Hinauf auf den Montaigne Saint-Victoire

Wir brauchen einen Stellplatz, weil Wohnmobilisten ab und an Strom für die modernen Medien, Duschen für den verschwitzten Körper und Tank- und Ablassmöglichkeiten für Frisch- und Brauchwasser benötigen. Außerdem muss die Chemietoilette geleert werden. Als Frau genieße ich diese nämlich sehr, dann muss ich auch ab und an mit der vollen Kassette über den Platz pilgern. Wir fahren zurück nach Apt und finden trotz der Unterstützung der Navigations-Steffi den Campingplatz. Steffi wollte uns nämlich in einem Wohngebiet ins Gebüsch schicken. In diesen Fällen nenne ich sie Stefan. Wenn sie blödes Zeug von sich gibt, unterstelle ich ihr immer, dass es ihr an weiblicher Solidarität mangelt und dass sie mir eins reinwürgen will.

Der Campingplatz erweist sich als gut und wir machen uns vor Sonnenuntergang noch einmal auf den Weg, um entlang einer wenig befahrenen Straße nach Saignon zu laufen einem wunderschönen alten Dörfchen. Die Befestigung hoch droben bietet einen traumhaften Blick auf das weite Tal, die umliegenden Gebirgszüge und die verstreuten Siedlungen. Herr W., der sich wirklich gut auskennt, erklärt mir, was zu sehen ist. Obwohl ich eigentlich nur schauen will, beginne ich Zusammenhänge zu erkennen und Fakten abzuspeichern. Wie man so schön sagt: Reisen bildet. Im letzten Tageslicht erreichen wir wieder den Campingplatz.

Aufbruch am nächsten Morgen, Einkauf im winzigen Supermarkt und weiter geht es nach Aix en Provence. Die ADAC-App im Handy empfiehlt einen Campingplatz, den ich noch nicht kenne, und der ein absoluter Glücksfall ist. Wir bleiben drei Tage hier.

Wieder soll der frühe Wurm gefangen werden, da eine große Wanderung auf den Montaigne Sain-Victoire ansteht. Er ist der Hausberg von Aix en Provence. Bekannt ist er vor allem, weil Cezanne ihn unzählige Male gemalt hat. Man sieht ihn schon von weitem, weil er oben baumlos ist und dank des hellen Gesteins weiß erscheint. Es gibt eine einigermaßen zugängliche Seite, die wir benutzen wollen und eine abgewandte steile Seite, von der man oben hinunter ins Tal sehen kann. Aber noch ist es nicht so weit. Wir finden einen Parkplatz für das Wohnmobil, packen Brote, Obst, Wasser für Mensch und Tier sowie den Fotoapparat in den Rucksack, den Herr W. trägt. Dieses Mal nehme ich einen Wanderstock mit, weil ich stete Anstiege so leichter bewältige. Durch lichte Wälder geht es, wie erwartet bergauf. Ich betrachte Pflanzen am Wegesrand und die Stimmung ist gut. Von oben kommen und in bewundernswert sportlichen Schritten die entgegen, die noch frühere Würmer gefangen haben. Überhaupt gibt es offenbar viele Leute, die den Montaigne Saint-Victoire eher als Sportgerät denn als Natürereignis ansehen. Allein die Kleidung verrät sie: bunt und von oben bis unten aus atmungsaktivem Synthetik. Wir dagegen wandern. Vespern. Rasten. Das Pausebrot ist nicht so wichtig, aber wir ahnen beide, dass wir zu wenig Trinkwasser für uns dabei haben. Vielleicht gibt es ja oben was …

Der Baumbestand lichtet sich und jetzt geht es über Schotter in Zickzacklinien dem Gipfel entgegen. Mittlerweile ist es Mittag und die Sonne steht hoch. Entgegenkommende signalisieren uns, dass es sich nur noch um Minuten handelt. Sehen wir so erschöpft aus? Ich schaue Laki an – nein, die ist fit, auch wenn sie den Sinn dieser Tour sicher nicht einsieht. Ich begutachte Herrn W., der in der Tat nicht mehr ganz taufrisch aussieht. Ich vermute, dass das in gleichem Maße für mich selbst gilt. Endlich sind wir oben.

Kurz vor dem Gipfelkreuz ist eine aufgegebene Einsiedelei mit einer winzigen Kapelle, einem hübschen Hof mit einer riesigen Zeder in der Mitte und einem Brunnen, der allerdings nur aufgefangenes Regenwasser schöpft. Kein Trinkwasser. Nun gut, ein bisschen haben wir noch. Und jetzt geht es ja ausschließlich bergab. Wir schauen uns um, verspeisen den letzten Apfel (der enthält ja auch Flüssigkeit) und wagen einen ersten atemberaubenden Blick über die Brüstung gen Aix.

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Herr W. besteht darauf, dass wir den Gipfel vollends erobern, es sind ja nur noch ein paar Höhenmeter, und wer die Schlucht von Oppedette bezwungen hat, der schwächelt jetzt nicht. Ich lasse mich überreden. Dass es so schwierig ist, hätte ich nicht gedacht. Ich bin mittlerweile müde und trete nicht mehr sicher. Wieder müssen wir extrem hohe Stufen bewältigen. Laki muss gehoben werden. Dadurch, dass wir so weit oben sind, fehlt mir der optische Halt und ich habe das Gefühl, in luftleeren Raum zu steigen. Oben wechselt der Untergrund und wir müssen über schräge von Tausenden von Füßen glattgescheuerte Gesteinsplatten vorwärtskommen. Ich will nicht mehr. Rückwärts geht aber auch nicht. Endlich oben. Ich hieve Laki auf einen betonierten Sockel des Gipfelkreuzel und kann nichts mehr tun. Nicht reden, nicht fotografieren, nicht gucken. Das ist zu viel für mich. Ich will runter. Ganz bald. Ganz schnell. Den vielen Menschen um mich herum geht es offenbar gar nicht so. Fröhlich plappern sie, klettern von hier nach da, um noch aufregendere Ausblicke zu haben, fotografieren, machen Selfies.

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Endlich wagen wir den Abstieg. Vorsichtig Schritt um Schritt bewältigen wir zu zweit mit dem Hund die ersten komplizierten Stellen. Dann wieder durch den Hof der Karthause, über den Schotterweg, durch den lichten Wald. Mittlerweile ist es offensichtlich, dass wir wirklich zu wenig Wasser dabei haben und auch, dass wir uns wohl übernommen haben. Ob es am Alter liegt oder am mangelnden Trainingsstand oder tatsächlich am Wassermangel lässt sich nicht sagen.

Endlich sind wir am Auto. Wir brauchen einige Zeit, bis wir so weit sind, dass wir losfahren können.

Ein kurzer Halt am Supermarkt endet mit der Entscheidung – heute Abend gibt es Kartoffelsuppe!!!

 

3 Kommentare zu „Hinauf auf den Montaigne Saint-Victoire“

  1. Ich war 39 Jahre alt, als ich den Mont Ventoux erklommen habe und noch nie in meinem Leben soooo glücklich als ich wieder unten angekommen war. Aber stolz bin ich bis heute, dass ich das damals geschafft habe. Heißt der Berg Ventoux oder Venteux oder sind es verschiedene Berge ? Freu mich auf Antwort ! Liebe Grüße auch an Herrn W. , der eine wichtige Rolle in diesem Sabbaticalunternehmen spielt, wie mir scheint … von Heidi, etwa 30 Jahre älter als damals auf dem windigen Ventoux

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