Warten auf die Reparatur

Die nächsten Tage sind wir in Selinunt (eigentlich heißt der Ort Marinella) auf dem Campingplatz, da wir regeln müssen, wie es nun weiter geht. Der erste Vorschlag, das Fenster durch eine Pressspanplatte provisorisch zu ersetzen, zerschlägt sich. Wir erinnern uns, dass ich eine ADAC-Mitgliedschaft habe und die Mitarbeiter vom Automobilclub zeigen sich kooperativ. Sie wollen jedoch Bilder vom Fahrzeugschein, vom Schaden, von der Fahzeugnummer auf der Säule an der Beifahrertür. Diese alle schieße ich und versuche sie, per Mail nach Deutschland zu schicken. Leider macht das Internet des Campingplatzes was es will und so dauert es einen halben Tag. Mittlerweile ist es Donnerstag nachmittag. Der ADAC nimmt Kontakt mit einem Händler in München auf, doch der geht nicht ans Telefon oder ist sonstwie nicht bereit, jedenfalls schließt er am Freitag Mittag um 12 pünktlich sein Büro und wir sitzen das Wochenende über fest. Unsere ADAC-Ansprechpartnerin ist super, wir können sie selbst am Sonntag Nachmittag erreichen, doch sie kann auch nichts ausrichten. Endlich, am Montag kommt die Botschaft: Eine neue Scheibe ist frühestens in einer Woche da, eher in drei Wochen. So managt der ADAC für uns, dass eine Wohnmobilreparaturwerkstatt in 40 km Entfernung am Dienstag für uns ein Zeitfenster reserviert und irgendwie provisorisch das fehlende Fenster ersetzt.

Doch die Zeit bis dahin muss überbrückt werden. Der Campingplatz liegt an einer recht befahrenen Straße außerhalb des Ortes, es gibt zwar eine Bar und ein Restaurant, aber keinen Laden und auch sonst nichts. Selbst Gassi-Gehen wird schwierig. Wegfahren ist riskant, da erstens die Swirl-Müllbeutel nicht für diesen Zweck gedacht sind und zweitens habe vor allem ich Angst. Ein mit Plastik verklebtes Auto in Sizilien an den Straßenrand zu stellen … da könnte man doch gleich den Schlüssel stecken lassen!!! Das Wetter ist unbeständig und eher kalt. Das Warten zermürbt uns. Nachts bellen überall angekettete Hunde, was mir zusätzlich aufs Gemüt schlägt. Wir kriegen mehr von den Stellplatznachbarn mit, als uns gut tut. Ganz nebenbei entdecken wir, dass der Frischwassertank nicht unerheblich leckt und die unteren Spanplatten aufgequollen sind. Wir schaffen es nicht, den tropfenden Revisionsdeckel zu öffnen und leeren den Tank vollständig. Seither haben wir kein Wasser mehr im Fahrzeug.

Hier auf dem Campingplatz hat die Olivenernte begonnen. Ich bin erstaunt, wie viel Handarbeit das erfordert. Einmal helfe ich unserem netten Ben Hur Giovanni eine Weile, die geernteten Oliven zu sortieren. Jetzt weiß ich auch, dass Müll auf Sizilianisch Munizza heißt, und wenn man das abkürzt, heißt es Munizz, fügt Giovanni mit einem Zwinkern hinzu. Überhaupt scheint es für sehr viele Wörter eine sizilianische Variante zu geben, die sich von der italienischen merklich unterscheidet. Ältere Sizilianer sind so auf gewisse Weise zweisprachig. Die Ausbeute der Oliven ist eher mäßig: 6 große Kisten unsortierter Oliven bringen 5 Liter kaltgepresstes Öl, der Trester wird allerdings nochmal nachbehandelt mit Hitze, dabei dürfte noch einiges anfallen. Im Restaurant am Campingplatz wird das Öl verkauft, ich nehme mir vor, am Ende welches mitzunehmen, vergesse es aber dann am Ende. (Sorry, an die, denen ich bislang Öl zugesagt habe, ich versuche noch welches zu kriegen, kann aber nichts versprechen.)

Als ich kurz davor bin, einen Koller zu kriegen, wagen wir es: Wir fahren runter an die Küste und gehen in einem kleinen Naturschutzgebiet dort spazieren. Ewig diskutieren wir, wie das Auto abgestellt wird, damit man nicht sofort sieht, dass ein Fenster fehlt. Bangen Herzens gehen wir los. Es wird ein toller Spaziergang. Einzig Laki hat ein Problem mit drei Hunden, die gemeinsam sie aus dem Hinterhalt anfallen. Doch sie schlägt sich wacker, bis der Besitzer endlich seine Tölen zurückpfeift. Wieder fällt mir die außergewöhnliche Pflanzenwelt hier auf. Es gibt eine Art Strandlilien mit aufsehenerregenden Fruchtständen, und eine Vielzahl von Gewächsen, von denen ich nicht mal die Verwandtschaft zu anderen Pflanzen raten kann. Ich bin noch in Europa, dennoch gibt es kaum Gewächse, die ich sicher kenne. Alle Bäume sind grün, weil sie entweder keine oder permanent übers Jahr verteilt Blätter abwerfen. Wenn ich mir in Deutschland einen hohen Baum als Wegpunkt auf einer Wanderung merke, dann ist das eine Kastanie, eine Eiche, ein riesiger Ahorn. Hier ist es meist eine Palme. Die Felder sind abgeerntet, aber zwischen den Resten der Ernte kommen neue Pflanzen, Boretsch keimt schon. Die Felder sind braun, doch die Straßenränder strahlen in jungem frischen Grün, jetzt im Oktober. Zwischen den Olivenbäumen blühen die Wiesen mit kleinen weißen Blümchen wie bei uns im Mai das Wiesenschaumkraut. Es ist eine verrückte Welt.

Nachdem wir einmal ohne Scheibe draußen gestanden haben, werden wir mutiger. Wir fahren auch einkaufen. Jetzt ist es von Vorteil, einen Hund im Auto zu haben, der für unbedarfte Menschen einem Rottweiler ähnlich sieht. Wir lassen das lustige Haltüchlein weg und ermuntern Laki, sich auf den Fahrersitz zu setzen. Sie ist irritiert: Normalerweise wird sie hierfür geschimpft, und nun regnet es Lob! An diesem Abend gibt es Gulasch und aus dem vielen alten Weißbrot Semmelknödel!

Als das Einkaufen geklappt hat, fahren wir sogar über 100 km nach Agrigent, wo es ebenfalls Tempel gibt. Das Auto bleibt auf einem bewachten Parkplatz, Laki kommt mit. Hier kaufen wir ihr ein rotes Halstüchlein, was ihr deutlich besser steht als das rosarote. Den Maulkorb trage ich an der Gürtelschlaufe meines Rocks, entspannt nähern wir uns der Kasse. MIST. Wieder wird jeder Besucher mit seinem Gepäck durchleuchtet. Mein Messer – puh – habe ich in der anderen Tasche. Die Tempelanlage von Agrigent ist weitab von der heutigen Stadt, welche auf einem anderen Hügel liegt. Daher sieht man oft am Horizont Hochhäuser, während im Vordergrund Tempel oder umgestürzte Säulen liegen. Hier gibt es einen extrem gut erhaltenen Tempel, den Concordia-Tempel, den man nicht betreten kann. Er hatte das Glück, dass er im 6. Jahrhundert von einem Bischof zu einer Kirche umgewidmet wurde. Außerdem kann man hier Gräber sehen, die früher in einer Art unterirdischem Friedhof in das Gestein gehauen wurden. Die gesamte Anlage ist riesengroß und auch bei guter Kondition nur schwer komplett zu begehen. Daher fahren Shuttles oder Taxen Menschen von einer antiken Sehenswürdigkeit zu einer anderen. Das meiste ist jedoch noch gar nicht ausgegraben. Wir sehen Arbeiter, die einen kleinen Teil der Wohnsiedlung freilegen. Dabei gibt es Mosaiken, die überwiegend in Museen transferiert, teilweise aber auch an Ort und Stelle mit Beton für die Besucher fixiert wurden.

Auf dem Rückweg nach Selinunt bestaunen wir wieder die abwechslungsreiche Landschaft. Karges bergiges Land wechselt sich ab mit intensiv landwirtschaftlich genutztem Gebiet, vor allem Orangen, Zitronen und Wein gedeihen zwischen Agrigent und Selinunt.

Endlich haben wir unseren Werkstatttermin. Wir richten uns ein auf mehrere Stunden Wartezeit, doch dann kommen wir in den Genuss original italienischer Profiarbeit. Aus einer am Rand leicht gesprungenen Scheibe aus einem anderen Fahrzeug, die eigentlich viel zu groß ist, pfriemelt der Handwerker eine neue Scheibe, die dicht ist, einbruchsicher und sich zu allem Überfluss noch öffnen lässt. Es geht ihm leicht von der Hand, und schon kurze Zeit später sind wir für geringes Geld eine Sorge los.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s