Camargue – sprödes Land im Farbenrausch

 

Weiß, schwarz, rosa, darauf soll ich achten. Das sind die Farben der wichtigen Tiere der Camargue: die weißen Pferde, die schwarzen Stiere, die rosa Flamingos. Herr W. war schon dort und er kennt sich aus. Also sitze ich – ohne Frühstück!!! – auf dem Beifahrersitz und spähe neugierig ins flache Land. Aber auf den ebenen Wiesen und Feldern mit lichtem Strauchbestand zeigt sich nichts. Die Fahrt dauert zwar nicht lang, aber hungrig bin ich nicht besonders gut zu genießen. Also halten wir auf einem einsamen kleinen Rastplatz unter dem einzigen schattenspendenden Baum weit und breit an und nutzen die alten Betontische und Betonbänke zum ausgedehnten Frühstück. Kaffee wird gekocht, Brot und Käse werden auf den Tisch geholt. Laki inspiziert derweilen gründlich das Areal nach noch verwertbaren Essensresten der vorherigen Nutzer. Wie immer wird sie fündig.

Da entdecke ich größere Wassermengen, die fröhlich unten aus meinem Fahrzeug rinnen. Wie so oft in solchen Situationen werde ich leicht panisch (Herr W. kann ein Lied davon singen) und wähne den Frischwasser- oder zumindest den Brauchwassertank aufgeschlitzt, sehe schon die Weiterfahrt gefährdet. Ich versuche unter das Fahrzeug zu kommen um mir einen Überblick zu verschaffen. Aber entweder ist das Auto zu tief gelegt oder ich bin nicht mehr so gelenkig, wie ich sein möchte. Ich finde nichts heraus und beginne zu jammern. Herr W. bleibt pragmatisch und meint, ich solle das Ganze doch einfach beobachten und mal den Brauchwassertank leeren, vielleicht wäre das Problem damit behoben. Was das Problem wirklich ist, weiß ich immer noch nicht. Es ist nach der Leerung des Brauchwassertanks mittlerweile zwar besser, aber ich habe dennoch einen Termin beim Händler gemacht, zumal ich noch Garantie habe.

Wir fahren weiter. Die Landschaft wird ursprünglicher, man ahnt, dass die vermeintlichen Wiesen links und rechts auch Sümpfe sein können. Unter das viele Grün mischen sich Brauntöne. Außer vereinzelten niedrigen Sträuchern gibt es keine Bäume. Ich finde diese naturbelassene spröde, vermeintlich eintönige Landschaft überaus reizvoll, kann mich kaum sattsehen. Links weißt ein Schild auf eine ornithologische Beobachtungsstation hin, und in der Tat scheint das hier ein phantastischer Lebensraum für wasserliebende Vögel zu sein. Unvermittelt stehen rechts reglos fünf Flamingos unweit der Straße im flachen Wasser. Wir werden noch mehr sehen, tröste ich mich, weil wir hier nicht anhalten können.

Wir nähern uns Saintes-Maries-de-la-Mer, was man frei übersetzen könnte mit „Die-Heiligen-Marien-des-Meeres“. Ich wundere mich, denke aber dann, dass diese Gemeinde außer der Mutter Jesu wohl auch Maria Magdalena berücksichtigen wollte. Der Speckgürtel bringt reichlich weiße Pferde mit sich, allerdings zumeist angebunden vor Gestüten, hier wird Geld verdient sowohl mit Zucht als auch mit Reiterei für reiche Töchter. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Aber die Wildpferde, die ich vor meinem inneren Auge gehabt hatte, gibt es wohl hier nicht mehr.

Saintes-Maries-de-la-Mer ist eine hübsche kleine Stadt mit niedrigen Gebäuden, vielen Ferienunterkünften, einem Jachthafen und einer weithin sichtbaren Kirche. Herr W. schnappt sich Laki und rät mir, auf das Kirchendach zu steigen. Zögernd zahle ich und steige mit klopfendem Herzen eine enge Wendeltreppe ganz hoch und finde mich mit etlichen anderen Leuten tatsächlich am unteren Saum des steingedeckten Daches. Eine Brüstung schützt vor dem Herunterfallen. Die Leute ziehen die Schuhe aus und klettern barfuß auf den First, setzen sich rittlings darauf und schauen über das weite Land. Also binde ich mir den Fotoapparat straff an den Körper und folge ihrem Beispiel. Oben bin ich ganz benommen von meinem eigenen Mut und kann erst gar nichts tun außer atmen und gucken.

 

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Wir gehen ins Innere der Kirche. Natürlich wieder nur nacheinander, da Laki sich auf dem Platz vor der Kirche bei all den anderen Hunden, Kindern, Eiswaffeln, Katzen und Mülleimern nur gut benimmt, wenn jemand von uns auf sie aufpasst. Nun komme ich auch den beiden Marien auf die Spur. Es handelt sich um Maria Kleophae und Maria Salome, zwei Jüngerinnen Jesu, die angeblich hier mit einer Barke landeten und deren Reliquien hier aufbewahrt werden. Zudem wird hier auch die Heilige Sara verehrt, was die Roma zweimal im Jahr zu Wallfahrten von weither an diesen Ort führt. Die Kirche ist mit einer Vielzahl von Votivtäfelchen angefüllt, Volksfrömmigkeit, tiefer Glaube und auch Aberglaube gehen hier einträchtig Hand in Hand. Man braucht Zeit in diesem Kirchenraum und verliert sich leicht beim Betrachten der unzähligen Details.

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Draußen machen wir uns bereit für die Weiterfahrt, ich schlüpfe kurz noch in den winzigen Supermarkt. Denn da sind sie wieder die drei Farben: weiß, schwarz, rot – diesmal beim Reis, der hier im Sumpfland gedeiht. Ich kaufe jeweils eine Packung und dazu noch eine Pastete vom schwarzen Stier.

Unser nächstes Ziel heißt Aigues-Mortes, was soviel heißt wie „Totes Wasser“, kein besonders attraktiver Name für ein Urlaubsziel. Der Weg führt uns zunehmend durch Weinland aber auch wieder vorbei an Salzwiesen und Sümpfen. Eine Pflanze hat es mir besonders angetan, ihr ist hier in der Region sogar ein eigenes Fest gewidmet, der Meerlavendel. Er wird hier getrocknet, wie bei uns Schleierkraut und überall zum Schmuck angebracht. Ich würde mir gerne ein Sträußchen binden, aber immer, wenn ich welchen am Straßenrand sehe, gibt es gerade keinen guten Platz zum Halten. Also fotografiere ich ihn später auf der Terrasse eines Restaurants.

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Der Name Aigues Mortes rührt daher, dass diese Siedlung schon in früher Zeit ein bedeutender Handels- und Treffpunkt war, doch mit zunehmender Versandung vom freien Meer abgeschnitten wurde. Sie wurde als Bastide mit streng rechteckigem Grundriss im 13. Jahrhundert angelegt, doch niemals angegriffen oder gar eingenommen. Daher kann man diese Stadt als Gesamtanlage bewundern, etwas was ich in dieser Form sonst noch nie gesehen habe. Natürlich ist ein solcher Ort touristisch voll erschlossen, doch zeigt sich beim Flanieren, dass er offenbar durchaus auch ein lebenswerter Ort für seine Einwohner ist. Gleich hinter dem rückwärtigen Tor ist im weiten Sumpfland eine riesige Saline und mir wird klar, woher das viele Salz kommt, das man auch bei uns in den Supermärkten unter der Bezeichnung „Sel Camarguaise“ in kleinen korkgedeckelten Papptöpfchen erhält.

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Noch einen Stopp im Supermarkt, einen Campingplatz finden und dann geht ein Tag voller Eindrücke zu Ende.

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