Avignon

So eine App mit einem Campingplatz- und Stellplatzführer ist schon eine prima Sache, sie hat uns bisher stets gute Dienste geleistet. Für Avignon schlägt sie uns einen Campingplatz auf der Ile de la Barthelasse, einer Landzunge zwischen Rhonearmen vor sowie einen Stellplatz gleich daneben. Da Herr W. für den nächsten Tag ein recht frühes Zugticket nach Deutschland besitzt, entscheiden wir, dass in diesem Fall ein Stellplatz eindeutig die bessere Variante ist. Denn Campingplätze öffnen ihre Pforten nicht immer zeitig, damit es auf den Plätzen morgens keine zu große Unruhe gibt. Der Wohnmobilstellplatz erweist sich als uneben und unvollständig betoniertes Gelände entlang einer Pappelreihe im prallen Sonnenschein von Flotte Bleue. NEIN! Das ist ein System, mit dem ich bisher nur schlechte Erfahrungen gemacht habe. Diese Stellplätze werden allein von Automaten betreut, haben keinerlei Infrastruktur und funktionieren erst nach mehreren Anläufen oder gar nicht. Aber auf diesem hier stehen schon einige Wohnmobile, und wenn man sich direkt neben die Pappeln stellt, mag es gehen. Außerdem ist es ja wirklich nur für eine Nacht. Herr W. parkt vor der Schranke, ich zücke den Geldbeutel und mache mich am Automaten kundig. Dass man diese Automaten immer so aufstellt, dass am Nachmittag das pralle Sonnenlicht darauf fällt – nicht nachzuvollziehen. Der Bildschirm ist so von Licht geflutet, dass rein gar nichts zu erkennen ist. Herr W. erklärt Laki, dass sie drinnen bleiben muss und verlässt das Fahrzeug, um mir Schatten zu spenden. Das klappt auch nicht. Mittlerweile steht an der anderen Schranke für den Ausgang ein spanisches Fahrzeug, die wollen jetzt noch weiter. Die Frau gibt mir einen wichtigen Tipp (man muss mittlerweile fast überall das Kennzeichen des Fahrzeugs in Parkautomaten eingeben – wer oder was dabei kontrolliert werden soll sein mal dahingestellt) und versucht dann die Schranke vor ihrem eignen Fahrzeug zu öffnen. Das funktioniert nicht, auch ihr Mann steigt aus. Mittlerweile stehen wir zu viert auf Englisch diskutierend und auf die Tastaturen der Automaten eindrückend herum. Nichts tut sich. Wir kommen nicht rein, die kommen nicht raus. Weg hier, entscheide ich. Wenn wir morgen früh so dastehen wie die Spanier heute, können wir das Zugticket wegschmeißen. Wir verabschieden uns, wünschen den Spaniern noch viel Glück und fahren weiter. Entlang des benachbarten Campingplatzes geht eine schattige Straße, an der schon unzählige Wohnmobile geparkt stehen. Da stellen wir unser kleines Schnuckelfahrzeug fürs erste dazu und machen uns zu Fuß auf den Weg nach Avignon.

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Da ist sie, die Brück von Avignon, auf der man tanzen und springen kann, schlicht deswegen, weil sie mitten in der Rhone aprupt aufhört und deswegen unbefahren ist. Wir stehen auf der danebenliegenden Pont Edouard Daladier und freuen uns, dass sie wirklich so aussieht wie auf all den Bildern, die man überall sieht. Das ist etwas, das mir schon früher auf meinen Reisen immer wieder passiert ist: Es gibt Bilder von Sehenswürdigkeiten, die jeder, aber auch wirklich jeder kennt: vom Eiffelturm, von der Oper in Sydney, vom Reichstag in Berlin, oder eben auch von der Brücke von Avignon. Diese Bilder sind so allgegenwärtig, dass man sie fast blind beschreiben könnte. Und wenn ich dann tatsächlich da bin, so wie wir jetzt, dann haut es mich immer fast um vor Begeisterung. Nicht weil ich das jetzt abhaken kann, sondern weil ich dann immer das Gefühl habe, einen alten Brieffreund nun endlich selbst getroffen zu haben. Weit dahinter steht der Mont Ventoux, der windige Berg. Auch auf unserer Brücke ist es ziemlich windig und so machen wir, dass wir weiterkommen.

Avignon präsentiert sich stolz ummauert. Wir treten durch eine Pforte und schlendern. Im Hinterkopf haben wir, dass wir die Touristinformation finden müssen, weil wir noch nicht sicher wissen, von welchem Bahnhof der Zug morgen früh losfährt. Wir kommen vorbei an sehr gemischter Bauweise, alten Gässchen und neuen Großbauwerken, großen Plätzen und kleinen Häusern. Die Touristinformation liegt – wie sollte es in Frankreich auch anders sein – in der Rue de la République. Endlich geht es in den wirklich alten Teil der Stadt. Hier stehen Häuser und Mauern ganz eng beieinander, Licht fällt nur zögerlich hinein. Jedoch sind alle Gebäude entweder bewohnt oder doch genutzt.

 

Im letzten Sonnenlicht erreichen wir den Papstpalast. Jetzt ist es endgültig um mich geschehen. Ob es am Ende unseres gemeinsamen Urlaubs liegt, am warmen Sommerwetter, an der ausgelassenen Stimmung der Menschen um uns herum oder an der Tatsache, dass die Sonne untergeht: ich bin restlos begeistert und überwältigt von dieser besonderen Stelle.

In der Dunkelheit erreichen wir unser Auto. Wir füttern die geduldige Laki, die so lange ausharren musste und stellen das Fahrzeug noch einmal um, so dass es frontal neben anderen Wohnmobilen steht und wir ruhiger schlafen können. Ein letzter Sprung über die Straße an die Rhone, Abschied von der Brück‘ von Avignon und der wunderschönen Stadt, die da auf dem anderen Ufer im Lichterglanz liegt und wir begeben uns zur Nachtruhe. Wenn man frei steht, ist es niemals wirklich ruhig. Aber eigentlich ist das nicht so schlimm. wenn man müde ist. Aber diesmal sind es wirklich viele unterschiedliche und laute Geräusche um unser Fahrzeug herum. Leute reden, junge Menschen rufen, quietschen und kreischen. Neben uns hält ein Auto. Offenbar sind die Fenster weit heruntergelassen, denn die orientalische Musik ist laut, als hätten wir den Ghettoblaster im Bett liegen. Zwei Männer unterhalten sich aufs Lebhafteste. Herrn W. wird es zu bunt. Er ist kurz davor, unser Fahrzeug so wie er ist zu verlassen und draußen mal für Ruhe zu sorgen. Doch ich habe Angst und halte ihn mit Mühe davon ab. Auch bin ich mir nicht sicher, was Laki getan hätte, wenn die Tür geöffnet worden wäre. Eigentlich ist sie kein Wachhund als solcher, aber einen ängstlichen schwarzen Hund, der in der Dunkelheit aus einem Auto schießt und Menschen mit Migrationshintergrund anfällt, den braucht niemand, zumal im Ausland. Also versuchen wir zu schlafen. Das Auto neben uns fährt irgendwann weg. Dafür kommen jetzt andere Leute mit einer überaus bassbetonten Musik. Die tiefen Töne lassen unser Wohnmobil vibrieren. WHOM whom whom whom WHOM whom whom whom WHOM whom whom whom … Jetzt ein neuer Rhythmus. WHOM whom whom WHOM whom whom WHOM whom whom … Nanu? Walzertakt? Die beiden Basslinien wechseln sich ab, lagern sich übereinander. Ich bin fasziniert. Irgendwann schlafe ich über dem Zuhören ein.

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