Aus der Asche gehoben

Pompeji ist laut Reiseführer eine Stadt, die sich in den letzten Jahren durchaus zum Positiven gewandelt hat. Wir allerdings kriegen davon nichts mit. Um zu den Ausgrabungen zu kommen, müssen wir die Vororte durchqueren und die sind abgrundtief hässlich. Das Navigationssystem weiß selber nicht so recht, wie es uns leiten soll und so kommen wir ganz schön rum. Das hat den Vorteil, dass wir an einer sensationell günstigen Tankstelle vorbei fahren, was ja in diesen Zeiten nicht allzu oft passiert. Aus Schaden klug geworden verkünden wir dem herbeieilenden Tankwart gleich, dass wir auf jeden Fall keinen Service wünschen. Service an Tankstellen ist in Italien durchaus noch üblich und es ist teuer, bis zu 20 Cent Mehrpreis pro Liter kommen vor. Der Tankwart nickt das ab, will aber das Geld für den Diesel in Bar. Mit unseren 100 Euro geht er in seinen Laden und als er wiederkommt, können wir die Zapfpistole nutzen, allerdings stoppt der Tankvorgang bei exakt 100 Euro. Was der Mann mit dem Bargeld macht, bleibt sein Geheimnis. Ich vermute mal, dass er das Geld einsteckt und die Differenz unter „ausgelaufenes Benzin“ verbucht – oder so ähnlich.

Vorbei an einer überfluteten Kreuzung, weil irgendein Wasserrohr geplatzt ist sind wir mit Lady Googles Hilfe unversehens am Hauptparkplatz zu den Ausgrabungen. Der Parkplatzwart winkt uns herein, hält uns ein Schild hin, das uns auf deutsch über den Parkpreis aufklärt und weist uns ein. Es ist teuer, richtig, richtig teuer. Allerdings steht das Wohnmobil ziemlich gut und vor allem stundenlang schattig, was für uns wichtig ist, denn wir wollen Laki drin lassen.

An der Kasse zu den Ausgrabungen frage ich, ob es möglich sei, dass ich zwischendrin kurz mal raus komme, um nach dem Hund zu gucken. Die Antwort ist eindeutig: Nein, das ist nicht möglich, die Elektronik der Schranken lässt das nicht zu.

Schweren Herzens löse ich zusammen mit Herrn W. das Ticket. Während er Laki das Alleinbleiben im beschatteten und belüfteten Auto zutraut uns sich keine Sorgen macht, bin ich mal wieder das überbehütende Helikopterfrauchen meines Hundes.

Das Stadtgebiet des antiken Pompeji ist riesig, es ist eine richtige Stadt. Ich konnte mir das vorher gar nicht recht vorstellen. Aber der ausgegrabene Teil, welcher der größere ist, ist so groß, dass es Stunden dauert, bis man überall gewesen ist. Es gibt dort alles, was es heute auch in einer Stadt gibt: Straßen, Plätze, Gasthäuser, Sportplätze und Schulen, Bäder, Gärten und agrarische Nutzflächen, Villengebiete und Slums, Geschäfte und Handwerksbetriebe, ein Wasserwerk, zwielichtige Ecken und Vorzeigegegenden. Es ist höchst erstaunlich, was die Archäologen in Kleinstarbeit alles herausgefunden haben.

Mich beeindrucken die Straßen, die genau eine Wagenbreite haben und wo man die Rinnen der Räder noch sieht. Diese Straßen sind tiefer gelegt, damit Wasser abfließen kann. Fußgängerübergänge sind hohe Trittsteine, so dass Wagen fahren, die Leute aber trockenen Fußes auf die andere Straßenseite kommen können.

Vor allem in den ehemaligen Villen sind einige Wandmalereien erhalten, auch Mosaiken und Statuetten. Bieder-naive Motive, detailliert naturalistische Darstellungen und fast Pornografisches sind gleichermaßen vertreten.

Mich beeindrucken die unzähligen Garküchen. Diese bestehen aus offenen gefliesten Theken zur Straße hin, wo große Tongefäße eingelassen sind, die wohl Suppen oder Soßen enthielten. Viele Häuser dort hatten keine eigenen Küchen, daher haben sich die Menschen überwiegend an der Straße ernährt, antikes Fast-Food sozusagen. Die italienische Küche dieser Zeit dürfte sich von der heutigen merklich unterschieden haben: Weder Tomaten noch Kartoffeln noch Reis oder Mais gab es, stattdessen Kichererbsen, Brot in verschiedenen Qualitäten, Getreidebrei, Datteln und Kapern und Oliven, verschiedene Kohlsorten und Granatäpfel, … Pizza, Gnocchi und Polenta kannte man nicht, dennoch schien das Essen sehr abwechslungsreich gewesen zu sein. Wein pflanzte man am Stadtrand an, im Ausgrabungsgelände gibt es dem antiken Vorbild nachgebaute Weinlagen. Gleichzeitig gab es für die reichen Leute schon Glas, für die Zubereitung der Speisen hatte man sehr spezielle und teils auch sehr liebevoll gestaltete Utensilien.

Erst im Laufe der Ausgrabungen entdeckte man vor Jahren, dass eine bestimmte Bodenstruktur darauf schließen ließ, dass darunter Menschen den Tod gefunden hatten. Ein damaliger Ausgrabungsleiter entwickelte ein Verfahren, bei dem man im Boden eine Öffnung suchte und dort Gips hineingoss. Man erhielt berührende Abgüsse der ehemaligen Menschen oder auch der Tiere im Moment ihres Todes. Sie werden in Vitrinen ausgestellt. Ihrer Wirkung kann man sich kaum entziehen.

Viel Raum nahmen im alten Pompeji Kult und Religion ein. Jede Villa hatte einen oder mehrere Hausaltäre, es gab Tempel und Kultstätten. Der öffentliche Raum für Diskussion und Rechtsprechung war riesig und ich kann mir kaum vorstellen, wie es war, wenn man sich dort zu Hunderten oder gar Tausenden traf.

Ich finde es sehr spannend, dass durch den Ausbruch des Vesuv eine ganze Stadt an einem Tag im Jahr 79 nach Christus quasi versiegelt ist. Man erhält ein Zeitfenster und je genauer die Forscher arbeiten, um so zuverlässiger ist das Bild, das entsteht. Meine Neugierde ist dadurch jedoch kaum befriedigt, im Gegenteil, ich würde zu gern noch sehr viel genauer wissen, wie man damals lebte als Bürger, als Priester, als Frau, als Sklave, als Kind, als Bäcker, als …, als …

Wir kommen zurück zum Auto. Mit bangem Herzen schließen wir auf. Laki freut sich uns zu sehen, läuft einmal ums Auto herum und hüpft wieder hinein in der Hoffnung, dass nun Zeit ist fürs Hundeabendessen. Wir tun ihr den Gefallen, legen die Route fest und fahren Richtung Rom.

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