Mattinata

Als ich aufwache, ist es bereits hell. Laki jammert, weil sie glaubt, dass sie schon tagelang kein Futter mehr bekommen hat – was natürlich gelogen ist. Hunde lügen, das muss man wissen. Ich füttere die arme Seele und lasse Herrn W. nach der langen Fahrt an den letzten Tagen erstmal ausschlafen. Leise ziehe ich mir über, was eben greifbar ist und gehe mit Laki die paar Meter zum Strand.

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Es ist wie im Bilderbuch. Die Sonne glitzert über den niedrigen Wellen, die mit kleinem Getöse an den Kies rollen. Seehundsgleich liegen einige Senioren im Wasser und lassen sich treiben. Außer den rhythmisch rollenden Steinen, rolling stones sozusagen, höre ich nichts. Laki  tut unverzüglich und gleich zweimal hintereinander das, was ein guter Hund nach ein paar Tagen Reise tut. Da ich in der Eile keine Tütchen mitgenommen habe, schaufle ich die Geschäftchen im Kies ein und hoffe, dass niemand es gesehen hat. Glücklicherweise habe ich meine Crocs an, so dass ich mich auf den dicken Steinen bewegen kann. Ich gehe vorsichtig ins Wasser und locke Laki. Unschlüssig schaut sie, geht ein paar Zentimeter ins Meer und dreht ab. Ich ziehe die Hosenbeine hoch und schicke mich an, tiefer hineinzuwaten. Aus den Augenwinkeln bemerke ich noch, wie Laki eilig etwas aufnimmt und dann sehe ich den Fischschwanz aus ihrem Maul herausschauen. So schnell kann ich gar nicht hinter ihr hereiern, wie sie sich mit der Beute auf ihren vier behenden Beinen davonmacht. Ich rufe: „Aus!“, lauter noch „AUS!“. Laki schaut umso schneller, dass sie den Fisch in möglichst großem Abstand zu mir herunterwürgt. Jetzt ist uns die Aufmerksamkeit des gesamten italienischen Strandes gewiss. Die Leute sind begeistert: Wie praktisch! Wir haben den Fisch gar nicht gesehen, wo wir doch direkt daneben saßen. Jetzt ist er weg. Was für ein kluger Hund. – Ich dagegen könnte mein Vieh auf den Mond schießen: Bestimmt lag der Gammelfisch schon mehrere Tage hier. Vermutlich ist der restlos verdorben. Das wird eine Kotzerei. Womöglich noch im Wohnmobil! … Im Rückhinein kann ich berichten, dass Laki den Fisch wunderbar vertragen hat, möglicherweise hat sie sich eine kleine Verstopfung geholt, aber mehr auch nicht.

Am Nachmittag machen wir uns auf nach Mattinata. Wir wollen uns umsehen und nebenbei ein paar Flaschen Wasser kaufen. Wie immer interessiere ich mich für alles was da wächst. Kaktusfeigen gibt es in rauher Zahl. Die wollte ich schon immer mal probieren, die sollen gut schmecken. Ich pflücke eine und öffne sie. Oranges saftiges Fleisch quillt heraus, es schmeckt süß, in der Mitte sind steinähnliche Kerne gebettet in eine Art gelbes Gelee. Die kann man nicht zerbeißen. Ich lege die Frucht aber rasch ab, als ich merke, dass meine ganzen Finger voller Kaktusstacheln stecken. Noch Stunden später versuche ich sie loszuwerden. Vorbei geht es an ungezählten Olivenbäumen, die auf schieren Steinen gedeihen. Diese Pflanze beherrscht jede noch so winzige Fläche auf dem Gargano. Etwas weiter entdecke ich eine kleine kriechende Pflanze und muss unwillkürlich an Kürbisse denken. Die Früchte sind ovaler als Kiwis, hellgrün und stachelig. Meine Pflanzenbestimmungsapp nennt diese niedliche Frucht „Spritzgurke“. Als ich draufdrücke, macht sie mit braunen Kernchen, die explosionsartig herausschießen ihrem Namen alle Ehre. Überreife kleine Feigen pflücke ich, die obwohl schon aufgeplatzt köstlich süß schmecken.

Mattinata ist ein eher schmuckloses süditalienisches Dorf, das nach einem Erdbeben von vielen Jahren etwas weiter oben auf zwei Hügeln erneut erbaut wurde. Einfache und zweckmäßige Häuser, fast alle weiß verputzt, stehen entlang der Gassen und Straßen dicht an dicht. Die Hauptstraße, der Corso ist ganzjährig geschmückt mit weißen eisernen Girlanden, die rote und blaue Glühbirnen tragen. Ich vermute, sie werden für jahreszeitliche und religiöse Feste und Umzüge aller Art gebraucht.

Wie in alten Filmen sitzen alte Männer zu mehreren beeinander am Straßenrand und gucken, wer da so vorbeikommt. Mit für Außenstehende unverständlichen Codes teilen sie sich ihre Eindrücke mit. Wir gehen in eine Bar und bestellen café und lemonsoda, Herr W. ordert café freddo, eine Art Eiskaffee ohne Milch, sonden aus Espresso mit gestoßenen Eiswürfeln. Jetzt sind wir diejenigen, die beobachten. Sicher werden aber auch wir von den Mattinatesern beobachtet. Da die Saison so gut wie zu Ende ist, sind wir die einzigen Touristen. Dunkle Wolken über den Bergen zwingen uns zum Aufbruch und wir haben Mühe, rechtzeitig zum Auto zu kommen. Glücklicherweise hat der starke Wind die Markise noch nicht angehoben.

Wir beschließen den Tag mit selbstgekochten Spaghetti in Gemüsesugo und trinken dazu einen heimischen Rotwein, herb und trocken. Morgen wollen wir in die Berge hochfahren.

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