Taormina

Es wird immer sonniger, der Himmel zeigt sich blau, und das Meer, das allmählich auf der Beifahrerseite auftaucht tut es ihm gleich. Auf der anderen Seite schieben sich Felsen ganz nah an die Straße heran, hoch drüber muss der Ätna liegen, doch den sieht man nicht, weil dort noch dicke Wolken festsitzen. Zwischen Meer und Berg ist nur wenig Platz für die kleinen Ortschaften, Straße und sogar Eisenbahnlinie. Allmählich wird uns klar, dass Parken für das Wohnmobil wieder eine Herausforderung wird. Grundsätzlich sind wir da immer verschiedener Meinung: Herr W. besteht darauf, dass das Glück ihm grundsätzlich – quasi gewohnheitsmäßig und sowieso – hold ist und dass eine Parklücke sich stets genau in dem Moment vor der Sehenswürdigkeit auftut, in dem er vorbeikommt. Ich dagegen finde, dass Parkplätze genau deswegen so heißen, weil sie angelegte Plätze zum Parken sind und dass es schon seinen Grund hat, dass sie gerade NICHT vor Sehenswürdigkeiten sind, sondern meist außerhalb. Und außerdem haben ein paar Meter Fußmarsch noch niemandem geschadet, Laki, Fitbit, Geldbeutel, Herz und Gewicht werden es danken.

Immer enger wird es, immer atemberaubender die Aussicht. Tief unten liegt die Isola Bella, die ihren Namen wahrhaft verdient. Noch eine Kurve, ein Tunnel, eine Kurve. … Da! Links, ein Parkplatz! Ehe Herr W. sich dagegen wehren kann ist er eingebogen und wir befinden uns auf einem zwar kleinen, aber nicht zu vollen Parkplatz, der zur Seilbahn hoch nach Taormina gehört. Wir parken zunächst einmal und ich gehe mich erkundigen. Eine einfache Fahrt kostet pro Person drei Euro und das Auto parkt sogar für weniger. Der Hund darf auch mit, wenn er einen Maulkorb trägt. Wir packen also unsere Sachen und ich schiebe in meine Rocktasche außer dem Maulkorb auch noch eine kleine Plastiktüte voller Käsewürfel. Mit angelegtem Maulkorb und ihrem neuen Halstüchlein ausgestattet, das wir ihr in Agrigento gekauft haben und das ihr so gut steht, marschiert Laki neben uns bis zur Schlange der wartenden Leute. Sie weiß von den Käsewürfeln und schaut mich unentwegt hoffnungsvoll an. Es warten viele Leute, darunter auch Kleinkinder. Jetzt heißt es besonders aufpassen, da Laki mit quietschenden und herumrennenden Kindern so ihre Probleme hat. Herr W. und ich nehmen sie noch kürzer an die Leine und animieren sie wohldosiert mit Käse. Endlich kommen drei Bahnen hintereinander und wir achten darauf, dass wir nicht in genau den Waggon einsteigen, in den die Familien mit Kindern gehen. So kommt es, dass mit uns viele Damen fahren, die allesamt begeistert sind von dem süßen Hund, der mittlerweile keinen Maulkorb mehr, aber noch sein besonders hübsches rotes Halstüchlein trägt. Beim Aussteigen muss jedoch der Maulkorb nochmal für ein paar Sekunden aufgesetzt werden und dann entlässt uns die Seilbahn in die Ortschaft.

Wieder ist klar, dass wir nicht die einzigen Touristen hier sind, Läden bieten für gutes Geld alles an, was der Tourist an Orten wie diesem erwartet und ganz sicher nicht braucht. Wir gucken uns um und genehmigen uns ein Eis. Nachdem ich das Schokoeis aus Módena kennengelernt habe, esse sogar ich stets ein Eis mit, denn dieses nicht zu süße Schokoladeneis  gibt es hier in Sizilien häufig und es ist stets ausgezeichnet. Zur eigentlichen Sehenswürdigkeit muss man eine schmale Gasse hochgehen, droben wird Eintritt gezahlt. Wieder müssen wir warten. Laki wartet auch, still und ergeben. Ein deutscher Vater mit Sohn im Grundschulalter spricht mich an, ich solle weggehen, weil er nicht möge, dass der Hund neben ihm und seinem Jungen herumschnüffelt und rummacht. Ich bin so verdattert, dass ich mich tatsächlich abseits stelle und Herrn W. allein in der Schlange warten lasse. Hinterher ärgere ich mich sehr, über den anmaßenden Mann und noch viel, viel mehr über mich selbst.

Das antike Theater ist großartig. Animationen auf Bildschirmen zeigen im Vorfeld, dass es früher zweigeschossig, reich geschmückt und überdacht war. Anschließend kann man auf die Tribünen hinaufgehen und hat einen wundervollen Blick auf die Säulen und Gebäudereste und das blaue Meer dahinter. Hätte es in der vorausgegangenen Nacht nicht geregnet, könnten wir sogar den Ätna im Hintergrund sehen, aber der hüllt sich immer noch in aufsehenerregende Wolken. Im Sommer finden hier Aufführungen unter freiem Himmel statt und ich kann mir vorstellen, dass die Akustik großartig ist. Früher war das wichtiger als heute, hatte man ja keine Mikrofone oder Verstärker. Alles musste auch noch oben gut verständlich sein.

Plötzlich spricht uns eine Dame auf Deutsch an. Sie ist gestern erst angekommen und will wissen, wie man zu dem kleinen malerischen Ort kommt, der hoch oben noch über Taormina liegt. Wir wissen es nicht, aber wir kommen mit ihr und ihrem Mann in ein Gespräch. Dabei erfahren wir, dass sie aus Hiddensee stammen und jetzt erst am Ende der Saison in den Urlaub können. Schon einmal haben wir Leute getroffen, die den Urlaub erst antreten können, wenn die Tourismussaison an ihrem Wohnort zu Ende ist. Und dann ist Sizilien offenbar eine gute Wahl, weil hier das Wetter noch gut ist und der Flug nicht zu lange dauert.

Eigentlich will ich hinunter laufen, aber wir finden den Weg nicht und entlang der Straße wollen wir nicht gehen. Also ziehen wir die Maulkorb-Käsewürfel-Nummer an der Seilbahn noch einmal durch und kommen entspannt am Auto an.

Wir fahren vorbei an Messina ganz in den Norden nach Milazzo, wo wir am Anfang der Sizilienreise schon einmal gewesen sind. Im Schein der untergehenden Sonne biegen wir auf unserem Campingplatz ein und verkünden dem erstaunten jungen Mann an der Rezeption: „Hello, here we are again!“

 

2 Kommentare zu „Taormina“

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