An der Schlucht von Oppedette

Wie immer empfinde ich die Abfahrt dann als zu überstürzt, vermute, dass ich wichtige Dinge vergessen habe, bin weit entfernt von dem glückseligen Flow eines genüsslich Reisenden. Was soll’s. Herr W. ist wieder mit von der Partie, Laki natürlich auch. Sie verfällt sofort in den zufriedenen Schlafmodus, den ein Hund im Wohnmobil unmittelbar einnimmt, wenn ihm klar wird, dass er auch dieses Mal wieder mit dabei ist. Wir Menschen tun uns schwerer. Nach einer Nacht auf dem Rastplatz und viele Kilometer weiter südlich biegen wir nach links ab. Die Provence.

Unser erstes größeres Ziel ist Apt. Wir parken unweit des SCHÜSSELGEBIETs. Das ist unser neuer running gag: Herr W. las den Begriff einmal vor Jahren auf  einem Schild in Frankreich und kam erst durch mehrmaliges Hin- und Herübersetzen zum deutschen Wort BOULEPLATZ. Allmählich kommt bei uns Menschen das französische Lebensgefühl auf. Wir kaufen ein paar Kleinigkeiten, sehen uns die Kirche an und entscheiden, hier zu Abend zu essen. Davor noch ein erster kleiner Kaffee. Da mein Handy kaum mehr Ladung hat, bitte ich den Wirt des Cafes, es einige Zeit an die Steckdose hinter seiner Theke anschließen zu dürfen. Verrichteter Dinge eile ich zu meinem Platz zurück und renne in vollem Lauf gegen eine raumhohe Fensterscheibe. Es tut einen unglaublichen Schlag. Der Wirt und seine Mitarbeiterin eilen zu mir, drücken mich auf einen Stuhl, bringen kaltes Wasser. Ich kann kaum sprechen. Die Brille ist nicht kaputt, dafür ist die Lippe taub und an der Stirn kündigt sich eine Beule allererster Güte an. Wer rechnet denn schon in Südfrankreich mit derart gut geputzten Glasscheiben?

Doch nach dem Abendessen geht es mir merklich besser. Ich brauchte einfach etwas Warmes. Es gibt kurz gebratenes Lammfleisch aus der Keule mit gefüllter Minizucchini. Man hat schon schlechter gegessen.

Das Wohnmobil kurvt bei tiefstehender Sonne höher nach Norden. Während des Abendessens war nämlich der Entschluss gefallen, dass wir noch einmal frei stehen wollen und am nächsten Morgen gleich am Morgen zu einer Wanderung durch die Schlucht aufbrechen. Wir stellen das Auto auf dem Behindertenparkplatz ab, weil dies der einzig wirklich ebene Standort ist, wagen einen ersten respektvollen Blick in die Schlucht und erkunden zu Fuß Oppedette, einen winzigen Ort, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Im letzten Tageslicht holen wir Stühle heraus und genehmigen uns ein Gläschen Rosé. Angekommen.

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In der Nacht fängt es an zu stürmen. Wir stehen völlig allein. Das Wohnmobil schwankt merklich. Nur wenige Meter neben uns fällt vermutlich zweihundert Meter tief steil die Schlucht ab. Ich stehe auf. Laki jedoch atmet ruhig. Mutig öffne ich die Fahrzeugtür und schlüpfe hinaus. Der Wind ist erstaunlich warm und unstet. Die Schlucht ist glücklicherweise doch weiter von uns entfernt als ich zunächst vermutet hatte. Außerdem ist die Abbruchkante von einem eisernen Geländer geschützt. Beruhigt wende ich mich dem Fahrzeug wieder zu. Ich schaue den Vollmond an, der die Szenerie erleuchtet und breite im warmen Wind die Arme weit aus. Ich kann nicht anders: Ich schreie in die Nacht, begeistert und frei.

 

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