Amalfitana – Zitronenland

„Um Salerno kommt man nicht herum“, zitiert Herr W. seinen Reiseführer. Die Doppeldeutigkeit der Aussage ist gewollt, wie aus dem weiteren Text deutlich wird. Salerno ist unter Wohnmobilisten gefürchtet wegen seiner engen und verwinkelten Gässchen, die Autobahnauffahrt für die Umfahrung zu finden gilt hingegen als knifflig. Genau das haben wir nun vor. Wir lassen Salerno im wahrsten Sinn des Wortes links liegen und nehmen die nächstmögliche Auffahrt auf die Autobahn, damit wir ja nicht Gefahr laufen, im Labyrinth der mittelalterlichen Sträßchen verloren zu gehen. Um es kurz zu machen: unser Plan klappt. Erst nach Salerno verlassen wir die Autobahn und kommen wieder an die Küste.

Aber welch ein Unterschied! Vor Salerno war der Küstenstreifen eben, intensiv genutzt, schmucklos bis hässlich. Nun schlängelt sich die Straße durch malerische Dörfchen ganz nah am Berg vorwärts. Links zeigt sich das blaue Meer tief unten, darüber der blaue Himmel. Rechts steigt der Berg steil an, dicht bepflanzt mit Zitronen, Wein, Obst, Gemüse und, wo das nicht geht, zumindest üppig bewachsen. In den Innenkehren führen Brücken über Bäche und kleine Wasserfälle. Zwischen Meer und Steilhang stehen die Häuser. Manche scheinen auf brüchigen Felsvorsprüngen geradezu darauf zu warten, dass sie ins Meer abstürzen, andere sind regelrecht in den Fels hinein gehauen. Parkplätze haben sie alle, manche Häuser sind Hotels oder Ausflugslokale, die haben sogar mehrere Parkplätze. Und vor uns liegt zwischen den Häusern die kurvige und enge Straße, die beiden Fahrbahnen kommen sich in die Quere, überdecken sich. Der weiße Mittelstreifen ist ein Luxus, der hier für überflüssig gehalten wird. Wenn ein Fahrzeug – und nicht selten ist das ein Reisebus – entgegenkommt, dann wird kurz verlangsamt und abgeschätzt, eventuell angehalten und der Spiegel eingeklappt, nötigenfalls setzt einer der beiden zurück, und dann geht es weiter. Es ist aufregend, die Aussicht wechselt alle paar Meter mit jeder Kurve radikal. Herr W. pflegt seinen mittlerweile bewährten italienischen Fahrstil und ich klammere mich mit beiden Händen an den Griff über der Beifahrertür oder stütze mich am Handschuhfach ab, stoße je nach Situation erschreckte Seufzer, spitze Schreie oder begeisterte Ausrufe aus.

Unser erstes Ziel heißt Ravello, eine kleine Stadt hoch oben. Den Parkplatz finden wir nach einer mühseligen Ortsdurchfahrt mit eingeklapptem Spiegel unter einer schroffen Felswand. Um in den Ort zu kommen, gehen wir einen kleinen eingemauerten Fußweg, der eigentlich zu den Gärten führt. Hier sehen wir die Zitronengärten von oben, häufig bewacht von netten Hunden, die darin frei umher laufen und sich über uns und vor allem über Laki freuen. An einem Garten bleibe ich stehen und bewundere ihn. Der Gärtner hat neben seiner Zitronenplantage ein großes Stück Land für Gemüse reserviert. Gerade bereitet er neue Beete vor und setzt Pflänzchen ein. Ich kann Fenchel ausmachen, Mangold, Kohl. Bei uns in Deutschland sind die Beete jetzt im Oktober herbstlich leer und werden für den Winter vorbereitet. Hier kann offenbar noch einmal geerntet werden. Der Bauer wird aufmerksam auf uns, ich lächle. Er gibt mir ein Zeichen und geht zu den Zitronen. Mit vier dicken Früchten kommt er wieder und wirft sie mir eine nach der anderen hoch auf den Weg. Ich freue mich sehr. Es ist, als dürfte ich einen kleinen Schatz mitnehmen.

Endlich sind wir im Ort. Wir trinken eine Kleinigkeit und wenden uns der Villa Rufolo direkt am Platz vor der Kirche zu. Laki darf mit hinein, wenn wir nur die Gärten ansehen und sie nicht mit in die Innenräume nehmen wollen. Zuerst geht es durch ein offenes Torhaus mit wunderhübschen Säulen und Mustern in einen wunderschönen Garten. Entlang der Mauern läuft in winzigen Rinnen Wasser, darin wächst Farn. Man sieht, alles ist fruchtbar und gedeiht im Überfluss. Von der oberen Terrasse sieht man die untere Terrasse mit geometrisch angeordneten Beeten und dahinter das Meer. Ich habe das Gefühl, ich sei in einen Reiseprospekt gefallen, so traumhaft ist die Kulisse. Hinter Farnen und Palmen ertönt aus unsichtbaren Lautsprechern Klaviermusik.

Endlich kommen wir an Herrn W.s absoluten Lieblingsplatz hier, zur vermutlich meistfotografierten Pinie der amalfitanischen Küste. Es gibt ein kleines Bänkchen, wir setzen uns. Dieser Ort ist tatsächlich wundervoll.

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Bevor wir Ravello verlassen, statten wir noch einem der vielen Läden mit Porzellan einen Besuch ab. Dazu muss man wissen, dass mein Name und das Wort Porzellanladen tunlichst nicht in einem Satz vorkommen sollten, und das aus guten Grund. Aber es passiert nichts. Wir staunen über die Vielfalt der Muster und Formen, aber auch über die Preise. Doch die meisten Dinge sind handgemalt, und Handarbeit hat eben ihren Preis. Dennoch kaufe ich ein paar Kleinigkeiten für die Daheimgebliebenen.

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Unser Wohnmobil schraubt sich wieder hinunter zur Küste bis nach Amalfi. Hier zu parken ist eine noch größere Herausforderung. Beim Bau dieser Städte hat definitiv noch niemand eine Vorstellung vom fahrbaren Häusern gehabt. Endlich gibt es am Ortsende einen Parkplatz auf der Mole. Doch Wohnmobile sind dort nicht zugelassen. „Auch kein ganz kleines? Nur für zwei Stunden? Wir wollen nur eine Kleinigkeit essen.“ Der Wachmann hat entweder seinen guten Tag oder er mag blaue Augen, jedenfalls lässt er uns hinein, legt dazu noch verschwörerisch den Finger auf den Mund. Ich besuche den dem heiligen Andreas geweihten Dom aus dem 9. Jahrhundert mit wunderschönem Kreuzgang und reich geschmückter Krypta, Herr W. trinkt einen Kaffee und Laki knüpft neue Kontakte.

Am Parkplatz treffen wir wieder den freundlichen Aufpasser. Nun müssen wir aber weiter, denn wir wollen noch vor Einbruch der Dunkelheit in Sorrent sein. Heute sind wir noch keine hundert Kilometer gefahren, und der Rest der Strecke wird weiterhin kurvig sein.

Sorrent ist eine Universitätsstadt an der Bucht von Neapel. Der Vesuv ist nicht weit. Wir finden einen Campingplatz, der zum Wasser hin in den Hang hineingesetzt wurde. Wieder ist alles grün. Ich bin immer wieder überwältigt von der Pflanzenvielfalt und der Üppigkeit. Hungrig machen wir uns bei Vollmond auf den Weg in die Stadt, stellen aber mit Erschrecken fest, dass zumindest die Fußgängerzone fest in der Hand der Touristen ist und dass die Preise dementsprechend hoch sind. Der Limoncello, ein Zitronenlikör, kommt von hier. Wir verkosten welchen, schieben den Kauf wegen des Gewichts auf und vergessen ihn dann. So gut ist er dann doch nicht. Endlich finden wir in einer Seitengasse ein kleines Lokal, nur wenige Besucher, eine appetitliche Speisekarte. Wir werden positiv überrascht, das Essen ist sehr, sehr lecker und die Besitzer sind freundlich. Man merkt, dass der Koch Fische liebt und sie zuzubereiten weiß.

Zum Zeltplatz nehmen wir einen anderen Weg über den kleinen Hafen mit seinen Fischerbooten und kleinen Lokalen. Mittlerweile ist es dunkel. Mehrfach sehen wir Fotos von Sofia Loren. Es muss eine Filmszene geben, in der sie genau hier gespielt hat. Vermutlich stammt sie auch aus der Nähe.

Es ist spät und wir sind froh, als wir wieder oben auf unserem Campingplatz sind.

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