Oben auf dem Gargano

Wenn ich zunächst geglaubt habe, ich hätte zu viel warme und zu wenig sommerliche Kleidung dabei, werde ich nun eines Besseren belehrt. Hier oben ist es sehr, sehr kühl. Mit Jeansjacke und Fleecejacke übereinander komme ich gerade so hin. Losgefahren sind wir unten am sonnigen Strand unseres Stellplatzes, hoch auf die luftigen Höhen des Gargano. Die Straße windet sich Kehre um Kehre, ich halte mich mit beiden Händen fest und bremse in bewährter Manier mit Herrn W. mit. Laki liegt in unerschütterlichem Vertrauen zwischen uns beiden und rutscht bei jeder Kehre ein bisschen hin und her. Ab und zu ruft einer von uns „Laki, geh hinter!“, wenn sie mal wieder zwischen die Pedale zu rutschen droht. Dann steht sie unwillig auf und trollt sich, um dann einige Minuten später wieder vorne bei uns aufzutauchen. Die Landschaft sieht beeindruckend aus: Steine so weit das Auge reicht, zu anmutigen Reihen und Mäuerchen zusammengetragen. Auf schmalen Terrassen schimmert zwischen den grauen Steinen braune Erde hervor. Doch der nächste Regen wird unweigerlich neue Steine frei spülen, die die Olivenbauern dann wieder zu den Mauern dazulegen. Es ist eine jahrhundertealte niemals endende Tätigkeit. Genauso alt sind die Bäume mit ihren gezeichneten Stämmen, offen, verdreht, knorrig, stur. Der Wind lässt die silbrig-schmalen Blätter der Olivenbäume flirren. Unter den Bäumen liegen violett die ersten verschrumpelten Früchte. Ich habe eine probiert, sie schmeckt ölig- scharf- intensiv, kaum genießbar. Während unten im Tal die Olivenhaine üppig bewässert werden, müssen diese hier ganz ohne zusätzliches Wasser auskommen. Dennoch scheint es sich zu lohnen für die Ölbauern.

Wir sind auf dem Weg nach Monte Sant‘ Angelo, einem etwa 800 Meter hoch gelegenen Pilgerort auf dem Gargano. Er ist europaweit bekannt als Kultort verschiedener Religionen über Jahrhunderte hinweg. Der St.-Michaelskult nahm dann hier seinen Ausgang, seit der Heilige Michael hier im Jahr 492 erschienen sein soll. Wir stellen das Auto auf den Großparkplatz am Ortseingang ab und erhalten einen handgeschriebenen Zettel, auf dem der veranschlagte Preis von stolzen 8 Euro nur fürs Parken vermerkt ist. Da draußen die Leute mit Mützen und Schals vorbeikommen, ziehe auch ich klugerweise so ziemlich alles an, was ich dabei habe. Der Fußweg mit seinen unregelmäßigen Stufen hinunter zur Michaelskirche mit der Grotte ist gesäumt mit den unvermeidlichen Läden voller Devotionalien, landwirtschaftlichen Erzeugnissen und kuriosen Andenken. Guccitaschen gibt es auch, selbstverständlich zum Sonderpreis. Während wir nacheinander die Grotte besichtigen, knüpft Laki vielfältige Kontakte mit anderen Hunden, aber auch mit allen möglichen Leuten, die vor ihr auf die Knie gehen, um sie zu streicheln. Was zunächst wie der Eingang zu einer normalen Kirche aussieht, erweist sich als recht breite und vielbegangene Treppe hinab. Unten gibt es verschiedene Flure, eine der Türen führt in die eigentliche Grotte, in der der Heilige Michael erschienen sein soll. Über Geschmack lässt sich streiten, daher muss die Ausgestaltung der Grotte nicht jedermann gefallen. Ich vermute aber, dass das Schönheitsempfinden meiner 6-jährigen Enkelin in etwa getroffen wäre. Beeindruckend ist die Inbrunst, mit der Menschen im stillen Gebet versunken vor dem Altar verharren.

Wir besuchen noch zwei andere alte Gebäude, die Tomba di Rotari und die gleich daneben liegende Kirche Santa Maria Maggiore.

Danach sehen wir uns noch ein wenig im Ort um, kaufen ein Brot und vespern anschließend in unserem Wohnmobil auf dem Großraumparkplatz. Die acht Euro wollen schließlich ausgenutzt sein! Bei der Weiterfahrt hängt sich unser Navigationssystem auf und wir irren mit dem Wohnmobil durch Neubaugebiete mit Wohnblocks, die in den Steilhang hineingepresst wurden. Wenn ich daran denke, was diese Leute für eine Aussicht haben! Hunderte Meter hinunter bis zum gischtenden Ufersaum des Meeres und kilometerweit über die Bucht können sie sehen. Kinder allerdings kann man nicht unbeaufsichtigt zum Spielen vor das Haus lassen. Wenn sie stürzen, dann stürzen sie tief, abgrundtief. …

Weiter geht es durch eine Hochebene zum zweiten Pilgerort auf dem Gargano, nach San Giovanni Rotondo, dem Ort der Verehrung für den erst 1968 gestorbenen Heiligen Padre Pio. Da sein Tod sich genau vor 50 Jahren jährt, bekommen wir noch den Abbau der üppigen Blumengestecke und Pflanzungen mit, die den Vorplatz vor der neuen Kirche zur Verehrung Padre Pios geschmückt haben. Diese Kirche ist neu und riesengroß. Entworfen wurde sie von dem berühmten italienischen Architekten Renzo Piano, weshalb ich sie auch sehen wollte. Herr W. merkt lakonisch an „wie eine Fußballarena eben …“, und tatsächlich erinnert sie in Größe und der Gestaltung der vielfältigen Einlassluken tatsächlich an ein Stadion. Auch hier ist die Inneneinrichtung wieder Geschmackssache, aber der architektonische Gedanke ist erkennbar und spannend. Spannend bleibt es, als Herr W. die Toiletten sucht. Er bleibt fast zwanzig Minuten verschollen, hat sowohl Obergeschoss als auch Keller durchlaufen, nur um auf drei Toiletten zu stoßen. Gehen wir mal davon aus, dass ein Kirchengebäude, das insgesamt 7500 Menschen fasst, den Vorplatz nicht eingerechnet, mehr als drei Toiletten hat. Nur – man findet sie nicht!

Heute sind wir froh, dass wir erst jetzt im September hier sind. Ich bin sicher, im Juli oder August wäre es furchtbar, sich in die Schlangen der Besucher einzureihen. Aber so, so geht es …

 

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