Trulliland

Es ist nicht so, dass wir mit geöffnetem Fenster laut „Trullatrullatrullala, trullatrullatrullala, …“ singend über die Straßen brettern, aber fast. Hier steht ein Trullo, dort einer, da fünf Trulli, da eine ganze Siedlung. Und immer drängt der Refrain sich irgendwie auf, obwohl keiner von uns mit der schwäbschen Eisebahne was am Hut hat. Ab und an stimmt Herr W. auch das Schlumpflied an, und ich falle fröhlich ein.

Zum besseren Verständnis: Trulli sind ursprünglich Steinhäuser, die rund und völlig ohne Mörtel errichtet wurden. Die Wände sowie die Dächer bestehen aus kreisförmig übereinandergelegten Steinen. Über ihren Ursprung gibt es verschiedene Theorien. Eine besagt, dass die Trulli errichtet wurden, damit keine Steuern auf mit Mörtel errichtete Gebäude fällig wurden, eine andere, dass die Großgrundbesitzter die Bauern zum Bau leicht zerstörbarer Bauten gezwungen haben, damit diese schnell vertrieben werden konnten, eine dritte, weil es die einzig mögliche, kostengünstige und energetisch sinnvolle Bauweise hier war. youtube.com/watch

Wir besichtigen in Alberobello einen Trullo: Man geht durch die Eingangstür in den ersten Raum, von dem geht ein zweiter ab, wovon es in einen dritten geht und so weiter. Fast alle Trulli sind bewohnt. Da es kaum Fenster gibt, sind die Türen zu den Straßen fast rund um die Uhr geöffnet. Eine Art Vorhang schirmt das Familienleben manchmal zur Straße ab, oft ist es aber leicht, in die Wohnungen hineinzusehen. Man riecht, was gekocht wird und wer italienisch kann, versteht, was gesprochen wird. Es gibt hier sogar einen zweigeschossigen Trullo, eine Kirche im Trullo-Stil, ein Museum. Mittlerweile hat der Tourismus Alberobello entdeckt, was den Menschen dort ein wirklich gutes Auskommen sichert. Wir waren sehr erstaunt über die Preise, die deutlich über denen liegen, die wir bislang in Italien gezahlt haben.

 

Da unser Campingplatz ein wenig außerhalb liegt, fährt uns der Betreiber des Platzes hinein nach Alberobello und vereinbart mit uns eine Stelle, an der er uns auf Anruf wieder abholt. Wir schlendern zur Hauptstraße und sind entzückt über den Straßenschmuck, der noch prächtiger ist als der in Mattinata. Ein Marktstand bietet gebratene Maronen an, köstliche eingelegte und auch frisch geerntete Oliven zum selbst-einlegen, Gemüsekonserven in Gläsern, Pilze aller Arten, Trockenfrüchte, kandierte Pomelos (sehr, sehr lecker, meine Stollen werden dieses Jahr zu Weihnachten davon profitieren!) Wir kaufen und hören eigentlich nur auf, weil wir erst am Anfang des Tages stehen und nicht alles mit uns herumschleppen möchten: besagte Pomelos, ein Glas Bomba Mista, eine Art Ajvar, grüne entkernte riesige Oliven, die alles übertreffen, was ich an Oliven je gegessen habe. Am Ende legt der Verkäufer noch einen riesigen Sack gebackene Kringel „als Geschenk“ drauf und verlangt dann einen wirklich stolzen Preis. Das passiert uns hier öfter, wir erhalten ein Geschenk und dann nennt man uns den Touristenpreis. Da wir sprachlich nicht dazu imstande sind und es auch immer erst zu spät merken, fallen wir jedes Mal darauf rein.

 

Wir trinken einen Kaffee, ich esse eine Crostata mit Orangenfüllung. Später gönnt sich Herr W. ein unglaublich leckeres Eis. Wir flanieren und gucken Leute. Auch hier sind viele Menschen in der Stadt, denn die heiligen Zwillinge Medici werden auch hier in einer Art mehrtägigem Volksfest geehrt, was wir jede Nacht gegen Mitternacht und auch tagsüber an den langen Feuerwerken merken. Und weil wir eigentlich immer Hunger haben, freuen wir uns über den Metzger, der vor dem Laden Biergarnituren und einen Holzgrill aufgestellt hat, wo es riesige Spieße mit unbeschreiblichen Köstlichkeiten und auch Würsten gibt. Leider können wir die Spieße nicht bestellen, weil wir uns nicht verständigen können und aufgrund des komplizierten Bezahlsystems einfaches Draufdeuten unmöglich ist. Aber auch die Würste sind sehr, sehr lecker. Besonders freut mich der Schankhahn mit Coburger Bier. So nah liegt Franken an Apulien!

Abendessen brauchen wir auch noch, daher laufen wir zu einem Supermarkt, den Herr W. schon am Tag vorher gefunden hat. Laki muss draußen bleiben, was sie nur bis zu einem gewissen Punkt lautlos tut. Als wir an der Kasse sind, wird draußen entrüstet gebellt. Die Verkäuferin hat Mühe, uns abzukassieren und eilt dann begeistert hinaus zu Laki um sich über den wundervollen Hund zu freuen und sie zu streicheln. Das fällt uns hier auf: Ganz viele Leute sind vollkommen hundeverrückt und finden Laki bello bellissimo, genausoviele aber haben panische Angst vor Hunden und zeigen das schon von Weitem. Leider haben wir aber auch die armen Straßenhunde schon gesehen, die Kothaufen im Fell kleben haben, hinken oder sich zu Hundegangs zusammengeschlossen haben. Es gibt sehr viele Hunde im Zwinger. Der Besitzer unseres Campingplatzes hat allein 7 Hunde nach Rassen getrennt in drei verschiedenen Zwingern. Die sind gut genährt, aber im Zwinger liegt viel Kot und der arme alte weiße Hund, der allein ist, hat eine heisere Stimme und wohl kaum Kontakte. So etwas bricht mir immer das Herz. Aber er beteuert, dass alle ihm gehören und er sie aus Liebe und Vergnügen hält und diese nicht züchtet. Na ja.

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Offenbar Mutter und drei Kinder einer beagleähnlichen Laufhunderasse. Sie waren sehr zutraulich und freuten sich riesig über meine Zuwendung.

Auf dem Campingplatz wartet wieder die schwarze kleine Katze. Ein mickeriges spindeldürres diesjähriges Ding, hungrig und daher völlig opportunistisch in ihrer Zuneigung. Wer was gibt, dessen Freund ist sie. Wie gut, dass wir die teuren Fische noch haben, die Laki verschmäht. Ich biete ihr einen an, sie haut ihn in Windeseile weg. Der zweite sieht den Schlag nicht und ein dritter rutscht problemlos hinterher. Langsam mache ich mir Sorgen. Sie schafft fünf. Am nächsten Morgen sitzt sie vor dem Wohnmobil, ist zwar von Lakis Spontanangriff einigermaßen überrascht, lässt sich mit Fischen aber schnell wieder locken. Bis wir wegfahren hat sie alle gefressen und einen kompakten Haufen auf den Zeltplatz der Nachbarin gelegt, den ich entferne, weil ich ja diejenige war, die die Katze so üppig gefüttert hat.

Wir haben gemeinsam eine tolle Route ausbaldowert, die uns direkt vom kühlen windigen Trulliland nahe der Adria in einer nahezu senkrechten Falllinie vorbei am ionischen Meer bis hinunter ans sommerlich warme tyrrhennische Meer führt, nach Tropea.

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