Das Castel del Monte

Herr W. ist voll Vorfreude: Heute werden wir das berühmte Castel del Monte sehen, erbaut vom Stauferkönig Friedrich II. Aber erstmal lassen wir den Gargano hinter uns und fahren entlang der Küste nach Südosten. Auf der Landstraße sieht man, dass hier sehr viel Gemüse gedeiht, Felder werden noch jetzt im September von Hand mit winzigen Pflänzchen bestückt, auf anderen Feldern ist in riesigen Flächen roter und grüner Salat am wachsen, Gewächshäuser bersten vor Tomaten und anderem Fruchtgemüse. Links strahlt das Meer in den tollsten Farben und unzählige Wege führen zu Stränden, die an unserer Straße durch bunte Schilder mit Pfeilen angekündigt werden. Doch sind sie alle bereits geschlossen. Wir ahnen, dass das bei den Campingplätzen nicht viel anders sein wird. Rechts gibt es viele Salinenbecken, etliche in rosa, was von Bakterien im salzigen Wasser herrührt. Wie in der Camargue stehen auch hier Flamingos und schöpfen in der warmen Brühe nach Kleinstlebewesen.

Wir folgen den Pfeilen nach rechts und sehen es schon von Weitem. Ein regelmäßiger Quader steht auf einem recht niedrigen, aber solitären Hügel – so sieht es zumindest von weitem aus. Mittlerweile hat mich Herrn W.s Aufregung angesteckt. Das Castel gehört nicht erkennbar zu einer Ortschaft, so fährt man einfach direkt den Berg hoch. Ich bin immer dafür, einen der ausgewiesenen Parkplätze zu nehmen und den Rest des Weges zu Fuß zurück zu legen. Das hat den Vorteil, dass man sich schon beim Annähern einen Überblick verschaffen kann und sich unnötige Wendemannöver mit dem Wohnmobil erspart. Nicht jedoch mit Herrn W.! Er fährt trotz meiner lautstarken Proteste direkt hoch auf den Berg bis zu einer Schranke. Links ist ein Parkplatz, doch beim Hineinfahren erkennen wir sogleich, dass das ein Betriebsparkplatz für Bedienstete und für Fahrzeuge der Bauarbeiter ist, die hier zurzeit die Wege instandsetzen. Also fahren wir eben wieder heraus. Ein älterer Herr mit orangefarbener Arbeiterjacke und einem Schildchen, das ihn ausweist als Werweißwaswichtiges kommt gestikulierend auf uns zu. Er fordert uns auf, doch diesen Parkplatz zu nutzen, „Nein, nicht dort vorne, besser dort hinten“. Herr W. bedankt sich mit den zwölf Worten italienisch, das er für derartige Situationen immer bereit hält und drückt ihm etwas Geld in die Hand. Nun haben wir hier einen Freund. So einen kann man in Italien immer brauchen. Wir nehmen Laki an die Leine und gehen zum Castel.

Es ist in der Tat sehr beeindruckend in seiner absoluten Schlichtheit. Errichtet wurde es um 1250,  doch ist heute noch ungeklärt, wofür. Die architektonische Einzigartigkeit legt einerseits nahe, dass es eine Demonstration baulicher Fähigkeit sein könnte, Unregelmäßigkeiten, die mit dem Sonnenstand korrespondieren wurden entdeckt, das Fehlen von Graben und Schießscharten deutet darauf hin, dass es nicht der Verteidigung gedient haben kann, es gibt Deutungen, die das Castel als die steinerne Krone Apuliens bezeichnen. Friedrich II ist berühmt für seine Umsicht und Wohltätigkeit, hinterlassen hat er ein dickes Buch über Falknerei. Über das Castel ist nichts weiteres bekannt. Da es offensichtlich nicht ganz fertig gestellt wurde, bleiben etliche Fragen offen. Es ist achteckig, und an jeder der acht Ecken steht ein achteckiger Turm. Oben ist es flach, das ganze Gebäude ist durch einen Sims quergeteilt wie eine Torte durch die Buttercreme. Die wenigen Fenster und vor allem das Eingangsportal sind reich geschmückt. Als wir komplett herum sind und uns vor dem kalten heftigen Wind gerade ins Auto flüchten wollen, finde ich auf dem Weg einen riesigen Tausendfüßler. Neugierig nehme ich ihn in die Hand, er krabbelt weiter, auch Laki interessiert sich. Einige Bauarbeiter kommen dazu und wir alle gucken uns das Tierchen an, das mit wellenartigen Beinbewegungen über meine Hand zieht. Als ich den kleinen Kerl wieder runter lasse, bescheinigen mir die Bauarbeiter „Brava! Donna Brava!“. Danke, aber eigentlich finde ich das gar nicht so besonders tapfer, ein kleines Tier in die Hand zu nehmen. …

Nun muss Laki doch ins Auto. Unser neuer Freund in Orange verspricht, auf sie aufzupassen, vergewissert sich auch gleich, dass es geöffnete Dachlucken gibt, damit es im Inneren nicht zu heiß wird.

Auch innen ist das Castel überwältigend. Der Innenhof ist achteckig, es gibt drei Türen ins Gebäude. Einrichtungsgegenstände gibt es keine, aber das Gebäude spricht für sich. Die Türme scheinen den Wendeltreppen vorbehalten zu sein, zwei davon können wir begehen. Sowohl oben als auch unten öffnet sich ein Raum in den nächsten. Es gibt keinerlei Flure. Zwei der oberen Räume verfügen über riesige Kamine. Oben kann man von seitlich angebrachten Bänken aus den Fenstern über das Land schauen. Ob die Marmorsäulen aus farbigem Stein Stützfunktion haben oder nur Zierrat sind, weiß ich nicht. Türstürze und Fensterlaibungen sind aus einem rotweißen geschliffenem Steinlehmgemisch gestaltet, das entfernt an Terrazzo erinnert, hier Breccia Rossa heißt.

Als wieder zum Auto zurückkehren, wird uns fachmännisch beschieden, dass Laki in unserer Abwesenheit „Brava“ war, „Brava, brava!“. Na, das freut uns. Wir verabschieden uns von unserem hilfreichen Mann in Orange und fahren weiter nach Trani, das der Reiseführer als einen Ort für romantischer veranlagte Seelen empfiehlt. Na, da muss ich dann doch hin!

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