Syracusa

Das Wetter ist uns nun nicht mehr immer hold. Es wird unbeständiger und wir fangen an, den Tagesablauf nach der Vorhersage zu planen. Bei schlechtem Wetter sind Stadtbesichtungen sinnvoll: Auf nach Syrakus!
Die Stadt liegt hoch oben am Berg, dort sind die Ausgrabungen und die Walfahrtskirche. Doch von alten Steinen haben wir nun erstmal genug, uns zieht es runter. Dort liegt der älteste Teil der Stadt auf einer vorgelagerten Insel, die mit mehreren kurzen Brücken mit dem Festland verbunden ist. Mit dem Auto kommen wir nicht rüber, das ist klar. Daher verfolgen wir zwei Strategien. Herr W. guckt auf dem Stadtplan möglichst nahe an der Insel nach großen Straßen, wo ein Parkplatz am Straßenrand möglich sein könnte und ich frage alternativ Lady Google nach Parkplätzen, wobei es schwierig ist, weil sie oft nicht zwischen Parkhäusern und -plätzen unterscheidet. Und Parkhäuser kommen für uns aufgrund der Höhenbeschränkungen nicht in Frage. Endlich finden wir ganz nahe der Brücke mit dem Handy einen Parkplatz, der sogar über ausgewiesene Flächen für Reisebusse und Kleinbusse wie uns verfügt. Als Herr W. ein Ticket ziehen will, wird er über das System aufgeklärt, das über ein Foto unseres Nummernschildes die genaue Einfahrtszeit registriert. Vor der Ausfahrt gibt man dann später einfach sein Nummernschild in den Automaten ein und der Betrag erscheint. Man erhält nur sicherheitshalber eine Quittung, die Ausfahrt läuft wieder papierlos. Klingt gut, hoffentlich klappt es auch!
Wir machen uns auf den Weg hinüber zur Insel. Straßenhändler haben ihr Sortiment auf mobilen, eigens angefertigten Holzgestellen ausgebreitet, die auf ausrangierten Kindersportwagen transportiert werden. Sie eilen von allen Seiten herbei, weil zeitgleich mit uns zwei Reisebusse ihre Türen für die Passagiere öffnen. Passend zum Wetter haben sie heute überwiegend Schirme und Regencapes im Angebot. Wir haben unseren eigenen Schirm in der Tasche, außerdem scheint es ohnehin aufzuklaren. Durch hübsche Gassen, vorbei an eleganten Bekleidungsgeschäften nähern wir uns dem Dom. Es gibt immer wieder Hinweise auf Archimedes, der im 3. Jahrhundert vor Christus weit über die Grenzen der Stadt ein berühmter Bürger war. Eine winzige Kirche rechts hat ihre Türen weit geöffnet und wir stehen schon drin, als wir merken, dass es eine Ausstellung eines Malers ist, der als Motiv einzig unendlich viele Variationen des berühmten Marienportraits „Verkündigung“ hat, dessen Original in Palermo ausgestellt ist. Der Künstler ist anwesend, bittet auch Laki herein und beginnt auf ital-englisch zu monologisieren, dass dies das weltweit beste Gemälde sei, dass es unter den Menschen zu viel Machtgier gebe, dass er diese Kunstwerke erschaffen habe, damit die Welt sich bessere, dass wir fotografieren sollen und die Bilder auf facebook teilen sollen. Fotografieren tu ich gern, das mit facebook hab ich mal gelassen und ansonsten machen wir, dass wir raus kommen.

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In den Dom darf Laki wieder nicht mit rein, daher binden wir sie draußen an das schmiedeeiserne Gitter an. Wir müssen ein Ticket kaufen und erklären der Dame am Schalter, dass das da draußen unser Hund sei. Wir kämen, wenn er zu schlimm bellen würde. Sie fordert uns auf, Laki rein zu holen und von innen am Gitter anzubinden, dann sehe sie den Hund und könne ein Auge auf ihn haben. Sie beginnt sogleich auf italienisch mit Laki zu reden und wir schleichen uns in die Kirche. Dieser Dom ist auf und in einen griechischen Tempel gebaut, was man daran sieht, dass die Außenmauern zwischen der äußeren Säulenreihe hochgezogen wurde und die innere Säuenreihen die Seitenschiffe markieren. Farblich und auch von den Proportionen passt das überraschend gut.

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Wir sind schon einige Zeit drinnen, als plötzlich Gekläffe von draußen ertönt. Draußen sitzt die arme Laki an der kurzen Leine und um sie herum tänzelt ein herrenloser kleiner überaus selbstbewusster Straßenhund. Die anwesenden Menschen sind ein wenig hilflos, doch wir bedanken uns, binden Laki ab und gehen raus. Der Straßenhund folgt uns. Seine neue Liebschaft gibt er nicht so schnell auf: rasch noch mit einem erstaunlich kräftigen Urinstrahl markieren – dummerweise Rücken und Oberhemd eines auf der Treppe sitzenden italienischen Touristen – und uns hinterher! So langsam nervt es auch Laki und die versucht den Jungspund auf dem Domplatz wegzubellen. So viel Aufsehen ist uns unangenehm. Doch der kleine Rüde ist hier bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Von irgendwoher wird er angesprochen und wendet sein Interesse ab. Endlich sind wir ihn los.

Wir kehren in ein kleines Straßenlokal ein, wo es Pizza, kleine absolut leckere belegte Brötchen, Bier, Kaffee und Internet gibt. Ich setze einen Artikel für diesen Blog online und wir gucken im sich verstärkenden Regen Leute.

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Zurück geht es entlang des Ufers, wo zwei winzige Quellen direkt neben dem Meer sich tief unten in zwei kleine runde mit Papyrus bestandene Teiche ergießen, auf denen Enten schwimmen. Das muss früher ziemlich wichtig gewesen sein, man hatte dadurch direkt am Meer Süßwasser. Die Quellnymphen wurden daher stets verehrt.

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Das aufgewühlte Meer dagegen klatscht mit Wucht an die Steine, Lakis Ohren flattern im Wind, wir gehen in Richtung Parkplatz.

Auf dem Weg kaufe ich noch bei einem Gewürzhändler Schwarztee mit Orangenstückchen, weil mein Tee zur Neige geht und „pepe italiano“, italienischen Pfeffer. Erst am nächsten Tag fällt mir auf, dass ich einem Gedankenfehler aufgesessen bin: Der Pfeffer kommt nicht aus Italien, er hat lediglich die Farben der italienischen Flagge grün-weiß-rot.
Gespannt starren wir auf das Display des Automaten auf dem Parkplatz: 4 Euro! Man hat schon wesentlich teurer geparkt. Problemlos entlässt uns die Schranke und Herr W. fährt stadtauswärts. Mittlerweile hat er sich viel von den italienischen Fahrern abgeguckt. Wenn er schon vorher ein sehr guter Autofahrer war, garniert er nun seine Kommentare mit italienischen Flüchen und Verwünschungen, nimmt sich auch mal die Vorfahrt, schiebt sich in Verkehrssituationen, wo ich noch eine ganze Weile gestanden hätte mit der Bemerkung: „Ich bin größer!“, „Ich bin älter!“, „Der kann mal warten!“ – je nach dem, was er gerade für angebracht hält und wenn es niemand sieht, setzt er auch eindeutige Gesten ein. So sind wir bald aus der Stadt und reisen weiter nach Norden, immer der Küste entlang.
Allmählich verdichtet sich der Regen und kurz vor Taormina biegen wir auf einen kleinen Campingplatz ein, wo außer uns noch ein anderes deutsches Wohnmobil steht und später zwei junge Italienerinnen ihr Zelt aufbauen. Der Eigentümer hält uns einen Vortrag über die Gefährlichkeit von Hunden und stellt in Aussicht, dass der Sohn später komme und Abendessen mache. Als alles um uns in Dunkelheit und Regen versinkt, wird uns klar, dass das wohl nicht geklappt hat und wir kochen uns aus den Reserven eine Kleinigkeit. In dieser Nacht stürmt es, das nahe Meer bricht mit viel Lärm an der Küste, die alten Bäume knarzen und brechen. Mehrere kleine Äste stürzen scheppernd aufs Wohnmobil und ich fürchte um die Dachfenster. Was tun uns die Italienerinnen im Zelt leid!
Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Entgegen seines Angebots hat der alte Besitzer auch nicht die versprochenen Brötchen da. Nun kommt Herr W. in den Genuss meiner deutschen Vollkornbrotreserven. Erst gegen Mittag lässt der Regen nach. Ich erkunde den Campingplatz und entdecke im hinteren Teil inmitten des grünen fruchtbaren Lands einen bezaubernden Gemüsegarten mit Fenchel, Kohl, Paprika und Auberginen, die Streuobstwiese besteht statt Apfel- oder Birnbäumen aus Orangen- und Walnussbäumen. Das Gras ist grün und saftig, die Natur bereitet sich statt auf einen Herbst auf Wachstum vor.

Wir packen und machen uns nun, da die Sonne scheint, auf nach Taormina.

2 Kommentare zu „Syracusa“

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