Gold, Glanz und Gedrängel

Gleich vorweg: Das Auto ist kaputt. Der ADAC ist unser neuer Freund und wir warten. Das heißt aber, dass ich Zeit habe. An einem ruhigen, stillen Campingplatz mit mäßigem Wetter und noch mäßigerem Internet aber einer netten Bar sitze ich und tippe. Manchmal muss ich Dinge mehrere Male losschicken, aber was soll ich sonst tun …

Zurück nach Palermo: Wir wollen am Sonntag den Höhepunkt touristischen Interesses sehen, die Capella Palatina im Normannenpalast. Laki ahnt schon, was auf sie zukommt und fügt sich. Wir gehen los. Vor dem Normannenpalast gibt es eine rote Absperrung, die weit in die offene Fläche hineinmäandert. Sie ist leer!!!! Das Universum liebt uns. Plötzlich sind da unzählige Jugendliche, offenbar eine Gruppe. Ob das Universum uns wirklich liebt? Doch – sie kommen heraus! Das Universum hat ein Auge auf uns!!! Wir stellen uns gleich mal vorne hin, da steht ein wichtiger gut aussehender Kerl in Uniform und erklärt, die Tickets müssen im Pavillon im Park erworben werden. Blöd vom Universum … Denn von dort kommen gerade sehr, sehr viele Leute, die haben alle Tickets in der Hand. Beim Pavillon gibt es drei Schalter, ein weiterer uniformierter Kerl lotst uns an einen Schalter. Mit den Tickets stürmen wir zurück an das rote gespannte Seil und sind in Reihe zwei. Das hätte schlimmer kommen können. Es gibt eine Art Blockabfertigung, und als wir endlich vorne sind, schwant mir schreckliches. In meiner Handtasche ist wie immer mein kleines Opinel-Taschenmesser. Ich habe schon mehrere davon an derartigen Kontrollen an Flughäfen, im Reichstag, im Vatikan hergeben müssen. Ich will nicht schon wieder eines verlieren! Ich beratschlage mich kurz mit Herrn W. und stopfe es in die Untiefen der Handtasche. Vielleicht ist dort ja so viel Gerümpel, dass das kleine Messer in seinem Holzschaft untergeht. Daumen drücken. Aber der Mann am Bildschirm ist gefeit gegen meine Tricks und auch gegen meinen Charme. Er findet es und bleibt unerbittlich. Nein, sie bewahren es auch nicht für mich auf, die schmeißen es weg und damit basta. BASTA? Herr W. ist mein Retter. Er schnappt sich das Messer stürmt entgegen der nachdrängenden Massen wieder hinaus und kommt anschließend mit leeren Händen zurück, lässt sich erneut scannen und endlich sind wir drinnen. Der Weg führt durch den Laden und dann werden wir mit den Menschenmassen gedrängt in den Innenhof. Der ist sehr schön, stammt aber aus einer späteren Zeit als der ursprüngliche Normannenpalast. Galerien in drei Etagen umrahmen den quadratischen Hof. Um uns herum gibt es haufenweise Führungen in den unterschiedlichsten Sprachen, Für uns ist das ziemlich blöd, derart geschoben zu werden und fremdbestimmt weitergeschoben zu werden. An einer Tür steht eine junge Angestellte des Palasts und lotst uns weg mit der Bemerkung, dass bei ihr gerade wenige Leute seien und dass es bei ihr leer sei. Wir kommen in eine Ausstellung, die wir uns eigentlich gar nicht ansehen wollten. Sie ist der heiligen Rosalia gewidmet, der Stadtpatronin Palermos, die im 17. Jahrhundert sich während der Zeiten der großen Pest um die Stadt verdient gemacht hat. Als wir zurück in den Innenhof kommen, ist es dort leerer. Erleichtert setzen wir den Rundgang fort, um im Obergeschoss erneut auf die vielen Leute zu treffen. Vor der eigentlichen Capella Palatina stauen sich die Besucher wieder in sich windenden Schlangen und wir finden unseren Platz erneut am Ende. Wir müssen am Ende unsere Tickets erneut vorzeigen und sind endlich unter scandierenden „Pronto! Pronto!“s in der Kapelle. Es nimmt mir den Atem. Gold, wohin das Auge blickt. Die Decke ist gestaltet wie eine Tropfsteinhöhle, nur dass die Zapfen regelmäßig und über und über bemalt sind. Der Fußboden hat ein wunderschönes Einlegemuster. An den Wänden gibt es unzählige Mosaiken mit biblischen Szenen. Kein Zentimeter bleibt ungestaltet oder ungeschmückt. Ganz vorne ist in der Apsis ein riesiges in Gold eingebettetes Antlitz Jesu. Ich weiß gar nicht, wohin ich mein Auge wenden soll. Gläubige, die sich hier im Gottesdienst langweilen, müssen blind oder stumpf sein.

Weiter werden wir geschoben, und irgendwann sind wir beinahe froh, dass wir hinaus müssen, weil die Fülle an Eindrücken einen Menschen fast überfordert.

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Ich muss aufs Klo. Das muss ich meistens. Dafür gehen wir einen anderen Weg zum Ausgang, wo wir an den Palastgärten vorbeikommen. Die interessieren mich natürlich sehr, leider lässt unser Ticket einen Besuch dort nicht zu. Also fotografiere ich einen besonders gewachsenen Palmstrauch, bei dem die neuen Schösslinge über den sich ringelnden Früchten aussehen, als seien sie bereits verwelkt.  Wir wenden uns dem eigentlichen Ausgang zu.

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Natürlich kaufen wir dann doch eine Kleinigkeit im Shop. Endlich draußen erinnere ich mich an das Opinel-Messerchen. Mit stolzem Gesicht geht Herr W. zu einem halbhohen Gebüsch und greift ohne sich zu bücken zielsicher zwischen die Zweige. Wie er sich den genauen Platz bei der langen Hecke gemerkt hat, bleibt sein Rätsel. Nachdem wir Laki erlöst haben, verbringen wir den Nachmittag in einem netten Straßencafe bei Kaffee, Bier, Kuchen und Chips. Ich schreibe Blog. Abends besuchen wir unser neues Stammlokal direkt in der Nähe unseres Stellplatzes. Dabei finden wir durch Zufall heraus, dass die Cuba, eine andere Sehenswürdigkeit, ebenfalls kaum mehr als 100 Meter vom Auto entfernt ist. Das wird unser Plan für den Montag. In der Dunkelheit geht es zurück zum Auto.

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