So viel zu erleben, bis wir endlich nach Palermo kommen!

Hier auf diesem Campingplatz riecht es so gut. Ich kenne den Geruch aus Australien, mir wird aber jetzt erst bewusst, dass er von den Eukalyptusbäumen rührt. Diese Bäume riechen nicht immer, aber wenn, dann ein wenig muffig, warm. Es ist nicht der Geruch, den wir in Deutschland mit Eukalyptus verbinden. Dieser frische scharfe Geruch kommt von den Früchten, das habe ich in Australien entdeckt. Aber das hier scheint von winzigen unscheinbaren grünen Blüten zu kommen. Zusammen mit dem Geruch der Pinien, den ich ebenfalls heiß und innig liebe und der vor allem bei Sonneneinstrahlung entsteht und mit dem Geruch des Meeres ergibt das einen Cocktail, an dem ich mich gar nicht sattriechen mag. Jedes Mal, wenn ich aus dem Wohnmobil steige, seufze ich begeistert.

Das Wetter ist weiterhin unbeständig. Eigentlich wollen wir für ein paar Tage zu den Aeolischen Inseln übersetzen, aber der geplante Aufstieg auf den Stromboli macht nur bei einigermaßen sicherem Wetter Sinn. Und hier schüttet es alle paar Stunden wie aus Eimern. So nutze ich die Zeit, um ein wenig am Küstenstreifen herumzustreifen und dabei Strandgut zu sammeln, den leeren Campingplatz mit seinem morbiden Charme zu erkunden, mit den Stellplatznachbarn zu plaudern. Einmal fahren wir hoch zum Cap. Eine winzige Einsiedelei und einen kleinen naturkundlichen Weg gibt es hier. Vor der Kulisse des nächsten anrückenden Wolkenbruchs sieht das Meer tief zu unseren Füßen atemberaubend blaugrau aus.

Dann fahren wir zweimal die paar Kilometer nach Milazzo, weil wir jeden Abend kochen und meist fehlt irgendwas. Ich muss auch noch meinen Strafzettel aus Pizzo bei der Post begleichen. So gehen hier einige Tage ins Land, weil auch beim Reisen so ein bisschen normales Leben erforderlich ist. Aber irgendwann geben wir auf. Das Wetter ist überall in Sizilien besser als hier. Wir wollen weiter und die Aeolischen Inseln aufschieben bis zum Ende unserer Reise . Am letzten Tag fahren wir in einem kleinen Supermarkt einkaufen, Fleisch für den Hund, Gemüse fürs Abendessen. Laki ahnt schon lange vorher, was die Stunde geschlagen hat und stimmt ihr übliches Gejaule an. Allein im Auto bleiben ist nicht ihr Ding und es muss in ihren Augen unter allen Umständen vermieden werden. Dabei haben wir noch nicht einmal einen Parkplatz. Direkt vor dem Laden ist es gesperrt, am Straßenrand ist nichts frei. Vor dem Siegerdenkmal mit einem nackten Herrn in bronzener Siegerpose mag Herr W. das Auto nicht abstellen, weil er – wie er sagt – sich um die politische und moralische Gesinnung des Hundes sorgt. Endlich steht das Auto an einer abschüssigen Straße. Laki besteigt wohl oder übel zur besseren Kontrolle den Fahrersitz und wir ziehen los. Den putzigen Gemüseladen heben wir uns für den Schluss auf. Erst kommt der Supermercato dran, wo es wirklich alles gibt. An der Kasse sehen wir, dass draußen gerade wettermäßig die Welt untergeht. Der Gehweg steht unter Wasser, Leute rennen herein und stellen sich unter, die Gullis können die Wassermengen nicht fassen. Und wir stehen da mit zwei wirklich vollen Taschen, wobei das Gemüse noch fehlt. Erst zögern wir, dann rennen wir los. Beim Gemüseladen sind wir so nass, dass der Besitzer wortlos Herrn W. einige Stücke Küchenrolle anbietet und signalisiert, er habe noch mehr … Hochreife Tomaten, Auberginen, rote Zwiebeln, gelbe große Pfirsiche, ich wünschte, in Laufweite meiner Wohnung gäbe es einen solchen Laden! Auf dem Ladentisch liegen einige gelbe Mangos – sizilianische, wie der Besitzer stolz sagt. Natürlich nehmen wir eine mit. Sie ist mittelgroß und außen gelb. Vom Reifegrad her scheint sie perfekt zu sein. Wie wir später feststellen ist auch der Geschmack unübertroffen, eine echte „Badezimmerfrucht“ – so nennen die Singapuris diese vollreifen saftigen süßen Früchte, weil man sie mit Anstand eigentlich nur im Badezimmer essen kann. Als wir zahlen, entdeckt Herr W. hinten im Laden braune kleine Kugeln in einer Kiste. Wir fragen den Besitzer und er zeigt sie uns. Es sind Schnecken, mit Kalkdeckeln verschlossen. Mit einer unmissverständlichen Geste signalisiert der Händler mit zwei Händen an der Wange, dass man sie schlafen gelegt habe. Sie werden von den Sizilianern gekauft für Ragus.
Als wir am Auto ankommen, ist alles nass. In meinen Schuhen quietscht es, sie werden wohl zwei Tage nicht trocken. Laki ist erleichtert und der Regen ist vorbei.

Wir fahren weiter nach Westen. Das Wetter stabilisiert sich zusehends. Nach etwa 120 Kilometern kommen wir durch die atemberaubende Madonie nach Cefalù. Die Stadt liegt am Meer und gleichzeitig am Fuße eines riesigen Felsens. Es dauert einige Zeit, bis wir hinter dem Bahnhofsgelände an einer Straße eine Parkmöglichkeit finden. Mit weggeklappten Spiegeln sollte es gehen. Laki entdeckt zu ihrer Beruhigung, dass sie mit raus darf. Rasch sind wir in der Altstadt, halten uns aber kaum auf, da alles völlig überlaufen und touristisch voll erschlossen ist. Ich ahne schon, dass die Sehenswürdigkeit hier wirklich bedeutend ist. Knapp unterhalb des Felsens steht hinter einem palmenbestandenen Platz der Normannendom, erbaut von Roger II als Grablege, seit kurzem vor der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.

Hinter der Kirche hat ein Einwohner Cefalùs ausgelegt, was er verkaufen möchte. Herr W. vermutet, dass seine Oma gestorben ist und dass er nun zu Geld machen möchte, was sie hinterlassen hat. Es hat schon seinen eigenen Charme, wenn direkt hinter einem Weltkulturerbe jemand alte Blumenübertöpfe und Spiegel gegen Spende zum Verkauf anbietet. Ich will einen als Miesmuschel geformten Salzstreuer mitnehmen, vergesse es aber leider nach dem Besuch der Kirche. Die Kirche selbst ist tatsächlich großartig. Die vorgenommenen Veränderungen seit ihrer Erbauung sind überschaubar. Man kann noch erahnen, wie sie konzipiert wurde.

Wir kommen auf dem Weg zurück zum Auto an dem historischen Waschplatz vorbei, wo ein kristallklarer Bach, kurz bevor er ins Meer fließen kann, durch wasserspeiende Löwenköpfe in viele kleine steinerne Bassins mit schrägen Steinplatten zum Schrubben geleitet wird. Dieser Waschplatz liegt tief unten zwischen hohen Häusern. Es hallt dort und man kann sich richtig vorstellen, wie vor Jahrhunderten Frauen in der kühlen Abgeschiedenheit ihre Wäsche gewaschen und die neuesten Tratschgeschichten ausgetauscht haben.

Wir haben Hunger, aber das touristische Angebot schreckt uns eher ab, als dass es uns lockt. Immerhin kaufe ich mir ein sizilianisches Kochbuch auf deutsch, wer mich kennt, weiß, dass es nicht mein einziges Kochbuch ist. In einem winzigen Laden in einer Seitengasse erstehen wir leckere Pizzastücke für wenig Geld mit viel Geschmack.

Das Auto wartet schon und wir machen uns auf den Weg nach Palermo.

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