Feuertöpfe in der Dunkelheit

Wir haben am Abend vorher schon die Abfahrtszeiten des Tragflügelboots in Erfahrung gebracht und Tickets gekauft. Deshalb stehen wir noch vor Tagesanbruch auf, packen ein paar Dinge in Tagesrucksäcke, fahren vom Campingplatz hinunter in die Stadt und parken das Wohnmobil im Schatten einiger Bäume an der Ausfallstraße im Norden Milazzos.

Das Tragflügelboot soll uns nach Stromboli bringen. Die Fahrt zur äußersten der Äolischen Inseln dauert zwei Stunden. Dabei sitzen wir wie in einem Zug auf unseren Sitzen unter Deck, Laki liegt entspannt schlafend auf dem Teppichboden zu unseren Füßen und ich verzehre umgehend mal meine vorbereiteten Brote und trinke Tee aus dem Thermosbecher. Vor uns sitzt eine Gruppe Italiener, eine blonde burschikose Frau mit rauchiger Stimme und sechs Männer. Wir beobachten das italienische Spiel der Männer, bei dem es ganz offensichtlich darum geht, sich zu positionieren. Die Hände stehen niemals still, sie werfen sich im Gespräch die Bälle zu, um sich dann gleich wieder zu unterbrechen. Alle sind permanent miteinander im Blickkontakt. Die Frau gibt Zustimmung und lacht. Obwohl oder gerade weil wir kein Wort verstehen, wird ziemlich schnell klar, wer hier was zu sagen hat, wem zugehört wird und wer eher der Zuhörer ist. Sie necken sich und genießen es. Es ist irgendwie wie bei einem Schulausflug, nur dass wir statt durch irgendwelche Dörfer nacheinander an einer ganzen Inselkette vorbeikommen: Vulcano – Lipari – Salina – Panarea – Stromboli. Das Boot füllt sich immer mehr und wir müssen den Sitz aufgeben, unter dem Laki schlafen konnte. Endlich sind wir da. Stromboli ist ein einziger ziemlich gleichmäßiger Kegel, an dessen Westseite das winzige Ginostra liegt, an der Nordostseite liegt das größere San Bartolo, wo wir aussteigen. Der Sand an der Mole ist pechschwarz und grob. Der Weg ins Dorf geht naturgemäß sofort bergan. Alle Häuser sind würfelförmig und weiß, dazwischen blüht und grünt es, denn der Vulkanboden ist ungemein fruchtbar.

Wir hatten geplant, irgendwo eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden und danach einen Guide, der uns mit auf den Gipfel nimmt. Denn es ist verboten, sich allein auf den Weg zu machen, das wäre zu gefährlich. Doch irgendwie finden wir weder das eine noch das andere. Vor der Kirche gibt es ein einladendes Lokal, dessen Terrasse vorn auf die Straße und nach hinten zum Meer geht, das „Ingrid“. Bei einem so deutschen Namen tippen wir doch sofort auf deutsche Auswanderer. Doch unser Deutsch wird nicht verstanden und wir verlegen uns auf Englisch-Italienisches Geradebreche. Klar, sie wissen wo wir übernachten können. Ein kurzer Anruf, eine Notiz auf einem Zettel mit knapper Wegbeschreibung, dort sollen wir hin. Später sollen wir wiederkommen, wir können die Tour auch gleich im „Ingrid“ buchen. Uns schwant, dass hier die Nummer Vom-Cousin-seiner-Tante-die-beste-Freundin gespielt wird, aber dem scheint nicht so zu sein. Wie wir später erfahren, bekommen wir das Zimmer billiger, als wenn wir es vorab gebucht hätten zu einem mehr als angemessenen Preis.

„ENZA!!!“ schreit die grünhaarige Vermieterin und nochmal „Enza!“. Das tut sie ständig und wir bekommen das Gefühl, dass es hier nicht besonders gut ist, Enza zu sein. Enza ist die Putzhilfe und sie ist ziemlich entspannt. Mit Umhängetasche und Stöpseln in den Ohren geht sie der Arbeit nach, dabei hat sie noch Zeit zu rauchen. Das Zimmer, das wir bekommen sollen, ist daher noch nicht fertig. Die Vermieterin jedoch lacht und disponiert blitzschnell um, wodurch wir ein spontanes Upgrade bekommen, statt des Zimmers zur Gasse eines mit Terrasse zum Meer. Und das Foto an der Wand erklärt auch, warum das Lokal ohne deutsche Wurzeln „Ingrid“ heißt. Es geht zurück auf Ingrid Bergmann, die hier in dem berühmten Film Stromboli gespielt hat.

 

Wir packen das bisschen Zeug aus, futtern den Rest unseres Proviants und ich lege mich aufs Bett. Nach so langer Zeit Wohnmobil ist das so wundervoll, dass ich gleich einschlafe. Später gehen wir zurück zur Bar „Ingrid“. Während die alte Hündin, die vor unserem Apartment liegt, uns ziemlich blöd findet, ist der große weiße Buddy umso mehr begeistert von Laki.

Unweit des Ingrid gibt es einen Schuppen, in dem Touren angeboten werden. Wir müssen uns namentlich anmelden, unterschreiben, dass wir über Gefahren aufgeklärt wurden, unsere Wanderschuhe vorzeigen und versichern, dass wir Taschenlampen oder Stirnlampen dabei haben. Dann sollen wir vor dem Kirchplatz warten ungefähr um 15.15 Uhr. Herr W. muss sich eine Stirnlampe leihen, die die Besitzerin eines Kleidergeschäfts ihm freundlicherweise überlässt. Hier scheint alles irgendwie verwoben zu sein.

Leute finden sich ein, werden aber von anderen Führern abgeholt, endlich gibt es einen Guide, der uns und sechs andere Wartende abholt. Mit dabei ist auch die kleine fast blinde Hündin Lea. Wir bekommen von Geraldo jeder einen gelben Helm und er checkt, welche Sprache wohl die ist, die er beherrscht und die von den meisten Gruppenteilnehmern verstanden wird. Wir haben Pech – er kommuniziert mit uns auf französisch.

Los geht es, bergan, zunächst zwischen Häusern hindurch, dann über einen aufgegebenen Friedhof, durch niedriges Gestrüpp. Wir lassen Laki frei laufen, weil sie es so besser schafft. An der Leine bremst sie ständig, weil wir hintereinander laufen müssen und sie permanent checkt, ob alle da sind. Irgendwann werden die Pflanzen weniger, auf halber Höhe hört der Schilfgürtel plötzlich auf. Jetzt gibt es teils sandigen und teils steinigen Untergrund. Das Gehen wird beschwerlicher, weil Sand bei jedem Tritt wegrutscht und bei Steinen muss man jeden Schritt besonnen setzen.

Herrn W. fällt das Steigen zunehmend schwer, er kriegt einen Krampf im Oberschenkel. Geraldo bleibt bei uns am Ende der Gruppe, spricht ihm zu, gibt ihm einen Stock und Magnesium, obwohl wir in unserer Unterkunft bereits welches genommen hatten. Ein Teil der Gruppe stapft vorneweg, wir wacker hinterher. Ich bewundere die Färbung der Steine, da gibt es alles zwischen grau, schwarz, rot, blau und gelb. Als wir am Grat ankommen, ist da am Horizont die erste Eruption. Es speit Feuer, gefolgt von einer Rauchwolke. Ich schreie vor Überraschung laut auf. Doch als wir ganz oben stehen, erkenne ich, dass es mindestens drei Töpfe sind, aus denen die Lava in unterschiedlichen Abständen ständig hervorbricht. Aber es dauert selten länger als fünf Minuten, bis ein neuer kleiner Ausbruch erfolgt. Das Fotografieren ist für mich schwierig, weil ich das Scharfstellen kaum hinkriege, und irgendwann gebe ich es auf und schaue nur.

Mittlerweile ist es völlig dunkel und bitterkalt. Ich habe zu wenig Kleidungsstücke dabei und friere. Laki geht es nicht anders, sie wartet angebunden an meinen Stock etwas weiter hinten. Denn ich habe Angst, dass irgendjemand am Kraterabgrund in der Dunkelheit über das schwarze Tier stolpern könnte. Laki tut, was sie in schwierigen Situationen immer gern tut – sie frisst. Hier ist es eben schwarzes Lavagestein, etwas anderes ist nicht da. Immer, wenn sie einen Stein zerbeißt, knirscht es. Um uns herum stehen an die hundert Leute, alle mit Blick auf die Feuertöpfe. Nach etwa einer Stunde gehen die ersten Gruppen los. Ich will meine Stirnlampe aufsetzen, stelle aber mit Entsetzen fest, dass sie sich wohl im Rucksack versehentlich angeschalten hat und nun leer ist. Ich erhalte eine von unserem Guide, der noch eine andere Lampe für sich hat. Geraldo sammelt uns nun auch und in einigem Abstand zur vorangegangenen Gruppe machen wir uns auf den Weg. Wer jetzt gedacht hat, es wird leichter, hat nur teilweise recht. Der Weg besteht aus reinem Sand und wir springen ihn mehr wie beim Abstieg von einer Düne, als dass wir laufen. Laki hat nun keine Lust mehr. Sie legt sich einfach auf den Bauch und rutscht in der Dunkelheit an ihrer Leine hinter Herrn W. her. Ich mache mir Sorgen, dass der Sand für ihre Pfoten zu scharfkantig ist und sie sich blutig laufen könnte. Doch ist diese Angst unbegründet, wie ich am nächsten Tag erkenne. Vor steinigeren Stücken hält Geraldo an und fordert uns auf, die Schuhe zu leeren. Aber wir warten kaum lang genug, dass zusätzlich auch getrunken oder gar gepinkelt werden könnte, es geht immer gleich weiter. Die Gespräche ersterben, niemand hat mehr Lust. Jeder denkt mit Grausen an den Muskelkater, der uns wohl am nächsten Morgen erwartet. Über den neuen Friedhof gelangen wir ins Dorf zurück. Bei der Verabschiedung gebe ich Geraldo zusammen mit der geliehenen Stirnlampe ein großzügiges Trinkgeld.

Wir gehen kurz zurück in unser Apartment und füttern den armen Hund. Ich wechsle die Schuhe und wir kehren hungrig ins Ingrid ein und essen Vorspeise und Hauptgericht.

Müde und ungeduscht falle ich ins Bett, lediglich Herr W. gönnt sich noch heißes Wasser auf seinem geschundenen Körper. Ich dagegen stehe am nächsten Morgen zeitig auf und genieße es, ein Bad zu haben. Ich dusche lang und ausgiebig und setzte mich danach zur Körperpflege auf die Terrasse in den Sonnenschein mit Ausblick aufs Meer. Ich merke schon, dass der Muskelkater kommt. Das Frühstück gibt es wieder im Ingrid und ich habe einen solchen Hunger, dass ich gar nicht aufhören kann, von den ausgesprochen leckeren Croissants zu essen. Wir gehen die paar Schritte hinunter zum Hafen. Herr W. gibt im Kleidergeschäft seine Stirnlampe zurück und ich belohne mich dort mit einem hellblauen Shirt mit dem Aufdruck Stromboli – meinem persönlichen Finisher-Shirt. Ich trage es von jetzt an jede Nacht.

In Milazzo zeigt sich, dass Laki das Steine-Fressen nicht besonders gut vertragen hat, sie hat Durchfall mitten auf der Straße. Wir finden unser Auto und stellen unsere Rucksäcke hinein.  Jetzt wollen wir nur noch Geld abheben und dann eine Kleinigkeit essen, ehe wir zum Campingplatz zurückfahren. Doch erstens ist es schwierig eine Bank zu finden, deren Automat heute am Sonntag zugänglich ist und zweitens haben jetzt am Nachmittag alle Lokale zu. Die Straßen sind menschenleer, einzig in den Cafés ist jede Menge los. Es ist wie früher bei uns in Deutschland: am Sonntag Nachmittag geht man ins Café und trinkt Kaffee und isst süße Stückchen oder Kuchen. Erst gegen fünf Uhr wird es plötzlich voll. Alle Menschen haben sich unglaublich chic gemacht und flanieren den Corso auf und ab. Aber da haben wir bereits entschieden, dass es mal wieder Nudeln mit schneller Soße gibt am Campingplatz.

 

 

4 Kommentare zu „Feuertöpfe in der Dunkelheit“

  1. Da haben wir uns wohl gerade verfehlt. Nur noch ein paar Tage und wir kommen auch nach Sizilien. Der Stromboli ist mein Wunschziel schon seit Jahrzehnten, aber ich glaube, besteigen werden wir ihn wohl nicht. Dafür wollen wir das „Feuer“ abends vom Boot aus sehen, wenn es dunkel ist. Mal sehen, wie unsere Inselfahrt aussehen wird. Dafür werde ich wohl den Ätna besteigen.

    Gefällt 1 Person

      1. Wir sind an der Ostküste Italiens entlang gefahren, da kommt nicht soviel von den Unwettern an. Zusammen hatten wir zwei Stürme und in der letzten Woche immer wieder Regen. Da wir von den Unwettern auf Sizilien gehört haben, ließen wir uns jetzt noch Zeit mit der Überfahrt, sonst wären wir schon da.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s