Hinüber nach Sizilien

Die Navigationssteffi spinnt. Aber bei den vielen Serpentinen ist das kein Wunder. Wir sind auf der Weiterreise Richtung Sizilien und quälen uns den Weg nach Tropea hoch, während das Bild auf dem Display sich alle paar Sekunden grundlegend ändert. Herr W. und die Dame aus dem Navigationsgerät diskutieren aufs Heftigste und ich finde mich unversehens in der Vermittlerrolle zwischen den beiden, bis mir die Absurdität der ganzen Angelegenheit bewusst wird und ich mich raushalte. Herr W. hat einen sensationellen Orientierungssinn und was die Steffi ihm da vorschreibt, das kann nicht stimmen, da ist er sich sicher. Also ignoriert er das Steffigewäsch und fährt auf eigene Faust. Erst als wir an ein Schild kommen, das die Fahrbahn im weiteren Verlauf auf 1,90 Meter Höhe und 1,90 Meter Breite begrenzt, fügt er sich notgedrungen. Steffi hingegen rächt sich auf ihre Weise. Sie findet über mehr als eine Stunde ausschließlich absurd winzige und enge, holperige Sträßchen hoch im Gebirge, so dass wir schon vermuten, dass dies eine perfide Verschwörung der Mafia mit unserer illoyalen Steffi sein könnte. Doch irgendwann kommen wir doch noch wir an den Fährhafen Villa S. Giovanni, wo die Schiffe Richtung Messina ablegen.

Ich kaufe ein Ticket und schnappe mir Laki, die vorher nochmal ihre Hundepflicht erfüllen soll, was sie auf eine Ödfläche vorbildlich tut. Schon geht es aufs Schiff, schräg vor uns ein Maserati aus München, um uns herum einige Wohnmobile, etliche Laster, eine Reihe von PKWs. Wir lassen Laki im Auto uns eilen Richtung Deck, weil wir sehen wollen, wie wir ablegen. In der Hektik nehmen wir den falschen Aufgang und werden vom Bordpersonal zurückgescheucht. Beim fluchtartigen Rückzug stoße ich mir die werte Kehrseite so sehr an einem vorstehenden Haken, dass mir die Luft wegbleibt und die Tränen in die Augen schießen. Am Abend finde ich Blut an der Unterwäsche. Sabbaticals sind nichts für Weicheier, stelle ich zum wiederholten Mal fest. Wir ergattern einen guten Platz an der Reling und der Herr aus dem Maserati kommt auch hoch. Er fällt jedem hier auf, mit seinem stylischen Schal und seiner kurzen Hose. Hin läuft er und her, die Alarmanlage seines Autos geht an, wusch ist er weg, schon ist er wieder da, der Alarm erklingt erneut, … irgendwie ist dieser Kerl permanent in Aktion.

 

Aufregend ist, was auf dem Wasser passiert. Wenn Boote und Schiffe fahren, hinterlassen sie eine schäumende blaue Spur im aufgewühlten Wasser, am Himmel braut sich über Sizilien eine Regenfront zusammen, mit den Sonnenlöchern auf dem Festland gibt das aufsehenerregende Bilder. Erst hinterher erfahren wir, dass eine Fahrt über die Straße von Messina wegen des Zusammentreffens zweier Meere mit unterschiedlicher Wasserhöhe auch für erfahrene Seeleute immer ein bisschen riskant ist, aber bei uns geht alles glatt. Der Herr aus dem Maserati ist schon lange vor uns anderen in seinem Auto, es blinkt, es bimmelt und es hupt, er steigt ein und aus. Wir haben den Eindruck, man ist froh, dass er endlich von Bord kommt.

Die Straße führt in Kreisen und Schlaufen aufs Festland, seitlich liegen Berge von Abfall. Mittlerweile regnet es. So haben wir uns den Empfang nicht vorgestellt. Doch nun geht es auf die Autobahn Richtung Milazzo, unseren ersten Stop hier auf Sizilien. Die Autobahn ist nun teilweise kostenlos, aber in einem desolaten Zustand. Wenn wir über Brücken kommen, ist immer eine der beiden Spuren gesperrt. Ich vermute, man will so den Verkehr auf Brücken nach dem Vorfall in Genua begrenzen. Das wirkt auf mich ein wenig hilflos. Wenn ich auf die Gegenspur gucke, sehe ich wie die Brücken von unten aussehen. Brocken fehlen, Armiereisen sind sichtbar. Es ist gausig, da schaue ich lieber weg. …
Wir kommen nach Milazzo und versuchen einen Campingplatz zu finden. Die Touristinformation ist geschlossen, die Apps auf dem Handy geben nichts her. So schlägt Herr W. vor, einfach hoch Richtung Kapp zu fahren, da müssen doch einfach Plätze sein. Und tatsächlich ist rechts ein Camping Smeralda, er hat offen und kurz vor dem erneut einsetzenden Regen haben wir einen Platz direkt an der felsigen Küste, unter uns tobt das schäumende Meer. In der Dämmerung sehen wir jenseits der Bucht die Lichter des nordöstlichen Zipfels Siziliens. Wir kochen und kriegen gerade noch den Abwasch – bei kaltem Wasser – erledigt, ehe der Sturm und der Regen uns zum Rückzug ins Fahrzeug zwingen. Nach einer stürmischen Nacht, in der ich Herrn W. mit Evakuierungsplänen für ein im Sturm gekentertes Wohnmobil wach halte, strahlt ein freundlicher, aber kühler Morgen.

 

2 Kommentare zu „Hinüber nach Sizilien“

  1. Sizilien beginnt mit einem Page-turner. Weiter! Möchte ich rufen. Doch da kommt nichts mehr. So gehe ich zu Bett mit einem Bild von sizilianischen Küsten, an denen Gischt schäumt. Während hier der goldene Oktober sehr sanft und friedlich vor sich hingleisst …

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