Gemüse und Schokolade aus Sizilien

Auf der Autobahn machen wir Strecke. Den ersten Teil kennen wir schon, es geht ostwärts, wieder vorbei an Selinunte, dann an Agrigento. Das hat einen besonderen Reiz, ein Stück Weges noch einmal zu fahren. Man erkennt Details wieder, entdeckt andererseits aber auch Dinge, die beim ersten Mal erstaunlicherweise nicht aufgefallen sind. Im anderen Licht sieht vieles völlig neu aus. Irgendwann wird unsere Straße einspurig und wir kommen durch Ortschaften anstatt an ihnen vorbei zu fahren. Gela ist eine größere Ortschaft, die uns nicht auffällt wegen ihrer Schönheit, im Gegenteil. Selten haben wir eine solch unstrukturierte und unansehnliche Stadt gesehen. Sie liegt im Wesentlichen an einer völlig chaotischen Hauptstraße, die gesäumt ist von hässlichen Wohnblocks und heruntergekommenen Geschäften. Das Ende wird markiert von einer riesigen Raffinerie, die hier wohl der Hauptarbeitgeber ist. Später lesen wir im Reiseführer, dass Gela durchaus Reize hat wie beispielsweise Zeugnisse aus römischer Zeit. Doch selbst, wenn wir das zu diesem Zeitpunkt gewusst hätten. keiner von uns hätte Lust darauf gehabt. An einem Müllhaufen vorbei biegt die Straße abrupt rechts ab, führt über einen Bahnübergang und dann sind wir mitten in der Plastikwelt. So weit das Auge reicht ist das Land überzogen von Gewächshäusern aus Plastikplanen. Diese sind durchaus mit Sorgfalt errichtet, dennoch sehen wir dazwischen immer wieder auch aufgegebene Areale. Hier wird quadratkilometerweit Gemüse angebaut, Tomaten, Zucchini, Auberginen, Gurken, all das, was wir in Deutschland zur Unzeit bei den Discountern für billiges Geld kaufen können. Die Pflanzen sind hier noch jung, sollen sie doch erst in einigen Wochen oder Monaten Ernte liefern, wenn unsere heimischen Gärten winterlich leer sind. Es wird gewässert und gedüngt was das Zeug hält. Am Straßenrand gibt es riesige Plakate, die nicht für eine Ladenkette oder ein Produkt werben sondern für den Anbau bestimmter besonders resistenter oder ertragreicher Hybriden. Da unsere Straße immer wieder abbiegt, haben wir bald jegliche Orientierung verloren, fühlen uns wie Besucher eine Spiegelkabinetts. Wenn nicht unsere Navigationssteffi und die Straßenschilder Hinweise geben würden, wir wären verloren. Endlich, gegen Abend, kommen wir an die Küste. Dort wollen wir uns einen Campingplatz suchen, damit wir am nächsten Tag die Barockstädte im Süden Siziliens besuchen können. Doch wir irren einige Zeit in der einbrechenden Dunkelheit herum, bis uns einfällt, dass es ja hier in der Nähe zwei Campingplätze gibt, bei denen wir dank unserer Reparaturwerkstatt sogar Prozente bekommen. Die Adressen sind leider sehr ungenau, daher ist es schon Nacht, als wir ankommen. Den ersten Platz nehmen wir und werden von einer jungen netten Dame in perfektem Deutsch begrüßt. Sie sei Italienerin, habe aber ihre Kindheit in Gelsenkirchen verbracht. Nein, die Pizzeria sei jetzt im Oktober bereits geschlossen, aber der Pizzaservice komme an den Platz, ob sie für uns anrufen solle? Müde, wie wir sind, nicken wir alles begeistert ab. Herr W. bestellt sich eine Calzone und ich mir, wie er es nennt „die größte Kuh von der Weide“ – eine Mischung aus frittiertem Meeresgetier. Wir richten uns ein, der Pizzaservice kommt, ich zahle und wir schlemmen. Ich schaffe meine Aluschale kaum und irgendwann kriegt Laki außer den Garnelenköpfen und -schwänzen auch halbe Garnelen und einzelne Muscheln sowie die Teigreste der Calzone. Spät in der Nacht schnappe ich mir noch einmal die Hundeleine und das schwarze Tier und wir schlüpfen durch die kleine weiße Pforte an den Strand. Der Mond scheint auf das sanft an- und abrollende Wasser, links gibt es Felsen, rechts scheint etwas weiter weg eine Landzunge zu sein. Laki kackt, ich tüte ein und entsorge ordentlich und endlich können wir auch ins Bett gehen.

Am nächsten Morgen lernen wir den Campingplatz etwas besser kennen. Er ist vollig ausgerichtet auf die Bedürfnisse überwinternder Nordeuropäer. Die Stellplätze sind kreisförmig angeordnet, so dass sich die Bewohner fühlen können wie in einem Dörfchen. Den Brunnen ersetzt eine blumengeschmückte Wasserstelle. An der Seite gibt es Waschbecken zum Spülen mit WARMEM Wasser! Das hatten wir schon ewig nicht mehr. Wir haben uns mittlerweile fast an den Abwasch mit kaltem Wasser gewöhnt, es geht eigentlich ganz gut. Jedem Stellplatz ist ein eigenes kleines Bad zugeordnet mit Dusche, Klo und Waschbecken und einem Schlüssel dazu. Statt mit der Klorolle über den Platz zu tapern geht man hier mit dem Schlüssel los, Handtücher, Klopapier, Kulturbeutel sind schon im Bad. Morgens kommt erst der Bäcker in das Rondell gerollt, etwas später der Gemüsewagen, noch später kommt der Fischhändler. Jeder kennt jeden, meist schon seit Jahren. Alles wird beobachtet und vor allem lautstark kommentiert. Ziemlich schnell merken wir, wie die einzelnen Leute jeweils aufgestellt sind. Da ist eine Dame, die offenbar eine gescheiterte Beziehung verarbeiten möchte, da ist der Oberbayer, der mit seiner Meinung niemals zurückhält, da ist der pensionierte und noch überaus rüstige und geistig agile Lehrer, der seine mehr oder weniger wichtigen philosophischen Erkenntnisse rührig teilt … man könnte ewig gucken und sich so seinen Reim machen. Natürlich sind WIR hier die Abwechslung im Einerlei. Man versucht herauszufinden, wer wir sind. Der Hund ist der erste Anknüpfungspunkt, ich bekomme von verschiedenen Seiten versichert, Laki sei außergewöhnlich gut erzogen. Dann wird das Nummernschild kommentiert, und wenn einer nicht weiß, woher wir kommen, bekommt er es von den anderen eiligst verkündet. Weil ich mit der Chemietoilette oder dem Müll einige Sekunden zu lange unentschlossen herumstehe, fühlen sich sofort andere befleißigt, mir mitzuteilen, wie und wo ich das loswerden kann. Als wir Probleme mit der Waschmaschine haben, gibt es allein vier verschiedene Damen, die nacheinander mithelfen, dass endlich die Sache zum Ende kommt. Während die Wäsche in der warmen Seifenbrühe schwappt, gehen wir mit Laki wieder an den Strand, der bei Tageslicht hält, was er mir am Abend vorher versprochen hat. Auch Herr W. ist ganz angetan.
Als Mittags endlich die Wäsche an der Leine hängt, packen wir Laki ins Auto und fahren nach Módica. Módica ist zwar hier in der Gegend bei Weitem nicht die sehenswerteste der Barockstädte im Süden Siziliens, doch liegt sie in der Nähe. Außerdem haben wir im Internet ein Filmchen gesehen, das zeigt, wie hier auf besondere Art und Weise Schokolade hergestellt wird. Herr W. ist ein Süßmaul, und so fahren wir hierhin. Es geht durch weites hügeliges Land, das durch überaus sorgfältig errichtete halbhohe Steinmauern in schmale Streifen unterteilt wird. Der Sinn wird uns nicht ganz klar, möglicherweise hat es etwas mit Viehzucht zu tun. Vorbei an Ragusa geht es, wo im Süden Erdöl gefördert wird. Ab hier wird die Straße kurvenreich, schlängelt sich durch weite Täler mit großartigen Ausblicken, über Brücken und tiefe Schluchten. Der erste Blick auf Módica ist atemberaubend. Die Stadt liegt in mehreren Ebenen an den Fels geschmiegt, die mittlere Ebene ist der Ortskern.

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Wieder gibt es eine lange Ortsdurchfahrt, jede Stadt in Süditalien hat einen solchen oder ähnlichen Corso. Hier ist er gesäumt von etwas heruntergekommenen herrschaftlichen oder bürgerlichen Häusern aus dem 18. Jahrhundert mit reichem Schmuck, der nun bröckelt und in Anmut vergeht. Als wir erkennen, dass das Parken hier schwierig wird, kehren wir um und finden einen schattigen Parkplatz am Ortseingang.
Módica ist nichts für Lauffaule oder Menschen mit Gehbehinderung. Alle Straßen und Häuser abseits des Corso sind nur über Treppen erreichbar, die zudem noch – ganz italienisch – ständig wechselnde Stufentiefen und Absatzlängen haben. Man muss sich ganz schön konzentrieren beim Laufen und aus der Puste kommt man auch noch.

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Hoch oben ist die Kirche S. Giorgio, dem heiligen Georg geweiht. Nach den ganzen Stufen hierher kommt dann noch eine breite Prunktreppe, die vor dem Portal liegt. Man steht davor und muss den Kopf tief in den Nacken legen. Ich vermute, das war vom Planer der Kirche sicher so gewollt. Man fühlt sich ziemlich klein.

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Wir wollen Laki davor anbinden, doch es gibt nirgends ein Geländer oder einen Haken. Der Küster hat ein Einsehen und bittet Laki mit hinein. So kommt es, dass Herr W. mit Hund in der letzten Kirchenbank sitzt, während ich umhergehe und fotografiere. Später wechseln wir uns ab. Der italienische Barock unterscheidet sich vom deutschen in einigen Details, die ich nicht wirklich benennen kann, doch sieht es irgendwie anders aus. Da auch hier die Kirchen ständig unter Geldmangel leiden, ist die Decke mit Netzen abgehängt, damit der Putz nicht in den Kirchenraum fällt.

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Wieder am Corso entdecken wir auch die vielen kleinen Schokoladenläden und die ein oder andere Schokoladenmanufaktur. In einem Laden kann man die Schokolade probieren. Sie ist sämtlich ohne Milch hergestellt, was mir als laktoseintolerantem Menschen entgegenkommt. Doch hat sie ein fremdes Mundgefühl, irgendwie zwischen Luftschokolade und Schokogrieß. Zunächst fand ich dies irritierend. Ich habe sie jedoch später mehrere Male probieren können und finde den Geschmack mittlerweile besser, wenn nicht sogar interessant. Jedoch ist sie recht teuer. Ein 50-Gramm-Täfelchen kostet fast drei Euro. Das Schokoladeneis dagegen habe ich gleich hier probiert und es ist äußerst lecker: Tiefschwarz, gar nicht süß und ziemlich herb. Genau mein Geschmack!
Wir fahren zurück zu unserem Campingplatz für Überwinterer. Morgen geht es weiter – zum ersten Mal in dieser Reise wieder nach Norden.

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Diesen hübschen Weihwasserhalter habe ich in einer anderen Kirche in Módica entdeckt.

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