Tschüss, Sizilien!

In der Nacht regnet es dauerhaft und ergiebig. Erst gegen Morgen hört das Getrommle auf dem Wohnmobildach auf. Weil wir heute ein gutes Stück Fahrt vor uns haben, schnappe ich mir meine Laki und wir gehen auf dem fast leeren Campingplatz „Gassi“. Am schönsten ist es am Strand, und da hier weit und breit niemand ist, zieht es uns dorthin. Was für ein Glück, dass niemand mich sieht, wie ich im Schlafanzug und in meinen Crocs über die Kiesel stapfe, die glücklicherweise wieder festen Hinterlassenschaften meines Hundes inspiziere und umgehend verscharre und wie ich dann barfuß bis ganz nach vorne auf die Mole laufe. Hier gischtet es ganz schön, aber in der Mitte ist es trocken. Als ich mich hinsetze, hängen meine Füße ins klare Wasser. Laki setzt sich mit Körperkontakt neben mich und wir genießen – das Wasser, die Wärme, die klare Luft, das Geräusch der sanft anrollenden Wellen, den Duft der Eukalyptusbäume, uns gegenseitig. Vermutlich genießt Laki nicht ganz genau die gleichen Dinge wie ich, aber das macht nichts. Solche innigen Momente mit einem geliebten Hund sind in jedem Fall etwas ganz besonderes.

Wir packen unser bisschen Zeug, und los geht es. Als wir gerade nach Milazzo hineinfahren wollen, deutet Herr W. vorne durch die Windschutzscheibe: „Da, guck mal!“ Ich kann es kaum glauben, am Horizont erhebt sich gestochen scharf der Ätna mit seinem schneebedeckten Gipfel. „Stop!“ schreie ich und stürme mit der Kamera hinaus, um ihn zu fotografieren.

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Jetzt sind wir so viele Male hier vorbeigekommen, haben uns einige Zeit an ganz nah an seinem Fuß aufgehalten – und nie haben wir ihn gesehen. Es ist, als habe er sich doch noch im letzten Moment entschieden sich zu zeigen, um uns das Versprechen abzunehmen, dass wir wiederkommen. Der eigentliche Grund dürfte aber gewesen sein, dass die Regennacht die Luft so sehr geklärt hat, dass keinerlei Abgase oder Staub die Sicht behindern.

Gleich am Geländer steht ein großer zweirädriger Karren als Verkaufsstand, darum herum unterhalten sich einige alte sizilianische Männer. Auf dem Karren liegen Esskastanien und Walnüsse. Esskastanien werden hier überall Abends auf sonderbaren mit Ventilatoren angefachten Öfen bis fast zur Veraschung gebrannt und heiß verkauft. Offenbar kaufen die Leute sie auch für zu Hause. Ich gucke und als die alten Männer mich ansprechen, frage ich nach Olivenöl. Einer schlägt eine alte Decke zurück und meint fast entschuldigend, dass er nur einen 5-Liter-Kanister habe, der koste 35 Euro. Das Öl sei aber wirklich sehr gut, alles aus Sizilien, gute Qualität, unterstützen die anderen Männer das Verkaufsgespräch. Herr W. muss mir Geld leihen und ich kann die Insel verlassen MIT dem Öl, das ich vorab den Daheimgebliebenen versprochen habe. Ich bin sehr froh, dass ich doch noch welches gefunden habe.

In Messina folgen wir der Ansage des Navigationsgeräts und stehen vor einem verschlossenen Tor. Hier muss doch die Fähre sein? Ich steige aus und sofort kommt mir ein Taxifahrer entgegen und verkündet, die Fähre fahre nicht mehr hier und er würde vor uns her fahren und uns zeigen, wo die Fähren jetzt fahren. Ganz preiswert! NIX DA. Wir sind nun schon einige Zeit unterwegs und wissen, dass das sicher nicht nötig sein wird. Wir wimmeln ihn ab und tanken erst mal. An der Tankstelle heißt es, die Fähren führen, na klar, wieso denn nicht? Aber wir finden sie nicht. Herr W. kurvt mit dem Wohnmobil ums Geviert des Bahnhofs und ich versuche dort erst die Touristeninformation zu finden und dann zu erfragen, wie das mit der Fähre ist. Die Dame beendet ihr privates Telefonat und wendet sich mir zu. Auf einem Plan zeigt sie mir den Terminal, der nun einen Kilometer weiter stadteinwärts ist, immer dem Ufer entlang, man kann es nicht verfehlen. Eigentlich logisch. Ich renne Herrn W. und dem blauen Wohnmobil nach und steige an einer Ampel ein. Am Terminal kaufe ich ein Ticket und wir werden nach einer knappen halben Stunde auf die riesige Fähre gewunken. Laki muss wiedermal drin bleiben und wir steigen hoch. Diesmal erwischen wir auf Anhieb den richtigen Aufstieg. Da die Fähre viel größer ist als die letzte, gibt es einen tollen und wirklich preisgünstigen Verkauf von Imbiss und Getränken. Ich gönne mir eine letzte gefüllte Reiskrokette, eine sizilianische Spezialität, von der man fast satt wird.

meat ragu stuffed rice balls arancini on table

Als wir wieder zum Auto kommen, sind vor uns einige Fahrzeuge der Guardia di Finanza, der italienischen Finanzpolizei. Die Männer sind fröhlich und unterhalten sich angeregt, während sie direkt unter dem Schild RAUCHEN VERBOTEN an ihren Glimmstengeln ziehen. Was soll man davon halten?

Rasch sind wir auf der Autobahn und es geht nordwärts. Einen Teil dieser Strecke kennen wir schon, denn wir sind ihn vor drei Wochen in die andere Richtung bereits gereist. Die Straße ist völlig leer, fast könnte man meinen, wir seien die einzigen Reisenden in diesem Land. Laki schläft und auch ich werde müde. Es geht hoch, Tunnel reiht sich an Tunnel und bald erscheinen im Nebel die ersten Laubbäume im herbstlichen Laub. Da ist er also, der Herbst. In Sizilien gab es keinen Herbst, wir wiegten uns glückselig in der Illusion eines ewigen Sommers. Die Landschaft hier dagegen ist bergig, karg, das Wetter trüb. Herr W. findet sie wenig anziehend, ich dagegen mag sowas. Dank der leeren Straße kommen wir gut voran und als wir am Abend die Autobahn verlassen, haben wir fast die Strecke bis Salerno geschafft. Mittlerweile regnet es, heftig.

Auf meiner App habe ich einen Stellplatz herausgesucht, einen der wenigen, die um diese Jahreszeit noch offen haben. Er erweist sich als eine Müllhalde hinter einem Hotel. Zu allem Unglück setzt das Auto beim Rangieren hier noch leicht auf. Ich bin müde und ziemlich durch den Wind.

Wir steuern einen anderen Platz an, der etwas weiter nördlich liegen soll. Von weitem grüßt Padre Pio in Überlebensgröße. Daneben gibt es unzählige weitere in Beton gegossene Unglaublichkeiten. Eine Tür öffnet sich, wir werden auf einen Platz gelotst, man nimmt uns 15 Euro ab und zeigt uns die Duschen und das Klo. Außer uns ist hier niemand, auch die Besitzer ziehen sich bei dem Starkregen ins Haus zurück. Langsam senkt sich die Dunkelheit über den Platz. Drinnen kocht Tomatensoße, draußen wacht direkt vor der Frontscheibe die ganze Nacht ein Schäferhund aus Beton.

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Am nächsten Morgen setze ich Laki davor und fotografiere beide.

 

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