Hundeleben für Laki und Besichtigungen für uns

Laki weiß noch nicht, was sie heute erwartet. Herr W. hat sie am frühen Morgen mitgenommen, „Brot jagen“, wie die beiden das nennen. Dabei wurden die wichtigsten Hundeidioten an der Hauptstraße ignoriert, ein Baum unbekannter Gattung wurde mit einem großen Haufen Festdünger bedacht und Brot wurde in der Paneria eingefangen, während Laki draußen dafür sorgte, dass niemand anderes den Brotladen betrat. Hunde in Palermo haben nochmal einen ganz besonderen Status: Die meisten von ihnen leben tagsüber auf Balkonen, wo sie wachen. Da es auf dem Balkon nichts zu bewachen gibt, bewachen sie eben die Straße und verbellen so ziemlich alles, was sie sehen. Da Hunde aber Nasentiere und ansonsten auch sehr sozial veranlagt sind, fehlt ihnen eine ganze Menge an wichtiger Erfahrung. Abends bei Einbruch der Dunkelheit kommen ihre Besitzer und führen sie Gassi. Das ist für die Hunde der Höhepunkt des Tages, können sie endlich riechen, schnüffeln, Kontakte knüpfen und Widersprüche austragen. Leider geht das aber nicht. Denn die Straßen sind sehr befahren, die Bürgersteige eng und voller Müll und unglaublich viel Hundekot, die Besitzer sind oft ängstlich und unerfahren. Trotzdem gibt es viele mittelgroße Hunde, auch deutsche Schäferhunde und Pitbulls. Darum setzt sich das tägliche Gekläffe vom Balkon in einem abendlichen wütenden Gekläffe an der stramm gespannten Leine fort. Ein Hundeleben ist das. Laki ist hier Königin. Entspannt geht sie an der durchhängenden Leine an den gefletschten Zähnen der anderen Hunde und am angsterfüllten Blick der Besitzer vorbei. Die Katzen dagegen sind ihr suspekt. Sie leben frei in Höfen und auf Straßen, werden von allen Anwohnern gefüttert zum Teil mit Essensresten, mit ausgelegten Fischköpfen, mit Trockenfutter. Das steht dann auf Plastiktellern mitten auf dem Gehweg oder liegt auf Mäuerchen aus. Die jungen Katzen, davon gibt es sehr, sehr viele, stieben davon, wenn Laki kommt. Die alten verteidigen ihre Pfründe vehement und würden auch Laki angehen.

Und so soll Laki heute auch allein bleiben. Wir verhängen das Auto so gut wir können, stellen Trinkwasser bereit, öffnen Lüftungsschlitze, legen die Kühlmatte aus und gehen. Commandore Laki sitzt auf dem Fahrersitz und schaut uns nach. Unser Plan heißt zuerst Dom von innen und dann Normannenkirche San Giovanni degli Eremiti ebenfalls von innen. Das ist beides leicht fußläufig zu erreichen.
Am Dom erwarten uns Menschenmengen, überwiegend Reisegruppen zugeordnet, was man an bunten Hütchen erkennt. Die Gruppe mit den pinken Hütchen, ein besonders fideler Haufen, sehen wir heute mehrmals. Führer und Führerinnen halten Knirpsschirme unterschiedlicher Farbe hoch und kommunizieren mit ihren Gruppen per Funk. Also, nichts wie rein, denken wir, wir haben ja nichts zu verlieren. Um es kurz zu machen, der Dom ist groß. Er wurde mehrfach umgebaut, daher ist eine klare Gestaltungsidee schwer zu erkennen. Die byzantinischen Elemente, die mich immer so sehr faszinieren, wurden dabei weitgehend eliminiert. Für die Normannengräber müssten wir Eintritt zahlen. Wir gehen bald weiter.

Ganz anders verhält es sich bei der Kirche San Giovanni degli Eremiti. Es ist keine Kirche mehr, daher müssen wir geringen Eintritt bezahlen. Nur wenige Menschen sind mit uns hier. Sie ist leer und man kann den Grundriss gut erkennen. Vereinfacht gesagt besteht sie aus fünf Türmen, die wie Legosteine zu einem T aneinandergebaut sind und oben jeweils von einer völlig halbrunden roten Kuppel gekrönt werden. Es gibt einen wunderschönen Garten mit Bäumen, die ich kaum kenne. Quitten kann ich ausmachen, Limonen, Palmen natürlich. Aber die meisten Bäume sind mir völlig fremd. Am Boden gibt es das, was auf deutschen Fensterbänken vor sich hinkümmert: Philodendren, Papyrus, Farne, aber auch Strelizien und Pflanzen, die eigentlich in Blumensträußen Verwendung finden. Außerdem ist da ein vollständig erhaltener Kreuzgang mit einem Brunnen in der Mitte. Die Säulen tragen fremdartige Muster und zeigen, dass außer dem normannischen hier schon immer andere Kulturen und außer dem Christlichen auch andere Religionen vermutlich recht gleichberechtigt nebeneinander existierten.

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Wir kommen zurück zum Auto, das mittlerweile in der Sonne steht. Laki freut sich sehr. Sie hat die Stofftasche mit dem Obst aus der Spüle gezogen und den Inhalt auf dem Boden verteilt. Ich räume auf, Laki geht vor das Fahrzeug und legt sich in die pralle Sonne.

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Laki kann nicht genug Sonne kriegen!

Wir entscheiden, dass wir sie nun öfter im Auto lassen können, nur eben das Obst bessser wegräumen. Als wir zum Cafe gehen, wo es für mich laktosefreien Cappuccino gibt, darf sie mit. Ich schreibe am Blog, Laki liegt rum, Herr W. liest.
Ein bisschen wollen wir noch Stadt anschauen. Wir kommen zur La Martorana, einer Kirche die wir gestern schon von außen besichtigt haben. Innen ist der teils arabische Bau völlig mit Gold geschmückt. Leider wird dort gerade geheiratet und die Kirche ist bis auf den Vorplatz voll von Menschen in Festtagskleidung. In Deutschland wäre eine Frau mit solchen Abendkleidern zu einer Hochzeit völlig overdressed. Ich gehe dafür in die gleich daneben liegende Kirche S. Cataldo, wo im Gegensatz dazu der Stein unverblendet wirkt. Dadurch sieht man die Architektur sehr gut, der Fußboden jedoch hat ein wunderschönes Mosaik.

Jetzt sind wir ziemlich weit vom Stellplatz entfernt. Doch in Palermo hat die Stadtverwaltung kostenlose Busse eingerichtet, die im 14-minütigen Rhythmus einen festgelegten Rundweg durch die Stadt fahren. Man steigt ein und fährt so lange mit, bis man in der Nähe seines Zielortes ist. Am Hafen erwischen wir so einen Bus, Laki darf erstaunlicherweise auch mit hinein. Mit uns steigen sechs oder sieben etwa zwölfjährige Jungs mit ihrem Fußball ein. Zunehmend wird es voll im Bus. Ich stehe nahe der Tür und klemme Laki zwischen meine Füße, damit niemand versehentlich auf sie tritt. Einige Menschen scheinen sich nicht sehr wohl zu fühlen mit der Tatsache, dass dort unten ein Hund liegt. Ich habe auch Angst, dass etwas passiert, einfach weil ich nicht sicher bin, wie gut die Leute sie auf dem Schirm haben. Die Jungs direkt neben mir sind so, wie Jungs in diesem Alter sind. Sie sind laut, sie rempeln, sie lachen, sie singen. Ich als Lehrerin bin erfreut, wie viel sie singen und wie sicher. Eine unmissverständliche Bewegung des einen Jungen zeigt mir jedoch, dass sie diese Lieder sicher nicht in der Grundschule gelernt haben und dass ich als Dame froh sein sollte, den Text nicht zu verstehen. … Irgendwann steigen einige Jungs aus. Es ist dunkel. Die haben sicher keine Helikoptereltern sondern erziehen sich überwiegend gegenseitig. Der Bus ist viel kleiner als ein normaler Bus. Warum das so ist, beginnen wir zu verstehen, als er in die Altstadt einbiegt. Mit Fingerspitzengefühl und viel Augenmaß bahnt er sich den Weg durch enge Gassen, vorbei an geparkten Autos, Müllkontainern und Auslagen der Geschäfte. Es gibt Geschäfte, die es bei uns niemals geben würde: Ein Hutmacher hat seine Werkstatt in einem kleinen Kellerraum, man sieht im Vorbeifahren fertige Hüte und unzählige Schablonen, ein Geschäft bietet Kravatten an, Kravatten und sonst nichts. Es gibt unzählige Handyläden. Andere haben Ramsch, anders kann man das nicht nennen. Lokale gibt es – hier ist es touristischer. Große Ketten fehlen völlig. Plötzlich, mitten im Gewimmel ein riesengroßer Lidl. Ich staune. Da, ein riesiger Markt jetzt am Abend fünf Minuten später. Entgegen meiner Befürchtung sind die anderen Menschen im Bus sehr hilfsbereit. Eine ältere Frau bietet den Stadtplan an, damit ich schauen kann, wo ich aussteigen möchte. Ein junger Mann erklärt Herrn W., der mittlerweile tatsächlich die Orientierung verloren hat, wo wir aussteigen müssen und kümmert sich darum, dass der rote Knopf gedrückt wird. Als wir endlich draußen sind, bin ich völlig erschöpft von der Vielzahl der Eindrücke. Und Laki kriegt ein fettes Lob, weil sie sich so wacker geschlagen hat.
Abends lassen wir Laki im Auto und gehen essen.

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