Heraus aus dem Herbst!

Heute soll es losgehen. Da ich morgens vor lauter Aufregung schon früh auf den Beinen bin, komme ich als erstes meiner Bürgerpflicht nach und werfe anschließend das große Kuvert mit der Briefwahl beim Gassigehen ein. Danach setze ich Hefeteig an und die letzten Äpfel des Gartens werden zu einem Strietzel verarbeitet. Wohnmobil packen, Wohnung aufräumen, letzte Telefonate führen. Endlich kommt Herr W., auch er ist offensichtlich aufgeregt. Wir packen seine Sachen ins Fahrzeug dazu, legen die Route fest und fahren los. Mittlerweile haben wir einige Übung, das merken wir.

Der langersehnte Regen kündigt sich mit heftigen Winden an, erste Tropfen verdunsten, kaum, dass sie die Autoscheibe erreicht haben. Abgerissene Blätter sausen auf uns zu und wir haben den Eindruck, dass wir in einen alten Bildschirmschoner von Windows 95 geraten sind: Herbst ist’s. Unser erstes Ziel heißt Wangen, weil ein kranker Freund besucht werden soll. Leider hat die Navigationssteffi nicht beachtet, dass es Freitag Nachmittag ist. Etliche Baustellen und Staus später kommen wir bei Dunkelheit am Wohnmobilstellplatz in Wangen an. Leider sind wir auch hier nicht die einzigen. Der Platz ist pickepackevoll. Ein einziger freier Platz wird unserer. Wie uns die Stellplatznachbarin berichtet, war auch der belegt. aber das Wohnmobil darauf ist aus unerfindlichen Gründen vor ein paar Minuten noch am Abend abgefahren. Glück muss man haben! Wir laufen in den Ort. In der Dunkelheit ist die Richtung nicht gut auszumachen, daher fragt Herr W. ein paar Jugendliche, die sich ganz eindeutig auf eine Feier vorbereiten: eine Pineda wird gefüllt, Alkohol glüht die jungen Birnen vor. „Am Milchpilz links abbiegen, da ist die Stadt.“ Am Milchpilz! Wir sind gleichermaßen amüsiert und neugierig. Der Milchpilz entpuppt sich als ein alter Kiosk in Form eines Fliegenpilzes, die Halogenbeleuchtung gibt dem Stiel sein milchiges Aussehen. Mittlerweile regnet es in Strömen. Im Wohnmobil gäbe es ja zwei Schirme … Wir sind tropfnass, auch Laki will nicht mehr weiter. Ein Lokal zu finden, wo es Schweinekrustenbraten mit Knöpfle gibt – das hatten wir uns so in etwa vorgestellt – ist bei Dunkelheit und Starkregen schwierig. Endlich finden wir eine Gaststätte, die zwar nicht den Schweinebraten, dafür aber Käseschnitzel und Rehbouletten mit Knöpfle anbietet. Das Bier ist lecker, das Essen in Ordnung, der Gastraum gemütlich. Draußen regnet es weiter, erst in der Nacht beruhigt sich das Wetter.

Am nächsten Morgen packen wir, treffen uns mit dem Freund auf ein Frühstück und geleiten ihn wieder zurück. Weiter geht die Reise. Heute soll es über die Alpen gehen. Auf dieses Teilstück freue ich mich sehr, da ich die Alpen liebe. Schon in meiner Kindheit ging es entweder ins Alpenvorland, oder über den Brenner bis an den Gardasee oder gar an die Adria. Da Herr W. fährt – er ist ein großartiger Autofahrer, der besonnen und dennoch zügig fährt, wie ich das niemals könnte – muss der arme Kerl sich zusätzlich noch alle meine Erinnerungen über frühere Reisen anhören. An einem Supermarkt halten wir noch kurz in Österreich und wir decken uns mit Zutaten zum Kochen ein. Für mich sind ausländische Supermärkte immer ein Abenteuer und ich schaue mich gerne um nach Dingen, die es in Deutschland nicht gibt. In Österreich begeistern mich immer die putzigen Bezeichnungen für einzelne Lebensmittel. Hier gibt es Hendl-Filet und Faschiertes, Obers, Karfiol, Fisolen und Melanzane. Und es gibt den leckeren Willi-Dungl-Tee, von dem ich mich für die nächsten Wochen eindecke.

Auch ein souveräner Autofahrer braucht Rast, daher halten wir bei Bozen an. Ich erinnere mich noch, dass es hier ein Parkhaus für Wohnmobile gibt. Wir finden es sofort und die Preisliste zeigt einen Preis von 1,50 Euro pro Stunde an. Das ist mal ein Preis! Viva Italia!!!! Ich bin stolz, daran gedacht zu haben. Bozen ist absolut zweisprachig. Mich fasziniert das; Herr W. hält dagegen, dass eine derartige scheinbare kulturelle Vermischung oft mit unterdrückten Unruhen einhergeht. Da ist sicher etwas dran, denn die teuren Geschäfte sind von überwiegend deutschsprachigen oder zumindest dem Aussehen nach norditalienischen Menschen besucht, schwarzhäutige oder sehr südlich aussehende Menschen scheinen dagegen beschäftigungslos oder nur in allereinfachsten Arbeitsverhältnissen zu sein. Dennoch mag ich diese Stadt, die sich für mich anfühlt wie eine Schwingtür zwischen Deutschland und Italien.

Nach Eiskrem und Kaffee geht es zurück zum Parkhaus. Der Automat verlangt 10 €. ZEHN EURO? Wir wenden uns an den diensthabenden Angestellten hinter der Glasscheibe und der meint lakonisch, der Preis von 1,50 pro Stunde gelte für das andere Parkhaus. Das für Busse habe den höheren Preis. Zähneknirschend zahlen wir und fahren weiter.

Am Abend kommen wir bei Verona an einen einfachen, sauberen, leider auch lauten und teuren Stellplatz. Herr W. kocht für uns asiatisch und wir beenden diesen Tag mit prall gefüllten Bäuchen in der lauen Luft vor dem Wohnmobil sitzend.

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