. Dabei kommen wir auf einer Brücke über die Eisack, wo Laki einen Hundefreund findet und auch bald ihr Geschäft erledigen kann. Wir schauen uns die Karten der Lokale an und stellen fest, dass die Preise hier deutlich über denen liegen, die wir in den letzten Wochen gezahlt haben. Die Karte vom Hotel Post gefällt uns. Hinten im Nebenraum ist eine Familienfeier mit viel Radau, auch hier wird wieder deutsch gesprochen, aber vorne finden wir noch Platz. Laki schlüpft unter die Bank an die Heizung und wir ordern Bier, Rindersuppe, Rindfleisch mit gedämpftem Gemüse und Salsa Verde. Dazu kommt Brot auf den Tisch, Schwarzbrot, mit deutlicher Anisnote. Ich könnte mich an dem Brot satt essen! Als ich aufs Klo gehe, spreche ich den Inhaber an, weil mich interessiert, in welcher Sprache die Kinder hier unterrichtet werden. Er erklärt mir, dass es sowohl italienischsprachige als auch deutschsprachige Schulen hier gebe und dass die Eltern entscheiden, welche Schule das Kind besucht. Doch egal, wie gewählt wird, die jeweils andere Sprache wird dann von der Grundschule an als erste Fremdsprache unterrichtet. So ist dieser Landstrich tatsächlich komplett zweisprachig, und wenn man das oben in den Bergen gesprochene Ladinisch dazu nimmt, sogar in Teilen dreisprachig.

Während der Nacht setzt der Regen ein. Unermüdlich trommelt er aufs Blechdach des Autos. Daher wachen wir recht früh auf und gehen wieder in die kleine Stadt zum Frühstück. Am Abend haben wir einige Cafés gesehen und hoffen nun, da etwas zu bekommen. Doch dort gibt es nur Wein. Da heute hier Markt ist, sind die Lokale durchaus jetzt schon frequentiert von Marktbesuchern, die sich mit einem Gläschen aufwärmen. Endlich finden wir ein einfaches Café. Ich kriege ein Kännchen Tee mit Apfelstrudel und Herr W. Kaffee mit einem dick belegtem Speckbrötchen. Wir sitzen in der Ecke und sehen den anderen Besuchern zu. Alle kennen sich offenbar, viele müssen gar nicht sagen, was sie wollen, die Wirtin stellt unaufgefordert Speisen und Getränke hin. Obwohl jeder hier jeden kennt, vermutlich von Kindesbeinen an, läuft die Kommunikation eher sparsam, mit einzelnen Worten, Geräuschen, Gesten. Herr W. vermutet, dass das dem abgeschiedenen Leben im Berg geschuldet sei. Vor mir sitzt eine kräftige alte Frau, den Geldbeutel hält sie mit zwei Händen fest. Die Wirtin bringt ihr sowohl ein Glas Rotwein als auch ein Glas Weißwein und stellt beide hin. Die Alte nickt. Später kommt ein Teller mit undefinierbarer Suppe und dazu ein Brötchen. Die Frau legt den Geldbeutel in die Tasche, schließt sie und stellt sie neben sich auf die Bank. Sie nimmt den Löffel und beginnt konzentriert und langsam zu essen. Suppe, dazwischen Brötchen, ein Schluck Weißwein. Ein alter hagerer Mann mit verschmitzten Augen und blauer Handwerkerschürze kommt herein und setzt sich zum Rotwein. Die Frau nickt und isst mit der gleichen unergründlichen Hingabe weiter. Endlich ist sie fertig, wischt den Teller mit dem letzten Bissen Brötchen aus und leert das Glas. Der Mann ist auch fertig mit seinem Rotwein, er nickt und steht auf, einige Zeit später steht auch die Frau auf. Während dieser Zeit haben die beiden Menschen keine zehn Wörter gesprochen. Auch wenn es sicher mehr als unhöflich war – ich konnte gar nicht aufhören, sie zu beobachten.


Als auch wir rausgehen sehe ich das Schild, das verkündet, dass es heute Saure Suppe gebe. (Wenn ich das gewusst hätte, die hätte ich sicher auch probiert. Ich bin in diesen Dingen sehr neugierig.) Es ist ein typisch Südtiroler Rezept:

  • 400 g weichgekochter Rinder- oder Schweinemagen (Kutteln)
  • 
2 Zwiebeln
  • 3 EL Öl
  • 2 EL Mehl
  • 1 1/2 l Wasser / Fleischsuppe
  • Piment (Neugewürz), Salz, Pfeffer
  • 2 Knoblauchzehen
  • etwas Schale von 1 Zitrone
  • 1 Lorbeerblatt
  • 
etwas Essig

Die Kutteln in feine Streifen schneiden und mit den feingehackten Zwiebeln in Öl anrösten. Mit Mehl bestäuben, weiterrösten und dann mit Fleischsuppe oder Wasser aufgießen. Die Gewürze dazugeben und langsam eine halbe Stunde kochen lassen. Zum Schluss mit Essig abschmecken.


Wir kommen am Markt vorbei, der mittlerweile aufgebaut ist. Herr W. kauft sich bei dieser Gelegenheit dort seine diesjährigen Filzpantoffeln. Sie sehen gut aus, schwarz mit dicker weißer Sohle. Ein bisschen grinsen muss ich, weil der alte Verkäufer sie unentwegt „Schlüpfer“ nennt.

Vor dem Auto reißt plötzlich für einen Moment der Himmel auf und ich sehe hoch droben das Kloster Säben.

20181027_095417647742665.jpg

Am Brenner kommt zum Regen Schneegraupel dazu. Ich mache mir Sorgen, weil wir ja keine Winterreifen haben, aber nach einigen Kilometern hört der auch wieder auf. Der Regen dagegen begleitet uns bis an die österreichisch-deutsche Grenze. Die überqueren wir dann gleich dreimal hintereinander, weil wir erst in Deutschland merken, dass das Diesel in Österreich viel billiger ist und sich die paar Kilometer Umweg wirklich lohnen.

Erst in Deutschland wird es trocken. Wir ahnen, dass es hier schon seit vielen, vielen Wochen nicht ergiebig geregnet hat. Unterwegs setze ich Herrn W. ab und fahre mit Laki nach Hause. Ich schaffe es sogar noch, in einem Rewe-Markt ein bisschen zu Essen fürs Wochenende zu kaufen. Als ich schließlich die Wohnungstür aufschließe, ist es draußen dunkel und drinnen gemütlich warm.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s