Durch Frankreich von Ost nach West

Herr W. muss wieder zurück an seinen Arbeitsplatz. Ein Ticket für den TGV von Avignon nach Deutschland hat er bereits in der Tasche. Daher fahren wir ihn gleich morgens zu seinem Bahnhof, der einige Kilometer vor den Toren der Stadt liegt. Ich bin mit der Parksituation dort nicht vertraut,so muss der Abschied kurz ausfallen. Laki versteht nicht ganz, was da passiert, sie ist auch Stunden später noch verwirrt.

Ich gebe ins Navi CONTIS PLAGE ein, einen winzigen Ort an der französischen Atlantikküste, an dem ich früher viele Sommer verbracht habe und wo aktuell meine Tochter mit ihrer Familie auf dem Campingplatz steht. Gespannt schaue ich, wie viele Kilometer mir die Navigations-Steffi anzeigt und – spannender noch – welche Route sie mir vorschlägt. An die 700 Kilometer. Das wird also ein heftiger Ritt. Die Stecke über Bordeaux? Ich hatte vermutet, dass wir von Süden her entlang der Pyrennäen über Bayonne kommen, aber Steffi findet, dass die nördliche Route kürzer ist und in Anbetracht der vielen Kilometer füge ich mich. Der Abwassertank des Wohnmobils ist immer noch ziemlich voll, der sollte unterwegs entleert werden. Das Benzin wird nicht reichen. Gefrühstückt habe ich noch nicht und der Hund will gewiss auch mal raus. Das alles ist mir ganz Recht, bietet es doch reichlich Anlässe zum Halt. Aber erstmal will ich Kilometer „machen“.
Es ist Sonntag Morgen, die Straßen sind leer, keine LKW sind unterwegs und ich begebe mich zügig auf die Autobahn. Wenn ich nur nicht so müde wäre!! Eine Kleinigkeit essen wäre jetzt nicht schlecht, dann könnte ich mir auch einen löslichen Kaffee für unterwegs machen. Das wird mich wach halten. …
Ich bin immer noch ziemlich müde. Das ist gefährlich, Bewegung muss her! Rechts erscheint das Schild NARBONNE, ich erkenne eine große Kathedrale auf einem Hügel. Ja. Da fahre ich hin. Ich verlasse die Autoroute, das bedeutet in Frankreich, dass ich zahlen muss. Für Alleinreisende ist das nicht einfach, für Alleinreisende in einem Wohnmobil erst recht. Denn die Durchfahrten der Zahlstationen sind eng, so dass man die Tür kaum öffnen kann und die Automaten sind von der Höhe her für PKW oder für LKW ausgelegt, aber nicht für Fahrzeuge dazwischen. Man kann nicht im Sitzen zahlen, sondern muss sich stellen, um den oberen Schlitz für Ticket und Geld zu erreichen (der Automat identifiziert mich nämlich als LKW), dafür muss aber die Tür geöffnet werden, was nicht geht. Als einigermaßem schlanker Fahrer zwängt man sich durch. Jammern hilft nicht und ich quetsche mich trotzdem durch, immer darauf bedacht, nicht die Fahrzeugtür an den Automaten zu stoßen. Trotzdem dauert es, bis ich die zwei Scheine und die fünf Münzen in die Schlitze geführt habe. Es fehlen noch 10 Cent. Irgendwo im Auto müssen noch welche liegen, unter dem Kaffeebecher. Endlich geht die Schranke auf. Hinter mir öffnet der Fahrer eines kleinen Lieferwagens seine Autotür und schreit mir nach: „Aaaauääääh! Ouaaaääääouaä!“ Was sicher nicht heißt „Gute Reise, schöne Dame!“. Leider bin ich nicht schlagfertig genug, meinen freundlichen Hund vorzustellen und dem Herrn in wohlgesetztem Deutsch einige Benimmregeln zu unterbreiten. So bleibt es beim stummen Einstieg ins Auto. Prompt wähle ich die falsche Ausfahrt und entferne mich von Narbonne.
Der nächste Kreisel bringt mich wieder in Richtung Stadt. Ich tanke an einer unbemannten Tankstelle und kämpfe erneut mit einem Automaten, der mit der Entscheidung für GAZOLE und der deutschen Kreditkarte nicht einverstanden ist. Glücklicherweise ist dieses Mal der Fahrer hinter mir geduldiger. Nach den üblichen Gewerbegebieten geht es weiter in Wohngebiete. Links tauchen viele Großparkplätze auf, die ersten davon „gratuit“. Einen davon nehmen wir. Laki und ich laufen entlang des malerischen Kanals in Richtung Stadt.

Es ist Markttag!!! Selbst die Markthalle, ein imposanter Bau aus der Jahrhundertwende, ist geöffnet. Doch mit Hund komme ich dort leider nicht hinein. Also flanieren wir zwischen den unzähligen Ständen vor der Halle, wo viel Ramsch marktschreierisch verkauft wird. Ein Händler hat sich auf Düfte spezialisiert und versucht Tüten voller Parfüms an die Frau oder den Mann zu bringen, nach der Methode „wenn Sie jetzt glauben, dass das schon alles ist, was sie für ihr Geld kriegen, dann haben Sie sich getäuscht, denn ich lege jetzt noch dieses dazu. Aber immer noch nicht, weil …“. Mit Aalen und Bananen habe ich das schon gesehen, dass Parfüms auch so verkauft werden, war mir neu. Außer mir haben noch viele andere Leute ihre Hunde dabei. Das ist einerseits erfreulich, weil ich merke, dass Hunde in dieser Stadt durchaus willkommen sind. Andererseits ist es aber auch ein wenig schwierig, weil Laki aufgrund ihrer Färbung immer wieder für einen Rottweiler gehalten wird, vor dem Leute sich fürchten. Das spüren die anderen Hunde und bei dem Gedränge kommt es, wie es kommen muss: Laki zerrt an der Leine und kläfft laut und wütend einen kleinen knurrenden Hundekerl an, den ich immer heimlich RAFFAELO nenne (klein, rund, weiß, süß, aber nicht wirklich von Substanz). Die Leute dazu, dunkelhäutig und dunkelhaarig, sind wütend auf mich aber gottlob zu unsicher, um mir Vorhaltungen zu machen. Ich nehme Laki noch kürzer und wir eilen in Richtung Kathedrale.
Diese entpuppt sich als Ruine, an der zumindest in Teilen herumgebaut wird. Aber von irgendwoher kommt Musik und als ich um den riesigen Bau herumkomme, stellt sich heraus, dass im erhaltenen Teil ein Gottesdienst stattfindet. Ich binde Laki an und versuche einen Blick ins Innere zu erhaschen. Die Apsis ist abgetrennt, hier kann ich eintreten, ohne die Messfeier zu stören. Gotik pur. Das Erstaunliche ist die Kirchenmusik. Die Orgel spielt, aber es gibt keinen Gemeindegesang, sondern eine Sopranistin singt. Der Hall in dem riesigen Gebäude verzaubert mich.

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Andächtig lausche ich dem unerwarteten Konzert, bis von draußen ein wütendes Gebell hereindringt. Ich eile hinaus, da steht Laki, angebunden, und kläfft wieder das kleine RAFFAELO an, dessen Leute sie aus sicherer Entfernung beleidigt anstarren. Was müssen die auch direkt bei meinem Hund stehen bleiben? Wieder nehme ich Laki an die kurze Leine und wir verlassen Narbonne.

Jetzt bin ich fit. Ich fahre. Einen Rastplatz bei Carcassonne steuere ich nur an, um einen Blick hinunter auf die Stadt zu werfen mit ihrer sensationellen Befestigung. Weiter geht es. Immer noch fahre ich mein Brauchwasser quer durch Frankreich. Endlich, weit nach Toulouse, kommt ein Rastplatz, an dem eine Ablassmöglichkeit angezeigt wird. Die erweist sich als durchdacht und ist leicht zu finden. Wir stellen das Auto danach unter ein paar Bäumen ab und als ich die Autotür erneut öffne, dringt zum ersten Mal der unverkennbare Pinienduft in meine Nase. Unter anderem dafür bin ich hierhergekommen. … Vorbei an Bordeaux hinein in die Landes geht es. Bei offenem Fenster berausche ich mich an diesem Duft. Mein Herz jubelt, das Auto fährt die kleinen Sträßchen wie von selbst und es unterbietet die angezeigte Ankunftszeit des Navis mit jedem Kilometer.

Contis selbst besteht im Grunde nur aus einer einzigen Straße, die im Sand vor dem Atlantischen Ozean endet. Gleich am Anfang dieser Straße ist der Campingplatz, auf dem ich vor genau 30 Jahren zum ersten Mal war. Meine Tochter hat damals ihren ersten Zahn hier verloren. Irgendwie ist dieser Ort mir zu einer Heimat geworden, auf eine Art und Weise, die kaum erklärbar ist, da ich eigentlich die Sprache gar nicht spreche und außer den Sommermonaten hier noch nie gewesen bin. Dennoch ist es gleich wieder da, dieses Gefühl. Ich bekomme einen sandigen Stellplatz zugewiesen in dem sich jährlich weiter lichtenden Pinienwald, begrüße meine Familie. Meine Tochter und ich nehmen die beiden Hunde und gehen mit ihnen am Fluss spazieren. Wieder auf dem Platz futtere ich die Reste, die die Enkel übrig gelassen haben und entkorke ein Bier.

Angekommen.

2 Kommentare zu „Durch Frankreich von Ost nach West“

    1. Danke. Ich brauche das, damit in meinem Kopf ein wenig Ordnung einkehrt und ich nach dem Sabbatjahr noch weiß, was ich da alles gemacht habe. Wenn es euch gefällt, dann um so besser. Liebe Grüße!! ♥

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