Büchereibesuch in Monreale und Spracherwerb mit Ben Hur

Bislang waren die Nächte immer sehr heiß, regelrechte Tropennächte. Hoffentlich wird das besser, wenn wir die Großstadt verlassen. Ich dusche, wir lassen Grauwasser – agua grigio – ab und tanken Frischwasser, bezahlen unsere Standgebühr und verlassen bei strahlendem Sonnenschein Palermo. Auf der sehr familiären Ausfallstraße, die wir mittlerweile recht gut kennen, geht es gen Süden. Ich bin immer noch restlos begeistert von den vielen außerordentlich gut sortierten Gemüse- und Fischgeschäften. Jeweils einen davon in meinem Wohnviertel zu Hause, und ich wäre glücklich. Spaßhalber sammeln wir während der Fahrt Argumente, was dafür und was dagegen spräche, hier in Palermo zu leben. Die Geschäfte wären eindeutig Gründe für die Übersiedlung nach Sizilien. Der Verkehr kommt plötzlich zum Erliegen und erst als wir direkt dort ankommen, erfassen wir es: Ein Rollerfahrer wurde von einem PKW erfasst, die Polizei nimmt den Unfall auf, was genau passiert ist, können wir nicht erkennen. Was wir jedoch sehen, ist, dass ein Unfallzeuge offenbar kurzfristig die Regelung des Verkehrs übernommen hat – bei uns in Deutschland undenkbar! Während Herr W. kurz danach tankt, wische ich die Scheiben. Ich habe bislang nirgendwo sonst so zuverlässig sauberes Scheibenputzwasser und ordentliche Schwämme und Lappen vorgefunden wie hier in Sizilien. Picobello, in der Tat.
Serpentinen geht es hoch, wir bekommen einen tollen Blick auf die Bucht von Palermo. Oben ist Monreale, ein kleiner Ort mit einem absolut sehenswerten Normannendom, weswegen wir diesen Weg gewählt haben. Vor dem Ort wird eine Parkmöglichkeit ausgewiesen, die sich jedoch als ein Parkhaus mit Höhenbeschränkung erweist. Da sind  wir leider schon mitten drin im Ort. Enge Gässchen, vorstehende Treppen, niedrige Balkone – für Wohnmobilfahrer sind die Tücken vielfältig. Herr W. meistert wieder alles mit Bravour. Endlich sind wir am Ortsausgang und dort gibt es eine lange unbebaute Sackgasse mit Baumbestand, so dass wir inmitten des Mülls am Straßenrand einen schattigen Platz finden. Laki ist nicht begeistert, aber mittlerweile sind wir ein wenig rücksichtsloser und sie hat sich besser daran gewöhnt.
Wir laufen in den Ort, der trotz der kurzen Entfernung zu Palermo erfreulich eigenständig ist. Je näher wir dem Dom kommen, umso mehr Touristen gibt es, aber allein die Auslagen der Geschäfte und Märkte zeigen, dass hier die Einwohner bedient werden sollen und nicht in erster Linie die Touristen. Vor einem Haus bleibt Herr W. stehen und kommt mit einer freundlichen Dame mit leichtem Handycap ins Gespräch. Ich bin immer wieder baff, was für einen Schlag er gerade bei älteren Damen hat. Jedenfalls erfährt er, dass hier eine Bibliothek ist und meint mit Blick auf mich, dass ich ja auch eine kleine örtliche Bibliothek leite, und ob wir uns diese hier einmal ansehen könnten. Er rennt offene Türen ein und tatsächlich stehen wir kurze Zeit später in der Bibliothek. Die Räume sind wunderschön, es gibt lange Arbeitsplätze in der Mitte und hohe dunkle moderne Regale an den Seiten. An der einen Stirnseite sind raumhohe Fenster, an der anderen ist der Verbuchungsplatz und darüber befindet sich eine Empore mit einem gesonderten Arbeitsplatz. Da meine kleine Bücherei sich im Moment gerade mit drohenden räumlichen Veränderungen herumschlagen muss, bin ich überaus begeistert und schicke meinem Büchereiteam sogleich Fotos von den Räumlichkeiten. Der Buchbestand unterscheidet sich jedoch deutlich von dem, den wir in Deutschland aufgebaut haben. Wir leihen überdurchschnittlich viele Kinderbücher aus, während hier überwiegend Bücher über Kunst und Kunstgeschichte angeschafft wurden. Wir dürfen uns noch in eine Liste der Leser eintragen und bekommen von der Bibliothekarin eine Reihe von Vorschlägen für unsere weitere Reise.

Am Dom stellt sich heraus, dass nur noch eine halbe Stunde geöffnet ist, weil dann eine Hochzeit hier stattfinden wird. Hier in Sizilien wird viel kirchlich geheiratet und gerade die besonders schönen Kirchen sind überaus begehrt. Obwohl sich die normannischen Dome durchaus ähneln, bin ich jedesmal wieder völlig überwältigt. Gold, vielfältige Muster, aufwändige Mosaiken, hohe Fenster, ein nahezu perfekter Grundriss. Diesmal kommt noch dazu der weiße Blumenschmuck wegen der bevorstehenden Hochzeit, doch der geht im Gesamteindruck fast unter. Als die Lichter erlöschen, wissen wir, dass alle Besucher gehen sollen und wir wenden uns dem Kreuzgang zu, der nebenan liegt. Ein großes Geviert mit eng beieinander stehenden Doppelsäulen, jedes Paar anders verziert und mit immer mit einer anderen Kopfschnitzerei als bei dem vorherigen, die Mosaiken, überwiegend in gold, weiß und rot sind teilweise erhalten. In einer Ecke ist ein Brunnen mit einer Schale und einer hohen gedrehten Säule. Im Geviert sind vier biblische Bäume Palme, Granatapfel, Olive und Feige. Zeder und Wein fehlen meiner Meinung nach noch, aber ich will mal nicht so sein. ….

Als wir zu Laki zurück kommen, hat sie sich mal wieder in der Spüle bedient und eine Kartoffel zum Spielen geholt. Irgendwie ist die alte Hundedame wie ein kleines Kind, wenn man sie allein lässt.

Wir fahren weiter, über ein menschenleeres und steinreiches, karges, bergiges Land, bis wir im Süden wieder ans Meer kommen. Unser nächstes Ziel, Selinunt, gibt es nicht im Navigationssystem, weil es sich dabei um eine Bezeichnung aus der Antike handelt. Daher müssen wir uns nach Gefühl nähern. Als wir ankommen sehen wir, dass der zugehörige Ort Marinella heißt. Laut unserer Apps auf dem Handy gibt es keinen Campingplatz hier, aber wir wissen mittlerweile, dass das nicht stimmen muss. Und tatsächlich finden wir bei der zweiten Durchfahrt des Ortes einen Platz hinter einem Lokal mit Tabacchi und Bar einen Campingplatz. Die Schranke ist offen, niemand ist da, ein Mann kommt aus seinem Wohnmobil und sagt, wir sollen uns einfach irgendwo hinstellen, gegen fünf Uhr Abends käme wer. Und tatsächlich kommt ein kleiner, verschmitzter, zahnlückiger, lustiger Ben Hur auf einem grünen gummibereiften dreirädrigen Streitwagen mit vier verschiedenen Flaggen und einem Löwen als Gallionsfigur. Er heißt Giovanni und hat ein sehr dezidiertes Bild von Männern und Frauen. Er nimmt Herrn W.s Ausweis und weist mich in den Gebrauch der Waschmaschine ein, nicht ohne mir klarzumachen, dass ich mit dem bisschen Waschmittel kein sonderliches Ergebnis erzielen könne. Da halte ich dagegen, dass das ein deutsches Waschmittel und deswegen besonders gut sei. Ich lasse ihn riechen und er nickt es ab mit der Bemerkung, dass es recht männlich dufte. Als ich mich vor der Maschine bücke, scheint er meine Beine zu begutachten und will sich sofort über meine Narbe am Oberschenkel informieren. Ein Glück, dass er nicht gesehen hat, dass Herr W. in dieser Zeit völlig unmännlich gekocht hat. Dass ich danach spüle, dürfte für ihn wieder gut nachvollziehbar sein. Von ihm lerne ich italienische Wörter wie corda – Wäscheleine, molette – Wäscheklammern und spreco – Müll. Als ich ihn, ganz Lehrerin, ermuntere, das Wort „Müll“ nachzusprechen, kommen wir beide kaum aus dem Lachen heraus, denn das ü ist für ihn ein gewaltiges Hindernis. Es wird immer ein „Mmmull“ daraus.

 

Abends wird es mittlerweile bald dunkel und die Stechmücken sind überaus aktiv. Daher verziehen wir uns zeitig ins Fahrzeug. Morgen gibt es griechische Tempel zu besichtigen!

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