Auf dem Campingplatz von Lido di Ostia

Wir fahren in die Nacht. Jetzt sind wir definitiv auf dem Heimweg. Da ich mich immer noch nicht vom Meer verabschieden möchte, haben wir entschieden, auf der Höhe von Rom noch zwei Nächte an der Küste zu verbringen. Ostia hat zwei Campingplätze, die noch offen sind, den mit Strandzugang wählen wir. Spät am Abend kommen wir an und freuen uns schon auf das Abendessen. Die App auf dem Handy verkündet nämlich, dass das Restaurant des Platzes noch offen hat. Wie das auch sein mag, wir sind hungrig und nehmen, was da ist.

Doch der Platz ist dunkel, die Rezeption hat geschlossen, im Restaurant sitzt ein Pärchen bei Tee und ein alter Mann vor seinen vielen Plastiktüten. Die Essensausgabe ist geschlossen, niemand nimmt Kenntnis von uns. Unschlüssig laufen wir ein wenig durch den Raum, rufen leise, nichts ändert sich. Ich gehe auf eigene Faust in den Nebenraum, dort sitzt eine Mitarbeiterin des Campingplatzes vor dem Computer. „Gerne können sie zwei Tage bei uns bleiben, suchen sie sich irgendwo einen Platz. – Das Restaurant? Das haben wir letzte Woche geschlossen. – Essen? Hier in der Nähe? Ich telefoniere mal …!“ Die Dame hängt sich ans Telefon und nach zwei Telefonaten haben wir einen Platz reserviert in einem Fischrestaurant in einem knappen Kilometer Entfernung.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir gehen parallel zum Strand entlang einer vollkommen leeren vierspurigen Straße in der Dunkelheit nach Norden. Die Straßenlaternen erhellen die surreale Szenerie, eine Prostituierte sitzt auf ihrem mitgebrachten Holzstuhl. Als ein einzelnes Auto vorüber fährt, springt sie auf und tanzt mit hektischen Bewegungen auf die Straße. Das Auto fährt weiter und sie setzt sich wieder hin. Wir haben hier etliche Frauen dieses Gewerbes gesehen, teilweise stehen auch nur einzelne leere Holzstühle auf dem Gehweg, dann ist die Frau weg und wird wohl nachher wieder kommen. Eine hat ihre sämtlichen Habseligkeiten dabei in einer rosafarbenen Büchertasche mit Schmetterlingen und Einhörnern drauf. Auf einem Parkplatz stehen einzelne ziemlich heruntergekommene Wohnmobile, die der feste Arbeitsplatz der etwas besser gestellten Prostituierten sein dürften.

Endlich kommen wir im Fischlokal an, es ist riesig und außer zwei Frauen am Fenster sind wir die einzigen Gäste. Die Reservierung hieß nicht „Haltet den Leuten einen Platz frei!“, sondern vielmehr „Macht noch nicht zu, da kommen noch welche!“, das wird uns jetzt klar. Aber das Essen ist köstlich, ich habe mit das leckerste Meeresfrüchterisotto meines Lebens. Ein Bier für jeden von uns, ein Dessert für Herrn W. und die Garnelenkarkassen für Laki – so sind wir alle zufrieden.

Auf dem Heimweg zu unserem Campingplatz laufen unvermittelt an der einsamen Straße vor uns dutzende von kichernden, leicht angeheiterten pubertierenden Mädchen. Wie wir später feststellen, sind sie tschechische Schülerinnen, die mit ihrem Bus, einigen Lehrerinnen und zwei Busfahrern hier auf den Campingplatz gekommen sind, wohl um Rom zu besichtigen. Die Mädchen schlafen in Holzhütten auf dem Campingplatz, die Busfahrer sitzen die gesamte Zeit im Reisebus. Vermutlich schlafen sie auch darin.

Wie alle Campingplätze ist auch dieser eine Welt für sich. Wenn die Plätze leer sind und man selbst schon eine Weile unterwegs ist, ist es viel leichter möglich, einzelne Gäste ausgiebig zu beobachten und sich zu überlegen, was das wohl für welche sind. Hier gibt es viele „Gestrandete“. Im Waschhaus lädt eine Frau ihr Handy und sie treibt sich ständig dort herum. Sie hat wohl keine andere Möglichkeit dazu und fürchtet, dass ich ihr das Handy klauen könnte. Ein Mann kommt spätabends mit dem Fahrrad, auf dem er alles transportiert, was er hat. Er baut das kleine Zelt auf und kauert schon früh am Morgen an seinem kleinen Kocher. Seine Kleider hat er alle an, es ist kühl und feucht. Wir sehen nicht, was er den Tag über macht, aber er ist am Abend immer noch da. Auch der Mann mit seinen vielen Plastiktüten, der am ersten Abend im geschlossenen Lokal saß, scheint in diese Kategorie zu gehören. Ein eindeutig russisches Ehepaar mit teurem Auto und winzigem Hund schläft im Auto auf der Rückbank. Die Frau hat immer nur ihren Bikini an und der Mann einen seidenen Morgenmantel. Sie kocht mit Campinggeschirr im Stoffpavillion, er läuft mit einem kaputten gefüllten Sektglas herum. Mittags kommt er zu Herrn W. und fragt in passablem Englisch, ob es uns etwas ausmachen würde, wenn wir am Abend auf das Auto ein wenig aufpassen würden. Als ich neugierig nachfrage, erzählt er bereitwillig die Geschichte: Seine Frau und er waren mit dem Hund am Strand. Als sie zurückkamen, war das hintere Fenster des Combis eingeschlagen und Diebe hätten alle Kleider der Frau, einen Teil der Papiere, darunter den Impfausweis für den Hund ohne den sie in Russland nicht wieder einreisen können, alles Geld, den Schmuck der Frau und einige Karten gestohlen. Daher seien sie auf diesen Platz gekommen, um in einer der Holzhütten zu wohnen, bis an der Botschaft die wichtigsten Dinge wieder beschafft und das Ersatzfenster eingebaut sein würde. Aufgrund von einer schlimmen Allergie der Frau gegen Ungezieferbekämpfungsmittel mussten sie aus der Hütte wieder ausziehen und wohnten seither im Combi. Ob die Geschichte bis aufs Letzte wahr ist, wissen wir nicht. Jedoch ist sie gut und tatsächlich ist das Fenster kaputt.

Laki ist weg. Ich rufe. Herr W. ruft. Wir beide schreien uns immer hektischer fast die Seele aus dem Leib. Das ist für Laki sehr ungewöhnlich, denn sie folgt im Allgemeinen sehr gut. Wo kann sie denn auf dem Campingplatz hin gelaufen sein? Endlich kommt sie zögernd und mit sichtlich schlechtem Gewissen unter eine der Holzhütten hervor. Da muss etwas Fressbares im Spiel gewesen sein. Ich laufe sogleich zur Rezeption und frage, ob hier Rattengift oder dergleichen ausgelegt worden sei. Glücklicherweise verneint der Herr dort, meint aber, die Katzen würden mit Trockenfutter versorgt. Die Sache geht gut für uns aus, Lakis Hinterlassenschaften am nächsten Tag sprengen jeden Hundekackbeutel, dann kommt der Durchfall, aber am Ende geht es ihr nach einem Fasttag wieder besser.

Nach Einbruch der Dunkelheit ertönen die Trommeln. Erst halte ich es für eine Sinnestäuschung, aber dann kann ich es nicht mehr ignorieren. Es klingt nicht, als käme das von einem Autoradio von der Straße, es ist irgendwie näher. Ich gehe den Tönen nach und stelle mit Erstaunen fest, dass zwei Frauen und sechs Männer im leer geräumten Restaurant im Kreis stehen, jeder eine riesige Trommel vor den Bauch geschnallt und gemeinsam trommeln. Einer scheint der Lehrer zu sein, die anderen machen mit. Dabei treten sie mit beiden Beinen abwechselnd den Grundrhythmus und improvisieren. Es ist laut, chaotisch und gleichzeitig von präziser Ordnung. Ich stehe draußen in der Dunkelheit und ertappe mich dabei, wie ich ebenfalls anfange, im Grundschlag von einem Fuß auf den anderen zu treten. Ich hole Herrn W. dazu, wir schauen gemeinsam. Kurze Zeit später ist es wieder vorbei.

Am letzten Abend gehe ich noch einmal mit Laki an den Strand, ich will mich vom Meer verabschieden. Er ist weitgehend leer und zeigt jetzt im Herbst im Schein der untergehenden Sonne einen morbiden Charme. Laki findet mehrere riesige Fischkarkassen, wir diskutieren eine Weile und ich setze mich damit durch, dass Fisch vom Strand heute nicht gefressen wird. Wir hocken uns in den grauen Sand und gucken. Zurück laufe ich barfuß im Saum der Wellen, völlig eins mit mir und der Welt.

 

 

 

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